Insel-Hüpfen im rauen Westen
Klippen, Moore und alte Mauern: Der äußerste Westen der Republik Irland ist wilde Landschaft und beschauliches Naturschauspiel zugleich
Der Flug ist abgesagt, die kleine Propeller-Maschine kann wegen anhaltenden Nebels -es ist sehr diesig an diesem April-Vormittag- nicht starten. In Rossaveel nehmen wir stattdessen eine Fähre, die zu den Aran Islands tuckert.
Zerrissen und zerklüftet stemmt sich die Küste hier im äußersten Westen Irlands gegen den in mächtigen Wellen anrollenden Atlantik. In Blickweite: Einfache Felsspitzen, die aus dem Meer ragen und größere Inseln, denen der Mensch im Lauf der Jahrtausende Kulturland abgerungen hat.
Irland, die Grüne Insel, hat hunderte vorgelagerte Eilande. 365 -für jeden Tag eines -sagen die Iren.
Achill Island etwa, fünf Autostunden westlich von Dublin. Diese Insel ist bequem mit dem Auto erreichbar - über eine Brücke, die sie mit dem nahen Festland verbindet. Und sie hat nichts mit dem griechischen Helden zu tun, ihr Name stammt aus dem Gälischen, das hier noch bevorzugt gesprochen wird.
Achill Island ist eine andere Welt. Dem hektischen Verkehrstreiben in Dublin entflohen, findet man sich hier in idyllischer Ruhe wieder. Die Straße windet sich durch die Landschaft, an Schafherden und Klippen vorbei, die einen gewaltigen Blick auf den Atlantischen Ozean und zu weiten, weißen Sandstränden freigeben. Und da die Iren käteresistent scheinen, tummeln sich dort auch im April im zehn Grad kalten Wasser die Wellenreiter.
Der Westen Irlands und seine Inseln entsprechen so gar nicht dem Klischee der grünen Insel. Vielmehr dominieren Brauntöne in sämtlichen Schattierungen das Landschaftsbild. Der Wilde Westen ist eher mit den schottischen Mooren und Highlands zu vergleichen. Torf wird überall noch gestochen, der auch in Hotelkaminen seinen unvergleichlichen Geruch verströmt. Der Boden ist moorig und kaum für landwirtschaftliche Nutzung geeignet. Die kahlen Hügelketten versucht man vereinzelt mit Waldflächen wieder aufzuforsten.
Aber die Landschaft strahlt Ruhe aus. Und in der kann ja bekanntlich die Kraft liegen. Kaum Dörfer oder Städtchen, wie das malerische Westport, sondern überall Weite, durchsetzt vom gelb-strahlenden Stechginster und dem wie Unkraut wachsenden Rhododendron, der ab Ende Mai in voller Blüte steht. Ab und zu ein verfallenes Kloster mit spitzem Turm und Friedhof.
Südlich von Westport gelangt man in das Tal des Erriff River - ein Traum für Fliegenfischer. Der Fluss schlängelt sich durch eine sanft hügelige Landschaft, ehe er bei Leenaun in Irlands einzigen Fjord mündet.
Zwischen zahllosen Loughs (das Pendant zum schottischen Loch, auf Deutsch: See) und endloser Weite, unterbrochen von Hecken und Steinmauern, gelangt man nach Rossaveel auf die eingangs erwähnte Fähre zu den Aran Islands. Die größte der drei Inseln ist Inishmore, rund eine Bootsstunde (oder zehn Flugminuten) vom "Festland" entfernt. Das karge Eiland, das nur aus kleine Felder begrenzenden Steinmauern zu bestehen scheint, ist berühmt für seine Schafwoll-Pullover, weiten Strände und die 2.500 Jahre alte keltische Ringfestung "Dun Aonghasa" an den achtzig Meter hohen Klippen.
Noch beschaulicher, noch beruhigender ist Inisheer, die kleinste der drei Arans. Wer Gelegenheit hat, sollte beim Kauf der Bootstickets eine Inselführung mit Musiklehrer Michael buchen. Ein Erlebnis - von der versunkenen Steinkirche über die endlos verästelten Bruchsteinmauern bis zum Sportplatz. Jedes Fleckchen auf der 260 Einwohner-Insel hat eine spannende Geschichte - Michael kennt jede.
Eine spannende Geschichte ist auch das Nachtleben in der 100.000-Einwohner-Stadt Galway, der Metropole des Inselwestens. Samstag, 23 Uhr, ist die Innenstadt gerammelt voll mit Jugendlichen. In den Pubs wird zu irischer Live-Musik lauthals mitgesungen und die Stimme eifrig mit Guinness geölt. Mädels promenieren in Miniröcken und mit tiefen Ausschnitten von einem Pub zum nächsten, während unsereins samt Jeans und Jacke friert. Aber Iren sind vielleicht ja wirklich kälteresistent.
Bitte lest auch die Reportage: Inseln unter dem Regenbogen
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