Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - Interview mit Kerstin Meyer

Kerstin Meyer (Jahrgang 1961) aus dem Harz, aufgewachsen in der DDR, kam im Jahr 2000 nach Irland. Welches sind ihre ganz persönlichen Erfahrungen auf der grünen Insel?


Frage: Kerstin, wann bist du in Irland angekommen? In welcher Stadt lebst du?

Kerstin: Ich lebe seit dem Jahr 2000 in Ennis, Co Clare.

Frage: Was hat dich der Umzug nach Irland ungefähr gekostet?

Kerstin: Etwa € 150 Euro; damals DM 300.

Frage: Wann hattest du deinen ersten Arbeitstag in Irland? In welchem Unternehmen hast du einen Job gefunden?

Kerstin: Im Oktober 2000 bei der Firma PAN European Communications; die Firma existiert nicht mehr.

Frage: Wie bist du auf den Job aufmerksam geworden?

Kerstin: Im Berliner Stadtmagazin.

Frage: Wo bist Du jetzt beschäftigt?

Kerstin: Ich arbeite in einem Callcentre: Verkauf und Technischer Kundenservice, bin seit fast vier Jahren in derselben Firma. Der Job ist okay und auch nicht zu stressig. Mit dem Management kann man reden. Ich gehöre wirklich nicht zu denjenigen, die immer brav die Klappe halten. Es hat in den letzten zwei Jahren einige positive Veränderungen geben. Von allen Jobs, die ich bisher in Irland hatte, ist der jetzige der Beste. Zum Vergleich: Ich hatte auch schon in einem kleinen netten Laden in Ennis gearbeitet und teures Kristall an amerikanische Kunden verkauft - der Chef dort und die Arbeitsbedingungen waren die absolute Hölle! Das gleiche gilt für die Firma OBI in Deutschland. Auch dort war ich schon tätig. Damit will ich sagen, es gibt schlimmere Jobs als die in einem Callcenter! Und auch schlechter bezahlte! Es gibt auch eine Kantine, über die ich nicht viel lobenswertes berichten kann. Ich koche mir mein Essen selbst und wärme es hier in der Mikrowelle auf.

Frage: Wie sehen deine Arbeitszeiten aus? Bist du mit deinem Gehalt zufrieden?

Kerstin: Ich habe regelmäßige Arbeitszeiten, arbeite montags bis freitags von 8:00 Uhr bis 16:30 Uhr. Da ich zweisprachig arbeite, ist das Gehalt in Ordnung.

Frage: Wieso bist du gerade nach Irland umgezogen?

Kerstin: Ich bin Musikerin und sprachinteressiert, wollte in erster Linie die irische, traditionelle Musik erlernen sowie die englische Sprache für meine berufliche Weiterentwicklung in Deutschland. Dann stellte ich fest wie einfach es war, hier Arbeit zu finden, wenn man die deutsche Sprache beherrscht.

Frage: In was für einer Wohnung lebst du? Was bezahlst du an Miete und Nebenkosten? Wohnst du allein oder mit anderen zusammen (falls ja, mit wie vielen anderen)?

Kerstin: Pro Monat werden € 700 Kaltmiete fällig. An Nebenkosten fallen pro Jahr an: ca € 300 für Strom, ca € 260 für Müll, ca € 500 für Öl (wenn man sparsam lebt). Ich habe seit zwei Jahren ein und dieselbe Mitbewohnerin; vorher hatte ich zwei bis drei wechselnde Mitbewohner.

Frage: Klappt das Zusammenleben? Wo gibt es Schwierigkeiten? Was könnte besser sein?

