Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - Interview mit Andreas Windisch

Andreas Windisch (Jahrgang 1969) aus Schleswig-Holstein (zuletzt wohnhaft in Waldkraiburg/Oberbayern), geboren in Schleswig-Holstein, ist Anfang September in Cork eingetroffen, um hier zu leben und zu arbeiten. Seine ersten Eindrücke hinterfragt Michael in einem aktuellen Interview. Wichtig für alle, die einen ähnlichen Schritt vorhaben:


Frage: Andreas, wann bist du in Irland angekommen?

Andreas: Ich komme aus Waldkraiburg/Oberbayern und bin mit der »Air Lingus« von München zunächst nach Dublin geflogen, wo ich vorgestern angekommen bin. Dort bin ich in das nächstgelegene »Bed and Breakfast« gegangen, was sich als »doch nicht so nah« entpuppte. Am späten Abend bin ich dann, ohne die Chance noch ein Abendessen zu bekommen, im »Bed and Breakfast« eingetroffen. - Erstaunlich war die mir entgegen gebrachte Hilfsbereitschaft der Iren. Ein junges Mädchen hat mir die Busfahrt bezahlt, weil ich nur Banknoten dabei hatte, die aber im Bus nicht angenommen wurden. Ein Ire hat mich dann mitten in der tiefsten Nacht bei Dunkelheit noch zum Hotel geleitet. Von Dublin bin ich dann gestern mit der Bahn nach Cork gefahren. Auch hier habe ich mich einer hilfsbereiten, irischen Dame angeschlossen, die auch Richtung Cork fahren wollte.

Frage: Was hat dich die Reise gekostet?

Andreas: Etwa 350 Euro.

Frage: Wann und wo hattest du deinen ersten Arbeitstag?

Andreas: Mein erster Arbeitstag ist eigentlich für den morgigen Montag geplant; allerdings ist noch unsicher, ob mich die Firma »Tyco« überhaupt einstellt. Ich habe mit dem Chef der Firma telefonisch verhandelt. Der ging jedoch in den Urlaub und der Personalchef weiss von nichts. Niemand wurde offensichtlich vom Chef der Firma informiert. Der Kontakt war vor zwei Wochen abgerissen. Ich halte es jetzt für besser, vor Ort zu verhandeln. Morgen früh fahre ich direkt zu meinem möglichen neuen Arbeitgeber. Meine Planungsphase betrug von daher nur eine einzige Woche. Eine Woche ist jedoch bei weitem nicht genug; zwei Wochen Vorbereitungszeit hätte ich mir schon gewünscht.

Frage: Was machst du, wenn du morgen eine Absage bekommst?

Andreas: Dann werde ich wohl wieder nach Hause fliegen. Von der Arbeitsagentur und von der Krankenkasse habe ich nur einen kurzen Urlaub genehmigt bekommen. Der Chef, mit dem ich bei der Firma »Tyco« verhandelt habe, will mich für mindestens ein Jahr einstellen; ich will eigentlich nur für sechs Monate hier bleiben. Ist also im Moment alles möglich: Ein Jahr, ein halbes Jahr oder sofort wieder zurück nach Deutschland.

Frage: In welcher Branche ist dein möglicher neuer Arbeitgeber tätig?

Andreas: In der Elektronikbranche. Meine Aussichten, in diesem Bereich Arbeit in Irland zu finden sind grundsätzlich gut. Deshalb bin ich ja auch dieses Risiko eingegangen, auch wenn der Personalchef mir von der Reise ohne konkrete Zusage des Chefts abriet.

Frage: Wo hast du denn in Deutschland gearbeitet?
Andreas: 20 km weiter in Richtung München in Schwindegg. Ich wusste schon seit einem halben Jahr, dass die Firma, in der ich dort tätig war, Ende August schliessen wird. Seit drei Tagen bin ich somit arbeitslos.

Frage: Hast du schon eine Wohnung in Cork gefunden?

Andreas: Nein! Ich wohne auch in Cork in einem »Bed and Breakfast« im Stadtteil Bishopstown. Für den Fall, dass ich morgen eine Absage bekomme, kann ich meine Zelte somit unproblematisch wieder abbrechen.

