Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - Meine Jobs in Irland: Abtran

IV. Abtran

Trotz zahlreicher Bemühungen gibt es wohl keine andere Möglichkeit für Ausländer in Irland als im Callcentre zu arbeiten. Andere Bewerbungen blieben erfolglos, bei 'Abtran', meinem 4. Callcentre in Cork, gab es wieder zügig eine Zusage.

Von diesem Callcentre hatte ich noch nie vorher gehört und mich dort auch nie beworben. Aber im Februar hatte ich meinen Lebenslauf bei der Recruitment-Agency 'La Creme' hinterlegt. Und am 27. Oktober 2004 -also stolze acht Monate später- meldeten sie sich bei mir telefonisch. Ich wusste erst überhaupt gar nicht, wer dran ist; konnte mit der Anruferin nichts anfangen. Aber dann unterbreitete sie mir ein interessantes Angebot und da ich zu diesem Zeitpunkt von 'RCI' die Nase gestrichen voll hatte, wollte ich mir einen genaueren Überblick verschaffen.

Ich sollte noch am selben Nachmittag bei der Agentur 'La Creme' vorbei schauen. Wie immer fand das Gespräch in sehr angenehmer Atmosphäre statt und wie immer bestand Interesse an meinen deutschen Sprachkenntnissen, so dass bereits für den nächsten Tag ein Vorstellungsgespäch bei 'Abtran' vereinbart wurde. Ich wusste schon zu diesem Zeitpunkt, dass ich genommen werde. Die Callcentres brauchen uns wie die Luft zum Atmen.

Auch das Vorstellungsgespräch am nächsten Tag war äusserst angenehm. Und so bekam ich noch am selben Abend die telefonische Zusage. Einen Monat später, am 30. November 2004, sollte ich bei 'Abtran' meinen ersten Arbeitstag haben. Dieses Callcentre befand sich im Stadtteil Bishopstown, das man mit dem Bus Nr. 8 erreichen konnte. Von der St. Patrick's Street fährt man bis zur Endstation in der Curraheen Road. Morgens beträgt die Fahrzeit etwa 12 Minuten, abends können es auch 30 - 40 Minuten sein, da der Bus in der abendlichen Rush hour mehr steht als fährt.

Das Training dauerte hier keine vier Wochen, sondern nur vier Tage und auch in diesen wenigen Tagen gab es reichlich Pausen. Am Ende reichte die Zeit trotzdem aus. Mit meinem irischen Kollegen Barry, der deutsch spricht und ein Paradebeispiel für oberflächlichsten Smalltalk ist und ausnahmslos zwischen Pub und Papst pendelt, begann das -nur aus uns beiden- bestehende Training. Das Callcentre 'Abtran' hatte mehrere Auftraggeber, z. B. 'Dublin City Council', das 'Irische Rote Kreuz' oder 'An Post'. Und jetzt kam ein neuer hinzu: das Britische Generalkonsulat in Düsseldorf. Für die sollten wir Visa- und Passanfragen erledigen.

Das war vom Thema her mal etwas ganz anderes und hatte nichts mit Verkauf zu tun. Von daher gab es kaum Druck, was letztendlich der Grund dafür war, dass dieses Callcentre von den vieren, in denen ich in Cork tätig war, noch mit das Beste war. Es war nicht toll dort, aber eben besser als bei 'Apple', 'Starwood' und 'RCI'.

Da es ein neues Projekt war, hatten wir das Glück, schonend ins kalte Wasser gestossen zu werden. Man gab uns Zeit und hatte immer eine Ansprechpartnerin in Reichweite. Das hatte den klaren Vorteil, dass man am Anfang nicht unnötig nervös war und sich durchaus gut aufgehoben fühlte. Kurz nach uns fingen noch die beiden Deutschen, Monica und Susanne, an. Langsam aber sicher nahm die Zahl der Anrufe in Richtung Weihnachten zu. Es war aber nie stressig. Die Anfragen notierten wir in einer Datenbank, deren Handhabung leicht erlernbar war. Der Computer war alt und langsam und wurde erst im Frühjahr durch einen neuen, erheblich schnelleren, ersetzt.

