Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - Blarney Castle

Blarney Castle

Ausflugstipp

There is a stone there,
That whoever kisses,
Oh, he never misses
To grow eloquent.
'Tis he may clamber
To a lady's chamber,
Or become a member
Of Parliament.

Irland ist an Attraktionen (auch für Touristen) keineswegs arm, doch aus all dem ragt sicherlich ein Ort heraus: Blarney Castle.

Die Ortschaft Blarney liegt nur wenige Kilometer von Cork City entfernt. Ihre Attraktion, Blarney Castle, ist ein beeindruckender Bau von über 30 Metern Höhe, angelegt in drei Stockwerken. Errichtet wurde es von Cormac McCarthy anno 1446. Man braucht nicht lange fragen, welchem Hauptzweck das Gebäude gedient hat, es ist leicht zu erkennen, dass es sich um eine Trutzburg handelt, die über die übliche Wehrhaftigkeit solcher Gebäude hinausgeht.

Dennoch wurde Blarney letztendlich nicht aufgrund heroischer Verteidigungsleistungen bekannt, sondern dank zweier Persönlichkeiten:
Königin Elisabeth I., 1533 bis 1603, regierend ab 1558, stellte an den damaligen Herrn von Blarney, Dermot McCarthy, das Ansinnen, sich zum Zeichen seiner Loyalität samt Schloss zu unterwerfen. Was Dermot natürlich sehr wenig freute.

Doch er fand eine für Iren ungewöhnliche Form des Widerstandes: Er beschwatzte und verwirrte die Abgesandten der Königin derart brillant, dass diese, als sie über ihre Mission Bericht erstatteten, zur Lachnummer des Hofes wurden. Auch weitere Versuche, Dermot McCarthy zur Herausgabe der Herrschaft über seine Trutzburg zu bewegen, scheiterten in gleicher Form. Elisabeth, der man selbst höchste Beredsamkeit zuschrieb (was man auch in den Shakespear'schen Darstellungen nachvollziehen kann), bezeichnete daraufhin das, was Ihre Unterhändler zu berichten wussten, als "more Blarney talk" und hatte damit auch Unsterbliches für die Wörterbücher getan:
Von da an stand die Bezeichnung "Blarney" für "Die Fähigkeit, mit schönen Worten und sanfter Sprache ohne jegliche Aggressivität zu beinflussen und zu schmeicheln."

So nett und überzeugend die königliche Wortschöpfung auch sein mag, sie war doch ein wenig zu nüchtern, um einen Mythos zu begründen. Folglich musste man einen Stein des Anstosses finden - und der lagerte im obersten Stockwerk von Blarney Castle, gleich unter den Zinnen.

Einer der Herren von Blarney (vermutlich nicht Dermot) soll eine alte Frau vor dem Ertrinken (oder Ertränktwerden) bewahrt haben. Als Dank dafür sprach sie einen Zauber aus: Er sollte einen Stein hoch oben an seinem Schloss küssen und dafür mit überzeugender Eloquenz gesegnet werden. Damit war die Sage des Blarney Stone geboren, begleitet von obenstehendem Poem und nicht nur Beredsamkeit sollte damit auf Blarney Castle einkehren, sondern Jahrhunderte später auch ein niemals versiegender Touristenstrom.

Es kann niemand so leicht sagen, wann und warum sich um das Küssen des Steines ein kompliziertes Zeremoniell entwickelt hat. Es gibt jedoch feste Regeln, wie der Stein zu küssen ist, damit er seine Wirkung entfalten kann: Bewerber um die Eloquenz haben sich, auf dem Rücken liegend, nach hinten zu beugen, den Kopf in den Nacken zu legen und in dieser Stellung den Kuss anzubringen.

In früheren Zeiten war das Ringen um Beredsamkeit mit Hilfe des Steines ein höchst gefährliches Unterfangen, denn man gelangte nur in Kussnähe, wenn man an den Fussknöcheln gehalten wurde und solcherart über dem 30 Meter tiefen Abgrund hing. Nach einigen Todesstürzen wurde die Lage entschärft und abgesichert, dennoch braucht man auch heute einen Helfer und muss die beschriebene Lage einnehmen. Beredsamkeit fällt einem eben doch nicht so leicht in den Schoß, nicht einmal auf Blarney Castle.

Wie zuträglich es für die Gesundheit ist, den Stein zu küssen, mögen Experten entscheiden, das gute Stück besteht aus leicht kohlehaltigem Kalkgestein. Und die prosaische Frage der Hygiene wollen wir bei einer solch netten Sage erst gar nicht berühren ...