Mit zwei Kindern nach Irland
Ein Erfahrungsbericht von Eliane Zimmermann aus Glengarriff (Nähe Bantry)
 Unser Großer, Chris, kam mit knapp sieben Jahren nach Irland, wir hatten ihn in die Entscheidung, ob wir diesen Schritt gehen, einbezogen, ihm die Schule gezeigt etc. Er hat ungewöhnlich lange benötigt, um Englisch zu lernen, obwohl er das bereits im Kindergarten schon etwas gelernt hatte. Wir hatten zunächst keine Auswanderung vor, das ergab sich alles ganz spontan und dann sehr schnell.
Normalerweise rechnet man vier bis sechs Monate bis ein Kind die Sprache einigermaßen kann, das weiß ich aus eigener Erfahrung, da ich auch einst verfrachtet wurde (nach Brasilien), ich verstand nach drei Monaten portugiesisch, ohne es zu merken und sprach wenig später.
Die Lehrerinnen in unserer Zwergenschule -damals acht Jahrgänge auf zwei Lehrerinnen in zwei Klassenräume verteilt- mittlerweile drei Lehrerinnen in drei Räumen. Zwei waren blutjung, etwa 21 Jahre alt und super-engagiert; waren jedoch nur drei Jahre als Erziehungszeit-Ersatz hier, das feste Team sind eine knapp 60-jährige, eine wohl circa 40-Jährige und eine knapp 30-Jährige Lehrkraft, dazu kommt eine interne Nachhilfelehrerin, die abseits der Klasse kostenfreien Unterricht gibt, wenn es mal bei einem Kind nicht so recht klappt und ein Musiklehrer (denn Tin Whistle, das Spielen der irischen Blechflöte ist Pflichtfach) waren und sind wunderbar geduldig und freundlich, sie sind streng und dennoch recht liebevoll. Ihnen macht der Job insgesamt viel Spaß, das sieht man. Sie werden auch insgesamt sehr respektiert von den Kindern, die meisten Kinder gehen ausgesprochen gerne auf die Schule. Sie hatten sich sehr viel Zeit für Chris genommen, er hat allerdings ein halbes Jahr wiederholt und in den Sommerferien für ein weiteres Schuljahr gelernt –ohne sich zu überarbeiten–, so dass er dann zu den Schülern seines Alters stoßen konnte. Denn hier wird mit 4 1/2 Jahren eingeschult - das stimmt dann natürlich nicht so recht überein mit der deutschen Schullaufbahn.
Chris hatte fast das ganze erste Schuljahr in München hinter sich, konnte also einigermaßen deutsch lesen und schreiben und auch rechnen, damit war er auf dem Stand mit den Gleichaltrigen,aber er mußte sowohl Englisch als auch Irisch (Pflichtfach) von Grund auf lernen. Er hat seit einigen Wochen die Primary School hinter sich. Diese Art der Grundschule durchläuft man von 4 1/2 Jahren bis etwa 13 Jahren. In der nächsten Stadt, 12 km entfernt, hatte er die Wahl zwischen Tech School (wo stark handwerklich orientiert ausgebildet wird) oder Secondary School (wo eher humanistisch-sprachlich ausgebildet wird). Chris hat sich für die Secondary School entschieden und nimmt nun jeden Morgen den Bus um 8:10 Uhr.
Die Primary School fängt erst um 9:30 Uhr an und auch das wird nicht so eng gesehen. Die Kinder arbeiten sich jeden morgen langsam (alleine oder in Grüppchen) ein, so dass es erst ab 10 Uhr ernst wird. Ich stand manchmal im kleinen Flur und war beeindruckt, wie friedlich und gesittet es in dieser Schule zugeht. Die Mädchen tauschen Erlebtes und Ideen aus, die Jungen werden schon mal lauter, doch die Lehrerin kann auch mal zehn Minuten den Rücken kehren, ohne dass gleich das Chaos ausbricht. Die Junior Infants und die Infants, also die zwei Klassen mit den Kleinen, spielen noch ganz viel, lernen aber bereits die ersten Buchstaben und Zahlen und singen auch schon in irischer Sprache. Es wird überhaupt viel gesungen. Es gibt von Lego und Mal- und Bastelsachen viel Auswahl (leider fast alles Plastik, kein Öko-Spielzeug aus Holz). Die Kleinen haben nach einer Eingewöhnungszeit, in der sie noch früher abgeholt werden, normal bis 14 Uhr Schule. Die Größeren ab der ersten Klasse bis 15 Uhr.
