Anfang und Ende liegen im äussersten Westen
Auf Skellig Michael vor der irischen Küste dem Himmel ganz nah
Der Sturm war über Nacht gekommen. Er hatte die Vögel vom Himmel geblasen, die Farben aus Meer und Erde gesogen und alles mit seinem dröhnenden Grollen erfüllt. Schräg standen die Menschen jetzt im knatternden Wind über der Steilküste am Dunmore Head. An dieser vom Ozean umspülten Felsspitze im Südwesten Irlands drückte der Wind mit ungebremster Wucht vom Meer ins Land. So kraftvoll waren die Orkanböen, dass man sich an sie anlehnen konnte wie an eine unsichtbare Wand. Weit unten rollte der aufgewühlte Atlantik unaufhörlich auf die gewaltigen Granitfelsen und zerstob dabei zu haushoher Gischt. In einer kleinen Bucht, die bei schönem Wetter ein beliebter Sandstrand mit Blick auf die vorgelagerte Insel Great Blasket ist, schwappte jetzt ein grüngrauer Algenschaum bis an die Felsen, zerfiel dort oder wirbelte in Fetzen durch die Luft. Oben an der Klippe kam von all dem nur ein feiner Salzwasserstaub an - alles andere zerrte das donnernde Tosen des Sturms mit sich fort.
Dunmore Head, diese wild zerklüftete Felsmauer, die sich bei jedem Wetter gegen den Nordatlantik stemmt, ist der Ort, an dem das irische Festland endet, sein westlichster Punkt, sein windzerzauster Vorgarten, das schöne, raue Finale einer ganzen Welt. Denn bis zur Entdeckung Amerikas hielt man ihn für den am weitesten im Westen liegenden Teil der Erde. Dieser Endpunkt war immer auch Anfang: Hier beginnen die gewaltigen Weiten des Ozeans und mit ihm das Nachdenken über Herkunft und Zukunft des Menschen. Es ist ein uralter abendländischer Glaube, dass Anfang und Ende im äussersten Westen lägen. Sagen suchen dort das Totenreich ebenso wie das untergegangene Paradies und künftige Land der Verheissung. Wer hierher kommt, der gelangt nicht ans Ziel, sondern an einen Ort, wo sich Himmel und Erde berühren, in ein Zwischenreich zwischen der realen und einer herbeigewünschten Welt.
Die Insel- und Küstenwelt Irlands, die zugleich die nordwestliche Küste der Alten Welt bildet, ist der Ort, wo vor über tausend Jahren der Traum von einem besseren Leben die Anker lichtete, wo Abenteuerfahrten über die Grenzen des Gewussten und Bekannten hinaus angetreten wurden - zumindest in Gedanken: Hier haben die altirischen Schiffermärchen, die Immrama, ihren Ursprung, die wörtlich "Umherrudereien" bedeuten. Die wundersame Seefahrt des heiligen Brandan ist eine solche Odyssee, die den Mönch und seine Begleiter auf der Suche nach dem Paradies sieben Jahre in einem Lederboot zu den Wundern der Erde führt. Eines dieser Wunder ist ein Berg im Wasser, den der heilige Brandan und seine Mannschaft 40 Tage umfahren müssen, bevor sie eine Landungsmöglichkeit entdecken, und auf dem sie ein Kloster mit sieben Mönchen vorfinden, denen ein Rabe regelmässig Brot und gebratenen Fisch zur Nahrung bringt.
Dass es einen solchen Berg tatsächlich vor der Küste Irlands gibt, spricht keinesfalls gegen den phantastischen Charakter der Erzählung, sondern nur für die sagenhafte Natur in dieser Gegend. Der Berg ragt 217 Meter aus dem Atlantik. Oben, weit über dem Meer, haben Mönche im 7. Jahrhundert ein Kloster gegründet, das aus nicht mehr als ein paar igluartigen Hütten aus grauem Stein besteht, die in ihrer Schlichtheit so wunderschön sind, dass die Unesco sie 1996 zum Weltkulturerbe erklärt hat. Heute ist der Berg unbewohnt, und nur in den Sommermonaten harren hier drei Touristenführer der kleinen Besuchergruppen, die in offenen Booten von der 12 Kilometer entfernten Küste her anreisen. Anderthalb Stunden dauert die Überfahrt vom kleinen Ort Portmagee aus. An manchen Tagen fällt sie ganz aus, des schlechten Wetters wegen. Stündlich kann hier im äussersten Südwesten Irlands die Witterung umschlagen. Ganz plötzlich ist dann der Seegang unberechenbar. Doch selbst bei schönstem Sommersonnenwetter ist das Meer immer in lauernder Unruhe, müssen die Seeleute ihre Boote höchst wachsam in eine kleine Grotte am Fusse des Berges navigieren, einen Naturhafen mit kristallklarem Wasser, das hier nur wenige Meter tief ist. Nach einem gezielten Sprung steht der Besucher auf dem wohl unglaublichsten Felsen den es gibt, Skellig Michael.
