Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - Guinness, Golf und grüne Hügel

Guinness, Golf und grüne Hügel

Rau und unverfälscht, inspirierend und aufregend: Irland ist ein wildes Land von atemberaubender Naturschönheit. Und über allem liegt die Melancholie seiner wechselhaften Geschichte und Kultur. Ein Land, wie gemacht für unverbesserliche Romantiker.

Irland ist wieder in, sollte es je out gewesen sein. Das frühere Armenhaus Europas hat sich zum keltischen Tiger gemausert - auch wenn er derzeit ein bisschen verschnupft ist. Die Gegenwart heißt Hechtech - zahlreiche Global Player wie IBM oder Microsoft haben flugs die neuen finanzpolitischen Vorteile des Inselstaats genutzt -ein bisschen kleiner als Österreich- dessen Bevölkerung derzeit wieder bei über vier Millionen liegt. Vor vierzig Jahren gab es hunderttausende Einwohner weniger dort, wo außer Wind und Wetter wenig zu erwarten war: ein uncooler Außenposten im Atlantik eben, wie geschaffen als Sprungbrett nach Amerika und überallhin sonst. Es konnte also nur besser werden.

Es ist so weit. Die Grüne Insel ist immer noch lieblich grün, das haben die modernen Zeiten nicht geändert. Grün ist gar kein Ausdruck für die vielen satten Grüntöne zwischen Donegal und Dublin, die unter den tief fliegenden Wolkenfetzen in allen Farbnuancen variieren, wenn plötzlich wieder die Sonne durchsticht. Und, nun ja, es stimmt, das mit dem Regen, sonst wäre es ja gar nicht grün. Aber für Sun & Fun begibt sich ohnedies keiner in die Wetterküche am Westende Europas. Und die Sonne kommt bestimmt wieder, vielleicht sogar gleich.

Das Wasser, es kommt nicht nur von oben, keine Sorge. Es lässt sich aber leicht von oben betrachten: Die Klippenlandschaften der Westküste zählen zu den spektakulärsten Naturphänomenen der hügeligen Insel, deren höchste Gipfel kaum über 1.000 Meter erreichen. Die Cliffs of Moher ragen 213 Meter empor und erfreuen nicht nur Dreizehenmöwen und Krähenscharben. Vom O'Brien's-Turm, 1835 errichtet und die älteste Aussichtswarte weit und breit, reicht der Blick bisweilen bis zu den blauen Torfmooren von Connemara und den schroffen Aran Islands, wo es so rau zugehen soll, dass auch die Schafe nur noch struppig sind.

Eine Steilküste der besonderen Art ist der Giant's Causeway: Der Damm der Riesen besteht aus zigtausenden sechseckigen, weit ins Meer hinausragenden Basaltsäulen. Finn MacCool hieß der irische Riesenkerl, der der Legende zufolge den Damm errichtet hat, um einen schottischen Riesenkerl namens Benandonner zu verprügeln. Heute könnte er die Fähre hinüber nehmen.

Das UNESCO-Weltkulturerbe ist 60 Millionen Jahre alt und findet sich in Nordirland, wohin es längst ohne jede Grenzkontrolle geht. Die bombigen Zeiten von Belfast sind Geschichte, die auf eigenen historischen Lehrpfaden durch die nordirische Hauptstadt lebendig wird - die blutrünstigen Graffiti sind freilich noch nicht allzu blass, denn das (anglikanische) Großbritannien und die (katholische) Republik Irland waren einander politisch nicht immer so grün wie zurzeit. Zumindest im Sport war das aber immer schon anders: Die Rugby-Nationalmannschaft spielt seit ihrer Gründung 1874 für die gesamte Insel.

Nicht nur die megalitischen Hügelgräber von Bru na Boinne oder ein Besuch der frühchristlichen Klosteranlage Clonmacnoise mit ihren Hochkreuzen, Rundtürmen und grauen Grabplatten gehören zum Pflichtprogramm. Über 3.000 Burgen und Schlösser erinnern an feudale Feste, Oliver Cromwell und druidische Kulte. Viele davon sind verfallen und geben den irischen Nebeln einen ganz besonderen, mythischen Reiz, der schon den Wikingern gefiel.

Andere, wie das Rock of Cashel Castle, der Sitz der Könige von Munster, mitten drin in der Ebene von Tipperary, gelten als Beginn der christlichen Missionierung einer ziemlich heidnischen Insel. Recht viele jedoch sind heute Museen, Jugendherbergen oder Luxushotels: Ashford Castle in Connemara, Bunratty Castle bei Shannon oder Blarney Castle bei Cork bieten prallen Landurlaub mit mittelalterlichen Banketten, Golf und Gallerien.

