Die transkontinentale Eisenbahn
Unterwegs mit dem Passagierzug »Ghan«: Nach 150 Jahren Planung verbindet jetzt eine Bahnstrecke den Norden mit dem Süden Australiens
Es ist ein sanftes Rattern, ein monotones Rütteln, das einen gleichzeitig einschläfert und wach hält. Der Geruch des gestärkten Leinentuchs dringt in die Nase. Ein Blick vom Kajütenbett zum Fenster. Hinter halb geschlossenen Lamellen rauscht im hellen Licht des Mondes eine gespenstisch wirkende Landschaft vorbei. Büsche und Bäume verschwimmen zu einer dunkelgrauen Masse, im Stakkato unterbrochen von mannshohen Termitenhügeln. Der »Ghan« ist auf seiner ersten Reise zurueck von Darwin nach Adelaide. Am Vortag hatte der mehr als ein Kilometer lange Zug in der nordaustralischen Hauptstadt einen Empfang, wie es sich für einen König gehört. Tausende jubelten. Kinder winkten, alte Männer weinten.
Fast 150 Jahre hat es gedauert, bis Darwin am 3. Februar 2004 an das australische Bahnetz angeschlossen wurde. So lange hatten Politiker und Wirtschaftsleute, Bahnenthusiasten und Bauunternehmer über die Möglichkeit palavert, diesen Aussenposten der Zivilisation auch mit der Schiene anzuschliessen an den unteren, besiedelten Teil des Kontinents. Darwin ist geografisch so isoliert wie kaum eine andere australische Stadt. Singapur liegt näher als Sydney. Bisher war Darwin ausser mit dem Flugzeug nur auf dem Stuart Highway zu erreichen. Und der war noch bis in die achtziger Jahre streckenweise mit Schotter bedeckt. Im Süden gab es schon lange Bahnlinien. Doch wer mit dem Zug von der südaustralischen Stadt Adelaide in den Norden wollte, prallte nach 1.559 Kilometern auf den Rammbock. Im zentralaustalischen Alice Springs endete die Linie 75 Jahre lang - nicht nur für Frachtzüge, sondern auch für den Passagierzug »Ghan«.
Mit Schlafen ist vorerst nichts. Obwohl die Schienen der neuen 1.420 Kilometer langen Strecke von Alice Springs nach Darwin übergangslos geschweisst sind, holpert der Zug etwas. Schlaflos in der Nobelkabine - lächerlich, wenn man an die Strapazen denkt, mit denen die Menschen konfrontiert waren, die dem »Ghan« ihren Namen gaben. Afghanische und pakistanische Kameltreiber wurden Mitte des 19. Jahrhunderts angeheuert, um das unwirtliche Inland des roten Kontinents zu erschliessen. Kamele waren damals das Rückgrat der Transportindustrie. Nur diese zähen Tiere konnten die Trockenheit und erbarmungslose Hitze des australischen Outbacks ertragen. Berichte aus jener Zeit sind durchsetzt mit Tragödien, mit Geschichten von weissen Entdeckern wie Robert O'Hara Burke und William Wills, die auf ihren Expeditionen ins Inland zerbrachen an der scheinbaren Endlosigkeit der australischen Wüste. Sie waren für die Reise in die unbarmherzige Natur ungenügend oder falsch ausgerüstet und sind jämmerlich verdurstet oder verhungert. Das Outback verzeiht keine Fehler.
Im Zug sitzen, an die Decke starren und Schäfchen zählen bringt nichts. Da steht man besser wieder auf. Selbst nachts um zwei ist der Barwagen zum Bersten voll. Ein Country-Sänger im Muskel-T-Shirt prügelt die Gitarre und betört mit rauchiger Stimme Gin-Tonic trinkende Zuhörerinnen. Die Situation wirkt surreal. Mitten im Nirgendwo der australischen Wüste geht im klimakontrollierten Wagen eine Party ab, während draussen Kängurus in Panik davonhüpfen.
