Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - Cork: Kulturhauptstadt Europas

Cork: Kulturhauptstadt Europas

Das irische Cork pflegt seine bewegte Geschichte

Der schwarze Lee hält sie in seinen Armen, umspült die Stadt Cork von allen Seiten und badet sie in seinen Wellen. Überall riecht es nach Wasser. Manchmal, wenn die Flut den Fluss in die Stadt zurückdrängt, liegt das salzige Aroma des nahen Ozeans in der Luft. Ozeanriesen machten hier auf ihrem Weg nach Amerika Station. Die Titanic begann in Corks Hafen Cobh ihre Reise in den Untergang. Hunderte Auswandererschiffe nahmen die Menschen auf, die vor Hunger und nackter Not nach Amerika flohen. Die, die blieben, wehrten sich so gut sie konnten gegen die Armut im Lande und gegen die englische Kolonialmacht.

"Wir sind die Rebellenstadt", erklärt uns Stadtführerin Noreen. Stolz blitzt für einen Moment in ihren blauen Augen auf, bevor sie wieder in den sachlichen Berichtston wechselt. Sie erzählt von den Kanälen unter dem Strassenpflaster, den Dichtern, den Künstlern, Seefahrern, Hugenotten, jüdischen Einwanderern und vom irischen Schicksalsjahr 1920. Damals erschossen britische Spezialtruppen den Bürgermeister und brannten die Innenstadt nieder, weil sich die Corker nicht mehr unter das Joch der Kolonialherren fügen wollten. Später mussten die Steuerzahler seiner Majestät den Wiederaufbau finanzieren. Die Corker hatten das Königreich verklagt und gewonnen. Spätestens seit dem erfolgreichen irischen Unabhängigkeitskrieg trägt Cork stolz den namen "Rebel Town".

In Irland, heisst es, ist jedes vierte Haus eine Kirche und jedes dritte eine Kneipe. In Cork sind es ein paar Kirchen weniger und einige Kneipen mehr. Voll sind die Pubs fast alle und fast immer. Im "Thirsty Scholar", dem "durstigen Gelehrten", nicht weit von der 150 Jahre alten Universität im Tudor-Stil, lauschen junge Leute aus aller Welt den beiden Fiedeln und der Gitarre. "Diese Musik musst du spüren. Da gibt es keine Noten, nichts ist in Stein graviert", erklärt John, der junge Fiedelspieler. An den spontanen Auftritten in den Corker Kneipen liebt er die Freiheit beim Spielen: "Jeder hat seinen eigenen Stil". In ganz Irland sind die Corker mit ihrem singenden Dialekt als fröhlich und gesprächig bekannt - und als eigenwillig.

Die Kunststudentin Annie fühlt sich in Cork als Teil eines Ganzen, "einer Gemeinschaft, derer sich die Leute nicht so bewusst sind, die aber immer da ist". Die 23-jährige ist hier aufgewachsen, durch die Welt gereist und nun zurückgekommen: "Wie verloren du dich auch fühlst, hier gibt es immer einen Platz für dich". Einen Platz in einer der vielen Kneipen, wo Anwälte, Studenten, Arbeiter, Künstler und Lebenskünstler schnell ins Gespräch kommen oder einen Arbeitsplatz in den vielen Unternehmen, die sich in den letzten Jahren an den Ufern des Lee niedergelassen haben. Mit Steuervorteilen und billigen Grundstücken hat die irische Regierung Grossunternehmen wie Apple oder die Hotelkette Marriott angelockt. Der Pharmakonzern Pfizer produziert in einem Corker Vorort Viagra-Pillen. Europäische Firmen folgten und besetzten ihre Callcentre gern mit jungen Leuten, die Englisch und Deutsch oder eine andere europäische Sprache sprechen. Viele bleiben nur, bis sie genug Geld für die Weiterreise haben.

Die Malerin Anne Steinen ist in Cork geboren: "Diese Stadt brummt vor Ideen. Sie ist voll von jungen, kreativen Leuten", schwärmt sie und ärgert sich nur, dass "so viele Projekte an den Behörden oder simplen Versicherungsfragen scheitern". Anno 2005, wenn Cork sich "Kulturhauptstadt" nennen darf, soll sich das ändern. Aus 2.000 Vorschlägen, die die heimische Veranstaltergesellschaft auf ihre europaweite Ausschreibung hin erhalten hat, wählten die Juroren 40 Projekte aus.

Geplant sind Ausstellungen zur Geschichte der Ozeanriesen, die den Corker Hafen Cobh mit Nordamerika verbanden, ein Strassentheater-Festival, ein Monat der Kindheit, ein Ruderrennen vom 23 Kilometer entfernten Atlantik in die Innenstadt, Gastspiele von Performance-Künstlern und Theatern aus den neuen EU-Ländern, Kunstausstellungen und viele kleinere Ereignisse unter dem Motto "Kunst für alle".

