Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - Flucht in die neue Heimat




von Susanne Wächter

Die Wirtschaftsflaute treibt viele außer Landes. Auch dort gibt es manchmal böse Überraschungen. Die Arbeitsagenturen verbessern ihre Beratung.


Am liebsten würde Axel König sofort seine Koffer packen. Seit Februar sucht der gelernte kaufmännische Angestellte, der schon viele Jobs hatte, eine neue Beschäftigung. Gern auch im Ausland. "Wenn ich hier nichts finde, warum sollte ich dann nicht weggehen?", fragt sich der 43-jährige Kölner. Obwohl ihn hier seine zwei Kinder vermissen würden, zieht es ihn in die Ferne. Immer wieder nahm Axel König befristete Jobs an. Mal drei Monate, mal ein halbes Jahr, länger als ein Jahr. "Irgendwann reicht's dir, das kannste nicht auf Dauer durchhalten."

Dennoch hat Axel König sein Lächeln nicht verloren. An die 350 Bewerbungen hat er seit 2002 geschrieben. Denn zwischendurch war er immer wieder ohne Job. Mit dem Stil so mancher Firma hadert er noch heute. "Ich könnte fast einen Award für die freundlichste Absage ausschreiben." Kaufen kann er sich dafür nichts. Am liebsten würde er in die deutschsprachigen Länder Österreich und Schweiz gehen. "Mein Englisch ist nicht so perfekt", sagt er über seine Qualifikation. Dann wären da noch italienische Sprachbrocken, die er sich durch eine Weiterbildung im Bereich Marketing während eines Auslandspraktikums in der Toskana angeeignet hat. Perfekt sei aber beides nicht. Vielleicht kam deshalb vor einem Jahr die Absage vom Call-Center in Irland.

Der Service am Telefon ist auf der Insel eine der gefragtesten Branchen. In keinem anderen Sektor kommt ein Ausländer so gut unter wie im Call-Center. Die Fluktuation ist enorm. "Alle paar Monate hast du neue Kollegen", erzählt Michael Schubert, der bereits seit anderthalb Jahren im Südwesten der Grünen Insel in der Stadt Cork lebt. Vier Call-Center hat Schubert seither hinter sich gebracht. "Kein Traumjob", wie er offen zugibt, "aber okay, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen." 17.776 Euro brutto verdient Schubert für die telefonische Beratung im Jahr. Nach der Probezeit wird es etwas mehr. "Dabei sind die Abzüge mit rund 20 Prozent verhältnismäßig gering." Geld gibt es in der Probezeit wöchentlich, später alle zwei Wochen und schließlich monatlich.

König und Schubert befinden sich in bester Gesellschaft. Die miserable Arbeitsmarktlage treibt immer mehr Deutsche ins Ausland. Vor allem Österreich, die Schweiz, Holland, Irland und Großbritannien sind gefragt. Mit ihren niedrigen Arbeitslosenquoten bieten diese Länder das, was viele Deutsche in ihrer Heimat suchen und nicht finden: einen Job.

Immerhin nutzten nach Auskunft der Zentralen Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit im Jahr 2004 rund 61000 Personen die Info-Hotline der Behörde. Gut 9.100 fanden im gleichen Zeitraum über die Bundesagentur einen Job außerhalb der Landesgrenzen. Insgesamt erfasste das Statistische Bundesamt sogar 120.000 Auswanderer. Allerdings sagt diese Zahl nichts über die Motive der Auswanderer. Ebenso wenig verrät sie etwas über Erfolge oder Misserfolge. Denn damit der Traum von Arbeit nicht zum Albtraum wird, müssen Arbeitsuchende wie König viele Formalitäten beachten. Ein Umzug ins Ausland ist nicht mal eben gemacht. Die Behörden vermitteln zwar, aber beraten bislang nicht intensiv genug.

Michael Schubert, der aus Buchholz bei Hamburg stammt und bereits 1994 für vier Jahre nach England gegangen war, wird Irland am 3. August wieder verlassen. "Das ist ein Land mit zwei ganz verschiedenen Gesichtern. Auf der einen Seite gibt es hier eine traumhafte Landschaft. Ein Paradies. Auf der anderen Seite total verjüngte Städte wie zum Beispiel Cork, wo du am Abend kaum jemanden über 30 Jahre triffst. Die Pubs sind voll mit betrunkenen Ausländern und Iren. Die scheinen sich mit nichts anderem zu beschäftigen." Michael Schubert ist frustriert. Auf dem Land sehe das ganz anders aus. Aber dazu braucht man ein eigenes Auto, wofür sein Gehalt von etwas über 1400 Euro brutto eben nicht ausreicht.

