Michaels Reisetagebuch: Meine fünf Jahre in England - Jenseits des frittierten Marsriegels

Jenseits des frittierten Marsriegels

Nach England der Küche wegen? Himmel, da könnten Übermütige ja womöglich gleich nach Österreich reisen, um Europas wahre Fußballkünstler bei der Arbeit zu beobachten. Oder?

Es stimmt. Die Welt ist eine Scheibe. Und an der Küste Frankreichs endet sie abrupt. Wer gutes Essen liebt und wen der Leichtsinn allzu weit nach Westen treibt, der fällt an der bretonischen Küste geradewegs in einen tiefen brodelnden Schlund, den nicht Salzwasser sondern gebrauchtes Frittierfett füllt.

Glaubst du nicht? Hier ist der Beweis: Mitte der 1990er Jahre tauchten, von Schottland kommend, frittierte Marsriegel (battered mars bars, deep fried mars bars) auf den Speisekarten der Insel auf. Heimtückisch wie eine Krankheit bahnten sich diese abartigen Kalorienbomben den Weg nach Süden, Richtung England, Richtung London. Leise, aber zielgerichtet. Von einer Fish & Chips-Bude zur nächsten.

In einer Studie aus dem Jahr 2004 wurden hunderte schottische Fish & Chips-Imbissbuden einbezogen. 22 Prozent davon verkauften frittierte Marsriegel. Manche bis zu 200 Riegel pro Woche. Diese Undinge werden heute in ganz England und Nordirland angeboten. In Kanada kommen sie mit Speiseeis auf den Tisch. In Urlaubsregionen mit reichlich britischem Publikum ist der frittierte Marsriegel als Dessert erhältlich.

Und wer das Bild von Fußballstar Wayne Rooney und seinen im Meer badenden Eltern kennt -das den Betrachter zunächst glauben lässt, es würden drei weiße Wale an Land gehen- für den steht fest: Auch Familie Rooney muss von dem Zeug schon gekostet haben.

Gibt es da überhaupt noch Rettung? Existiert ein zartes Lichtlein am Horizont? Absolut. Es flackert im Herzen Londons, auf dem Borough Market. Und es wird immer heller. Der Borough Market ist ein Paradies für Feinschmecker.

Nicht umsonst deckt sich hier Starkoch Jamie Oliver regelmäßig mit frischer Ware ein. Im Herbst 2007 signierte er dort sein jüngstes Buch. Am Borough Market gibt es nichts, was es nicht gibt. Wunderbares Obst, hunderterlei Gemüsesorten, unzählige Sorten von Pilzen, Fisch und Käse in einer Vielfalt und Fülle, die sprachlos macht. Ganze Rehe, Fasane, Hasen und Hühner kann man hier kaufen. Ein Besuch an diesem Ort kommt einem Vollbad für alle Sinne gleich.

Der Borough Market liegt in der Nähe von London Bridge, an der Southwark High Street. Er ist der älteste Gemüse- und Früchtemarkt im Zentrum Londons. Bereits um das Jahr 1000 dürfte hier frischer Fisch verkauft worden sein. Einige der Händler, die heute ihre Waren anbieten, haben weit über die Grenzen Londons hinaus klingende Namen. Das gilt zum Beispiel für die Long Crichel Bakery, die Borough Cheese Company und die Gustibus-Bäckerei.

Die Markthallen, bestehend aus eleganten Eisenkonstruktionen, stammen aus dem Jahr 1851, der Art-deco-Eingang an der Brough High Street aus dem Jahr 1932. Der Markt ist am Donnerstag (11 - 17 Uhr), Freitag (12 - 18 Uhr) und Samstag (9 - 16 Uhr) geöffnet. Viele Händler kommen von weit außerhalb Londons und nehmen stundenlange Anreisen auf sich. Die beste Zeit um einzukaufen, sagen Insider, sei Samstag früh, vor der eigentlichen Öffnungszeit. Aber wer ein Schnäppchen ergattern will, kommt am besten kurz vor dem Zusperren. Dann lassen fast alle Händler mit sich über den Preis reden. Bis sie "mürbe" und bereit für Preisverhandlungen sind, lässt sich an den unzähligen Snackständen eine kulinarische Reise rund um die Welt antreten. Mit Bratwurst, feinen indischen Reisgerichten, mit Fish & Chips, frischen Austern und einem Glas Wein aus Kalifornien.

Doch nicht allein die angebotenen Waren sind es, die das Herz aufgehen lassen. Vor allem ist hier der Hauch des Widerstands und der Aufmüpfigkeit zu spüren: Gegen Fastfood und kulinarischen Eintopf.

Der magische Borough Market ist auch eine beliebte Filmlocation: Bridget Jones futterte sich hier ihre Kilos an und auch für Harry Potter and the Prisoner of Azkaban lieferte dieser Ort phantastische Bilder.