Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - Bootsfahrt einmal anders

Bootsfahrt einmal anders:

Abenteuer mit dem Schlauch eines Traktorreifens

Irland ist von Wasser reichlich umgeben. Das ist allgemein bekannt. Es gibt das Meer, viele Flüsse und zahlreiche Seen. Das ist schön. Weniger schön ist es, dass es weit und breit kaum Bootsverleiher gibt. Man muss mit der Stecknadel suchen, um sich Kajak, Kanu oder Tretboot ausleihen zu können. Das ist auf den ersten Blick eigenartig. Auf den zweiten Blick weniger, denn die Iren haben es bekanntlich nicht so mit Freizeitaktivitäten.

Wenn man sich ein kleines Boot kaufen will, traut man seinen Augen nicht, wenn man die hiesigen Preise sieht, die jenseits von Gut und Böse liegen. Das kann man getrost vergessen. Doch was kann man stattdessen tun? Als erstes braucht man einen unternehmungs- und abenteuerlustigen Freund, als zweites einen emsigen Bastler und als drittes ein Auto mit Gepäckträger. Alle drei Dinge bietet Andreas, der gestern loszog und sich bei einem Schrotthändler den Schlauch eines alten Traktorreifens besorgte. Der Schlauch war durchaus löchrig und musste zunächst geflickt werden. An einer Tankstelle wurde der Schlauch mit Luft gefüllt und mit drei Schnüren in die Form einer Banane gebracht. Ergänzend brachte Andreas einen Sitz an, den er vor einem Pub gefunden hatte. Fertig war das Boot! Ein Paddel hat er für € 25,-- in einem Shop in Cork City bekommen. Ruckzuck wurde das Boot jetzt auf dem Gepäckträger befestigt. Neugierige Blicke verfolgten uns nun allüberall.

Wir fuhren wieder in das zauberhafte 'Lee Valley' bei Macroom. Dort waren die Verhältnisse ausgezeichnet für einen Testlauf. Das Wasser war relativ flach, der Wellengang -trotz böigen Windes- gering. Es gab zahlreiche Ziele, die man ansteuern konnte, z.B. Inseln und natürlich die spektakulären, aus dem Wasser ragenden Baumstümpfe aus einer anderen Zeit. Nur das Wetter war wieder mal nicht so toll. Es war meist stark bewölkt; ab und zu gab es einen kurzen Schauer und es war -wie schon erwähnt- sehr windig.

Wir hoben das Boot vom Auto und trugen es zur nahen Einlassstelle. Aus dem Ventil entwich ein wenig Luft. Mit einer Zange zog Andreas die Schraube an und dann konnte es endlich losgehen. Das hätte sich der Traktorschlauch auch nicht träumen lassen, dass er noch einmal so viel Spannung erleben würde. Andreas wagte sich als ersterin das dramatische Abenteuer. Er kam erstaunlich gut zurecht, weil er früher schon so auf der Eider in Schleswig-Holstein unterwegs war. Ich versuchte es als nächster. Meine Seereise endete jedoch schon nach 17 Sekunden! 17 Sekunden - doch so lange! Ich unterschätzte das Gleichgewicht, und lag -noch ehe es korrigieren konnte- im Wasser! Tja, die Natur verzeiht keine Fehler. Zum Glück war das Wasser angenehm warm. Einige Wasservögel schreckten aus ihrem Mittagsschlaf, liessen ihre Brut zurück und flogen von dannen.

Später entdeckten wir eine weitere schöne Landzunge, wo es sich herrlich ruhen und grillen liess. Ohne Barbeque ging es natürlich auch heute nicht! In dem Moment als das Fleisch fertig war, fing es an zu regnen und die Böen legten noch ein wenig an Heftigkeit zu. Andreas erstellte im Nu -mit Hilfe eines kürzlich verstorbenen Baumes und einer Plastikplane- einen faszinierenden Wetterschutz, der ebenfalls stolze 17 Sekunden den klimatischen Widrigkeiten standhielt. Eines steht trotzdem fest: Mit dem 'Schlauch'-Boot wird schon bald ein weiterer Versuch unternommen.

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