Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - Die irische Natur- und Pflanzenwelt II

Die irische Natur- und Pflanzenwelt II


Das Moor (engl.: bog): Viele Moore gibt es im Nordwesten Irlands in den Counties Donegal, Sligo und Mayo. Ein Moor ist als erstes dadurch zu erkennen, dass man eine Landschaft vor sich hat, um die ausnahmsweise keine Mauer gezogen ist. In Irland ist normalerweiser selbst das kärglichste Land eingemauert oder eingezäunt. Häufig sind Schilder angebracht, die darauf hindeuten, dass man dem Grundstück möglichst fernbleiben soll. Auf das erste Moor, was ich in Irland entdeckte, bin ich durch die Wollgräser aufmerksam geworden. Es sieht aus, als ob jemand kleine Wattetupfen an die Halme geknotet hat, die im Wind hin- und herwehen. Ich habe bei diesem Anblick sofort angehalten, um mir das Ganze aus der Nähe anzuschauen. Aber Vorsicht: Ich wusste plötzlich, warum dort keine Eingrenzung war. Der Untergrund ist weich und man kann sofort in Moorlöchern verschwinden, wie mir ein Einheimischer warnend schilderte.

Es gibt zwei Möglichkeiten das Moor doch zu erkunden. Entweder geht man mit jemandem hinein, der sich im Moor auskennt oder sucht sich eine Stelle, an der Torf abgebaut wird. Dort liegen kleine Bereiche trocken, auf denen man ohne Gefahr die Flora bewundern kann. Neben zahlreichen Torfmoosen und Heidekräutern -eines der auffälligsten ist sicher die Glockenheide- habe ich Knabenkräuter, Beinbrech und den fliegenfressenden 'Rundblättrigen Sonnentau' gefunden. Letzterer ist gerade mal einen Daumen gross und nicht immer so einfach zu finden. Kleiner Tipp: Er steht dort, wo keine andere höhere Pflanze mehr gedeiht und dort meist üppig. Man sagt hier, im Moor ist es geheimnisvoll und unheimlich. Ein bisschen stimmt das auch, es ist dort unheimlich still...

Die Kalkkarstgebiete: Im Norden des County Clare gibt es eine Hügellandschaft. Sie ist bekannt unter dem Namen 'Burren'. Der Name leitet sich ab von dem irischen Wort 'bhoireann', was 'steiniger Ort' bedeutet. Durch Erosion ist eine Landschaft mit zerklüfteten Felsen, Rinnen, Einsturztrichtern und Höhlen entstanden. Wasser versickert sehr schnell durch das poröse Gestein und fliesst durch unterirdische Ströme und Strudellöcher ab. Von weitem scheint es, als wären die Hügel vollkommen kahl, kommt man jedoch näher, sieht man, dass die Rinnen und Gesteinsoberflächen mit wahren Spezialisten in der Pflanzenwelt besiedelt sind. Es bietet sich einem eine erstaunliche Artenvielfalt an Farnen, Kräutern und Gehölzen, die ich jedoch an dieser Stelle nicht alle aufzählen möchte und kann.

Das besondere des 'Burren' ist, dass hier Pflanzen der alpinen Flora wie z. B. der Frühlingsenzian und einige Steinbrecharten sowie Vertreter der mediteranen Flora wie die Pyramidenorchis, Fliegen- und Bienenragwurz an einem einzigen Standort vorkommen. Bei wem das Interesse geweckt ist, einmal selbst den 'Burren' wegen seiner bezaubernden Natur zu besuchen, dem kann ich noch einen Naturführer empfehlen, der in allen gut geführten Buchhandlungen Irlands angeboten wird. Das Buch heisst "Wild Plants of 'The Burren' and the Aran Islands"; der Autor ist Charles Nelson. Es wird ein Grossteil der in den 'Burren' vorkommenden Pflanzen abgebildet und beschrieben. Wer das Buch durchliest, wird bestätigt, dass sich hier ein Besuch das ganze Jahr über lohnt.

Die Steilküste: An der Steilküste wird es denjenigen, die Abenteuer und Natur lieben, nie langweilig. Es ist für mich der abwechslungsreichste und interessanteste Ort Irlands. Dabei ist es vollkommen unwichtig, welche Klippen denn nun die schönsten sind. Egal welchen Tag man hinfährt, es sieht immer etwas anders aus. Das Meer kann einmal wild sein und seine volle Kraft zeigen, das einem Angst und Bange wird; ein anderes Mal offenbart es bei Niedrigwasser seine Geheimnisse und Schätze auf den Steinen und in den Felsenbecken, in denen noch das Wasser steht. Es gibt zahlreiche Seevögel, die in den Steilwänden ihre Jungen aufziehen. Wenn man Glück hat, kann man ihnen bei ihrem Alltag zusehen. Die meisten Seevögel sind gesellig und brüten in oft grossen Kolonien. Steht man in der Nähe, erreicht einen eine Geräuschkulisse wie am Sektbüffet in der Pause einer Opernaufführung.

Eigentlich ist das aber eine andere Geschichte, weil ich etwas über die Pflanzenwelt berichten möchte. Vor demjenigen, der sich vorgenommen hat, das Wasser über die Klippen zu erreichen -es gibt nämlich keinen direkten Pfad dorthin- kann mitunter ein beschwerlicher, unangenehmer Weg liegen. Auf dem oberen, flachen Stück muss man erst durch einen fast kniehohen Filz aus Stechginster waten. Hat man die falsche Hose angezogen, kann man die kleinen Piekse noch nach Tagen sehen und spüren. Wenn man die Abbruchkante erreicht hat, bietet sich einem ein bunter Steingarten. Vor allem Mitte Mai sind die Steine zugedeckt mit einem Blütenteppich aus gelbem Wundklee, weisser Licht- und rosa Grasnelke. Im Sommer sieht man Skabiosen, Gauchheil, verschiedene Kleearten und Heidekräuter. Auf das letzte Stück muss man sich vorbereiten, man braucht feste Schuhe, ein kleiner Stock macht sich gut und man braucht einen Plan. Man muss sich vorher schon die Küstenlinie nach geeigneten, seichten Stellen ansehen, bevor man blind darauf losläuft und vielleicht umkehren muss. Ist man unten, staunt man, dass auf den nackten Felsen noch etwas wächst und gedeiht. Sehr beindruckend sind die Grasnelken: Für sie ist die kleinste Felsspalte das grösste Geschenk. Es scheint, als würden sie direkt aus dem Felsen herauswachsen. Wer nach den vielen Eindrücken müde ist, dem empfehle ich ein kurzes Bad in einer Felsenbadewanne - danach ist man gut erfrischt und bereit für den Rückweg.


Augentrost (Burren)

Grüne Hohlzunge (Burren)

Golddistel (Burren)

Saatkrähe

Männliches Schwarzkehlchen (Ballycotton, Co. Cork)

Schuppenmiere (Steilküste)

Krähenfuss-Wegerich (lks.) und Fetthenne (Mitte) - Steilküste

Duftender Händelwurz am Strassenrand (Co. Mayo)