Übernachtung am Old Head
Dieser Ausflug stellte alle anderen bisherigen etwas in den Schatten. Waren die anderen schon schön und aufregend, war dieses das Sahnehäubchen. Es stimmte einfach alles: Gute Stimmung, unglaublich schönes Wetter: Sonne pur und keine Wolke am Himmel und dabei für Irland unglaubliche 22 C Grad.
Weil das Wetter so gut war und man leider nie lange vorher wetterabhängige Ausflüge planen kann, entschieden wir uns erst am Samstagmorgen, an den Old Head bei Kinsale zu fahren, um dort am Strand zu übernachten - ohne Zelt, nur mit Isomatte und Schlafsack. War ein kleines Risiko, weil die Temperaturen nachts nicht mehr ganz bei 22 C lagen.
Für eine Nacht im Freien musste man ungeheuer viel dabei haben und durfte möglichst nichts vergessen. Bei Super Valu in Kinsale erledigten wir letzte Lebensmitteleinkäufe. Zwanzig Minuten später erreichten wir den schmalen Parkplatz am Old Head. Hier standen schon einige irische Ausflügler mit ihren PKWs, die aber nicht so viel Abenteuerblut in ihren Adern fliessen hatten, wie wir. Mutig hatten sie die Fensterscheibe heruntergekurbelt, lauschten unangenehmer Musik im Radio und studierten die irische Ausgabe der Sun. Die Dose Bier durfte natürlich nicht fehlen. Ganz sportliche Iren schafften sogar den 20 Meter langen Fussweg an die Klippenspitze. Aber da war dann doch zu viel Sonne und man drehte schnell um, um den restlichen Nachmittag im dunklen Pub zu verbringen.
Ich war der einzige von uns dreien, der wusste, wie beschwerlich der Weg vom Parkplatz an die äussere Spitze der Landzunge war. Hohes Gras und Dämme waren noch locker machbar, aber die zahlreichen Stacheldraht- und stromgeladenen Kuhzäune waren nicht mehr gar so witzig. Wir mussten über privates Land marschieren, was nicht unbedingt erlaubt ist, aber Andreas schaffte es mit ein paar launigen Worten, dem Farmer, der natürlich gerade jetzt die Kühe zusammentreiben musste, die Skepsis zu nehmen.
Wir waren derart schwer beladen, dass man glaubte, wir wollen dort an der Landzunge ein paar Wochen verweilen. Simone Faulhaber aus Trossingen/Baden-Württemberg, die zehn Tage auf Besuch in Irland weilte, wollte noch kurzfristig ihre Kosmetika mitnehmen, handelte sich aber ein energisches Verbot ein, nachdem wir ihr klar machten, dass es an sanitären Anlagen mangeln wird.
Aber drei Schlafsäcke, drei Isomatten, Grillkohle, reichlich Getränke, Fleisch und weitere Lebensmittel; nicht zu vergessen warme Klamotten für die Nacht, waren schon recht grossförmig. Schwer bepackt verliessen wir den Parkplatz, stiegen über einen Damm, wo sich bereits der erste Kuhzaun befand. Natürlich waren die Stromschläge in diesen Zäunen nicht lebensgefährlich, so richtig angenehm waren sie aber auch nicht. Wir warfen einen ausgebreiteten Schlafsack über die Zaun und konnten ihn so einigermassen bequem überqueren, ohne direkten Kontakt mit ihm aufnehmen zu müssen.
Die Stacheldrahtzäune waren erheblich unangenehmer. Hier half auch der Schlafsack nicht weiter, denn den hätte dieser aufgerissen. Ein Stacheldrahtzaun befand sich auf einer Anhöhe, einem Wall. Hinter diesem Wall ging es zwei Meter steil hinunter, genau dort befand sich auch noch ein Kuhzaun. Zu allem Übel kamen auch noch die 15 Bewohner der Weide -neugierige und sehr übermütige Kälber- im Schweinsgalopp angerannt. Ich wusste gar nicht, dass diese Viecher so schnell rennen können. Auf der sonst so langweiligen Weide schien sich für die Kälber ein spannendes Highlight abzuspielen. Drei mehr oder weniger gelenkige Menschen wollten schwer bepackt, dieses Hindernis überwinden.
