Rauchfreies Wohnzimmer
Seit März 2004 ist die Luft rein in Irlands Pubs
Die Pubs sind das verlängerte Wohnzimmer der Iren. Dort werden Nachrichten ausgetauscht, Kontakte geschmiedet und politische Reden geschwungen. Sie sind ein Exportschlager, man hat sie in vielen Ländern der Welt kopiert. Seit Walter Raleigh 1584 eine Ladung Tabak aus Amerika in den südirischen Hafen Youghal importierte, wurde in ihnen geraucht. Aus und vorbei.
Im März 2004 hat Irland als erstes Land der Welt ein Rauchverbot erlassen, das an allen Arbeitsplätzen gilt. So muss die Hauptdarstellerin von Brian Friels Theaterstück Dancing at Lughnasa nun an rauchlosen Kräuterzigaretten suckeln. In der Dubliner Soap Opera Fair City dürfen die Schauspieler in den Kneipenszenen nicht mal vor der Tür rauchen, weil das für das Kamerateam der Arbeitsplatz wäre, wenn gedreht würde. Auch in Dienstwagen gilt das Rauchverbot, ebenso im eigenen Haus: So lange ein Handwerker die Waschmaschine repariert oder das Wohnzimmer tapeziert, hat Feuerpause zu herrschen.
Am spektakulärsten macht sich das Rauchverbot aber in den Kneipen bemerkbar, denn bis es in Kraft trat, konnte sich niemand vorstellen, dass es durchsetzbar wäre. Es gibt 10.000 Pubs in Irland, schöne und kleine, neue und alte und sehr alte wie das Dubliner Mulligan's, John F. Kennedy's Lieblingskneipe, die zuletzt 1882 gestrichen wurde. Ebenso alt ist die Palace Bar in der Fleet Street, wo Flann O'Brien -der 'Joyce für Trinker'- Whiskey mit Samthandschuhen trank, weil er seiner Mutter am Totenbett geschworen hatte, das Teufelszeug nie wieder anzurühren. "O'Brien hätte sofort zu seiner Schreibmaschine gegriffen und bissige Artikel gegen das Rauchverbot verfasst, bis es aufgehoben worden wäre", meint ein Stammgast. Doch O'Brien ist lange tot, und in den Zeitungen geht man mit dem Rauchverbot erstaunlich gelassen um. Als 1990 das Rauchen im Kino verboten wurde, hat sich auch niemand aufgeregt. Dabei hatte Kettenraucher Heinrich Böll 1957 in seinem 'Irischen Tagebuch' die Raucherkinos als vorbildlich gepriesen. Sollte man sie verbieten, würden die Iren auf die Barrikaden gehen.
Da hat er sie gründlich überschätzt. Die Iren haben sich in ihr rauchfreies Schicksal gefügt. Eine Rebellion wird es erst dann geben, wenn das Pint -jene Masseinheit von 0,56 Liter, um die sich im Pub alles dreht- dezimalisiert wird. Das ist aber nicht geplant. Das Pint ist die letzte Bastion der imperialen Masseinheit, nachdem im Februar 2005 auch die Meile auf den Geschwindigkeitsbegrenzungsschiuldern dem Kilometer geopfert wurde.
Die meisten Wirte versuchen, das Leiden der Raucher etwas zu mildern, indem sie in ihren Hinterhöfen Markisen oder Schirme aufstellen. Manche haben riesige Holzverschläge angebaut, die an einer Seite vorschriftsmässig offen sind, aber mit Gasöfen beheizt werden, um den bisher recht kühlen Frühling zu überlisten. Ein Pub in Galway schlägt aus der Sparsamkeit der Urahnen Kapital: Die hatten ihre Kneipe einfach an das Gebäude einer Bank angebaut und deren Giebelwand benutzt. Da diese Wand der Bank gehört, taucht sie in den Bauplänen des Pubs nicht auf. Offiziell hat das Wirtshaus daher nur drei Wände - also darf es getrost als nicht umbauter Raum deklariert werden, und dort darf ja geraucht werden. Dabei hatte ausgerechnet dieser Pub vor vier Jahren ein Rauchverbot als Experiment eingeführt, es aber nach zwei Wochen wieder aufgegeben, weil die Gäste ausblieben.
Nach dem Rauchverbot beobachten die Wirte den Gästeschwund mit Besorgnis. Um 25 Prozent sei der Umsatz zurückgegangen, klagen sie, während die Regierung unbeirrt einen Zuwachs prophezeit, da nun auch diejenigen einen Pub ansteuern würden, die ihn wegen der verstänkerten Luft bisher gemieden haben.
