Die Geschichte der irischen Sprache
Geschichte: Die Anfänge der irischen Sprache liegen zu großen Teilen im Dunkeln. Zwar ist das Irische unbestritten eine keltische Sprache, doch sind der Weg und die Zeit, auf dem bzw. zu der es nach Irland kam, heftig umstritten. Es ist lediglich sicher, dass zur Zeit der Ogam-Inschriften (also ab spätestens dem 4. Jahrhundert) in Irland Irisch gesprochen wurde. Diese früheste Sprachstufe wird als archaisches Irisch bezeichnet. Die Sprachprozesse, die sich prägend auf das Altirische auswirkten, d. h. Apokope, Synkope und Palatalisierung entwickelten sich in dieser Zeit.
Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass das Irische die zuvor in Irland gesprochene Sprache (von der keinerlei direkte Spuren erhalten sind, die im Irischen aber als Substrat nachzuweisen ist) nach und nach abgelöst hat und bis zur Annahme des Christentums im 4. und 5. Jahrhundert die alleinige Sprache auf der Insel war. Kontakte zum romanisierten Britannien sind nachweisbar. Aus dieser Periode stammen etliche lateinische Lehnwörter im Irischen. Weitere Wörter werden wohl zur Zeit des Altirischen (600-900) mit den rückkehrenden Perigrini nach Irland gekommen sein. Das waren irische und schottische Mönche, die auf dem Kontinent meist missionierten und klösterliche Gelehrsamkeit betrieben. Das sehr flexionsreiche Altirische weist in seiner schriftlichen Form einen sehr hohen Grad an Standardisierung und Dialektlosigkeit auf.
Seit den Einfällen der Wikinger ab Ende des 8. Jahrhunderts muss sich das Irische die Insel mit anderen Sprachen teilen, vorerst jedoch nur in geringem Umfang. Die Skandinavier assimilierten sich nach den anfänglichen Raubzügen und Brandschatzungen zwar in einem Maße, das noch immer umstritten ist, ließen sich vor allem in den Küstenstädten als Händler nieder, hinterließen jedoch sehr wenige direkte Spuren in der irischen Sprache. Die Anzahl der skandinavischen Lehnwörter liegt bei etwa 60. Die sozialen und politischen Unruhen dieser Zeit werden jedoch als hauptverantwortlich für den Übergang vom weitgehend standardisierten Altirischen zum grammatisch wesentlich diversifizierteren Mittelirischen (900-1200) angesehen. Dies schlug sich unter anderem in der Vereinfachung der Flexionsformen (u. a. bei den Verben), dem Verlust des Neutrums, der Neutralisierung unbetonter Kurzvokale und der sehr uneinheitlichen Rechtschreibung nieder.
Entscheidender und nachhaltiger war der Einfall der Normannen ab 1169. Nicht zufällig spricht man ab etwa 1200 vom Frühneuirischen (bis ca. 1600).
Zwar teilten die normannischen Adligen die Insel unter sich und einigen wenigen einheimischen Herrschern auf, doch gelang es ihnen lange Zeit nicht, die Insel vollständig zu erobern oder kulturell zu assimilieren. Vor allem die Randgebiete im Westen und Norden waren zwar meist tributpflichtig, aber politisch und kulturell weitgehend unabhängig. Das Englische als Sprache hatte sich nur um Dublin (The Pale) und Wexford durchgesetzt. Auch die so genannten Statutes of Kilkenny (1366), die englischstämmigen Siedlern den Gebrauch des Irischen verboten, blieben weitgehend wirkungslos. Allein der Umstand, dass sie eingeführt werden mussten, ist für die damalige Sprachsituation bezeichnend. Die planmäßigen Ansiedlungen englischer und schottischer Farmer in Teilen Irlands im 16. und 17. Jahrhundert änderten die Situation nicht wesentlich. Die Unterschichten sprachen meist Irisch, die Oberschichten Englisch oder Irisch. Die Vertreibung der Reste des irisch-gälischen Adels 1607 ("Flight of the Earls") enthob die Sprache jedoch schon der Verwurzelung in den Oberschichten. Sprachgeschichtlich ist hier der Beginn des Neuirischen oder Modernen Irischen anzusetzen.