Simone war noch die sportlichste von uns - sie traute sich aber nicht als erste zu gehen, weil die Kühe so eigenartig schauten. Also ging ich. Ich hatte ja schon in England zahlreiche Kuhweiden zu überqueren gehabt. Aber es war verdammt schwer. Ich versuchte es viermal, aber es ging nicht. Entweder war der Damm zu hoch oder der Stacheldrahtzaun zu stachelig! Schliesslich versuchte ich es mit Schwung. In seiner einzigartigen Steinbock-Hilfsbereitschaft, wollte mich Andreas stützen. Ich nahm geringen Anlauf und sprang den Damm hinauf. Plötzlich merkte ich, wie mich der schwere Rucksack auf meinem Rücken wieder nach hinten zog. Erst riss ich mir an dem fiesen Stacheldrahtzaun, der nur für solche Leute wie uns, angebracht wurde, die linke Kniekehle auf, dass das Blut spritzte; danach zerriss ich dem armen Andreas noch sein einziges T-Shirt von Nord nach Süd! Und jetzt auch noch der Schildkröten-Effekt: Nur hatte ich keinen Panzer, sondern meinen Rucksack zuf dem Rücken. Aber ohne Hilfe kam ich nicht mehr hoch.
Für die 15 Rindviecher auf der Weide war das natürlich lustiger als jeder Kinofilm. Man hörte sie förmlich lachen. Ich fand das gar nicht so witzig und rief den Kühen zu, dass ich sie bestimmt in Kürze als Kalbsmedaillon wiedersehen würde.
Meine Kniekehle blutete, Pflaster gab es keine und Simone meinte, ich solle Kuhfladen auftragen. Die wären angenehm kühl und wirkten heilsam. Wahrscheinlich wird man im Schwabenland so behandelt - ich aber lehnte dankend ab.
Am Ende erreichten wir ohne weiteres Blutvergiessen die Spitze der Landzunge. Andreas griff zwar noch kurz in einen stromführenden Kuhzaun und lief danach für einige Minuten besonders schnell, aber das wars dann auch.
Die Natur war hier atemberaubend. Die gigantischen Felsen, die Klippen, das azurblaue Meer mit seiner weissen Brandung, der tiefblaue, wolkenlose Himmel! Die Meeresvögel! Nein, wir waren nicht in Thailand oder auf Hawaii: Wir waren im sonst so triefendnassen Irland! Kaum zu glauben! Oder war das schon die Nähe zu Amerika, die die Temperaturen hier anstiegen liessen? Schliesslich zog sich die Landzunge einen Kilometer ins Meer in Richtung Amerika.
Wir errichten unser Lager in einer windgeschützten Bucht, die etwas an eine stehende Muschel erinnerte. Andreas war offenbar noch nicht richtig ausgelastet. Er ging wenig später noch einmal zum Auto zurück, wo er seinen Schlafsack vergessen hatte. Ausserdem wollte er noch nach Kinsale und Filtertüten für unseren Kaffee zu besorgenk. Simone und ich erkundeten derweil die irrsinnig schöne Natur hier. Spitze Felsen, peitschende Brandung - und die Sonne kannte kein Erbarmen. Im Meer befanden sich die Tölpel auf Fischfang: Wie Raketen stürzten sie sich senkrecht auf die Wasseroberfläche. Die weissen Möwen sorgten vor dem blauen Himmelspanorama schon für fast ein zu kitschiges Bild. Aber wenn es doch wirklich so schön war. Plötzlich war die so anstrengende und unangenehme Stadt Cork so weit weg.
Simone und ich sammelten Steine für das Lagerfeuer. Hier gab es keinerlei Kleinholz, so dass wir auf Grillkohle zurückgreifen mussten. Als Andreas vollkommen erschöpft zurück kam -er hatte auch noch seine Autobatterie dabei, um nachts Licht erzeugen zu können, falls wir vorzeitig hätten aufbrechen müssen- entzündeten wir das Feuer. Um ein Haar hätte Andreas in einem Shop keine Filtertüten bekommen. Der Chef des Ladens wollte ihn mit seinem völlig zerfetzten T-Shirt nicht einlassen: "No travellers!". Zur Erklärung: Traveller ist in diesem Falle eine Umschreibung für reisende Zigeuner, die oft nicht besonders willkommen sind!