Das kann die Sorgen der berühmten irischen Brauereien bisher nicht vertreiben. Selbst die Weltmarke Guinness fürchtet, dass ohne Rauch auch der Bierkonsum schwer zurückgehen dürfte - schliesslich gehört der Genuss von Tabak und rauchigem Schwarzbier für viele unbedingt zusammen. Der Getränke-Multi, der das berühmteste aller irischen Biere herstellt (seinen Hauptsitz aber längst in England hat), versucht mit einer 500.000 Euro teuren Werbekampagne, die Trinker bei der Stange zu halten. "Es gibt keinen besseren Ort als dein Wirtshaus um die Ecke", so ihr Tenor - selbst wenn die Luft nun rein ist. Den Trend, zu Hause zu feiern, hat man allerdings nicht verhindern können. Guinness vermeldete beim Kneipengeschäft einen Umsatzrückgang von acht Prozent. Gleichzeitig stieg der Ausser-Haus-Verkauf um drei Prozent.
Die Hoffnung, dass sich das Rauchverbot nur in den Städten durchsetzen, aber auf dem Land, wo man es auch mit der Sperrstunde nicht allzu genau nimmt, eher locker gehandhabt wurde, war trügerisch. Peter O'Lochlainn, der Besitzer von O'Lochlainn's Pub im westirischen Ballyvaughan, sagt: "Es ist wunderbar. Mein Husten ist weg, und der Pub stinkt nicht mehr wie eine Räucherkammer". Stattdessen riecht er wie eine Wäscherei, wenn der Dampf aus dem Geschirrspüler für die Gläser austritt.
Der Kolumnist John Waters, der noch nie in seinem Leben geraucht hat, sieht die Sache mit gemischten Gefühlen. "Mit dem Rauchverbot bekommt die Spasspolizei einen Fuss in die Tür und wird mehr und mehr Bereiche unseres Lebens bestimmen", befürchtet er. "Früher oder später wird die irische Regierung das Singen im Himmel und das Fluchen in der Hölle verbieten. Irgendwann ist unser Freizeitverhalten so reglementiert, dass keiner mehr unsere Insel besuchen will."
Das wäre schade, denn selbst eine rauchfreie Insel ist einen Besuch wert, und ein rauchfreier Pub ist es auch. Schliesslich geht es beim Wirtshausbesuch in erster Linie um 'craic', was irisch ist und in etwa 'Spass und Freude' bedeutet. Der Reiseschriftsteller Hermann von Pückler-Muskau, dem wir das Pückler-Eis verdanken, hatte 1828 auf einer Irlandreise festgestellt: "Die Iren sind stets guter Dinge und zeigen zuweilen auf offener Strasse Anwandlungen von Lustigkeit, die an Verrücktheit grenzt. Gewöhnlich ist der Wiskey daran schuld; so sah ich einen halbnackten Jüngling den Nationaltanz auf dem Markte so lange tanzen, bis er gänzlich erschöpft, gleich einem muhammedanischen Derwisch, unter des Volkes Jubel bewusstlos hinfiel."
Ganz so volkstümlich geht es auf der grünen Insel nicht mehr zu. Aber es ist jetzt noch leichter, mit den ohnehin kontaktfreudigen Iren ins Gespräch zu kommen: Wenn man frierend im Nieselregen vor dem Pub steht und an seiner Zigarette zieht, ergibt sich ein Gespräch mit den Leidensgenossen von selbst. Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt zu einer Einladung auf einen Whiskey. Rauchen kann man später im Hotelzimmer, denn dort ist es seltsamerweis noch erlaubt - wenn man anständig lüftet, bevor das Zimmermädchen kommt.
The Brazen Head in der Dubliner 19a-20 Lower Bridge Street am Fluss Liffey ist die älteste Kneipe Irlands, wenn nicht sogar Europas, wenn die Werbung stimmt. Hier wurden schon vor 800 Jahren Getränke ausgeschenkt, lange bevor man dafür eine Lizenz benötigte (ab 1635). Das jetzige Gebäude ist freilich jünger, es stammt aus dem Jahr 1700 und war mal Halteplatz für die Pferdekutsche. Das Haus kommt einem windschief vor, wenn man den Innenhof betritt, und das ist es auch, seit ein britisches Kanonenboot während des Osteraufstands 1916 das Gerichtsgebäude auf der anderen Seite des Liffey beschoss und die Wucht der Explosion das Brazen Head in seinen Grundfesten erschütterte. Woher der Name der Kneipe stammt, weiss niemand genau; um eine Erklärung sind die Stammgäste natürlich trotzdem nicht verlegen: 'Brazen' bedeutet etwa 'unverschämt', und das bezog sich auf ein rothaariges Mädchen, das bei der Belagerung von Limerick im 17. Jahrhundert den Kopf zu weit herausgestreckt hatte, um das Geschehen besser verfolgen zu können. Sie soll von den Soldaten Wilhelms von Oransien geköpft worden sein. Prominente Rebellen gingen im Brazen Head ein und aus, und auch der Henker, der sie ins Jenseits beförderte, verkehrte in dem Lokal. Er hatte sogar sein eigenes Glas, denn die Kneipe war wie ein zweites Wohnzimmer für ihn. Als der Henker starb, und zwar, im Gegensatz zu seinen bedauerlichen Opfern, eines natürlichen Todes, da wurde sein Glas weiter benutzt, denn jeder wollte mal aus des hangman's glass trinken.
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