Unser Ben kam mit einem halben Jahr nach Irland und sprach am selben Tag sein jeweils erstes Wort: 'Flower' bei der Tagesmutter vormittags und nachmittags irgendetwas auf deutsch, das haben wir vor lauter Aufregung vergessen! Er geht, seit er 4 1/2 Jahre alt ist, in die Schule und hat genau wie sein großer Bruder Freude am Irischen, da es notfalls als Geheimsprache vor den Eltern dient (wir haben nämlich so gut wie keinen Schimmer davon!) Er hat viel langsamer als Chris in München lesen und schreiben gelernt - aber ganz ohne Druck und ganz plötzlich klappte es so gut, dass er auch gleich anfing, deutsche Bücher
und Texte zu entziffern - und das klappt erstaunlich gut.
Wir wohnen ja im sehr ländlichen Irland, da ist es nicht so einfach Beschäftigungen für die Kids zu finden. Es gibt natürlich Gaelic Football-Clubs und auch Hurling spielen fast alle Mädchen und Jungen (eine Art Hockey mit Masken und Holzknüppeln namens Hurley), da sind auch regelmäßige Auswärtsspiele innerhalb der Liga angesagt. Golf spielen viele Kinder, ist hier ganz locker, preiswert und unkompliziert. Spielplätze gibt es allenfalls mal einen in größeren Orten, oft sehr reizlos und auf Beton. In unserem Ort ist vor eineinhalb Jahren ein sehr schöner Spielplatz durch eine Elterninitiative mit Spendensammeln mitten im Grünen entstanden. Ich bin aber immer Chauffeur der Kinder. Aufgrund der extrem hügeligen Landschaft, der engen Straßen und nicht vorhandenen Radwegen ist das Radeln kaum drin, Busse fahren selten.
Die Jungs werden sehr gut akzeptiert, auch wenn es anfangs kleinere Probleme gab, z. B. werden die Kinder hier sehr verklemmt erzogen, da eckte manche Lockerheit schon mal an: Beispielsweise einem kleinen Gastmädchen nach einem Ausrutscher eine frische Strumpfhose anbieten bzw. anziehen: Da wird schon mal geschluckt und selbst die Kleinen verschwinden dazu ganz schamhaft im Bad.
Auf Geburtstagspartys wird schon mal eine ganze Geschwisterschar neben dem eigentlich eingeladenen Kind -ohne zu fragen- "abgeworfen". Es wird nichts einigermaßen Gesundes akzeptiert, nur Colagetänke, Kartoffelchips und bewährte gekaufte Süßigkeiten. Also besser keinen selbst gebackenen Apfelkuchen oder Saftschorle anbieten. Aber das ist alles Gewöhnungssache!
Über die Kinder werden wir Alten/Ausländer besser akzeptiert, denn es besteht ein grundsätzliches Misstrauen, ja manchmal Feindseligkeit, gegenüber denen, die hier hängen geblieben sind, so genannte Blow-Ins (die Zugereisten). Touristen und Kurzzeitbesucher sind hier jedoch immer sehr willkommen. Durch die Aktivitäten der Kinder in Schule und Freizeit bekommt man auch viel mehr mit. Wenn wir noch in die katholische Kirche gingen, wären wir noch besser integriert, denn dort werden jeden Sonntag alle relevanten Ereignisse, Veranstaltungen und Pläne verraten. Aber wir kennen genügend passionierte Kirchgänger, um das Wesentliche zu erfahren.