Der entscheidendste Faktor für den Rückgang der Sprache war jedoch die fortschreitende Industrialisierung ab dem späten 18. Jahrhundert. Hunger war auf dem Lande verbreitet und gelegentlich katastrophal. Wer etwas erreichen oder in manchen Fällen auch nur überleben wollte, musste in die Städte abwandern – und Englisch sprechen. Das Irische wurde zumindest im öffentlichen Bewusstsein zur Sprache der Armen, der Bauern, Fischer, Landstreicher. Nach und nach schlug diese Entwicklung auf die ländlichen Gebiete zurück. Die Sprache wurde nun zunehmend vom Englischen verdrängt. Wiederbelebungsmaßnahmen ab dem späten 19. Jahrhundert und vor allem ab der Unabhängigkeit Irlands 1922 konnten die Entwicklung nicht aufhalten, geschweige denn umkehren. Allerdings ist festzuhalten, dass im Gegensatz zu den schnell sinkenden Zahlen der Muttersprachler die Zahl der Iren mit Irisch als aktiver oder passiver Zweitsprache stark angestiegen ist. Vor allem in den Städten finden sich größere Zahlen von Englischsprechern, die das Irische gut beherrschen und zum Teil auch gebrauchen. Zu den auf die Sprachsituation wirkenden Negativfaktoren des 20. und 21. Jahrhunderts zählen vor allem die zunehmende Mobilität der Menschen, die Rolle der Massenmedien und zum Teil fehlende enge soziale Netzwerke (fast alle Irischsprecher leben in engem Kontakt mit Englischsprechern). Heute wird nur noch in kleinen Teilen Irlands täglich Irisch gesprochen. Diese meist über die Nordwest-, West- und Südküste der Insel verstreuten Fleckchen werden zusammenfassend Gaeltacht (auch einzeln so; Pl. "Gaeltachtaí") genannt.
1835 wurde die Zahl der Irisch sprechenden Menschen auf etwa 4 Mio. geschätzt. Der erste landesweite Zensus wurde allerdings erst 1841 durchgeführt, noch ohne Frage zu Irischkenntnissen (diese ab 1851). Bis 1891 hatte sich die Zahl der Irisch sprechenden Menschen auf etwa 680.000 reduziert, aber nur 3 % der Kinder im Alter 3-4 Jahren sprachen Irisch. Der irische Zensus von 2002 ergab 1,54 Millionen Leute (43 % der Bevölkerung), die behaupten, Irisch zu können. Davon sind höchstens 70.000 Muttersprachler, von denen nicht alle täglich und in allen Alltagssituationen Irisch sprechen. Häufig wird in Gegenwart Fremder oder auch gegenüber Kindern sofort ins Englische gewechselt. Kinder sollen auch in den Gaeltachtaí nach dem Willen der Eltern oft erst einmal Englisch lernen: "Irisch lernen können sie ja dann immer noch" ist eine häufig gehörte Wendung. Der so entstehende zahlenmäßige Gegensatz zwischen Muttersprachlern und Personen, die eine Sprache als Erstsprache sprechen, ist für viele kleine Sprachen typisch. Praktisch alle Sprecher sind heute bilingual mit Englisch aufgewachsen.
Dialekte:Als Mutter- bzw. Erstsprache existiert das Irische nur in Form von Dialekten, nicht als Standardsprache. Es werden die Dialekte von Munster, Connacht und Ulster unterschieden. Diese können in zahlreiche, geographisch meist voneinander getrennte, Unterdialekte gegliedert werden.
Diese Einzeldialekte zerfallen dann weiter in noch kleinere Einheiten, vor allem in Donegal, wo die hier angegebenen irischsprachigen Bezeichnungen nicht unbedingt üblich sind, meist wird gleich der eigentliche Ort (z.B. Téilinn) oder die entsprechende Halbinsel oder Insel (z. B. Toraigh) genannt. Die meisten dieser Gaeltachtaí verfügen in absoluten Zahlen über nur wenige hundert Irischsprecher, auch relativ gesehen liegt ihr Anteil in vielen Orten unter 50 %.
