Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - Leicht angeschlagener Gewinner der Währungsunion

Leicht angeschlagener Gewinner der Währungsunion

Nach einem schwindelerregenden Aufstieg gefährden jetzt hohe Preise und Kosten die Wettbewerbsfähigkeit Irlands

Das Preisniveau in Irland liegt heute so hoch wie in kaum einem anderen Staat der Europäischen Union. Mangelnde Reformen und die starke Binnennachfrage lassen die Preise in die Höhe schnellen. So mussten irische Betriebe im Jahr 2004 um 40 Prozent höhere Strompreise zahlen als die britischen Konkurrenten. Bequem werden die kommenden Jahre für Irland gewiß nicht.

Für kaum ein Land hat sich die Mitgliedschaft in der Europäischen Währungsunion so gelohnt wie für die Irische Republik. Während italienische Politiker über die Einheitswährung schimpfen und Deutschland unter dem mitunter zu hohen Zins der Europäischen Notenbank (EZB) leidet, können sich die Iren über ihren Wirtschaftserfolg der letzten Jahre nur freuen. Schon die Handels- und Investitionserleichterungen durch den Europäischen Binnenmarkt haben geholfen, das einstige 'Armenhaus' der Europäischen Union in einen der großen Wachstumserfolge der europäischen Wirtschaftsgeschichte zu wandeln.

1999 kam die Einführung des Euro noch hinzu. Das für Irland sehr niedrige Zinsniveau der Europäischen Zentralbank (EZB) und der zunächst sinkende Wechselkurs des Euro räumten der Inselrepublik mehr als anderen Ländern der Währungsunion internationale Wettbewerbsvorteile ein. Im Gegenteil zu den meisten Wirtschaftsnationen wickelt Irland nämlich einen viel größeren Teil seines Außenhandels mit den Vereinigten Staaten und Großbritannien und nicht mit den Ländern der Währungsunion ab. Da wirken sich Veränderungen im Wechselkurs um so mehr auf die Wettbewerbsfähigkeit des Landes aus.

Eine Kombination von Investitionsanreizen, Steuererleichterungen und billigen Arbeitskräften hatte während der neunziger Jahre zu einem Schub in Auslandsdirektinvestitionen in Irland geführt. Es dauerte nicht lange, und ausländische Betriebe, die im Hochtechnologiesektor und in der Chemiebranche tätig waren, machten mehr als 55 Prozent des Exports der Nation aus. Ausländische Unternehmen boten den Iren in ihrer Heimat Arbeitsplätze, das Wirtschaftswachstum wurde angekurbelt, und nach relativ kurzer Zeit erhielt Irland mit seinen kontinuierlich zweistelligen Wachstumsraten den Beinamen des 'keltischen Tigers' - eine Referenz zu den asiatischen Wachstumsmärkten.

Die junge irische Generation, die noch Anfang der neunziger Jahre nach Großbritannien, Kontinentaleuropa oder Amerika zog, um dort Arbeit zu suchen, bleibt heute daheim. Irland verzeichnet mittlerweile sogar einen Strom an Rückkehrern und neuen Immigranten, vor allem aus Osteuropa, die dem Wachstumsmarkt helfen, den Bedarf an Arbeitskräften zu decken. Immigranten aus den neuen Mitgliedsländern der EU brauchen mittlerweile keine Arbeitsgenehmigung mehr. Gleichzeitig ist der Anteil der berufstätigen Frauen in Irland deutlich gestiegen.

Berechnet nach der Kaufkraft, hat sich das Pro-Kopf-Einkommen der Iren in den vergangenen zehn Jahren von 13.000 auf 33.170 Dollar erhöht. Irland hat heute einen der höchsten Lebensstandards Europas.

Seit 2002 besteht jedoch die Gefahr, dass Irland wieder an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verliert. Die irische Notenbank widmete in ihrem letzten Quartalsbericht eine ganze Abhandlung der sich abschwächenden Wettbewerbsfähigkeit Irlands im Außenhandel. Die Notenbank führt die Entwicklung vor allem auf das extrem gestiegene Preisniveau in Irland zurück, auf die stark gestiegenen relativen Lohnstückkosten und andere Produktionskosten.

Irland kann dies nicht auf die leichte Schulter nehmen. Denn je höher die Lohnstückkosten und damit letztlich die Exportpreise der verarbeitenden Industrie ausfallen, desto abhängiger ist die Industrie im Außenhandel von günstigen Wechselkursbedingungen. Und hier ist seit dem Jahr 2002 ebenfalls eine Wende eingetreten. Der vormals schwache Euro hat sich deutlich erholt, der Wechselkurs des Dollar ist also stetig gefallen. Ende 2004 lag der Wechselkurs des Euro gegenüber dem US-Dollar um 55 Prozent höher als Ende 2001. Gegenüber dem britischen Pfund war der Euro gleichzeitig um 16 Prozent gestiegen. Zwar gab es in der ersten Hälfte dieses Jahres eine leichte Gegenbewegung, aber niemand an den Finanzmärkten zweifelt daran, dass sich auf Dauer der Wechselkurs des Dollar weiter abschwächen wird, mithin die Produkte der Währungsunion -und eben auch Irlands- für die angelsächsichen Abnehmerländer teurer werden.

