Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - Mit Kind nach Irland

Mit Kind nach Irland

Ein Erfahrungsbericht von Birgit Tekinkus aus Passau

Im November 2004 war es soweit: Wir -ich (38), mein Mann (36) und unser Kind (5)- sind nach Ballincollig in der Nähe von Cork City übergesiedelt. Wir kannten das Land schon vorher sehr gut, da Verwandschaft dort lebt. Mein Mann konnte bereits am nächsten Tag im Restaurant seines Bruders zu arbeiten beginnen. Ich habe bezüglich Arbeit auch so einiges probiert. In meinem Beruf (Sozialpädgogin) war es jedoch mehr als schwierig. Leider haben sich unsere Erwartungen nicht erfüllt.

Mein größtes Problem waren die doch sehr schlechten Standards in Bezug auf Wohnqualität, Gesundheitswesen und Kindergarten. Wir sind wirklich nicht verwöhnt und waren auch bereit Abstriche zu machen, jedoch passte für mich das Preis/Leistungsverhältnis in vielen Bereichen einfach absolut nicht zusammen.

So zahlten wir in Irland beispielsweise für einen privaten Kindergarten das fünffache wie in Deutschland, die Qualität der Einrichtung war jedoch meilenweit von unseren Kindergartenstandards entfernt. Auch gab es für Kinder total wenig oder gar keine Angebote, angefangen von Kinderspielplätzen bis hin zu sonstigen Veranstaltungen usw.

Unser ausgewählter Kindergarten war eine neue Einrichtung und zählte angeblich zu den besten und modernsten der Stadt (im Gegensatz zu den ganzen Public - Einrichtungen). Leider fehlte es wirklich an grundlegenden Dingen (z. B. keine Garderoben, kaum Spielsachen, Sitzmöglichkeiten, keine Kuschelecken, Kinderbibliothek usw.). Die meiste Zeit wurde mit den Kindern mit Wachsmalkreiden auf vorgefertigten Kopien rumgemalt. Es wurde nie etwas mit den Kindern unternommen. Der einzige Höhepunkt war ein Mini-Garten (mit einer Plastik-Rutsche und winzigem Sandkasten), dem die meisten Privat-Haushalte mit Kindern in Deutschland Konkurrenz machen könnten. Es gab keine Elterninitiativen (Elternbeirat), keine Kinderfeste usw. Es kam mir vieles sehr übertrieben (amerikanisch) vor, so wurde z. B. laut geklatscht, wenn ein Kind den Teller aufgegessen hatte ("Clap your hands for Patrick!") Die Betreuung übernahmen ausgebildete Erzieherinnen, die allerdings sehr jung waren und denen es meiner Meinung nach einfach an Erfahrung fehlte. Als ich das Jahresprogramm unseres ehemaligen deutschen Kindergartens kopierte und übersetzte, stieß ich nicht gerade auf Interesse.

Positiv waren die flexiblen Öffnungszeiten von 7.00 bis 19.00 Uhr. Eine Vollzeit-Betreuung wäre jedoch preislich für die meisten unerschwinglich. Einige Eltern brachten die Kinder nur drei bis vier Vormittage in den Kindergarten. Freizeitmäßig unternahmen die Familien bzw. die Mütter anscheinend wenig miteinander. Kontakt mit anderen Kindern fand ausschließlich auf Geburtstagsfeiern und in Fast-Food-Restaurants statt.

Ob nach "Irland mit Kind" oder nicht, kann ich ebenfalls nicht mit ja oder nein beantworten. Es gibt mit Sicherheit einige Familien, die vielleicht andere Erfahrungen gemacht haben oder denen diese Kindergarten-Standards, die medizinische Ver- sorgung von Kindern (wochenlange Wartezeiten auf Fach- und Kinderarzttermine, schlechte Auswahl an geeigneten Medikamenten ...) oder die schlechten Freizeitmöglichkeiten nichts ausmachen. Trotzdem würde ich jedem raten: Wenn irgendwie möglich, einige Wochen "auf Probe" rüberzugehen und "Schnuppertage" im Kindergarten vereinbaren.

Zum Thema Job muß ich sagen: Man kann zwar wesentlich leichter Arbeit finden als in Deutschland, wenn man nicht gerade auf einen bestimten Bereich fixiert ist, die Arbeitsbedingungen usw. sind zum Teil jedoch schlechter als bei uns.

Am meisten zu schaffen machte mir das Wetter. An das könnte ich mich, glaube ich, nie gewöhnen. Die Iren sind auf den ersten Blick grundsätzlich offen und herzlich. Beim näheren Betrachten (vor allem durch die sehr junge Bevölkerung) sind Freundschaften doch sehr schwierig zu schließen und oft sehr oberflächlich. Freizeit findet oft in Pubs, Bars oder Restaurants statt, für die man mit Kind natürlich kaum Interesse hat.

Für sehr viele ist Irland mit Sicherheit zur Zeit ein Land, das gerade bezüglich der niederigen Arbeitslosenquote sehr viel Möglichkeiten bietet. Die hohe Lebensqualität im europäischen Vergleich kann ich für mich persönlich absolut nicht bestätigen. Vielleicht liegt es auch daran, daß ich mit Familie und Kind doch ganz andere Ansprüche habe, als wenn ich jung und ungebunden bin. Wir sind jedenfalls wieder zurück, arbeiten beide und sehen vieles hier in Deutschland nicht mehr so negativ wie vorher.

Lest bitte auch die Reportage von Eliane Zimmermann: Mit zwei Kindern nach Irland