Kerstin: In dem Haus, in dem ich derzeit wohne, lebe ich seit fünf Jahren. Ich habe Glück mit meinem Vermieter, der mich in Ruhe lässt und froh ist, einen zuverlässigen Mieter zu haben. Aber ich kümmere mich auch um fast alles am/im Haus und im Garten selbst. Das ist in Irland nicht unbedingt üblich. Davor gab es zwei Umzüge. Der erste Umzug fand nach einer einzigen Nacht statt, nachdem im Haus mitten in der Woche, an einem Arbeitstag eine deftige Party gefeiert wurde (übrigens wohnten in diesem Haus nur Deutsche). Dazu muss man noch wissen, dass die Häuser in Irland fast alle äusserst hellhörig sind. Unter hellhörig verstehe ich beispielsweise, dass ich in meinem Zimmer hören kann, wenn meine Mitbewohnerin in der Toilette nebenan das Toilettenpapier abrollt oder wenn ein Stockwerk tiefer in der Küche eine SMS auf dem Handy ankommt (bemerkt sei hier, dass sich die Küche nicht, wie man nun vermuten könnte, direkt unter meinem Zimmer befindet, sondern da befindet sich zunächst das Wohnzimmer - erst daneben ist die Küche). Ich komme aus der ehemaligen DDR und bin in punkto Lebensstandard wirklich einiges gewohnt. Aber der Standard der irischen Wohnungen übertrifft fast alles mir bisher bekannte. Isolierung von Häusern ist hier ein Fremdwort. Die elektrische Dusche im Bad nebenan ist so laut, dass es einem fast das Hirn rauszieht, wenn man am Sonntagmorgen nach einer anstrengenden Woche gern noch ein Stündchen weiterschlafen möchte. Nur durch meine äusserst rücksichtsvolle Mitbewohnerin ist das alles derzeit noch für mich erträglich.

Wir beide wohnen jetzt seit zwei Jahren zusammen. Das ist jedoch in Irland die absolute Ausnahme! Man muss sich mit dem Gedanken anfreunden können, dass man mit ständig wechselnden Mitbewohnern zu rechnen hat! Besonders für die über 40-Jährigen, Alleinstehenden -wie in meinem Fall- kann das richtig nerven. Ich kann nur allen reiferen, alleinstehenden Semestern, die hier eine Weile leben möchten, raten: Solidarisiert Euch! Für ein studentenartiges Leben in einem von vielen Parties frequentierten und Marihuana verqualmten Haus bin zumindest nicht geschaffen. Und dann ist da noch die Sache mit dem Verantwortungsgefühl und dem gegenseitigen Respekt voreinander. Die Erfahrungen des Zusammenlebens, das Daran-Wachsen möchte ich aber auf keinen Fall missen. Eine der wertvollsten Erfahrungen war es für mich, zu lernen, sich zugunsten anderer (Fremder) bzw. für das gemeinsame Wohl zurückzunehmen und das als etwas Positives anzusehen, als Teil einer humanistischen Persönlichkeitswicklung.

Man sollte vielleicht noch wissen: Die irische Gesellschaft ist nicht auf Singles, Geschiedene oder sich in-Scheidung befindende Menschen eingestellt! Ganz, ganz langsam ändert sich das, denn die Scheidungsrate wächst enorm, aber es gibt einfach keine preiswerten Wohnungen in denen man -wohlgemerkt- unter menschenwürdigen Bedingungen leben kann.

Außerdem bezahlt man für eine Wohnung fast genauso viel wie für ein Haus. Die Iren sind fast alle Hauseigentümer oder wollen es gern sein. Jeder kauft Eigentum. Auch wenn man es sich nicht leisten kann. Die Banken stellen sicher, dass das geht. Das hängt natürlich alles auch mit der Geschichte der Iren zusammen, aber darauf einzugehen, das führt an dieser Stelle zu weit.

Nochmal zum Thema Mieten: Ganz oft schliessen die Vermieter Verträge mit nur einer Person ab (wie in meinem Fall). Das hat den großen Vorteil, dass man sich seine Mitbewohner selbst aussuchen kann, andererseits aber auch für die Eintreibung der Mieten und Rechnungszahlungen verantwortlich ist. Und wenn manch einer nun denkt, dass es doch ganz normal ist, Miete und Rechungen zu bezahlen, kann ich dazu nur sagen: Das ist es für manch einen eben nicht! Leider ...