Frage: Was bezahlst du in dem »Bed and Breakfast« pro Nacht?

Andreas: 40 Euro.

Frage: Wie werden denn deine Arbeitszeiten sein, wenn du den Job morgen bekommst?

Andreas: 7.00 Uhr bis 16.30 Uhr mit längerer Mittagspause.

Frage: Was für Behördengänge hattest du denn hier nach deiner Ankunft abzuwickeln?

Andreas: In Irland noch keine. Ich habe bisher weder Bankkonto noch PPS-Nummer. In Deutschland musste ich mir den Aufenthalt hier in Irland von der Arbeitsagentur genehmigen lassen. War eine ziemlich komplizierte Sache, weil die Beamten selber nicht wussten, welche Formulare von mir ausgefüllt werden müssten. Zehn Tage Urlaub »zum Ziele der Arbeitsaufnahme« bekam ich letztendlich von der Arbeitsagentur genehmigt. Danach erst konnte ich bei der Krankenkasse einen Auslandskrankenschein beantragen.

Frage: Wer hat dir dabei geholfen, dich in den ersten Tagen zurecht zu finden?

Andreas: Ich habe viele Informationen aus dem Internet bezogen, aber auch von irischen Kollegen bekommen, die eine Zeitlang in der Firma waren, wo ich bis Ende August tätig war. Wenn ich den Job also bekommen sollte, sind dort schon mindestens fünf Leute zugegen, die ich mag und die mich auch mögen. Und die werden mir dann bestimmt auch bei meinen noch geringen Englischkenntnissen helfen.

Frage: Was waren deine positiven Eindrücke innerhalb der ersten zwei Tage?

Andreas: Die netten Menschen und deren Hilfsbereitschaft, das moderate Wetter (in Bayern vertrage ich den Föhn nicht so gut). Das habe ich in Deutschland nie erlebt, dass einem Fremden Geld gegeben wird, damit er seine Busreise fortsetzen kann, dass ihm sogar seine Koffer getragen werden. Von Jugendlichen wurde ich hier interessiert angesprochen. Ist mir auch in Deutschland noch nie passiert. In der Bahn war man erstaunt und sogar begeistert, dass ich aus Deutschland komme, um hier in Irland einen Job anzunehmen. Ich nenne das »positive Neugier«. In Bayern fragen sich die Leute eher: »Ist das ein Urlauber?«, »Hat er Geld?« oder sogar: »Der soll doch in den Norden zurück gehen, wo er herkommt«. Nein, meine ersten Eindrücke sind positiv.

Frage: Gab es auch schon irgendwelche negativen Eindrücke?

Andreas: Die Iren lieben den Alkohol sehr. Sie scheinen am Wochenende niemals nüchtern nach Hause zu kommen. Das habe ich schon in der ersten Nacht im »Bed and Breakfast« lautstark zu hören bekommen. Es war nicht möglich, Ruhe zu finden. Alle paar Stunden schwankte jemand betrunken und lautstark durchs Haus. In Deutschland schämt man sich ja eher, wenn man so betrunken ist, hier ist man eher stolz drauf.

Frage: Hast du Heimweh? Vermisst du Freunde und Familie?

Andreas: Ich bin seit sieben Jahren verheiratet. Meine Frau und ich haben uns schon immer sehr viele Freiheiten gelassen. Aber das Heimweh wird vermutlich noch kommen. Im Moment ist noch alles so neu und aufregend.

Frage: Was kannst du denjenigen empfehlen, die einen ähnlichen Schritt vorhaben?

Andreas: Grundsätzlich erst einmal der Sache eine Chance zu geben. Am besten das Land erstmal selbst erkunden, die Umgebung anzuschauen und vielleicht auch schon den möglichen Arbeitsplatz.

Schlußwort: Andreas, vielen herzlichen Dank für das Gespräch. Ich wünsche dir, dass du morgen den Job bekommst.

Interview: Michael Schubert (Stand: 2005)

Aktueller Nachtrag: Andreas hat gleich am Montag bei der Firma »Tyco« anfangen können, am Donnerstag hat er seinen Arbeitsvertrag unterschrieben. Im Januar 2006 ist Andreas wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

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