Michaels Reisetagebuch: Leben und Arbeiten in Irland - Wo liegt 'An Lár'?

Wo liegt An Lár?

Hintergrundinformationen zur irischen Sprache

Ausländische Touristen, die in Dublin öffentliche Verkehrsmittel benutzen, wundern sich meist, wie viele Busse nach An Lár fahren. Dennoch spricht kein Mensch von diesem Ort, er ist nicht einmal auf einem Stadtplan verzeichnet. An Lár ist das irische Wort für Stadtzentrum. Und Irisch ist laut Verfassung von 1937 erste Landessprache; die englische Sprache wird als zweite offizielle Sprache anerkannt. Die Realität steht allerdings in krassem Gegensatz zu diesem Wunschdenken, auch wenn manche mit bewundernswertem Einsatz für den Erhalt der irischen Sprache eintreten.

Irisch gehört zu den keltischen Sprachen, die eine Untergruppe des Indogermanischen sind. Bis zum 16. Jahrhundert konnte sich Irisch relativ ungehindert entwickeln. Erst Heinrich VIII. und seine Nachfolger versuchten, ihre aufsässigen irischen Untertanen zu befrieden, indem sie ihnen englische Gesetze und die englische Sprache aufzwangen. Nach der grossen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts war es verboten, in der Schule irisch zu sprechen. Die Kinder mussten einen Holzstock um den Hals tragen, in den für jedes irische Wort, das sie sagten, eine Kerbe eingeritzt wurde. War am Ende der Woche eine bestimmte Anzahl Kerben überschritten, wurden die Eltern des Kindes mit Lohnabzügen bestraft.

Erst im Zuge der Unabhängigkeitsbewegung Ende des 19. Jahrhunderts begannen zaghafte Wiederbelebungsversuche. Nach der Gründung des irischen Freistaates 1922 nahm sich die neue Regierung der Förderung der Sprache an. Irisch wurde nun in den Schulen unterrichtet, und in den 30er Jahren wurden Gaeltachts, Gemeinden mit ausschließlich irischsprechender Bevölkerung, ins Leben gerufen. Zahlreiche Vergünstigungen sollen die Ansiedlung in den Gaeltachts schmackhaft machen. So gibt es Steuererleichterungen und Zuschüsse beim Hausbau. Bedingung ist, dass Irisch als Umgangssprache benutzt wird. Sogar in Dublin wurden Häuserkomplexe für irischsprechende Bewohner eingerichtet. Dennoch ist der Erfolg der Gaeltachts begrenzt.

Als Umgangssprache ist das irische Gälisch vor dem Aussterben kaum noch zu retten. Übrig bleiben werden die zweisprachigen Ortshinweise, die vor allem in den Gaeltachts Touristen oft vor Probleme stellen: Die Einheimischen übermalen häufig die englischen Ortsnamen oder drehen die Schilder in die falsche Richtung, so dass Ortsunkundige im Kreis herumirren. Überleben werden auch die irischen Toilettenbezeichnungen, die schon so manchen Touristen in eine peinliche Situation gebracht haben. Wer nämlich unter Zeitnot vor den Toilettentüren blitzschnell kombiniert, dass Fir Frau und Mna Mann heisst, geht unweigerlich durch die falsche Tür.