Singapur ist Europäern vor allem bekannt als Zwischenstation auf dem Weg nach Bali oder Australien. Doch dieser südostasiatische Stadtstaat ist auch für sich allein eine Reise wert. Bereits beim Landeanflug bietet sich ein phantastischer Ausblick auf die zwar urbanisierte, aber in weiten Teilen auch dschungelartig überwucherte Region, die im Westen an den Indischen Ozean und im Osten an das Südchinesische Meer grenzt. Schemenhaft sind durch den Morgendunst zahlreiche, noch hell erleuchtete Schiffe zu erkennen. Da Singapur den weltgrößten Handelshafen besitzt, sind die Küstenbereiche stets von riesigen Containerschiffen übersät.
"Singapore is a very clean and safe country", beginnt unser malaiischer Shuttle-Fahrer Henry voller Stolz die Konversation, während er die Gäste in Richtung Innenstadt kutschiert. Er führt seinen freundlichen Small Talk in bestem Singlish, einer grotesken Mischung aus Englisch und dem chinesischen Dialekt Hokkien. All seine oft schwer verständlichen Kommentare fassen aber letztendlich eine Aussage zusammen: Singapur ist einfach wunderbar.
Zwanzig Minuten dauert die Fahrt vom Flughafen bis ins Zentrum.- vorbei an den großen Hotels und palmengesäumten Alleen. Überall grünt und blüht die tropische Vegetation. So perfekt, dass der Wunsch entsteht, eine der Pflanzen zu berühren, um sie auf ihre Echtheit zu überprüfen.
Genauso makellos wie die Natur erscheint einem auch die Skyline von Singapur. Dicht an dicht stehen die verglasten und verchromten Wolkenkratzer. Die Stadt wird ihrem Ruf als Boomtown bei dieser Perspektive vollkommen gerecht.
Zwischen den Betonbauten befinden sich noch kleine, alte Tempel. 70 Prozent der Bevölkerung hat chinesische Wurzeln und ist dem Buddhismus oder dem Taoismus verbunden. Der Rest bekennt sich zum Hinduismus oder dem Islam, eine kleine Minderheit auch zum Christentum. Das Schöne: Alle ethnischen Gruppen Singapurs leben dicht beieinander und scheinen sich zu tolerieren.
So arbeiten in Chinatown, das früher ein rein chinesisches Viertel war, mittlerweile zahlreiche indische Handwerker. Hier steht auch der älteste hinduistische Tempel der Metropole: der Sri Mariamman-Tempel, der im 19. Jahrhundert von indischen Sträflingen und Handwerkern erbaut wurde. In den überfüllten Straßen halten Kaufleute in vielen kleinen Läden exotische, kuriose und kitschige Waren für ihre Kunden bereit.
Ein buntes Markttreiben herrscht im Bezirk Little India: Es duftet nach der frischgemahlenen Ware der Gewürzhändler, dazwischen verbreiten indische Restaurants und häusliche Küchen ihre unverwechselbaren Gerüche. Frauen in farbenprächtigen Saris gehen ihren Einkäufen nach, und ganze Familien machen Ausflüge ins Kaufhaus Mustafa, das rund um die Uhr geöffnet hat. Neben hinduistischen Gebetshäusern steht in diesem Bezirk aber auch ein buddhistischer Tempel, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts von einem thailändischen Mönch errichtet wurde: der "Tempel der 1.000 Lichter". Sein 15 Meter hoher, sitzender Buddha erstrahlt im Licht von unzähligen Glühbirnen.
Nur wenige Straßen weiter beginnt das arabische Viertel mit seiner goldenen Sultan-Moschee. Bis heute herrscht hier ein Treiben wie auf einem Basar, wo man beim Kauf öfter auch mal um den Preis feilschen muß. All diese Bezirke sind letztlich nur einen Steinwurf vom modernen Finanzdistrikt und den großen Shopping-Malls entfernt. Doch ganz selbstverständlich scheint Singapur diese extremen Unterschiede zu meistern.
Am Tag wirken die Wolkenkratzer der Innenstadt, deren Silhouette durchaus an New York erinnert, kalt und fast ein wenig erschreckend in ihrer monumentalen Präsens. Am Abend entfalten sie aber durch die Beleuchtung eine ganz eigene Ästhetik. Faszinierend ist es, sich in der Dunkelheit in einem der bumboats -das sind niedrig im Wasser liegende Holzboote, die früher Waren vom Hafen zu den Lagerhäusern transportierten- über den Singapore River fahren zu lassen. Der Kontrast zwischen den futuristischen Glas- und Stahlpalästen am Ufer des Flusses und den alten Kähnen mit den am Bug aufgemahlten Augen und ihren knatternden Motoren ist spektakulär.
Wei Kei, ein alter chinesischer Seemann, der mit zerfurchtem Gesicht ganz hinten in der dunkelsten Ecke seines morschen bumboats sitzt, schippert täglich seine Gäste vom Boat Quai gemächlich bis zur Flußmündung. Schweigsam und scheinbar unbeteiligt verrichtet er seinen Dienst. Nur manchmal beobachtet Wei Kei verstohlen und ein wenig irritiert die begeistert fotografierenden Touristen. Ab und zu gleitet dann sein Blick vorsichtig hoch an den glitzernden Fassaden der Wolkenkratzer, die ihm eigentlich ganz vertraut sein müßten, aber offensichtlich dennoch fremd geblieben sind. Wei Kei und sein knarrendes bumboat scheinen Relikte eines mehr und mehr verschwindenden Singapurs zu sein.
