Gefiedertes Sydney
Die Wildnis beginnt vor der Haustür
Es ist ein böses Erwachen für Neuankömmlinge in Sydneys Stadtteil Glebe. Glebe liegt in unmittelbarer Nähe des Geschäftszentrums der Vier-Millionen-Metropole, verströmt aber mit seinen niederen Häuschen und niedlichen Gärtchen eher Kleinstadt-Charme. Doch wenn es frühmorgens dämmert, dann geht es los mit dem Stadtlärm. Kreischend und schreiend fällt ein Schwarm Corellas (eine Kakadu-Art) über Glebe her, auf der Suche nach einem Frühstück. Die Vögel kämen so regelmässig, dass man die Uhr nach ihnen richten und auf den Wecker verzichten könne, erzählte Karen Johnson, eine Einwohnerin von Glebe, unlängst dem Sydney Morning Herald. Und sie machte auch kein Geheimnis daraus, dass sie sich von diesem ungewöhnlichen Stadtlärm keineswegs gestört fühlt. Im Gegenteil, manchmal begibt sie sich auf den Balkon, um den lauten Gesellen zuzuschauen, wie sie sich ums Fressen streiten.
Glebe ist dabei keineswegs ein Einzelfall. Auch in zahlreichen anderen Stadtteilen Sydneys beginnt die Wildnis direkt vor der Haustür. Hähne hört man zwar keine krähen, doch wer im Revier eines Kookaburra-Pärchens wohnt, kann von Ruhestörungen in der Dämmerung ebenfalls sein Lied singen. Wenn nur die Kookaburras auch eines singen würden! Doch dieser äusserst hübsch anzuschauende, mittelgrosse Vogel, zu Deutsch "Lachender Hans" genannt, macht genau das, was sein Name sagt. Er fängt leise und fast gurgelnd an und steigert sich alsbald in eine solche Rage, dass man nicht umhin kann, als mit zu lachen - auch wenn es erst fünf Uhr morgens sein sollte. Die Kookaburras sind scheu und deshalb selten aus der Nähe zu sehen. Bisweilen lassen sie sich aber mit etwas Hackfleisch auf den Balkon locken. Mit ihrem respektablen Lärm sind sie auch das akustische Maskottchen der einzigen Schweizer Guggenmusik in Australien, die sich passenderweise "The Guggeburras" nennt.
Gar nicht scheu sind hingegen die Rainbow Lorikeets oder Regenbogen-Loris. Diese hübschen Papageien können gar zu ständigen Gästen auf dem Balkongeländer werden. Ihre Ankunft ist unüberhörbar, denn kaum sind sie gelandet, werden die Hausbewohner darauf aufmerksam gemacht, dass man nun das Apfelstück, die Melonenrinde oder eine Scheibe trockenen Toastbrots serviert zu bekommen erwarte. Reagieren die Angepfiffenen nicht stante pede, bemühen sich die kleinen Gäste bisweilen auch ans Fenster und schauen in die Küche, ob jemand zu Hause ist. Und sie sind unerschrocken. Wenn es sein muss, fressen sie auch von der Hand. Damit haben sie den Schnabel vorn, während der deutlich grössere Magpie, ein Vogel aus der Familie der Elstern, etwas weiter auf dem Baum sitzt, seinen melodisch-melancholischen Ruf von sich gibt und wartet, was für ihn abfällt, wenn die Papageien das Feld geräumt haben.
Geht es dem Abend zu, treffen sich die Lorikeets zu einem Schwatz im Quartier. In Epping, einem nordwestlichen Vorort Sydneys, sind beispielsweise einige Bäume beim Bahnhof und Einkaufszentrum der Treffpunkt - immer die gleichen. Dort wird so laut um die Wette gezwitschert und geschrien, dass die Pendler, die von der Arbeit kommen, beinahe ihr eigenes Wort nicht mehr verstehen.
Nicht alles, was fliegt, ist aber nur exotisch oder reizend. Davon können die Bewohner von Stadtteilen wie Newtown, Stanmore, Rockdale oder Kogarah ein Lied singen. Denn besagte Innenstadtquartiere befinden sich in den An- und Abflugschneisen des internationalen Flughafens Kingsford Smith, der quasi mitten in der Stadt liegt, wenn er auch auf der einen Seite ans Meer grenzt. Je nach Windverhältnissen kann über das Wasser oder muss eben über die Häuser gestartet und gelandet werden. Ist Letzteres der Fall, hört man nicht einmal mehr die Papageien, Kakadus und Kookaburras - was etwas heissen will.
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