Die Gabe der Beredsamkeit verleiht einem ein Kuss des legendären Blarney Stone: eines Steins, der dem biblischen Jakob als Kopfkissen gedient haben soll, nach anderen Legenden versteckte sich David vor König Saul hinter dem Stein oder schlug sogar Moses Wasser für seine Israeliten aus dem Ding. Wie auch immer: Man küsse ihn und werde beredter. Danach sollte man sich eine wohlverdiente Ruhepause gönnen. Am besten in einer kleinen Bar oder einem Pub, denn die gibt es überall. Pub heißt eigentlich Public House und ist für so manchen mehr als zweite Wohnzimmer: Allein in Dublin finden sich angeblich 775 davon, im restlichen Irland 10.244 - also ein Pub für rund 300 Iren, Wickelkinder und Urgroßmütter abgerechnet. Mit ein bisschen Glück kommen auch wilde Kerle mit wilden Instrumenten, die wilde irische Musik machen - mit Fiddle, Tin Whistle (Flöte) und Harfe.

Nicht alle sehen aus wie die legendären Dubliners, deren Folk Music so weltbekannt wurde, dass sie schon fast wieder vergessen sind. Doch ein Bärtchen kann nicht schaden, und rote Bärtchen haben die meisten, auch wenn sie sich nicht O'Neill nennen wie so viele andere.

Rauchen ist mittlerweile verboten, dafür wird umso mehr gegessen und getrunken. Irish Stew (Eintopf) zum Beispiel, Crubeen (Schweinshaxe) oder Colcannon (Kartoffeln und Kohl). Der Barmann heißt nicht immer Patrick, aber das Abendessen immer Tea. Doch den trinken die wenigsten.

Lachs und Austern (mit Vollkornbrot) gibt es nicht allzu oft, trotz seiner 5.600 km langen Küste. Dafür Guinness überall dazu. Wird es richtig gezapft, dauert das vier Minuten für ein Pint (ein knapper halber Liter) des dunklen Nationalbiers. Eilig hat man es anderswo. Wem das Gebräu überhaupt nicht schmeckt (oder wer nicht so lange warten will), kann auch auf Cider, ein Apfelweingetränk, ausweichen.

Doch wenn schon Irland, dann richtig. There's only one Guinness, you know. Aber fast einhundert Whiskeysorten, die Freunde harter Getränke mit der Zunge schnalzen lassen: Tullamore Dew, Old Bushmills oder Crested Ten haben sie wohl alle im Gepäck, wenn sie die Grüne Insel verlassen. Für hartgesottene Whiskeyfreunde finden sich Schaudestillerien in Midleton, Kilbeggan und Dublin oder Belfast, wo nicht nur gezeigt und gerochen, sondern auch gekostet wird. Bis es so weit kommt, ist der Whiskey schon sieben Jahre in Holzfässern gereift, um seinen typischen milden Geschmack zu entwickeln. Oh yeah, one more, please! Cheers.

Selbst der Irish Coffee (Kaffee, brauner Zucker, Schlagsahne und natürlich Whiskey) ist hierorts ein hochgeistiges Getränk. Er wärmt Herz und klamme Finger. Und die braucht keiner, der es sich auf Irlands Flüssen gut gehen lassen und sein Boot über Erne, Grand Canal oder Shannon steuern will. Und das sind nicht wenige. Bootsführerschein oder nautische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Stop and Go, wo du willst, zum Angeln, Wandern und Radfahren.

Nach dem Niedergang der Handelsschifffahrt wurde vor allem am Shannon, dem größten Wasserweg des Landes, mit Millionenaufwand saniert - eine Reise in die Vergangenheit und Zukunft zugleich, wo über 180 Golfplätze und Reitschulen Abwechslung bieten, wem der grüne Frieden zu friedlich ist. Wie wäre es mit ein wenig Wandern zwischen Wicklow und Galway oder Surfen vor dem Killarney Nationalpark im Südwesten? Mehr als 17 Grad Wasserhöchsttemperatur sind aber nicht zu erwarten. Warm anziehen nicht vergessen, selbst wenn manche Iren auch im Winter noch Shorts tragen. Gemächlicher geht es in den irischen Städten zwischen Limerick und Londonderry zu. An Dublin, der Inselhauptstadt, führt meist ohnedies kein Weg vorbei - nicht nur das Schienennetz ist auf das frühere Dubh Linn ("Schwarzer Tümpel") ausgerichtet, wo heute fast jeder dritte Ire wohnt.

Schon Samuel Beckett, James Joyce und Oscar Wilde, die berühmtesten Söhne der Stadt, haben das Trinity College mit seinem unnachahmlichen Book of Kells besucht. Gut, dass Finn MacCool hier nicht gar so zornig war und das Guinness-Lagerhaus mit seinem gläsernen Atrium in der Form eines Riesen-Pints geplündert hat. So lässt es sich immer noch in der Gravity Bar des sechsstöckigen und höchst lebendigen Biermuseums verweilen und Dublin von oben betrachten. Es ist schon fast dunkel und keltisch kühl im Herbst da draußen. Erraten: Höchste Zeit für ein Pub und ein Pint.