Jos Enselaar, der spindeldürre Chefsteward mit dem toupierten blonden Schnurrbart, erzählt vom Mammutprogramm, eine Schiene von Alice Springs nach Darwin zu legen - 1.420 Kilometer lang. Nach fast 150 Jahren Planung, politischem Hin und Her und der Verwerfung unzähliger Projekte pumpte ein privates Konsortium mindestens 1,3 Milliarden australische Dollar in die Strecke. Darwin soll das Tor zu Asien werden, wünschen sich die Initiatoren. Sie wollen Güter auf der Schiene nach Norden transportieren und von dort in die benachbarten Länder Südostasiens. Experten fragen sich allerdings, ob Speditionsfirmen je in ausreichender Zahl zum Umladen auf die Schiene bereit sein werden. Einige Zyniker sehen in der neuen Strecke den grössten Infrastruktur-Flop der australischen Geschichte. Der Grossteil der Frachtcontainer wird wohl auch in Zukunft in den Häfen im Süden direkt auf Schiffe verladen. Trotzdem ist das Projekt ein Werk der Superlative: Zwei Millionen Bahnschwellen aus Beton wurden gelegt, jede mit Datumsstempel. Darauf kamen 145.000 Tonnen Stahlschienen. Rund 400 Arbeiter bauten im Akkord: 1,8 Kilometer Strecke schafften sie pro Tag in der glühenden Hitze der australischen Wüste.
Endlich ist es Morgen. Ein paar Stunden Zwischenstopp in Alice Springs, dem Herzen des roten Kontinents. »Alice« ist eine Oase mit Einkaufszentren, Kinos und Freibädern - eine angenehme Abwechslung. Wüstenlandschaften prägen die zwei Tage und Nächte dauernde Reise im »Ghan«, obwohl man durch eine Vielzahl unterschiedlicher Landschaften fährt. Darwin ist eine grüne, tropische Hafenstadt, mit dem weltberühmten Kakadu Nationalpark nur zwei Autostunden entfernt. Schon 100 Kilometer südlich aber verändert sich das Bild. Die Landschaft wird trockener, geprägt von Mugabäumen und Salzbusch. Je näher der Zug dem Zentrum des Kontinents kommt, desto röter wird die con Eisenoxid durchsetzte Erde. Nach Alice Springs, auf der Reise Richtung Grenze zum Bundesstaat Südaustralien, fährt der »Ghan« durch eines der isoliertesten Gebiete der Welt. Nur vereinzelt sind neben dem Gleis Zeichen der Zivilisation zu sehen. Ein Schild, Reste einer alten Wellblechhütte und immer wieder leere Flaschen Bier. Es ist über 40 Grad heiss in Alice Springs und die Entscheidung, früher als nötig zum Bahnhof zurück zu gehen, ist schnell gefällt. Die zwei wuchtigen roten Diesellokomotiven treiben auch stationär die Klimaanlage an. Der »Ghan« ist ein komfortabler Zug und besteht aus zwei Klassen. Passagiere in den »Red-Kangaroo«-Wagen haben Schlafsitze und können sich in Kantinenwagen Verpflegung kaufen. Mit etwa 250 Euro ist man dabei. »Die Sitze sind etwas zu hart für meine alten Knochen«, meint zwar der 80-jährige Stanley Bishop, und freut sich auf sein Bett zuhause in Adelaide. Keine derartigen Probleme hat man im »Gold Kangaroo«, der gehobenen Klasse. Im stattlichen Preis von rund 634 Euro eingeschlossen ist ein Kajütenbett in einer Kabine mit eigener Toilette und Dusche sowie alles Essen in einem noblen Speisewagen. Das Abendessen ist das Ereignis des Tages. Das Menu steht dem eines Spitzenrestaurants in Sydney oder Melbourne in nichts nach. Zwei junge schwitzende Köchinnen arbeiten in einer Küche, die kaum grösser ist als ein Signalhäuschen. Noch ein Bier an der Bar, und das war's dann. Die Schlaflosigkeit der ersten Nacht fordert am zweiten Abend ihren Tribut.
Am nächsten Morgen ist das Abenteuer der Durchquerung dieses atemberaubend schönen Kontinents vorbei. Bei Tagesanbruch wird der »Ghan« schon durch die ersten Dörfer und Städte vor Adelaide rollen. Vor dem Einschlafen ein letzter Blick durch die Lamellen des Kabinenfensters. Zwischen kniehohem Spinifexgras rennen im hellen Licht des Mondes zwei wilde Kamele mit dem »Ghan« um die Wette. Dann verschwinden die Tiere im Schatten des Zuges.
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