Dort, wo der Singapore River in einen Naturhafen mündet, leuchtet das Wahrzeichen der Metropole: der mit glühenden Augen Wasser speiende Merlion. Die weiße, fast neun Meter hohe Statue geht auf ein Logo für das Singapore Tourism Board (STB) zurück, das später in Zement gegossen wurde und heute Jahr für Jahr Millionen Besucher anzieht. Der riesige Fisch mit Löwenkopf soll an die Ursprünge der Stadt erinnern. Denn einst war Singapur nur als das Fischerdorf Temasek bekannt, was etwa "am Meer" bedeutete.
Im elften Jahrhundert entdeckte der Legende nach dann Prinz Sang Nila Utama aus Sumatra die Insel wieder. Als er zum ersten mal an den Stränden dort landete, sah er ein mysteriöses Wesen davonhuschen - von dem er erst später erfuhr, dass es ein Löwe war. Der Prinz entschied, den Ort Singapura zu nennen, was soviel wie "Löwenstadt" bedeutete.
Die Gratwanderung zwischen Moderne und Tradition setzt sich bei weiteren Entdeckungsfahrten durch Singapur fort. Stilvoll und herrschaftlich sind noch viele Gebäude aus der Zeit der britischen Kolonialherrschaft, die 1963 zu Ende ging. Wie zum Beispiel das Raffles Hotel: 1887 erbaut, gilt es bis heute als Unterkunft von Königen und Kaisern. Schrill und kommerziell präsentieren sich dagegen die Einkaufszentren entlang der Orchard Road. Knapp ein Dutzend Shopping-Malls haben täglich bis zehn Uhr abends geöffnet. Am imposantesten ist Ngee Ann City, ein riesiges Einkaufszentrum aus rotem Marmor. Hier sind alle weltweit bekannten Luxusmarken vertreten - auch das berühmte japanische Kaufhaus Takashimaya. Bis in die Nacht ist die Orchard Road mit kaufkräftigen Kunden bevölkert. Junge Frauen hetzen auf waghalsig hohen Stilettos unermüdlich von einem Geschäft zum nächsten und schwenken anschließend stolz ihre Tüten wie Trophäen.
Erschöpft vom ständigen Menschengewirr und dem permanenten Anblick von Stahl, Glas und Beton kann sich der Besucher auf Sentosa erholen. Die kleine vorgelagerte Insel ist mit Singapur durch eine Brücke verbunden und liegt etwa 20 Autominuten vom Zentrum entfernt. Sentosa ist ein vom Menschen konzipiertes und gestaltetes tropisches Paradies, wo es nur wenige Hotels gibt, die am Strand liegen. Die Insel ist ein beliebtes Ausflugsziel für die Einheimischen. Zu den Attraktionen dort gehören das unterirdische Aquarium Underwater World und der Nature Walk - ein Naturpfad durch den tropischen Regenwald. Lohnenswert ist auch eine Fahrt mit der Seilbahn von Sentosa zum Mount Faber, einem etwa 100 Meter hohen Berg auf der Hauptinsel, und zurück. Die Fahrt dauert eine Viertelstunde und bietet einen tollen Blick über das Meer, auf den geschäftigen Hafen mit seinen Frachtern und großen Kreuzfahrtschiffen und auf den äquatorialen Regenwald, der einmal Singapur vollständig bedeckte. Bei guter Sicht schimmern in der Ferne sogar kleine Inseln, die bereits zu Indonesien gehören.
Aber Singapur wäre nicht Singapur, wenn nicht auch der Seilbahnbetrieb seinen Gästen neben dem herrlichen Panorama zusätzlich einen besonderen Service anzubieten hätte. So ist es möglich, das sogenannte Sky Dining zu buchen: Während der Fahrt wird dann ein kleiner Imbiß mit einem Glas Sekt gereicht.
Singapur, die Insel an der Südspitze der malaiischen Halbinsel, bleibt eine Stadt der erstaunlichen Gegensätze: Es sind nur einige Schritte vom hochmodernen Bürogebäude bis zum Jahrhunderte alten Tempel - und genau darin liegt der ganz besondere Reiz.
Einreise: Für Singapur ist kein Visum erforderlich. Deutsche erhalten bei Einreise am Flughafen eine Aufenthaltsgenehmigung von 30 Tagen.
Gesundheit: Denguefieber, eine von Moskitos übertragene fieberhafte Viruserkrankung, kommt in Singapur wie auch im übrigen Südostasien häufig vor. Sie wird das ganze Jahr übertragen - verstärkt während der regenreichen Monate.
Reisezeit: Singapur ist ein Ziel für das ganze Jahr. Die Temperaturen liegen durchschnittlich bei 25 bis 32 Grad. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch. Von November bis Januar fällt der meiste Regen.
Währung: Die Landeswährung ist der Singapore-Dollar. Kreditkarten werden in Hotels und Geschäften akzeptiert. Wer mit Bargeld oder Travellerschecks reist, erhält die besten Kurse in den Wechselstuben mit dem Zeichen Authorized Money Changer. Im Hotel sollte nicht getauscht werden - dort gibt es meist schlechte Kurse.