Was war meine Aufgabe? Ausländische Bürger aus Nicht-EU-Ländern, die in Deutschland leben, erkundigten sich bei mir, was sie genau tun müssen, um ein Visum für Grossbritannien zu bekommen. Britische Staatsangehörige, die in Deutschland leben und arbeiten (vor allen Dingen bei der britischen Armee), beantragten neue Reisepässe. Ich musste über die Gebühren Bescheid wissen, über die Bearbeitungszeiten und die zahlreichen Dokumente, die man mit dem Antragsformular einsenden musste.

Das hört sich durchaus interessant an und war es auch. Ich musste lernen, sehr streng am Telefon zu sein, was aber auch den Vorteil hatte, dass ich praktisch nie angepöbelt wurde, was aber ohnehin nur sehr selten vorkam. Kompetenz in der Stimme war hier von ganz entscheidender Bedeutung. Die Anrufer waren überwiegend freundlich. Schwierig wurde es aber immer dann, wenn Anrufer weder richtig deutsch noch englisch sprechen konnten. Manche waren überhaupt nicht zu verstehen und das nahm ein ungeheures Mass an Konzentration in Anspruch.

Die Anrufer mussten eine sehr teure 0190er Nummer anrufen, um mit uns zu sprechen. Viele erwarteten dann, dass man wie ein Schnellfeuergewehr antwortet, aber das war natürlich nicht möglich.

Kein Vorgesetzter drängelte nach dem Motto: 'Du musst mehr verkaufen' oder 'Du musst mehr Gespräche annehmen' - es gab keinen Verkauf - im Gegenteil: Die Anrufer bettelten förmlich darum, ein Visum zu bekommen. Um so länger das Gespräch dauerte, um so besser war das auch für 'Abtran'. Die Anrufer kamen in der Hauptsache aus osteuropäischen Ländern, aus der Türkei und aus schwarzafrikanischen Staaten.

Im Laufe der Monate stellte 'Abtran' immer mehr Callcentre-Agents ein, denn jetzt übernahm das Callcentre auch die Anrufe des britischen Konsulats in Spanien und in den USA. Von vier Spaniern hörten bereits in den ersten vier Wochen drei(!) auf. Nur Cristina hielt tapfer durch.

Besonders diejenigen, die mit US-Anrufen betraut waren, hatten teilweise extreme Arbeitszeiten von 17 Uhr bis 1.30 Uhr zu absolvieren, die mit dem Zeitunterschied begründet waren. Ich arbeitete von 8 Uhr bis 16.30 Uhr und das war die mit Abstand beste Zeit! Es gab zwei 15-minütige Kurzpausen und eine 30-minütige Mittagspause.

Um so grösser 'Abtran' wurde, um so mehr glich es sich mit seinen oft so negativen Begleiterscheinungen anderen Callcentres an. Das ist schade, denn als ich im November angefangen hatte, machte 'Abtran' einen sehr familiären Eindruck und man ist morgens gern zur Arbeit erschienen. Es war angenehm anders.

Immer wieder gab es Erlebnisse, wo ich mich fragte, ob Callcentres es nicht ertragen können, wenn die Atmosphäre harmonisch ist. Im April 2005 waren wir 6 Agents, aber in Kürze sollte die US- und Spanien-Erweiterung auf dem Programm stehen. Folglich wurden aus den sechs Leuten, die alle mehr oder weniger gleichzeitig angefangen haben und ihre Arbeit gleich gut erledigten, zwei ausgewählt, die etwas 'besseres' sein sollten - nämlich Produktspezialisten (wer kommt nur auf solche Begriffe?)-, die die Neulinge einarbeiten sollten. Von den sechs Agents bewarben sich fünf um diese Position - sofort war es mit dem bis dahin so harmonischen Miteinander vorbei. Man beäugte sich argwöhnnisch und redete mit keiner Silbe über die Bewerbung. Schliesslich wurden die zwei ausgewählt, die jetzt 'Product Specialists' sein sollten - die anderen gingen leer aus. Eine Woche später reichte eine der nicht Ausgewählten ihre Kündigung ein. Nie wieder sollte die Atmosphäre so nett sein wie vor der internen Jobausschreibung.