Der Heilige Fin Barre würde sich heute über diese quirlige Stadt zu Füssen seiner Kathedrale wundern. Er liess sich hier einst nieder, um dem Rummel auf seiner Insel zu entfliehen: Als immer mehr Pilger in seine Einsiedelei auf der Insel Gugan Barra kamen, machte er sich auf die Suche nach einem ruhigen Plätzchen, an dem er Gott nahe sein konnte. Der eigenwillige Mönch folgte dem Lauf des schwarzen Flusses nach Osten und gründete vor 800 Jahren an einer Biegung des Lee ein neues Kloster, die Keimzelle der Stadt Cork.

Europas neue Kulturhauptstadt ist stolz auf ihre Tradition der meist friedlichen Begegnungen unterschiedlicher Kulturen. In der Bucht, die der Lee-Fluss unten am Meer geschaffen hat, landeten Wikinger, Normannen, Engländer und Hugenotten. Alle hinterliessen ihre Spuren in der Stadt. So ist das Französische Viertel heute ein beliebtes, autofreies Ausgehrevier mit vielen neuen Cafes und Restaurants. Ein Platz trägt dort den Namen des Rockgitarristen Rory Gallagher Er ist Corker wie der "Befreier Irlands", Frank O'Connor.

Selbst James Joyce, Irlands bekanntester Schriftsteller, stammt eigentlich aus Cork. Sein Vater wurde hier geboren und zog später nach Dublin. Der Vater bestellte sich in Cork gern die Spezialität "Drisheens", eine Blut- und Innereisülze, die -so Touristenführerin Noreen- "widerlich aussieht und nach nichts schmeckt". Ein Metzger verkauft sie heute noch in der viktorianischen Ladenpassage "English Market". Zwischen den gusseisernen Säulen der 150 Jahre alten Passage mit bunt bemalten Decken duftet es nach frischem Kaffee, Kuchen und Meer. Die Fischstände bieten alles auf, was der nahe Ozean hergibt.

Draussen erinnert die neu gestaltete Hauptstrasse Patrick Street mit ihren futuristischen Laternenmasten an die Schiffe, die hier in der Nähe Jahrhunderte lang festmachten. Mit ihnen kamen auch die niederländischen Kaufleute, denen die Stadt viele ihrer Bürgerhäuser, ihre grachtenähnlichen Kanäle und viele ihrer 128 Brücken über die Arme des Lee verdankt. Erst im 18. Jahrhundert liess die Obrigkeit die meisten innerstädtischen Kanäle zuschütten und die Stadtmauern abreissen, um Platz zu schaffen.

Stadtführerin Norren erinnert sich gut an den Besuch der Juroren, die Cork zur europäischen Kulturhauptstadt 2005 kürten: Sie hätten gesagt, dass sie "da unter dem Pflaster, wo das Wasser fliesst, Energie und Geschichte spüren". Nun sei der Moment gekommen, das ans Tageslicht zu befördern und zu feiern.


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Mit einem spektakulären Feuerwerk hat Cork am 8. Januar 2005 sein Jahr als «Kulturhauptstadt Europas» begonnen. Die zweitgrößte Stadt Irlands (123.000 Einwohner) plant mehr als 4.000 Veranstaltungen. "Cork bekommt die einmalige Chance, seinen kulturellen Stellenwert auf der internationalen Bühne vorzuführen", sagte Mary McCarthy, Programmdirektorin für Cork 2005.

Internationale Folklore, Chorgesang, und Jazz gehören ebenso zum Programm wie Film und Literatur. Auch werden Gedichte aus den zehn neuen EU-Mitgliedsländern vorgelesen. Daniel Libeskind, der Erbauer des Jüdischen Museums in Berlin, ist mit einem Pavillon im Stadtpark vertreten. Örtliches Talent soll aber im Vordergrund stehen. So zeigt eine Ausstellung Marinemalerei aus Cork, eine andere porträtiert irische Auswanderer, die im Ausland erfolgreiche Winzer wurden.

Cork ist eine der kleinsten Städte, denen der 1985 von der EU geschaffene Titel der Kulturhauptstadt zuerkannt wurde. Berlin, Weimar, Glasgow, Lille und Graz zählten zu den Vorgängern. Im Vergleich zu anderen Städten hat Cork ein relativ bescheidenes Budget: Die Stadt muss mit 13,5 Millionen Euro auskommen - im Vergleich zu 100 Millionen Euro, die 2008 der nordenglischen Hafenstadt Liverpool zur Verfügung stehen werden.

"Europa muss sich von den Rändern her nach innen erneuern, nicht vom Zentrum nach außen", beschreibt Shane Malone vom Organisationskomitee den Auftrag des Kulturjahrs. «Wir sind eine kleine Stadt am Rande Europas, aber wir können eine Menge beitragen zum Kulturleben des Kontinents.»

Kritischer Kommentar: Die andere Seite von Cork City