Warum er damals nach Irland gegangen ist? "Ganz einfach", sagt er in seinem norddeutschen Slang, "weil ich die Insel schon immer superschön fand." In Cork, seinem Wohn- und Arbeitsort für gut 17 Monate, ist er aber nie zuvor gewesen. Vielleicht erinnert er sich deshalb noch so genau an seinen ersten Tag. "Es war der 11.Januar 2004, als ich mit meinen Gepäckstücken am Flughafen stand und auf ein Taxi wartete. Nur knapp 15 Stunden trennten mich von meinem ersten Arbeitstag. Ich kannte mich nicht aus, kannte keinen Menschen dort. Das Einzige, was ich hatte, war ein Bett in einer Bed-&-Breakfast-Einrichtung."

Von Deutschland aus hatte er sich per E-Mail auf die Stelle beim Technical Support der Computerfirma Apple beworben. Es folgte ein gut 90-minütiges Vorstellungsgespräch am Telefon – natürlich auf Englisch mit gewöhnungsbedürftigem irischem Slang. Ein weiteres Gespräch folgte wenige Tages später. Der Arbeitsvertrag kam drei Wochen vor seiner Abreise per Post. Um alles andere musste sich Michael Schubert selber kümmern. "Das ist nicht so einfach, wenn man noch in Deutschland lebt. Vieles kannst du erst vor Ort erledigen. Ich hatte Glück, mein Arbeitgeber besorgte wenigstens den Flug und die Unterkunft."

Trotzdem sei der Druck der ersten Tage und Wochen nicht zu unterschätzen. Nach Feierabend bleibt nicht allzu viel Zeit übrig, um sich nach einer Wohnung umzuschauen. Außerdem braucht man ein Girokonto vor Ort, ansonsten bekommt man kein Geld.

"Zuerst hat man eine ganz schöne Rennerei", sagt Schubert. "Eine der ersten Handlungen nach der Einreise sollte der Gang zum örtlichen Local Office of the Department of Social and Family Affairs sein. Dort erhält man seine Sozialversicherungsnummer. Damit beantragt man dann beim Tax Office wiederum eine Steuernummer", rät der Wahl-Ire. Eine erste Hürde, die viel Selbstständigkeit verlangt und auf die ihn niemand in Deutschland vorbereitet hatte. "Im Ausland bist du auf dich allein gestellt", so Schubert.

Der Job im Call-Center begann anstrengend. "Zuerst gab es eine vierwöchige Schulung mit technischen Fachbegriffen. Alles in Englisch, obwohl wir hinterher ausschließlich mit deutschen Kunden zu tun hatten. Im Anschluss wirst du sofort eingesetzt, ohne Kompromisse. Das Telefon geht nonstop. Hast du ein Gespräch beendet, ist gleich der nächste Kunde in der Leitung. Mit den Kunden sprichst du Deutsch, gleichzeitig musste ich die Angaben ins Englische übersetzen und in den PC eingeben. Das war Stress pur." Dass nicht alle Call-Center gleich sind, musste auch Michael Schubert nach drei Wechseln feststellen. Sein Traumjob ist es nie geworden. "Bevor ich gar nichts mache, arbeite ich aber lieber im Call-Center."

So sieht es auch der Kölner Axel König. Beim Europaservice in Köln ist er seit Mai als Arbeitsuchender registriert. Der Europaservice ist eins von 15 regionalen Zentren der Bundesagentur für Arbeit, die Anfang 2005 ihren Dienst aufgenommen haben. Jede Region hat ihr eigenes Aufgabenspektrum. So ist Frankfurt am Main für Spanien zuständig. Dortmund für die Niederlande und Köln für die Benelux-Länder. Die ostdeutschen Zentren, in denen die Vermittlung am stärksten blüht, arbeiten mit skandinavischen Arbeitgebern zusammen. Das Telefon steht in keiner Vermittlungsstelle still. Wer versucht, beim Europaservice in Rostock eine freie Leitung zu erwischen, braucht in erster Linie viel Geduld. Gefragt sind gewerbliche Berufe in der Industrie, aber auch das Bauhandwerk blüht außerhalb der deutschen Grenzen. Und weil jedes Land seine Eigenarten hat, bieten die ersten Servicecenter der Bundesagentur für Arbeit in Ostdeutschland so genannte interkulturelle Trainings nebst Sprachschnellkursen an.