Weiterhin sei bemerkt, dass viele Vermieter in Irland nur kurze Mietverträge abschließen (in der Regel für 6 Monate bis 1 Jahr). Das hat einen Grund: Je länger man in einem Haus wohnt (ab 2 Jahre) desto mehr Rechte hat man als Mieter. Darauf legen die Vermieter in diesem Land aber keinen Wert. Ich kenne viele, die nach Ablauf eines Jahres (oder früher) grundlos oder mit Angabe fadenscheiniger Gründe vor die Tür gesetzt worden sind! Man hat dann keinerlei Handhabe gegen dieses Vorgehen. Auch ich habe diese Erfahrung nach den ersten 1 1/2 Jahren hier leider machen müssen. Und ich erinnere mich noch genau an dieses surreale Gefühl und die Ohnmacht und daran, dass ich einfach nicht wusste, wie mir geschieht. Es hat eine lange Zeit gedauert, ehe ich kapiert hatte, dass nicht ich das Problem war, sondern die unermessliche Gier und Unmenschlichkeit meiner damaligen Vermieter. Damals habe ich gedacht: Meine lieben Iren - da habt ihr aber eine ganze Menge von euren früheren, und bis heute verhassten, englischen Landlords gelernt ...

Ich empfehle niemanden, mit Sack und Pack, d.h. mit Möbeln und allem was dazu gehört in Irland anzureisen, es sei denn, man hat ein eigenes Haus, was ja eher selten der Fall sein dürfte. Die Behausungen sind hier größtenteils voll mobiliert. Das ist ein Vorteil, was das Umziehen betrifft. An Wohnungsdesign muss man natürlich dann mehr oder weniger Vorlieb nehmen, was man "vorgesetzt" bekommt.

Und Achtung: Die Häuser sehen hier äußerlich eigentlich ganz gut aus und sind meistens auch neu (brandnew!). Aber der Schein trügt! Die Qualität lässt sehr zu wünschen übrig. Wie gesagt: Für deutsche Ohren unvorstellbar hellhörig, schlecht isoliert, im ganzen schlecht verarbeitet, Risse in den Fugen, was so manchen Fliesenboden in den Badezimmern undicht werden lässt - ganz nach dem Motto: Wenn mein Mitbewohner oben duscht, kann man den Teppich unten im Wohnzimmer hinterher zum Trocknen auf die Leine hängen. Ich könnte die Aufzählung der Mängel in irischen Häusern noch unendlich weiterführen, aber kommen wir lieber zur nächsten Frage.

Frage: Hattest du schon eine Wohnung bzw. ein Zimmer in Aussicht, als du in Irland eingetroffen bist?

Kerstin: Nein! Ich habe von meiner ersten Firma eine B & B - Unterkunft für die ersten Tage meiner Anwesenheit bezahlt bekommen. Frühstück habe ich dort allerdings nie gesehen und die Zimmer waren feucht und kalt, was auch für die Dusche galt.

Frage: Was für Behördengänge hattest du denn nach deiner Ankunft abzuwickeln?

Kerstin: Kann mich kaum noch erinnern, ist schon so lange her. War aber nicht so schlimm. Es gibt auch keine Meldepflicht (dafür ständig wachsende Kriminalität und keiner weiss, wo der Täter wohnt). Es waren Kleinigkeiten wie Konto einrichten und PPS-Nummer beantragen. Die Firma hatte damals sehr geholfen und es gab Freizeit für Behördengänge. Das war auch nötig, denn die Öffnungszeiten der Behörden sind absolut kundenunfreundlich und wären in Deutschland einfach unvorstellbar! Das schließt die Öffnungszeiten der Banken mit ein und hat sich bis heute nicht geändert. Wer kein Online-Banking hat, ist absolut aufgeschmissen.

Frage: Wer hat dir dabei geholfen, dich in den ersten Tagen zurecht zu finden?

Kerstin: Niemand wirklich. Ich bin aber den Iren sehr positiv gegenüber aufgetreten und habe durch mein Interesse an der irischen Musik schnell Sympathien geerntet. Viele wichtige Hinweise habe ich von den Einheimischen in den Pubs bekommen.

Frage: Was sind deine positiven Eindrücke von Irland bzw. der Stadt in der du lebst?

Kerstin: Dazu fällt mir zunächst die Umgebung ein: Die Burren und der Atlantik befinden ganz in der Nähe. Ennis ist auch die Hauptstadt der irischen Musik, was mir persönlich sehr wichtig ist. Ich empfinde eine grosse Dankbarkeit besonders gegenüber den irischen Musikern im County Clare von denen ich so unwahrscheinlich viel gelernt und mit denen ich ein zum Teil sehr herzliches Verhältnis geschlossen habe. Mit keinem Geld der Welt ist das zu bezahlen. Die wunderbare Welt der irischen, traditionellen Musik und alles was damit verbunden ist, gibt mir viel Kraft und hat mir sehr dabei geholfen, auch schwere und schwierigste Zeiten durchzustehen und ist ganz sicher auch ein Grund dafür, dass ich noch immer hier bin. Viele sagen, dass die Freundlichkeit der Iren oft oberflächlich ist. Das kann ich bestätigen. Und doch kann das Lächeln eines fremden Menschen, dem man auf der Straße begegnet, das Herz erwärmen und ich gehe immer erstmal davon aus, dass es mit guter Absicht geschieht.

