Sanfte Träume, Zug um Zug
Schlafwagen in der Savanne: Ein ungewöhnliches Nachtquartier bei den australischen Undara Lava Tubes
Eine Reise im Schlafwagen - ein Vergnügen: Am Abend irgendwo losfahren, den müden Leib zwischen strammes Linnen betten und sich der Fahrt durch den langen Tunnel der Nacht überlassen. Ist so im Schlaf das Ziel erreicht, ist auch Zeit gewonnen. Aber nicht von der Hand zu weisen sind auch Unannehmlichkeiten solcher Reisen: Bei der Ankunft ist man meist wie gerädert. Wer mit dem Indian-Pacific den australischen Kontinent von Ost nach West durchquert (oder mit der Schmalspurbahn die Strecke von Brisbane nach Cairns zurückgelegt hat), weiss, was das heisst. Das Schienennetz ist, verglichen mit europäischen Standards, in einem erbärmlichen Zustand. Kommt als Störfaktor hinzu, dass die Züge immer wieder auf abgelegenen Bahnhöfen im Outback eine längere Rast einlegen. Nachdem man sich endlich an das Zuckeln und Rumpeln der Waggons gewöhnt hat und eingeschlafen ist, schreckt einen die überraschende Stille, weil unheimlich, gar bedrohlich, wieder auf.
Ungetrübte Erholung dagegen verspricht eine Nächtigung im Schlafwagen unweit der Undara Lava Tubes im Nordosten des fünften Kontinents. Mitten unter licht gruppierten Eukalyptus-Bäumen (Gum-Trees) ist ein gutes halbes Dutzend alter Eisenbahnwaggons geparkt. Nirgendwo sind Gleise auszumachen, die irgendwo hinführten - nur eine LKW-Route ging hier einmal vorbei. Auf der Höhe der Gulf Savannah, 275 Kilometer vom tropischen Cairns entfernt, ist für die Eisenbahnwaggons Endstation.Da bewegt sich gar nichts; auch die Zeit scheint stehen zu bleiben. Kein Rattern von Rädern auf ausgeschlagenen Schienen also, das den Schlaf störte. In der ungewohnten Stille mögen allenfalls die fremdartigen Geräusche nachtaktiver Tiere irritieren.
Die Wagen, um die vorletzte Jahrhundertwende in Dienst gestellt, wurden äusserst liebevoll restauriert. Im Inneren aber hat man sie einer aufwändigen Transformation unterzogen: die zu Liegestätten umwandelbaren Sitzreihen sind üppigen Bettstellen gewichen - eine Attraktion, nicht nur für Eisenbahnnostalgiker. Die Schlafgemächer sind nicht allzu gross - bei einem morgendlich frischen Schwung aus den Federn steht man fast schon draussen in der Natur. Dennoch, für zwei Personen ist ausreichend Platz und mit dem fliessenden Wasser in der Nasszelle bietet das Abteil Annehmlichkeiten, die in diesem völlig abgelegenen Landstrich nicht zu unterschätzen sind. Klimatisieren lassen sich die Schlafgemächer nicht, aber auf rund 800 Höhenmetern sinken bei klarem Himmel (hier ist er 300 Tage im Jahr weitestgehend wolkenlos) die Nachttemperaturen auf erträgliche Grade ab. Ideal sind demnach auch die Bedingungen für Camper auf dem unweit gelegenen Zeltplatz. Zentrum der Lodge ist ein leicht in die Landschaft eingefügter Bau mit Minishop für Selbstversorger und Open-Air-Restaurant. Das Frühstück kann in diesem Iron Pot Bistro eingenommen werden, wo auch zu den üblichen Zeiten recht ordentliche lokale Speisen angeboten werden. Aber romantischer ist das Frühstück am Picknickplatz (Ringers' Camp), der nach einem kleinen Spaziergang zu erreichen ist; in den ersten morgentlichen Stunden ist es noch angenhm kühl, die Sonne streift da noch ganz flach durch die Bäume und über die rotbraunen Felsen. Geboten wird bei diesem Frühstück im Felde alles, was von einer deftigen Outback-Aussie-Variante des English Breakfast erwartet werden kann: Über offenem Feuer gebratene Eier und Speck mit Baked Beans und mehligen Würsteln, Orangensaft, Cornflakes, heisser Tee oder starker Kaffee. Man sitzt an klobigen Tischen auf roh gezimmerten Bänken - und lauscht dem kecken Lachen des neugierigen Kukaburra: eine schöne Einstimmung für den etwas abenteuerlichen Ausflug zu den Undara Lava Tubes.
Diese unterirdischen Höhlengänge sind die touristische Attraktion dieser Gegend. Sie entstanden nach einem Vulkanausbruch vor 190.000 Jahren. Die heisse Lava frass sich in Tälern weit hinaus ins Land - in der Form der Tentakel eines Tintenfischs. Der Krater-Kegel ist heute noch von hier aus in gut 150 Kilometern Entfernung im weitestgehend flachen Land auszumachen. Das flüssige Gestein, das er damals ausspuckte, erstarrte schnell an der Oberfläche, während es darunter wie in einem Rohr weiter floss, bis es zu einem Rinnsal versiegte. Auf diese Weise bildeten sich die Hohlräume, deren vulkanische Wandungen durch die Erosion unter der sengenden Sonne nach Jahrtausenden teilweise einbrachen. Dadurch erst wurden die vulkanischen Systeme entdeckt; sie gehören zu den Naturwundern Australiens - einer der vielen touristischen Attraktionen down under.
Mit dem Geländewagen wird man von kundigen Führern in die Nähe dieser hochgewölbten Röhren gebracht; über Stock und Stein geht es hinab zu den von Bäumen und Büschen überwachsenen mächtigen Portalen. Angenehme Kühle herrscht in den Lava Tubes, die auch Heerscharen von Fledermäusen schätzen. Die Fahrt hierher hat etwas von einer Zeitreise - zurück in eine Epoche, als die Erde noch in Aufruhr war. Irgendwie tröstlich, dass man sich danach wieder in eine nostalgisch verklärte ruhige Zeit zurückziehen kann, in den Luxus eines wie vom Himmel gefallenen Eisenbahnwaggons.
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