Skellig Michael ist ein unwirklicher Ort, der erst erobert werden muss, ein sprödes verschlossenes Eiland, das jahrhundertelang von der Welt in Ruhe gelassen wurde und sich nicht recht an sie gewöhnen kann. Wie ein Sprungbrett in den Himmel ragt der Berg aus den Fluten. Treppen mit mehr als 600 in den Fels gehauenen Stufen führen in steilen Kurven hinauf zum Kloster, vorbei an spitzen Felsnadeln, senkrecht abfallenden Abgründen und blühendem Leimkraut. Das Rauschen von Wellen und Wind ist ständiger Begleiter, und das Schreien der Möwen klingt in dieser herben Natur noch spitzer als anderswo. Das Licht wechselt ständig und mit ihm die Landschaft ihr Gesicht. Bei klarem Wetter kann man die vom Atlantik zerfurchte Küste und die Berge der Grafschaft Kerry sehen.
Irland, das versteht man hier, ist eine vom Wind belagerte Festung des Überlebenswillens inmitten einer übelgelaunten See. Der Fels, für den es im Irischen gleich mehrere krachende Wörter gibt, legt sich wie ein Rettungsring die über 5.000 Kilometer lange Küste entlang um das Land und hebt es aus dem Wasser. Schroffe Felsformationen und satte Wiesen in allen nur erdenklichen Grüntönen erinnern an Gebirge auf dem Kontinent, doch dann entdeckt man, dass dieses scheinbare Idyll an der Abbruchkante eines Kliffs steht, dass sich der Ozean zwischen Berge geschoben und Landzungen voneinander getrennt hat, so als stünde hier einer gefluteten Alpenlandschaft das Wasser am Hals.
Auf der Rückfahrt von Skellig Michael fährt der Skipper einen Bogen und stoppt vor Little Skellig, einem Felsen ohne Landungsmöglichkeiten, der vom Boot betrachtet aber ohnehin das eindrucksvollere Bild bietet. Der senkrecht aus dem Wasser emporschiessende Berg ist Heimat der zweitgrössten Basstölpel-Kolonie der Erde. 20.000 Paare der weissen Vögel brüten hier den Sommer über und überziehen den Berg wie frischen Schnee. Der etwa gänsegrosse Basstölpel ist der grösste europäische Meeresvogel. Er ist so schwer, dass er nicht aus dem Stand losfliegen kann, sondern Anlauf nehmen muss, doch im Segelflug fällt dann alle Schwere ab. Zum Fischfang stürzt er sich aus den Wolken und taucht mit angezogenen Flügeln wie eine Harpune ins Meer. Berühmt sind die Basstölpel für ihr Paarungszeremoniell, das sie ein Leben lang mit demselben Partner absolvieren. Das Paar begrüsst sich dabei immer wieder mit tiefen Verbeugungen und lauten Rufen und beendet das Liebesspiel mit Knabbern an Kopf und Nacken des anderen.
Abends im Bridge Pub in Portmagee erklärt ein Fischer, dass die Basstölpel nach dem langwierigen Paarungsakt genau ein Ei in ihr Nest legen. Die Bars am Hafen sind Umschlagplatz für solche Informationen und immer gut für einige Pints, das Mengenmass für etwas mehr als einen halben Liter, aber auch Synonym für ein Glas Bier. Nach einem Tag auf See haben die Fischer ihre Hummerreusen im Hafen gestapelt, einem Hafen, der aus nicht mehr als einem Pier und ein paar Fischerbooten besteht, die im seichten Wasser dümpeln. Portmagee liegt in einer geschützten Bucht, von der aus das Meer nicht zu sehen ist, und doch riecht und schmeckt hier alles danach, meint man, das sanfte Rauschen der Wellen zu hören, die hinter den Hügeln auf einem kleinen Sandstrand auslaufen. Wenn die Sonne tief steht und über die Hügel ins Meer gleitet, wird es still in dem Fischerdorf. Die enge Bucht scheint sich dann noch mehr zusammenzuziehen und die gegenüberliegenden Insel Valentia Island noch näher zu rücken.
Am nächsten Morgen werden die Boote wieder nach Skellig Michael aufbrechen. Portmagee ist für die meisten Leute, die hierher kommen, nur dieser Durchgangsort. Und genau das macht ihn so verheissungsvoll und zum Vorhof von Skellig Michael, dem Ort, sagen die Iren, wo der Himmel ins Meer taucht.
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