Zum Qualmen in die innere Emigration
In Irland darf in Pubs und überhaupt bei der Arbeit nicht mehr geraucht werden
Am Montag, 29. März 2004 gingen in Irland die Zigaretten aus. Die Republik wurde das erste Land der Welt, in dem es verboten ist, am Arbeitsplatz zu rauchen. Die New Yorker kennen das schon, aber erstens sind das Amerikaner, und zweitens ist es auch nur ein Stadtstaat. In Irland ist die ganze Nation betroffen. Das Gesetz hat einen langen Weg hinter sich. Zuerst sollte es am Neujahrstag in Kraft treten, dann irgendwann im Januar oder im Februar. Schon die mehrfachen Verzögerungen deuten an, dass beim zweiten Hinsehen mehr zu bedenken ist als zunächst vermutet. Das muss noch offenkundiger werden, wenn die Definition des Arbeitsplatzes ihre ganze Wucht entfaltet. Denn da auch Wirtsleute »arbeiten«, wenn auch unter paradiesischen Bedingungen, darf von jetzt an auch in den irischen Pubs nicht mehr geraucht werden.
Das Pub (=Public House) wird sich nicht mehr wiedererkennen. Iren raunen, wenn man das Rauchen im Pub banne, könne man auch das Lobpreisen im Himmel verbieten oder das Fluchen in der Hölle. Nell McCafferty, Irlands bekannteste Feministin und Raucherin, nennt den Bann das grösste nationale Unglück seit der Hungersnot von 1845. Allein in der irischen Literaturgeschichte gibt es mehr berühmte Pubs als berühmte Bücher. Da wäre beispielsweise die »Palace Bar« in der Fleet Street, und zwar mitten in Dublin, nicht im abgelegenen London, wo Myles na gCopaleen, ein Pseudonym für Brian O'Nuallain, der als Flann O'Brian auch englisch schrieb, sein Bier nur mit Handschuhen trank, weil er seiner Mutter auf dem Sterbebett versprochen hatte, nie wieder ein Glas anzurühren.
Oder das Trio Davy Byrne's, Neary's und The Bailey. Das erste Pub ist natürlich Teil der Weltliteratur, denn hier hat ein gewisser Leopold Bloom einmal ein Gorgonzola-Sandwich verzehrt. Doch in Dublin sind alle gleichberühmt, weil Brendan Behan, Sean O'Sullivan und Flann O'Brien in allen dreien einmal nicht gemeinsam gesehen wurden; jeder hatte an einer Adresse Hausverbot, aber jeder an einer anderen. Es gibt freilich zehntausend Pubs im Land, und nicht alle sind nur literaturgeschichtlich bemerkenswert. Von Mulligan's in Dublin beispielsweise rühmt man auch, es sei 1882 das letzte Mal renoviert worden. Doch sogar das Verbot schlägt direkt in die Literatur durch, denn es hat Irlands dauerhaftesten zeitgenössischen Bestseller einen neuen Verkaufsrekord beschert. Das ist Allen Carrs »Easy Way to Stop Smoking«.
Das Gesetz schreibt das Schlusswort einer Geschichte, die begonnen hatte, als Sir Walter Raleigh sich 1584 im Hafen von Youghal die erste Pfeife anzündete. An ihrem Ende hat sich der Gesundheitsminister Micheal Martin aufgebaut. Jung Micheal, der überall sonstwo Michael hiesse, hatte sich als Fünfzehnjähriger die erste Zigarette seines Lebens angesteckt und sie so schrecklich gefunden, wie der singende Abstinenzler Cliff Richard seine erste und letzte Viertelflasche Chianti. Damals beschloss Master Micheal, nie wieder zu rauchen und dereinst auch der ganzen Nation das Laster auszutreiben. Manche würden ihn deshalb am liebsten mit dem Nichtraucher Adolf Hitler vergleichen; doch andere sehen den jugendlichen und energischen Gesundheitsminister schon als einen künftigen Regierungschef. Das verrät, wie komplex die Angelegenheit ist. Denn so beredt das Wehklagen jener Iren sein mag, die sich nun mit fahriger Hand an ihr Guinness klammern, so entschlossen stellen sich viele andere hinter das Verbot. Das Parlament war nahezu einmütig, und bei einer Umfrage haben 70 Prozent der Öffentlichkeit den Kulturschock willkommen geheissen.