Die Arbeit nahm zu. Wenn an Montagen ein Grossteil der Belegschaft ausnüchterte, mussten die anderen die Mehrarbeit erledigen. Richtung Sommer nahmen die Anrufe aber ohnehin deutlich zu, weil das ja die Hauptreisezeit in Grossbritannien ist. Um keine neuen Leute einstellen zu müssen, hat 'Abtran' die Mehrarbeit auf alle anderen übertragen. Und hier war es wichtig klar und deutlich 'nein!' zu sagen. Man quatschte sich am Telefon ohnehin schon die Seele aus dem Leib - und da sollte man noch mehr Anrufe entgegen nehmen? Ich sagte deutlich: 'nein' - und das wurde auch akzeptiert. Man wurde dadurch nicht unbedingt beliebter, aber man hatte seine Ruhe. Andere -vorwiegend die jungen Teenager- sagten aus Angst immer 'ja' und manchmal auch 'Amen' - und denen wurden mehr und mehr Anrufe auf die Stimmbänder gedrückt.

Die Bezahlung war bei 'Abtran' die beste von allen Callcentres. Kein grosser Unterschied, aber immerhin. Wenn man krank wurde, zahlte 'Abtran' nichts. Das Gehalt wurde immer pünktlich zum Monatsende hin aufs Bankkonto überwiesen. Das Callcentre war wieder ein klimatisiertes Grossraumbüro. Erkältungen hatten 12 Monate Saison. Da hier nicht so viele Leute arbeiteten wie z. B. bei 'RCI' oder 'Apple', war auch die Kantine kleiner. Die Auswahl an Speisen war minimal. Es gab Suppe, Suppe und nochmals Suppe, die einem schon nach kurzer Zeit suppig aus dem Halse hing. Es bestand ferner die Möglichkeit, Lasagne per Mikrowelle warm zu machen, aber in jeder Mittagspause bildeten sich sehr schnell Schlangen vor den Geräten, so dass man auch davon schnell abliess. Deutlich besser war das Frühstück: Es gab knusprige, belegte Baguettes, Croissants und Sandwiches. Kaffee, Tee und Mineralwasser waren kostenlos! - Fünf Minuten von 'Abtran' entfernt befand sich ein kleiner Corner-Shop, wo man sich zumindest mit Süssigkeiten, Eis oder Keksen eindecken konnte. Dort gab es auch eine 'heisse Theke'.

Offiziell war es nicht erlaubt, während der Arbeit im Internet zu surfen, aber man liess uns gewähren, was ich als sehr freundlichen Service empfunden habe. Auch hier arbeiteten zum grossen Teil Teenager, die durchweg Anfang 20 waren und deren Gehabe und Getue man schon nach ganz kurzer Zeit nicht mehr aushalten konnte. Bei 'Abtran' ging es weniger international zu als in anderen Callcentres. Die Ausländer waren hier in der Minderheit. Die Gespräche in der Kantine drehten sich zu 90% um Pub-Besuche. Montags wurde das Besäufnis vom Wochenende eingehend diskutiert; ab Dienstag wurde das nächste Trinkgelage für das bestehende Wochenende geplant. Bei 'Abtran' war es besonders auffallend, wie viele am sogenannten 'Blue Monday' fehlten. Der Montag wird bei den Iren mit besonderer Vorliebe zum Blaumachen benutzt. Nach dem Nonstop-Alkoholkonsum vom Wochenende kommt man montags einfach nicht aus den Federn.

