Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - House Sharing in Irland

House Sharing in Irland

Mit Fremden zusammenleben
Neue Freunde finden oder: Probleme ohne Ende?

Etwa 95 Prozent derjenigen, die nach Irland kommen, um hier in einem Callcentre zu jobben oder um zu studieren, teilen sich eine Wohnung oder ein Haus. Diese Unterkünfte sind teilweise, fast immer aber voll möbliert. Mit Wohngemeinschaften, wie man sie aus Deutschland her kennt, hat diese Art des Zusammenlebens oft wenig zu tun. Die Silbe "gemeinschaft" wird oft klein; die persönlichen Interessen gross geschrieben.

Da es in Irland praktisch keine günstigen 1- oder 2-Zimmer-Wohnungen gibt, ist dieses praktisch die einzige Möglichkeit, seine Miete zu zahlen.

Die weit überwiegende Mehrheit der Bewohner in diesen "Shared Houses" ist zwischen 18 und 25 Jahre alt. Ältere Semester fühlen sich in diesen Gemeinschaften oft fehl am Platz und werden oft auch nicht ausgewählt, wenn sie sich um ein freies Zimmer bewerben.

Die meisten teilen sich ein Haus oder eine Wohnung mit drei oder vier anderen. Deutlich weniger wohnen zu zweit oder mit mehr als vier Personen zusammen.

Man wohnt mit Menschen zusammen, die man nie vorher gesehen hat und das führt nicht selten zu Spannungen unterschiedlichster Art: Spanier wohnen mit Polen zusammen, Iren mit Slowaken, Schweden mit Tschechen. Das mag sich auf den ersten Blick attraktiv und spannend anhören - auf Dauer kann es aber zu sprachlichen und kulturellen Missverständnissen kommen, denn man kommuniziert gewöhnlich in Englisch - und das können nicht alle gleich gut und lernen es oft auch in den Folgemonaten nicht ausreichend, denn in den Callcentres wird oft nur die Landessprache gesprochen.

Frühaufsteher sind in der absoluten Minderheit, man bleibt am Wochenende nachts bis weit nach Mitternacht auf und schläft am Wochenende mindestens bis zum Mittag. Problematisch kann dieses werden, wenn ein Bewohner einen Tag in der Wochenmitte frei hat und am Vorabend gern lange "Party machen" möchte, alle anderen aber früh aufstehen müssen.

Selbst wenn man die Mitbewohner am Anfang alle sympathisch findet, bedeutet das nicht, dass diese in 3-4 Wochen überhaupt noch dort wohnen. In Irland ist alles ein einziges Kommen und Gehen. Man zieht ein und schnell wieder aus, man kommt nach Irland und zieht von Dublin nach Cork oder auch bald wieder zurück in das Heimatland.

Typische Probleme, die immer und immer wieder auftreten sind:
- House-Party's: Besonders an Wochenenden beliebt. Man feiert und trinkt ohne Ende. Das mag manchmal noch ganz witzig sein, wird aber auf Dauer zu einem Problem, denn man ist nicht immer in Stimmung zu feiern, möchte vielleicht auch mal seine Ruhe haben und das ist bei Feiern im Hause kaum möglich. Die Gäste benutzen natürlich Toilette und Bad, die im Laufe der Nacht nicht unbedingt sauberer werden. Oft gibt es Diskussionen, wer für die anschliessende Reinigung zuständig ist.

- Lärm: Viele kommen spätnachts betrunken aus dem Pub und fühlen sich dann gar nicht müde. Manche bringen um 1 Uhr nachts noch Gäste mit, andere kochen sich noch die eine oder andere Kleinigkeit, die meisten spielen aber lautstark Musik oder schlagen die Türen. Rücksicht auf diejenigen, die am nächsten Morgen früh aufstehen müssen, ist nicht immer gewährleistet.

- Reinigung: Sehr unbeliebtes Thema! Man kommt nach Hause, kocht sich etwas und hinterlässt die Küche leider nicht immer aufgeräumt für den nächsten. Und die Reinigung des Badezimmers steht in der Rangliste der oft jugendlichen Bewohner nicht unbedingt an vorderster Stelle. In den Morgenstunden herrscht ein reges Treiben vor der Badezimmertür, denn man steht gewöhnlich in der letztmöglichen Minute auf und will gern am längsten das Badezimmer belegen. Allgemein ist die Stimmung am Morgen oft gereizt, weil man einen "Hangover" hat und der bevorstehende Arbeitstag im Call Centre nur eine geringe Vorfreude aufkommen lässt.

- Nutzung der Waschmaschine: Manche nutzen die Waschmaschine einmal in 2 Wochen, andere waschen dreimal am Tag ihre komplette Bettwäsche. Auch hier kann es zu immer wiederkehrenden Diskussionen kommen, die das gemeinsame Wohnen belasten.

