Ausländische Studenten als Wirtschaftsfaktor:
Boomende Nachfrage nach Studienplätzen in Australien
Rund 230.000 ausländische Studenten haben im Jahr 2002 insgesamt mehr als 5 Milliarden AUS$ in die australische Wirtschaft gepumpt. Bildung ist damit zu einem Faktor von ähnlicher Bedeutung wie Wolle oder Weizen geworden. Das Wachstumspotential scheint bei weitem noch nicht ausgeschöpft, birgt aber auch Gefahren.
Bildung ist in den letzten zwanzig Jahren praktisch aus dem Nichts zu einem bedeutenden australischen Wirtschaftsbereich geworden: 2002 haben mehr als 233.000 ausländische Studenten und Schüler, die Universitäten, Fachhochschulen und Sprachschulen besuchten, 5,14 AUS$ in die Wirtschaft gebracht. Der Erlös ist mithin größer als derjenige aus dem Export von Wolle und nur wenig geringer als derjenige aus den Weizenausfuhren, zwei traditionell wichtigen Sektoren der australischen Exportwirtschaft. Rechnet man die knapp 2 Milliarden AUS$ hinzu, die im vergangenen Jahr Verwandte ausländischer Studenten bei Besuchen in Australien für Tourismusdienstleistungen ausgegeben haben, wird die Bedeutung des Bildungsbereichs noch akzentuiert. Bildung für Ausländer ist mittlerweile unter den Dienstleistungen der drittwichtigste Bereich und steht in der allgemeinen Ausfuhrstatistik auf dem achten Platz.
Glaubt man einer Studie der von 38 Universitäten gemeinsam betriebenen Agentur IDP Australia, die australische Studienplätze für Ausländer anbietet, ist das Wachstumspotential des Sektors noch längst nicht ausgeschöpft. Die Studie spricht davon, dass sich die Zahl der gegenwärtig rund 115.000 ausländischen Studierenden an australischen Universitäten bis ins Jahr 2020 auf über 800.000 ausweiten könnte. Laut der IDP-Studie sind 2002 von ausländischen Studenten rund 1,5 Milliarden AUS$ direkt in die Kassen der Universitäten geflossen. Damit sind dem finanziell nicht auf Rosen gebetteten Hochschulen willkommene Mittel zugekommen, die nach Schätzung von Experten die Schaffung oder Erhaltung von rund 43.000 Arbeitsplätzen ermöglicht haben. Dies ist von um so größerer Bedeutung, als es sich nicht nur um Arbeitsplätze in den großen Zentren, sondern auch in regionalen Universitäten handelt.
Nach den wichtigsten Herkunftsländern ausländischer Studenten aufgeschlüsselt, zeigt sich, dass die Nachfrage nach australischen Studienplätzen in der asiatisch-pazifischen Region am größten ist. Zugpferd war 2002 neuerlich China mit fast 27.000 Studenten (2001 waren es noch 15.000), vor Südkorea, Indien, Hongkong, Singapur und weiteren Ländern Südostasiens. China dürfte der größte Wachstumsmarkt sein, zumal ein unlängst abgeschlossener Vertrag über gigantische australische Flüssiggas-Lieferungen an China auch eine Klausel über Wissens- und Technologietransfer enthält. Billig sind die Studien nicht, je nach Fach belaufen sich allein schon die Gebühren pro Jahr auf 15.000 AUS$. bis knapp 30.000 AUS$. Daneben gilt es, auch noch den Lebensunterhalt zu bestreiten. Zwar haben ausländische Studenten eine beschränkte Arbeitserlaubnis, doch das Stellenangebot -vor allem in Bereichen wie Haushaltshilfe, Autowäsche, Reinigung usw.- ist unattraktiv, und die Stundenlöhne sind niedrig.
Die Wachstumsperspektiven eröffnen den australischen Schulen neue Möglichkeiten, bergen aber auch die Gefahr einer zunehmenden Abhängigkeit vom Geld ausländischer Studenten. Experten befürchten, dass im Konkurrenzkampf mit Universitäten in den USA, Großbritannien oder Kanada australische Bildungsinstitute kurzsichtige Zugeständnisse bei den akademischen Anforderungen machen könnten, um ihren Anteil an den Studentenzahlen halten zu können. Anzeichen in diese Richtung hat die Australian Society of Economists laut einem Medienbericht bereits aufgemacht. Ausländische Studenten würden bisweilen ohne die notwendigen Englischkenntnisse aufgenommen, was sich notwendigerweise auf die Qualität der Studiengänge, etwa bei den äußerst stark nachgefragten MBA-Programmen, niederschlage. Sei aber Australien einmal in den Ruf einer zweifelhaften akademischen Qualität beim Studienangebot gelangt, und kopple sich dies allenfalls noch mit einem weiteren komparativen Nachteil wie etwa einer starken Landeswährung, sei der Schaden so schnell nicht wieder zu beheben.
Sollte es indessen den hiesigen Bildungsinstituten gelingen, sich dauerhaft Stücke vom Wachstumskuchen abzuschneiden, lauert laut Fachleuten die Gefahr anderswo: in einer allzu schnellen Zunahme der Zahl ausländischer Studenten. Durch ihre im Vergleich mit den USA oder Großbritannien dünnere Basis an inländischen Studenten müssten australische Bildungsinstitute nämlich in einem solchen Fall größere Strukturanpassungen vornehmen und seien damit anfälliger auf die Auswirkungen späterer Fluktuationen der Zahl ausländischer Studierender.
Bemerkenswert ist die Tatsache, dass der Erfolg im Bildungswesen weitgehend ohne das Zutun des Staates erreicht worden ist. Inzwischen hat der Sektor aber eine derartige Größe und Bedeutung erlangt, dass auch die Föderalregierung ein Wort mitreden will. Ein Kommentator der Australian Financial Review äußerte in diesem Zusammenhang die Befürchtung, dass sich die staatliche Bürokratie zu grob des Feldes bemächtigen könnte. Aus dem Kreis der Bildungsinstitute selbst kommen unterschiedliche Wortmeldungen. Auf der einen Seite wird beklagt, dass das Bildungswesen trotz seiner inzwischen erlangten Bedeutung im Vergleich mit Landwirtschaft, Tourismus oder der Rohstoffindustrie punkto Förderung stiefmütterlich behandelt werde. Auf der anderen Seite sind bereits Beschwerden geäußert worden, dass staatliche Stellen, statt komplementär zu wirken, der Universitäten-Agentur IDP Konkurrenz zu machen versuchten.
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