Abgesehen von den oben angegebenen Gebieten gibt es seit den 50er Jahren noch zwei winzig kleine "Pockets" in der Grafschaft Meath nordwestlich von Dublin (Rath Cairne und Baile Ghib), die vor allem Versuchszwecken dienten: Können sich Gaeltachtaí in der Nähe einer Stadt wie Dublin halten? Dazu wurden dort Irischsprecher aus Connemara angesiedelt und finanziell unterstützt, doch weder kam es zur Ausprägung eines eigenen Dialekts noch haben diese beiden winzigen Pockets gute Überlebenschancen. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gab es weitere Gebiete mit größerer Anzahl von Irischsprechern, u. a. in den Glens of Antrim (Co. Antrim, letzte "Pocket" in Nordirland) und in der Grafschaft Clare.
Neben den Sprechern in der Gaeltacht beherrschen jedoch fast alle Iren zumindest etwas Irisch, da es Pflichtfach an den Schulen ist. Vor allem in den Städten Dublin, Cork und Galway gibt es größere Sprecherzahlen, meist Menschen aus den gebildeteren Schichten. Diese sprechen jedoch meist das auf staatliche Initiative hin erarbeitete und unterrichtete Standardirisch (An Caighdeán Oifigiúil, offiziell gültig seit 1948) oder den jeweils in einer Gaeltacht erlernten Dialekt. Nur das Belfaster Irisch konnte einen eigenen Dialekt entwickeln, der sich mit der Zeit wiederum auf das Donegal-Irische ausgewirkt hat.
Irisch in der Öffentlichkeit: Das Irische ist auch heute in ganz Irland anzutreffen. Orts- und Straßenschilder beispielsweise sind auf der gesamten Insel nicht nur auf Englisch, sondern auch in Irisch geschrieben. In West Connemara gibt es Gegenden, in denen Orientierungshilfen dieser Art nur auf Irisch ausgezeichnet sind.
Es gibt mehrere irischsprachige Radiosender (Raidió na Gaeltachta (staatlich), Raidió na Life (privat, Dublin), einen irischsprachigen Fernsehsender (Teilifís na Gaeilge) sowie irischsprachige Zeitschriften. Auch im englischsprachigen Radio, Fernsehen und in Zeitungen tauchen immer wieder irische Ausdrücke auf. Im Vergleich zur Sprecherzahl gibt es eine recht rege irische Literatur.
Es gibt verschiedene Clubs und in Dublin sogar ein Café, in dem nur Irisch gesprochen wird.
Schrift: Heute wird Irisch mit lateinischen Buchstaben geschrieben (Cló Rómhánach), früher wurde ein eigener, aus lateinischen Majuskeln abgeleiteter Schrifttyp verwendet (Cló Gaelach), der heute nur noch für dekorative Inschriften gebraucht wird. Noch älter ist die altirische Ogam-Schrift (wohl 3.-6. Jahrhundert n. Chr.), ein an die verwendeten Schreibutensilien angepasster "Code" des lateinischen Alphabets, in dem die Buchstaben durch Gruppen von 1-5 Kerben (Konsonanten) oder Punkten (Vokale) bezeichnet wurden. Die Ogam-Schrift ist nur auf Steinkanten erhalten, wahrscheinlich wurde jedoch auch auf Holz geschrieben.
Grammatik: Die Besonderheiten irischer Grammatik (wie aller inselkeltischer Sprachen) liegen zum einen in der Satzgliedfolge Prädikat-Subjekt-Objekt (im Deutschen Subjekt-Prädikat-Objekt) z.B.: Rinne mé an obair. = Machte ich die Arbeit. Zum anderen sind die Anlautveränderungen Lenition und Eklipse als grammatikalische Mittel zu erwähnen. z. B.: capall = Pferd /kapel/ wird zu mo chapall = mein Pferd /me xapel/ (Lenition) oder zu ár gcapall = unser Pferd /ar gapel/ (Eklipse).
Reportage: Wo liegt An Lár?
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