Das unvorstellbare Rot des Wüstenstaubs
Interessierte Pythons an den frühesten Rändern der Erde Westaustralien muss man schon sehen, um es zu begreifen
"Man - kann - es - sich - nicht - vorstellen!" Das sagen alle, die zu Hause von den Weiten und Wegen Australiens berichten. Als hätten die ungewohnten Dimensionen, hätte die Schwierigkeit, Anfangs- und Zielpunkte in diesem Land zusammenzudenken, den Gereisten die Erzählfähigkeit genommen. Man kann es sich nicht vorstellen.
Ein gutes Beispiel für das Problem, Entferntes in den richtigen Zusammenhang zu bringen, findet sich im Westen des Landes. An dem einen Punkt, im Süden, liegt die entspannte, unangestrengt wirkende Hauptstadt des westlichen Bundesstaates, Perth, in ihrer geräumigen, breitstraßigen Sauberkeit, mit weißem Kragen und einer nicht allzu spektakulären Skyline. Warm ist es hier, immer sonnig, aber luftig und nicht so heiß.
Auf der anderen Seite der Spanne, oben im Nordwesten, in der Region Pilbara südlich des Güterhafens Port Hedland, ist die Erde glühend, staubig, und die Luft brennt, bei meist über vierzig Grad. Es regnet nur alle Jubeljahre, dann aber flutartig, wie gerade erst vor einigen Tagen. Hier wird unter gnadenlosen Bedingungen das Eisenerz über Tage abgebaut, das die Erde hier dunkelrot, zuweilen fast schwarz färbt und den Westen Australiens reich gemacht hat. Dazwischen liegen rund 1.500 Kilometer, noch lange nicht die längste Strecke innerhalb dieses Bundesstaates.
Der Zusammenhang nun liegt darin, dass in den klimatisierten Büros und den Seafood- und Espresso-Bars von Perth die Leute sitzen, die neben den anderen Bodenschätzen der Region - Erdgas, Gold - die Eisenerzminen des Nordwestens verwalten. Sie arbeiten für die mächtigen Firmen BHP Iron Ore und Hamersley Iron Ltd, die manch einem Landstrich zum ersten Mal zu einer Infrastruktur und manch einem Arbeiter zu instabiler Gesundheit verhalfen. Den längsten und schwersten Zug der Welt, der das unverarbeitete Eisenerz zur Weiterfahrt nach Japan, China oder Europa zum nördlichen Hafen fährt, bekommen die Anzugträger von Perth (übrigens vermutlich die einzigen von ganz Westaustralien) kaum einmal zu sehen. Das ganze Arrangement ist so, als würden die ostdeutschen Braunkohlegebiete in Palermo oder Thessaloniki gemanagt. Doch an solche physischen Verschiebungen von Macht und Verantwortung hat man sich auf diesem Kontinent schon lange vor der Globalisierung gewöhnt.
Wer in den Westen Australiens fährt, was immer noch weit weniger sind als die Ostküsten-Touristen, der landet meistens in Perth. Die isolierte Millionenstadt -Singapur ist näher als die nächste australische Großstadt- ist auch ein wenig seltsam. Irgendwie nett und von höchster Lebensqualität, was Essen, Luft und die stadtnahen Strände angeht, denen der hierzulande kaum bekannte Robert Drewe mit seinem halbautobiografischen Roman "The Shark Net" ein wunderbares Denkmal gesetzt hat. Aber auch ein wenig langweilig. Von seiner Gelassenheit läßt sich Perth nicht sichtbar abbringen, auch wenn es unlängst Brüche der Idylle gegeben hat: Die meisten Opfer des Terroranschlags auf Bali kamen aus Perth.
Wenn man die Stadt nicht als Ausflugsbasis nutzt, hat man Perth, einschließlich des historischen Einwandererhafens Freemantle, nach etwa drei Tagen durch und sogar die Zeitverschiebung verarbeitet. Dann fährt man zum Inlandsairport, fliegt über Hunderte von Kilometern gut sichtbarer, aber schon vom Flugzeug aus zermürbend eintöniger Landschaft und steigt in Port Hedland aus.
Man muss kein Arbeiter oder Industrietourist sein, um sich dort freiwillig von der Hitze erschlagen zu lassen. Eigentlicher Grund für die Reise ist die -ja- unvorstellbare Natur im nahegelegenen Karijini-Nationalpark, der erst vor einigen Jahren von Hamersley National Park in den Aboriginal-Namen zurück benannt wurde. Geologen aus aller Welt reisen hier hin, um die Ergebnisse der Ur-Tektonik zu bestaunen. Zunächst denkt man sich allerdings: Lass die Geologen sein und alleine hier schwitzen.
Denn erst sieht man nur rote, vernarbte, spärlich bewachsene Erde, die einem die Füße verbrennt, wenn man zu lange auf ihr läuft. Da will man nur zurück in den klimatisierten Jeep, mit dem man entweder selbst fährt -Vorsicht, alle Warnungen hinsichtlich mitzuführender Trinkwassermengen sind berechtigt!- oder sich von einem Führer fahren lässt. Unsere Reise hat uns schwer für die Lösung mit dem Führer eingenommen, trafen wir doch in der Enge eines Berges auf eine etwa vier Meter lange olivfarbene Pythonschlange, eine Sorte, die es nur in Westaustralien gibt. Der Guide beruhigte uns: Obwohl sie recht hungrig sei, weswegen sie sich auch sehr für uns interessierte, verspeise die Schlange nichts Größeres als Wallabies, diese Mini-Kängurus, denen man ständig hier über den Weg läuft - dann zog er sie am Schwanzende von der Schar naturentfremdeter Europäer weg.