- Der Kühlschrank: … ist schnell voll. Viele Lebensmittel verderben, werden aber nicht entfernt. Niemand fühlt sich zuständig.

- Nebenkosten: Sehr unbeliebtes Thema! Der eine mag es im Haus kalt (Iren), der andere warm und behaglich (Südeuropäer). Die eine isst ausschliesslich in der Callcentre-Kantine oder bei "McDonald's", die andere kocht sich jeden Tag ein opulentes, mehrgängiges Menü. Wer zahlt was, wenn die Strom- oder Gasrechnung kommt? Bei der Telefonrechnung kann man gewöhnlich erkennen, wer welches Gespräch geführt hat. Aber wer rechnet das alles aus? Was die Internetnutzung betrifft, ist es schon komplizierter zu erkennen, wer wieviel zu zahlen hat.
Noch ein Phänomen: Viele ziehen immer genau dann aus, bevor die nächste Rechnung ins Haus steht - und dann ist es nicht immer einfach die Spur des ehemaligen Mitbewoheners zu verfolgen, um die Kosten "einzutreiben".

- Mitbringen der Freundin/des Freundes: Im ohnehin schon beengten Haus ist das ein weiteres, häufig vorkommendes Problem: Man findet einen Freund oder eine Freundin und lässt ihn/sie bei sich wohnen - kürzer oder länger. Es fallen höhere Nebenkosten an und es entstehen zusätzliche Wartezeiten in der Küche und im Bad. Häufig bekommt man auch Besuch aus seinem Heimatland und auch diese Gäste müssen irgendwo untergebracht sein.

Es soll an dieser Stelle keine Missverständnisse geben. Viele dieser Hausgemeinschaften verlaufen sehr harmonisch und durchaus rücksichtsvoll. Aber die oben genannten Probleme kamen mir immer wieder zu Gehör. Am besten funktionieren offenbar reine Frauen-WG's, am problematischten scheinen gemischte Gemeinschaften zu sein, besonders dann, wenn sich einer in eine Mitbewohnerin verliebt und diese Leidenschaft nur einseitig vorhanden ist. Grundsätzlich gibt es weniger Probleme in kleinen Hausgemeinschaften und mehr, wenn viele Personen unter einem Dach zusammen leben.


Leben und Arbeiten in Irland:
Deine persönlichen Erfahrungen mit 'House-Sharing'
Deine Meinung ist gefragt
Bernard
aus Remshalden

Als ich vor acht Jahren in Dublin gelebt habe, habe ich sowohl schlechte wie auch sehr gute Erfahrungen mit House Sharing gemacht. Die schlechten Erfahrungen bestanden darin, dass die Mitbewohner eigentlich unausstehlich waren. Die haben ständig an allem herumgemeckert und dann habe ich durch Zufall herausgefunden, dass das Haus überbelegt war - d. h. dass mehr Personen in dem Haus untergebracht waren als eigentlich vorgesehen war. Das führte zu erhöhten Mieteinnahmen, die die Mieter '1. Klasse' dann unter sich aufteilten während die Mieter '2. Klasse' sich über deren ständiges Gemecker ärgern mussten.
Anschliessend habe ich denen nicht nur die Miete, sondern auch die Freundschaft gekündigt und mir selbst ein Haus gemietet, in das ich zusammen mit zwei Arbeitskollegen aus Frankreich und aus den Niederlanden eingezogen bin, die damals auch bei 'Gateway' gearbeitet haben. Damit waren wir auch alle zufrieden. Während eines Jahres ist einer von denen ausgezogen und hat uns eine Kollegin vermittelt, die sein Zimmer übernommen hat, und dann bin ich selbst ausgezogen und wieder nach Deutschland gegangen, um die Schliessung von 'Gateway' nicht miterleben zu müssen.

Kerstin Meyer
aus IRL-Ennis

Bin auch schon ein älteres Semester (Jahrgang 1961) und als ich 2000 nach Irland kam, gab es hier fast ausschliesslich nur Jugendliche, die aus Deutschland zum arbeiten herkamen. Das hat sich in der Zwischenzeit aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland deutlich verändert. Allen "älteren" Deutschen, die sich vor dem House Sharing in Irland fürchten, kann ich nur empfehlen, das nötige Kleingeld für Miete und Kaution bereit zu haben und dann selbst ein Haus anzumieten um sich dann selbst Mieter suchen zu können. Man hat dann also selbst die Wahl, wen und wie viele Leute man im Haus haben möchte. Dieses Vorgehen kann viel Stress schon im Vorfeld verhindern. Wenn man nicht Irland-erfahren ist, bitte unbedingt die irischen Bestimmungen zu Mietpreisen (rent), Kaution (Deposit), Kündigungsfristen (notice) etc. einholen. Mehr von Kerstin


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