Das Lächeln hinnehmen, aber dann auch nicht viel mehr erwarten, vielleicht ist das etwas, das man hier erlernen kann - oder ein Verständnis, das man entwickeln muss, damit es nicht permanent zu Mißverständnissen und Enttäusschungen kommt. Die Bürokratie in Irland ist (noch) nicht so extrem wie in Deutschland. Alles Bürokratische (Steuern, Arbeitslosengeld, Social Welfare, Autoanmeldung, Versicherung) ist hier irgendwie einfacher geregelt und die Bearbeitung geht viel zügiger und unkomplizierter vonstatten. Dabei darf man natürlich auch nicht vergessen, dass Irland ein kleines Land ist. Auch als positiv habe ich die (teilweise) unermessliche Geduld der Iren erfahren. Wer bisher keine Geduld im Leben hatte, wird sie hier lernen (müssen).

Der Shannon Airport sei noch zu erwähnen und die Fluggesellschaft Ryan Air, denn sein Zuhause ist dadurch nicht mehr ganz so weit entfernt und das Wissen darum hilft manchmal gegen Heimweh. Ich habe in Irland auch zum ersten Mal erfahren, dass Deutsche im Ausland geschätzt werden. Aus verschiedenen Gründen (und nicht nur, weil die Nationalsozialisten die IRA unterstützt haben). Ich habe hier gelernt, mich nicht ununterbrochen schuldig dafür fühlen zu müssen, dass ich als Deutsche geboren bin. Ich habe erst hier ein gesundes Verhältnis zu meiner eigenen Nationalität entwickelt und denke, dass das auch gut so ist, und wichtig für meine eigene Persönlichkeitsentwicklung. Um das wirklich zu begreifen, musste ich erst nach Irland kommen! Aber das geht wohl nach längerem Aufenthalt im Ausland jedem so.

Frage: Was sind deine negativen Eindrücke von Irland bzw. der Stadt in der du lebst?

Kerstin: Der Dreck überall! Müll in allen Gräben und oft in landschaftlich reizvollen Gegenden. Man scheint hier den Schmutz nur innerhalb der eigenen Zäune bzw. Mauern zu kehren. Sehr viel zu dieser Art von Umweltverschmutzung tragen auch die irischen Travellers bei. Weiterhin ist das "Trink"-Wasser in Irland nur mit äußerster Vorsicht zu geniessen. In Ennis ist das Wasser so schlecht, dass man es auf keinen Fall trinken soll. Auch nicht abgekocht. Und zeitweise wird sogar davon abgeraten, sich damit die Zähne zu putzen. So ist das Leitungswasser zwar kostenlos, aber ich kaufe andererseits literweise Wasser im Supermarkt.

Als weiteres, negatives Beispiel schließt sich an: Die medizinische Versorgung. So sind die hygienischen Verhältnisse in den Krankenhäusern eine nationale Katastrophe und eine absolute Schande, wenn man bedenkt, dass wir es hier mit einem der, in der Zwischenzeit, reichsten Länder Europas zu tun haben und die Arbeit hier auf drei Krankenschwestern verteilt wird, die in Deutschland von einer einzigen bewältigt wird (das habe ich mir von einer in Irland lebenden, deutschen Krankenschwester bestätigen lassen)! Und dann die Ärzte ... - wegen jeder Kleinigkeit werden sofort Antibiotika verschrieben!

Außerdem: Fahrradfahrer - bleibt zu Hause! Es gibt so gut wie keine Radwege und die Autofahrer benehmen sich wie Suizidgefährdete. Manchmal hat man das Gefühl, das ganze Land würde permanent unter Drogen Auto fahren. Damit kommen wir zum nächsten Negativ-Eindruck, dem ständig steigenden Drogenproblem. Drogen gibt es überall, an jeder Ecke und für jedes Bedürfnis. Vom Alkoholkonsum will ich nicht reden. Erstens wurde darüber auf diesen Seiten schon genug berichtet, und zweitens habe ich nicht den Eindruck, dass in Deutschland weniger gesoffen wir.