Irland muss also aufpassen, dass es nicht zuviel von seiner Wettbewerbsfähigkeit einbüßt. Lange Jahre war dies kein Thema. Die in Irland neu angesiedelte Industrie für hochtechnologische Produkte -zum Beispiel Computerchips- konnte in den neunziger Jahren hervorragend den amerikanischen Markt beliefern. Die Vereinigten Staaten waren damals der stärkste Wachstumsmarkt der Welt. Die Produktionskosten in Irland waren niedrig, die Produktivität stieg, und nach seiner Einführung sank auch der Wechselkurs des Euro: goldene Zeiten für die irische Industrie. Das änderte sich aber Anfang diesen Jahrzehnts, als die 'Internet-Blase' platzte, als sich die Konjunktur in den Vereinigten Staaten, Europa und später auch Großbritannien abschwächte und der Bedarf an irischen Produkten nicht mehr so stark zunahm. Gleichzeitig drehten die Wechselkursverhältnisse, der Euro legte gegenüber dem Dollar und dem Pfund Sterling zu, verteuerte also die irischen Produkte.

Ein weiterer Faktor für die relative Abschwächung der irischen Wettbewerbsfähigkeit sind die in den letzten Jahren gestiegenen Löhne und Lohnstückkosten. Flächendeckende Lohnabschlüsse haben zwar dafür gesorgt, dass das Wirtschaftswachstum und die damit einhergehende Prosperität auf die gesamte Bevölkerung verteilt wurden. Aber seit 1998 sind die Stundenlöhne in der irischen verarbeitenden Industrie deutlich schneller gestiegen als bei den Handelspartnern Irlands. Verglichen mit Mitte der neunziger Jahre liegen die relativen Stundenlöhne in Irland heute um 20 Prozent höher. Seit dem Jahr 2002 hat dies deutliche Konsequenzen: Während Irlands Lohnstückkosten im internationalen Vergleich immer weiter steigen, sinkt gleichzeitig die relative Exportkraft des Landes, also der Anteil Irlands am Welthandel.

Das Preisniveau in Irland liegt heute so hoch wie in kaum einem anderen Staat der Europäischen Union. Mangelnde Reformen und die große Nachfrage aus dem Wirtschaftsaufschwung lassen die Preise in die Höhe schnellen. So mußten irische Betriebe im vergangenen Jahr um 40 Prozent höhere Elektrizitätspreise zahlen als beispielsweise die britischen Konkorrenten.

Das hohe Preisniveau im Inland rührt freilich nicht nur von den gestiegenen Lohnkosten her. Preissteigerungen sind an vielen Märkten zu beobachten. So hat die Hochkonjunktur auch dazu geführt, dass die Nachfrage nach Privathäusern explodiert ist - zumal in Irland erst jetzt die geburtenstarken Jahrgänge Häuser kaufen. Irland erlebte den 'Pillenknick' deutlich später als Kontinentaleuropa. Angesichts der kräftigen Nachfrage am Immobilienmarkt stiegen die Hauspreise so extrem, dass in einer unabhängigen Volkswirtschaft die Notenbank voraussichtlich mit Zinserhöhungen gegen diese Inflationsgefahr reagiert hätte. Dies war im vergangenen Jahr beispielsweise bei der Bank von England der Fall, die mit fünf Zinserhöhungen die explodierenden Hauspreise und den dadurch angefachten privaten Konsum einfing. Nur in Irland geht dies nicht, weil es keine unabhängige Notenbank mehr gibt.

Die Zinspolitik wird von der Europäischen Zentralbank gesteuert. Eigentlich ist das Zinsniveau für die irischen Verhältnisse zu niedrig. In Irland herrschen praktisch reale Zinsen von Null - nicht gerade ein Zinsniveau, das einen Immobilienboom verhindert. Im Gegenteil, die private Verschuldung der Iren steigt derzeit deutlich an. Irland kann nur froh sein, dass die Verbraucher zwar mehr Geld ausgeben und der Konsum gestiegen ist, dass es aber nicht zu einer Überhitzung der Binnenkonjunktur gekommen ist, wie dies in Großbritannien drohte.

Für viele Unternehmen schränken die steigenden Produktionskosten mittlerweile die Gewinnmargen ein. Dies ist nicht zu unterschätzen, denn hohe Gewinnmargen und niedrige Produktionskosten waren neben Steuererleichterungen lange die Anreize, die ausländische Unternehmen zu Auslandsdirektinvestitionen in Irland angespornt haben. Die irische Notenbank warnt daher, dass Irland alles unternehmen müsse, um seine Attraktivität als Standort für ausländische Unternehmen der Hochtechnologie zu erhalten.

Gleichzeitig sind Reformen vor allem am Arbeitsmarkt notwendig, damit die flächendeckende Vereinbarung von Lohnabschlüssen aufgebrochen werden und der Arbeitsmarkt flexibler reagieren kann. Die jahrelange Hochkonjunktur hat in Irland leider dazu geführt, dass die Regierung es nicht so eilig hatte mit notwendigen Reformen. Diese bequemen Jahre des keltischen Tigers könnten aber gezählt sein.

Land und Leute: Die irische Republik hat in den Jahren 2005 und 2006 ein Wirtschaftswachstum von bis zu 5 Prozent aufgewiesen. Für irische Verhältnisse ist dies spärlich: In den neunziger Jahren wuchs die Wirtschaft jährlich um gut 10 Prozent. Die Bevölkerung hat entsprechend profitiert. Die Arbeitslosenquote ist von ehemals 18 auf etwa 4 Prozent gefallen. Das scheint sich jetzt zu ändern. Bitte lest dazu die Reportage:
Dunkler Schatten über dm Irland-Referendum