Irland fährt aber auch mit allzu vielen Lastern auf der Überholspur. Der Missbrauch von Ecstasy und Amphetaminen ist unter den jungen Iren weiter verbreitet als in anderen europäischen Ländern. Die Zahl der schwangeren Minderjährigen ist die zweithöchste und kommt gleich hinter Grossbritannien. Auch beim Anteil der Bevölkerung, die regelmässig Alkohol trinkt, beharrt Irland mit 52 Prozent und umgerechnet 1.254 Dollar pro Kopf auf dem angestammten Spitzenplatz. Die irischen Raucher dagegen tummeln sich mit ihren 32 Prozent erst im hinteren Drittel der Schlange. Doch diesmal wird es Dublin offenbar zu viel, und mit seiner Rolle als Vorreiter stand es auch gar nicht mehr lange allein. Im Juni 2004 führte Norwegen ein ähnliches Rauchverbot ein; Holland, Schweden und Finnland wollen folgen. Das sind freilich Nationen mit protestantischer Denkungsart. Ist der keltische Tiger so in die Jahre gekommen, dass er die historische Marschordnung verwechselt? Das einzige andere Vorbild ist noch abwegiger. Im Himalajafürstentum Bhutan ist das Rauchen aus religiösen Gründen fast überall untersagt, denn es sei eine Sünde gegen den Körper. Auch die Iren sind fromm, obwohl auch hier die neuesten Statistiken zu denken geben; aber doch nicht buddhistisch!
Das Verbot ist so umfassend, dass sich schneller aufzählen lässt, wo es nicht gilt: in Gefängnissen und Haftzellen der Polizei, in psychiatrischen Krankenhäusern, in Altersheimen und Hotelzimmern. Auch Holzfäller und andere, die im Freien arbeiten, dürfen rauchen. Desgleichen Haushilfen, obwohl ihr Arbeitsplatz überdacht ist. Aber es ist ein privates Dach, und zu Hause bleibt das Rauchen erlaubt. Die Auswahl der Schlupflöcher erscheint auf den ersten Blick so hintersinnig, dass findige Raucher und ihre Patrone auch über andere Schleichwege nachgrübeln. Kann ein Wirt einen Kleinbus für Raucher mieten und fortwährend um den Block fahren lassen, wie New Yorker Restaurants es machen?
Nein, denn sobald das Fahrzeug gemietet ist, wird es eine Arbeitsstelle. An Tischen auf dem Bürgersteig dagegen darf geraucht werden, denn die Bedienung schafft im Freien. Darüber freuen sich die Stadtverwaltungen, die den Bürgersteig vermieten. In Dublin kostet eine solche Stellfläche den Wirt 4.250 Euro pro Jahr. Darf an einem exterritorialen Arbeitsplatz geraucht werden? Jawohl, denn da hat die irische Polizei nichts zu melden. Also hat sich ein Dubliner Zigarrenclub an die kubanische Botschaft gewandt und angeblich das Arrangement für eine innere Emigration vereinbart. Man wird abwarten, was die beiden Aussenministerien dazu sagen.
Wer das Rauchverbot übertritt, riskiert eine Geldstrafe bis 1.900 Euro oder gar eine Gefängnisstrafe, während der es freilich rauchen dürfte. Allerdings kann die irische Gaststättenaufsicht nur 40 Beamte mobilisieren. Weitere 300 sind zuständig für die Überwachung der Hygiene am Arbeitsplatz. Deshalb hat die Obrigkeit eine Telefonnummer geschaltet, der anonyme Zuträger ihre Beobachtungen zuflüstern sollen. Aber von dieser Spitzelnummer ist die Polizei gar nicht begeistert und von dem ganzen neuen Straftatbestand noch weniger. Beamte haben schon angekündigt, sie hätten nicht die Absicht, sich lächerlich zu machen. Ihr Albtraum ist, sie würden in ein Pub gerufen und mit jeder Menge Hallo zur Damentoilette gewiesen, aus deren Türritzen Rauch schlängele. Ein Sprecher nannte das Rauchverbot »das dümmste Gesetz, das man sich jemals ausgedacht hat«.
Mitarbeiter der Stadtreinigungen klagen im voraus, sie müssten jährlich wahrscheinlich 200 Millionen Kippen mehr von der Strasse lesen. Transportunternehmer warnen vor Blutbädern im Verkehrsstau, denn auch irische Lastwagenfahrer dürfen nicht mehr rauchen. Was die Wirte sagen, kann man sich denken. Hotels an der Grenze zu Nordirland verlieren schon heute Hochzeiten; die werden lieber im britischen Norden gebucht. Andere geschäftliche Wirkungen sind vorläufig noch offen. Die findigste Idee dieser kleinen irischen Perestrojka ist »das Pub zu Hause«. Für 1.450 Euro bietet eine Getränkekette ein Gerät an, das in jedem Wohnzimmer zapft. Das wird eine schöne neue Welt, die an diesem Montag von Donegal bis Cork dämmert. Iren, denen im Pub die Decke auf den Kopf fällt, können beschwingt in den Schoss der Familie eilen.
Reportage: Rauchfreies Wohnzimmer: Seit März 2004 ist die Luft rein in Irlands Pubs
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