Als störend empfinde ich ebenfalls die Zersiedlung der Landschaft. Wohin auch das Auge blickt: Häuser, Häuser, Häuser. Das kann die Laune des besten Wanderers vermiesen. Und wenn man dann noch ständig an Mauern und Verbotsschilder stösst oder Warnungen vor ominösen, gemeingefahrlichen Bullen (die Tiere meine ich), die einem selbst auf ausgeschriebenen, öffentlichen Wanderwegen den Zugang erschweren und mehr verunsichern als Entspannung bieten, lässt man das Wandern dann irgentwann ganz sein - oder man überlässt es dem Müller, den ich hier auch vermisse - den deutschen Bäcker, das deutsche Brot!

Als Ur-Harzerin fehlt mir außerdem der Wald. Ein richtiger Wald! Dann wäre da noch eine gewisse Oberflächlichkeit in der irischen Mentalität zu erwähnen. Oder ist es Gleichgültigkeit? Oder Bescheidenheit? Ich bin mir noch immer nicht ganz sicher. Auf jeden Fall kann ich mich des Eindrucks nicht erwähren, dass dieses Völkchen Meister der Verdrängung -psychologisch betracht- ist. Konfliktbewältigung scheint ein Fremdwort zu sein. Sowohl in der Arbeitswelt als auch privat. Ich finde es äußerst schwierig, eine Freundschaft mit einem Iren/einer Irin zu knüpfen. Der Freundschaftbegriff scheint hier ein völlig anderer zu sein als in Deutschland und man darf einfach nicht zu viel erwarten. Das hat sicherlich auch wieder gesellschaftliche Ursachen. Ich bin kein Sozialwissenschaftler, aber empfohlen sei an dieser Stelle die hervorragende, vor kurzem erschienene irische Novelle The Gathering von Anne Enright - wenn man das liest, wird einem einiges klarer.

Die Menschen. auf die ich mich hier verlassen kann, sind größtenteils deutscher Nationalität. Erwähnenswert sei weiterhin die enorme Zuwanderung polnischer Bürger. Wirklich -nichts gegen die Polen- aber wenn ich hier beispielsweise einkaufen gehe, höre ich nur noch polnisch. Im wahrsten Sinne des Wortes, meine ich. Das bezieht sich leider nicht nur auf die Kunden, sondern auch und hauptsächlich auf das Verkaufspersonal. Und wenn man sich dann noch von Kasse zu Kasse die polnischen Sätze gegenseitig um die Ohren haut, dann kann ich, man möge mir verzeihen, nicht verleugnen, dass ich das immer mehr als störend empfinde und vor allem auch als respektlos. Also liebe Leute: Wenn ihr die polnische Sprache in Wort und Schrift in kurzer Zeit fliessend erlernen wollt - kommt nach Irland, Schottland, Wales!

Dann wäre da noch das Essen zu erwähnen. Nur langsam entwickelt sich so etwas wie ein Ernährungsbewusstsein. Die Produktvielfalt ist nicht angehend mit der in Deutschland zu vergleichen. Verschimmeltes Obst in den Regalen der Supermärkte sind die Regel. Dazu kommt im allgemeinen ein schlechtes Preis-/Leistungsverhältnis auf allen Gebieten.

Frage: Wo gefällt es dir besser? In Deutschland oder in Irland?

Kerstin: Wenn ich einen einigermaßen gut bezahlten Job in Deutschland bekommen würde: In der Zwischenzeit in Deutschland.

Frage: Hast du Heimweh? Vermisst du Freunde und Familie?

Kerstin: Am Anfang, ja. Aber nach all den Jahren nicht mehr wirklich. Dank Internet, Telefon und Ryanair, der irischen Billigfluggesellschaft, ist die Heimat nicht zu weit entfernt. Ich würde nicht aus Heimweh nach Deutschland zurückgehen, sondern weil ich realistisch bin.

Frage: Was kannst du denjenigen empfehlen, die einen ähnlichen Schritt vorhaben?