Doch nach der ersten Strecke, nachdem man sich fast schon an die Einöde gewöhnt hatte und der Faszination ihrer Farbveränderungen erlegen ist, versteht man, warum man eigentlich hierher gekommen ist. Der Karijini-Park ist von uralten Schluchten durchzogen, über deren Entstehung in der Vorzeit sich die Geologen den Kopf zerbrechen sollen, die aber in jedem Fall einer Offenbarung gleichkommen.
Man steigt rot bestäubt mit seinem Sonnenhut, seinem 30-plus-Sonnenschutz und seiner Sonnenbrille herab und ist plötzlich in einem kühlen Keil gelandet, in dem klares Wasser fließt, wilde Blumen wachsen und exotische Vögel oder fliegende Hunde vorbeikreischen. Oben war nichts, hier ist alles. Hier kann man in tiefen Gewässern baden die vom geschichteten Stein ringsum zum Pool gemacht wurden, einschließlich Massagestrahl von oben. Und man kann durch die Schluchten hindurch laufen, klettern oder schwimmen, je nach Wasserhöhe und Breite, denn an einigen Stellen öffnen sie sich breit und sind urwaldartig bewachsen, an anderen sind sie ganz schmal, und da trifft man dann eine große Schlange, wenn man Glück hat. Völlig ermattet dann "to camp", die Wanderschuhe aus, irgendein Lagerfeuerdosenessen rein, hoffentlich will jetzt niemand mehr als das Nötigste besprechen, und die Augen zu nach einem letzten Blick auf den Sternenhimmel. Das ist aller Mühen wert. Auch wenn man sich das nicht vorstellen kann.
Der riesige Park -ein Wort, das keine falschen Assoziationen wecken sollte- wird unmittelbar begrenzt von den gigantischen Bergbaugebieten, und die Mining Companies haben auch immer wieder versucht, den Nationalpark mit ihren Maschinen anzuknabbern.
Erst vor fünfzig Jahren, im November 1952, hat ein in Australien legendärer Industriemogul, Lang Hancock, das Eisenerz hier entdeckt und ist damit unbeschreiblich reich geworden. Trotz seiner Verdienste um den Wohlstand des Landes konnte man sich vor einigen Wochen nicht einigen, Hancock ein (ehernes) Denkmal in Perth zu errichten. Denn es war derselbe Hancock, der 1939 in Wittenoom, einem Ort ebenfalls am Rande des heutigen Nationalparks, den Betrieb eines Asbest-Abbaus aufnahm und der Ende der siebziger Jahre in einem Interview zu den asbestbedingten Todesfällen der Minenarbeiter sagte: "Einige Menschen müssen leiden, damit die Mehrheit vom Asbest profitieren kann."
Wittenoom gibt es noch immer, und es hat gute Chancen, in die Top Ten der trostlosesten Orte aufgenommen zu werden. Es ist auf jeden Fall eine Reise wert. Zu dem Reiz jeder verlassenen Gräberstadt kommt der Kick der Asbestgefahr. Natürlich wird diese von durchreisenden Naturmenschen heillos übertrieben - ein Stopp in Wittenoom ist wahrscheinlich weit weniger gefährlich als ein Besuch im Palast der Republik vor der Wiedervereinigung. Aber die Pro-Asbest-Einstellung der noch übrig gebliebenen dreißig Bewohner, in deren einst blühender Industriestadt die Straßen und Kinderspielplätze damals mit Asbeststaub aufgeschüttet wurden, kann auch nicht der Weisheit letzter Schluß sein. Sie verteilen Flugblätter, auf denen die Asbestgefahr mit Hilfe von aberwitzigen Statistiken als Regierungspropaganda abgetan wird. Und sie bieten in den wenigen in dieser Stadt stehen gebliebenen Schuppen äußerst günstige Ferienwohnungen an.
Hier, an der Grenze von Idylle und Industrie, muss man an die Aborigines denken, die unweit den Karijini-Park wieder mit verwalten dürfen. Und die in Tausenden von Jahren nicht auf die Idee gekommen sind, die rotbraunen Steine der Gegend planmäßig herauszuhacken oder die hellblau schimmernden Asbest-Fasern mit Spitzhacken und Fräsen zu bearbeiten. Die Unterschiede im Naturverständnis zwischen Ureinwohnern und Einwanderern werden ja gerne und oft romantisierend beschrieben, hier kann man sie mit Händen greifen.
Etwas verstört, erschöpft, zutiefst fasziniert und vor allem mit dem roten Staub in den Klamotten, der nie mehr raus geht, landet man wieder im hübschen Perth, wäscht sich in den hohen Wellen des Indischen Ozeans und glotzt fragend die Manager der Bergbaukonzerne an, die in ihrer Mittagspause Garnelensalat zu sich nehmen. Man kann es sich nicht vorstellen.
Westaustralien nennt sich selbst "der größte Staat der Welt" und dehnt sich auf einem Drittel des gesamten australischen Kontinents aus (mehr als 2,5 Millionen Quadratkilometer). Die Hauptstadt ist Perth - hat fast 1,4 Millionen Einwohner und wird von Deutschland aus zum Beispiel von Emirates angeflogen (mit Zwischenstopp in Dubai). Inlandsflüge nach Port Hedland bietet Qantas an. Wer nach Perth die australische Natur erleben möchte, reist in die Aborigines-Region The Pilbara (1.600 Kilometer nördlich) und besucht den Karijini-Nationalpark mit seinen beeindruckenden Canyons; Wanderschuhe sind ein Muss! Geführte Touren kann man in Reisebüros vor Ort oder bei "Design a Tour" buchen.
 |