Der ausländische Firmenkunde etwa, der auf der Suche nach deutschen Fachkräften für den Bau ist, zahlt in der Regel für die Vermittlung. Wenn nicht, sind die künftigen Mitarbeiter noch schlechter vorbereitet. So sieht es zumindest Thomas Schifferdecker, der als Inhaber des privaten ECR-Service in Essen für die Beratung von Firmen zuständig ist, die ihre Mitarbeiter ins Ausland schicken möchten. "Wer ins Ausland gehen möchte, der sollte sich mit diesem Schritt gut auseinander setzen. Optimal ist eine zwölfmonatige Vorbereitungszeit." Für Arbeitslose, die versuchen, auf die Schnelle einen Job zu finden, ist eine solch lange Vorbereitung nahezu unvorstellbar. Sie müssen sich in der Regel in weniger als zwei Monaten auf ein neues Land vorbereiten. Manchmal sind sie sich aber noch nicht einmal darüber klar, wohin die Reise gehen soll.

Eine Schulung vor der Abreise könnte da Klarheit verschaffen. Zu viel ist zu bedenken. Wie versichere ich mich vor Ort? Was ist mit meinen Rentenansprüchen? Was kann ich verdienen? Pauschal ist dies nicht zu beantworten. Innerhalb der EU haben sich die Staaten auf Einhaltung bestimmter Regeln zur Sicherung von Rente, Arbeitslosigkeit, Krankheit und Unfall verständigt. Dies soll sicherstellen, dass kein Arbeitnehmer, der innerhalb verschiedener EU-Länder gearbeitet hat, Nachteile in seinem Heimatland erlangt. Dennoch gelten von Land zu Land andere Regeln. Die Europaservice-Center der Bundesagentur für Arbeit informieren auf ihrer Homepage über Arbeits- und Lebensbedingungen in den EU-Staaten.

Axel König ist da eher flexibel, wie er es nennt. Als gewagt bezeichnet Thomas Schifferdecker eine solche Vorgehensweise. "Es muss nicht falsch sein, ein Auslandseinsatz kommt auch immer ein bisschen auf die jeweilige Persönlichkeit an. Wer ein eher aufgeschlossener Mensch ist, gern neue Kontakte knüpft und selbstständiges Handeln gewohnt ist, für den kann der nicht bis ins Detail geplante Gang ins Ausland ein Schritt in die richtige Richtung sein", sagt der Fachmann. Auf jeden Fall sollte die Familie mit dem Nachziehen warten. Erst wenn im Job alles glatt läuft, sich der Arbeitnehmer wohl fühlt in seiner neuen Heimat, dann können auch die Angehörigen ihre Zelte in Deutschland abbrechen.

Bislang hat Axel König noch nie woanders gelebt als in Köln. Trotzdem ist er überzeugt davon, dass er sich auch woanders wohl fühlen wird. "Allerdings kann man erst in der Situation beurteilen, ob das passt. Ich weiß gar nicht, ob man sich da wirklich so drauf vorbereiten kann." Auch wenn er noch keinen Arbeitsvertrag in der Tasche hat, fängt der 43-Jährige schon mal an, seinen Haushalt aufzuräumen. "Hier und da fallen mir Dinge auf, von denen ich mich trennen kann. Überflüssiger Ballast, der nicht mitgeschleppt werden muss." Dass er sich auch in Österreich oder der Schweiz einleben kann, davon ist er überzeugt. "Es gibt immer Vor- und Nachteile. Wenn ich hier bleibe, habe ich vielleicht keine großen Chancen mehr auf dem Arbeitsmarkt. Wenn ich weggehe, vermisse ich Deutschland vielleicht, habe aber mein festes Einkommen und eine sinnvolle Beschäftigung." Ein Vorteil: Axel König geht allein, ohne Familie. Seine beiden Kinder leben bei der Mutter. Das erleichtert den Umzug. Sonst müsste er sich neben einem neuen Job auch noch um eine Schule für die Kinder kümmern. Und was viele nicht bedenken: Der Partner findet selten im gleichen Land und Ort eine Stelle.

Nicht jeder, der ins Ausland gehen möchte, bekommt nämlich eine Schulung. "Über die Teilnahme wird individuell entschieden. Das beurteilt der jeweilige Berater in den örtlichen Arbeitsagenturen", erklärt ein Mitarbeiter der ZAV in Bonn. Axel König zum Beispiel bekommt bisher weder einen Englischkurs noch eine Trainingsmaßnahme bezahlt. "Von meinem spärlichen Geld kann ich mir selber aber keinen Sprachkursus leisten." In Zukunft soll das anders werden. In allen Europaservice-Centern wird an Trainingsmaßnahmen gearbeitet. Anfang September sollen die ersten starten.

© Rheinischer Merkur Nr. 29, 21.07.2005