Kerstin: Ich kann jedem nur abraten, die Segel in Deutschland vorschnell abzubrechen. Schon gar nicht mit schulpflichtigen Kindern. Familienväter/Mütter, überlegt euch gut, ob ihr eure Familie herholt, bevor ihr nicht wenigstens für etwa ein Jahr hier gelebt habt. Ich selbst habe auch einen Sohn, der jedoch bereits studiert. Allerdings nicht in Irland, sondern in Berlin. Der Celtic Tiger (Bezeichnung für den seit den 80er Jahren bestehenden, ökonomischen Aufschwung in Irland) beisst sich langsam die Zähne aus.

Die vorwiegend US-amerikanischen Firmen ziehen allmählich ab. Ich arbeite jetzt in der vierten Firma. Zwei davon existieren nicht mehr. Für uns Deutsche stehen mittlerweile fast nur noch in Callcentres Jobs zur Verfügung. Deutsche aus meiner Generation, die ich hier kennenlernte, sind oftmals hochqualifiziert und hatten, so wie ich selbst auch, zum Teil in Deutschland in führenden Positionen gearbeitet und dann aus verschiedensten Gründen ihren Job verloren. Unserer guten Qualifizierung sowie der Arbeits- und Lebenserfahrung werden hier allerdings kaum Bedeutung beigemessen.

Die gutbezahlten Jobs gehen fast immer an die Iren. Auch an die Nicht-Qualifizierten. In Callcentres gehen kleinere, mittlere Supervisor-Jobs auch mal an sehr junge und unerfahrene Deutsche und andere Ausländer, wobei ein sklavenhaft-devotes Verhalten Voraussetzung dafür ist, überhaupt in eine solche Position zu kommen. Kritik, auch zum Wohle der Firma, wird fast immer negativ ausgelegt. Wobei die Ausländer die Ökonomie am laufen halten. Deutschland erfüllt dabei mal wieder die Rolle der ewig milchgebenden, europäischen Kuh, besonders gut.

Des weiteren lassen die Arbeitsbedingungen sehr oft zu wünschen übrig. Man sollte derzeit wirklich nur hierherkommen, wenn man bereits einen Job in der Tasche hat. Vorsicht bei Jobs in Dublin! Dublin ist eine sagenhaft teure Stadt und unter Umständen hat man am Monatsende nichts mehr in der Tasche. Auf keinen Fall einen Job unter € 28.000 (netto) im Jahr annehmen. Zu beachten sei auch die ungewöhnlich hohe Kriminalitätsrate in der irischen Hauptstadt, gefolgt von den Städten Limerick und Cork. Das sind aber genau die Städte, in denen die meisten Jobs angeboten werden. Englisch zu sprechen, ist Voraussetzung!

Auf jeden Fall muss man sich darauf einstellen, dass man die Unterkunft, zumindest in der Anfangszeit, mit fremden Menschen teilen muss! Wen wirklich nur die Arbeitslosigkeit ins Ausland treibt, dem würde ich raten, es zunächst in den Nachbarländern Deutschlands zu versuchen. Wer sich freiwillig nach Irland verschlagen lässt, der sollte außer der Jobsuche noch mindestens einen weiteren Grund haben, sich hier niederzulassen. Wie gesagt: Wenn möglich - immer ein Türchen in die Heimat offen halten.

Frage: Möchtest Du noch etwas erzählen, was ich nicht gefragt habe?

Kerstin: Eine holländische Freundin, auch eine Musikerin, hat einmal gesagt: "Das einzig Wahre und Unverfälschte in Irland ist die traditionelle Musik". Und ich muss sagen - da ist was dran. Und vielleicht noch die schönen Wildblumen in den Burren im Frühling.

Man muss sich eben überlegen, wo die Gefahr grösser ist, einen Herzinfarkt zu bekommen: Auf einem deutschen Hartz-IV-Amt oder in einer Wohngemeinschaft eines 4-Bedroom-Hauses in einem der vielen Estates der irischen Suburbs. Wie Sie sehen, meine Damen und Herren: Ohne Sarkasmus geht hier gar nichts! In diesem Sinne: Lang lebe die Europäische Union! Slan gofoil!

Schlußwort: Kerstin, vielen herzlichen Dank für das Gespräch; besonders für die sehr ausführlichen Antworten! Ich wünsche dir noch eine gute und erfolgreiche Zeit in Irland!

Interview: Michael Schubert (Stand: 2008)
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