Es ging eine leichte Meeresbrise, die das Feuer anfachte. Schon nach kurzer Zeit konnten wir das Fleisch auf den Rost werfen und nach weiteren fünf Minuten breitete sich ein vorzüglicher Duft in unserer Bucht aus. Wir hatten jetzt alle Hunger! Es gab hier so viele vollkommen flache Steinplatten, die ideal als Teller dienten. Neben dem Fleisch hatten wir Tomaten, Pilze, Brot -und als Luxus- Knoblauchbutter dabei.
Das Essen war so lecker! Warum schmeckt es eigentlich an der frischen Luft alles so sehr viel besser? Die Aussicht hier war so unbeschreiblich. Man wusste oft gar nicht, wohin man zuerst schauen sollte.
Langsam wurde es dunkel. Es war Mitte Juni - also von daher schon ziemlich spät. Der rote Sonnenuntergang war die Krönung. Es war alles so friedlich hier. Die Mondsichel zeigte sich mittlerweile am Firmament. Ein paar Fledermäuse huschten lautlos vorbei. Etwas Sorge bereitete uns der Tau. Es war immer noch mild, kein bisschen kalt, aber unsere Schlafsäcke waren auf der Oberfläche schon jetzt -um 22 Uhr- feucht. Mit Tau hatte ich eigentlich erst in den frühen Morgenstunden gerechnet. Wir hatten Angst, dass der Tau schon in kurzer Zeit in den Innenraum des Schlafsacks kriechen könnte, doch die Sorge war unbegründet.
Wir machten unser Nachtlager fertig. Dick angezogen legten wir uns in die Säcke. Vor uns knisterte das Feuer. Das Bild der Natur änderte sich jetzt völlig: Der Nachthimmel zeigte uns sein allerschönstes Bild. Der grosse Wagen war direkt über uns. Der Mond ging bald unter, was dafür sorgte, dass der Nachthimmel noch schöner war. Wir sahen unzählige Sternschnuppen und wünschten uns wunschlos. Aber das spektakulärste Licht kam von halblinks, denn der alte Leuchtturm am Old Head warf jetzt seinen drehenden Scheinwerfer aufs Meer, um die Schiffe zu warnen. Und Schiffe waren nachts erstaunlich viele unterwegs. In der Ferne sahen wir noch weitere Leuchttürme.
Zu sehr vorgerückter Stunde machte uns Andreas auf seinem Kocher noch einen Kaffee. Die Autobatterie war jetzt von nutzen. Hier schloss er eine Neonlampe an. Als er allerdings sagte: "Steck' mal den Stecker rein" war das hier an den Klippen -fernab jeder Zivilisation- doch etwas merkwürdig.
Trotz Kaffee wurden wir dann bald müde. Kein Wunder: Die ruhige Brandung sang ihr Nachtlied und wiegte uns förmlich in den Schlaf. Simone schlief als erste. Das merkten wir daran, dass sie sogar im Schlaf schwäbelte. Ich lag noch lange wach. Schliesslich begann ich die Sternschnuppen zu zählen. Und das machte müde wie das 'Schäfchen zählen'...
Natürlich konnten wir alle nicht gut schlafen, was aber nicht wirklich wichtig war. Die Nacht war verdammt kurz. Schon um 3.30 Uhr graute der Morgen. Erst als die Dämmerung herein brach und wenig später die Sonne wieder aufging, schliefen wir alle tief und fest. Der Tau war wirklich nicht das Problem. Aber der Untergrund war hart und nicht nur einmal kamen wir uns wie die 'Prinzessin auf der Erbse' vor. Wenn es doch nur Erbsen gewesen wären... Aber es waren immer wieder spitze Steine, die nervten.
Wie kann man morgens schöner aufwachen, als mit einem ersten Blick aufs wunderschöne Meer? Andreas umsorgte uns wie eine Glucke ihre Jungen. Er stand am Morgen bereits um 6.30 Uhr als erster auf und machte uns einen Kaffee. Dazu gab es weichgekochte Eier, Kekse und noch ein bisschen Wurst von gestern. Im Meer entdeckten wir einen ziemlich grossen Kopf. Der gehörte zu einem Seehund, der uns aus sicherer Entfernung beim Frühstück zuschaute.
Aber erst zwischen 8 und 9 Uhr stellte die Sonne ihre Heizung an. Wir tauten jetzt richtig auf und verbrachten einen weiteren schönen Tag in absolut zauberhafter Natur.
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