Staubsaugen in Sydney
Männer mit Frauen teilen mit Männern ohne Frauen: ein Akt von Großmut
Sydneys Geschichte klingt bravourös: 1788 trafen auf der Terra Australia die ersten 750 Schwerverbrecher ein. Per Schiff, aus London. Weil Englands Zuchthäuser platzten. Die englische Metropole galt als Hauptstadt der Galgen, zu Zeiten trug man einen tragbaren Balken mit Strick durch die Straßen, um Frischertappten standrechtlich das Genick zu brechen. Im Themse-Delta vegetierten Heerscharen in abgewrackten Schiffen, notdürftig umgerüstet zu schwimmenden Kerkern.
Während der 200-Jahr-Geburtstagsfeier lief ich dem 80-jährigen Len über den Weg, in Sydney. Er gehörte zu diesen Verrückten, die in Bibliotheken nach ihren Vorfahren stöberten. "I've got at least one convict in my family", gestand er erleichtert - mindestens ein Sträfling in der Familie!
"Tugend", bemerkte Billy Wilder einmal, "ist nicht fotogen". Von diesem Satz müssen die heutigen Bewohner der Stadt gehört haben. Denn hellste Freude brach immer dann aus, wenn sie einen Banditen in ihrem Stammbaum entdeckten. Und Trübsinn, wenn nichts anderes als sechs Generationen Biedermänner zum Vorschein kamen.
Len erzählte von Kriminellen, die sich lieber in England aufhängen ließen, als in ein Land verschleppt zu werden, das so unvorstellbar weit entfernt lag. Schon möglich, dass die Anwesenheit der Aborigines, der Ureinwohner, die härteste Herausforderung für die Neuankömmlinge darstellte. Len wußte ein hinreissendes Beispiel: Gleich zu Beginn kam es zu einer Begegnung der beiden Parteien. Mittels eindeutiger Handbewegungen fragten die Aborigines nach dem Geschlecht der Engländer, die bartlos waren und folglich nur Frauen sein konnten. Als einer der Häftlinge die Hose herunterließ, provozierte er ein erstauntes Raunen. Rasiert und doch Mann - welch Überraschung! Die Aborigines wandten den Kopf zur Seite und deuteten auf ihre Frauen, die splitternackt und durchaus interessiert in der Nähe standen: Help yourself!
Ein Akt von Großmut: Männer mit Frauen teilen mit Männern ohne Frauen. Aber der weiße Mann hat dieses Angebot nicht verstanden. Er kann nicht teilen, er will alles für sich. So musste er die Frauen vergewaltigen, die Männer töten, das Land rauben.
Als ich kürzlich wieder in Sydney landete, sah ich auf dem Weg in die Stadt einen Mann, der mit dem Staubsauger den Gehweg vor seinem Haus leerfegte. Auf dass kein Blatt den Beton versaue. Im selben Augenblick wäre ich gern ein Convict gewesen oder ein Aborigine. Auf dass mein Leben nie so ende: Mit dem Staubsauger auf der Jagd nach Grünzeug. Offensichtlich garantiert auch ein Halunke als Urgroßvater kein wildes Leben.
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