Immer wieder werden interne E-Mails verschickt, wo alle ermuntert werden, sich zum Kollektiv-Saufen am Wochenende zu treffen. Nie, absolut nie, gab es auch mal einen anderen Vorschlag. Nie traf man sich zum Essen im Restaurant, zu einem Wanderausflug, zu einem Tag am Strand oder gar zu einer Radtour. Es ging immer und ausschliesslich nur um Pub- und Nightclub-Besuche. An diesen E-Mail-Rundschreiben beteiligten sich auch gern die Vorgesetzten. Einmal sollte ein gemeinsamer, abendlicher Firmen-Besuch in einem Pub stattfinden, der etwa 20 Minuten Busfahrt entfernt war. Stolz wurde mitgeteilt, dass man sich bereits im Bus mit Bier betäuben könne, um so die extrem lange Busfahrt bis zum Pub zu überstehen.

Kommunikation ist in in Irland ein Fremdwort. Darüber habe ich an anderen Stellen schon genügend berichtet. Bei 'Abtran' sass man aber besonders dicht beisammen. Trotzdem stellte man die meisten Fragen per E-Mail. Genauso schriftlich kam auch die Antwort. Bloss nicht miteinader reden!

Wie in jedem anderen Callcentre, war es auch bei 'Abtran' nicht anders - Es ist eher ein irisches Phänomen: Du magst noch so viele Fähigkeiten und Talente haben - niemand ist in Irland daran interessiert. "Erledige du die Telefonate, die wirklich wichtigen Dinge erledigen wir Iren". Das ist das Motto. Die Iren können noch so grosse Probleme haben, es kann noch so chaotisch sein. Ihr fragwürdiger Stolz verbietet es, Ausländer um Hilfe oder Unterstützung zu bitten.

Im späten Frühjahr hatte ich dann eine gute Idee: Ich wollte part-time arbeiten, was ja in irischen Callcentres nicht so verbreitet ist. Klar, es hat ja auch kaum jemand Familie oder Kinder hier. Meinem Wunsch wurde stattgegeben. Darüber war ich sehr froh und meinem Arbeitgeber auch sehr dankbar. Das war eine neue Erfahrung: Drei Tage arbeiten, vier Tage frei! Ich verdiente weniger Geld, war aber deutlich weniger genervt. Es war ein angenehmes Gefühl, am Montag zu wissen, dass man übermorgen schon wieder ins Wochenende gehen konnte.

Ich glaube, dass Teilzeitarbeit die Arbeit in einem Callcentre erträglicher macht und man so auch länger durchhalten kann.

Ich habe dann doch aufgehört, aber nicht wegen 'Abtran' und schon gar nicht wegen der Teilzeitarbeit. Aber einen weiteren Herbst oder Winter in dieser tristen Stadt Cork hätte ich wohl nicht überlebt.

Versöhnliches Fazit zum Schluss: 'Abtran' war das beste Callcentre in Cork. weiter

Tipp von Andy: Mit deiner Erfahrung und Deinem Alter solltest du dich in Irland nicht zu billig verkaufen. Insbesonders wenn du ein paar Zertifikate o.ä. vorzeigen kannst, müsstest du mehr als 18-20k Gehalt (18.000 - 20.000 € Bruttogehalt pro Jahr) erzielen können! Sag' der Agentur z.B., dass du mehrjährige Berufserfahrung hast und daher mindestens xy an Gehalt/Salary erwartest. Es ist nämlich nicht so, dass die Agenturen für dich den passenden Job suchen, nein, sie wissen, dass die Jobs mit dem geringsten Gehalt am schwierigsten vermittelbar sind und bieten sie daher erst mal jedem an. Wer damit unzufrieden ist, bekommt vielleicht etwas besseres!

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