Ich bin sicher, ohne Kinder findet man viel schwerer Einblicke in die doch recht fremde irische Denkweise. Wir mußten uns erst ausführlich mit der englischen Besatzungszeit, mit der irischen Geschichte im allgemeine und natürlich mit dem alten Naturglauben beschäftigen,
um so manche Verschrobenheit zu verstehen. Auf die Frage wie es jemandem geht, kommt oft die Antwort: "Not too bad". Das hört sich für deutsche Ohren zunächst sehr seltsam an. Doch das hat mit Geschichte und mit einer Art altem Aberglauben zu tun (geht es einem zu gut, könnten die Naturgeister einem nämlich böse Spielchen spielen). Der Ire hat in den drei jüngsten Generationen -ohne englische Besatzer- noch nicht gelernt, ehrlich und offen zu sein, darum wird viel geschmeichelt und leider auch hinten herum geredet. Es wird viel abgezockt, wenn Geschäfte gewittert werden, nicht nur auf Kleingeschäft- und Handwerkerebene, sondern vor allem auf EU-Gelder-Ebene (Fördergelder noch und nöcher werden in Anspruch genommen, es scheint allerdings auch sehr einfach zu funktionieren).
Zum Thema Schulgeld: Da kommt einiges zusammen! Es waren in der Grundschule immer etwa 100 Euro pro Kind und Schuljahr an Büchern, Heften und Ordnern zu berappen (hier ist es erst relativ neu, dass man Bücher gegen Gebühr leihen kann). Dazu kommen die Kosten für die sehr preiswerte Uniform (ungefähr zwei oder drei Hosen/Röcke und ein Pulli à 15 Euro und drei oder vier Hemden, die zwischen 5 und 8 Euro kosten. Da die Kinder die Uniform bis 15 bzw. 17 Uhr tragen, bracht man kaum Geld für sonstige Kleidung! Denn nach der Schule werden fast nur einfache Sportsachen von unseren Jungs getragen, typische Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke.
Auf Kinderbekleidung und -schuhe und Bücher braucht man keine Mehrwertsteuer (VAT) zu zahlen. Für die ersten zwei bis drei Jahre (je nach Schulfach) der weiterführenden Schule hat allerdings kürzlich der Bücherstapel gut 300 Euro gekostet. Man kann mit etwas Geduld und Organisation auch (fast) alle Bücher gebraucht kaufen, doch die sehen manchmal abstoßend aus. Man kann die Bücher nur in wenigen speziellen Buchläden kaufen.
Hinzu kommen für den Großen etwa 30 Euro Kosten für den Schulbus. Beide nehmen Lunchpakete mit, also geschmierte Brote, Obst und freitags Süßigkeiten. Bei den Iren und nun auch bei uns wird erst spätnachmittags/abends warm gekocht (die arbeitenden Männer kommen fast immer kurz nach 17 Uhr nach Hause). Natürlich gibt es auch Ausflüge, Schwimmunterricht u. ä. was unvorhergesehenes Geld kostet. Die Schule an sich kostet nichts. Wenn etwas größeres angeschafft wird (Computer, Basketballkörbe) oder wie hier der Schulhof ausgebaut werden muß, müssen die Eltern 10% der Gesamtsumme berappen, was durch Spendenveranstaltungen zusammen gekratzt wird. Es gibt Kindergeld für alle und Zuschüsse für ganz arme Leute. Zahnarzt und Erste Hilfe im Krankenhaus sind kostenlos, kann aber dauern bis man einen Termin bekommt.
Alles in allem sind unsere Jungs sehr zufrieden mit Irland. Es könnte ein paar mehr Zeitschriften geben (Sport-Bild, Yugio oder Bravo!). Unser Großer vermisst die deutschen Radwege und Sportplätze, doch bislang ist er happy. Inzwischen gibt es ein sehr gutes Kino (4 Säle) und viel mehr Einkaufsmöglichkeiten als noch vor fünf oder sechs Jahren, so dass wir fast alles in der Nähe bekommen. Die Fußballschuhe sind sogar billiger hier. (© 2006)
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