Schöner leben im Zitat
Multikulturell, erfolgreich, global: Singapur ist von der Architektur bis zur Musik ein postmodernes Gesamtkunstwerk
Wie überdimensionierte Insektenaugen blitzen die zwei flachgewölbten, silbrig schimmernden Facettendächer des Kulturzentrums ğEsplanadeĞ zwischen Raffles Avenue und Quay an der Mündung des Singapore River aus der Hochhauskulisse des Bankenviertels hervor. Davor nimmt eine grosse Baustelle Teile eines Parks in Besitz. Hier entsteht die neue Bibliothek. Es soll die grösste Südostasiens werden. Morgens, wenn sich die riesigen Baukräne inmitten der Stadtkulisse zu bewegen beginnen, begreift man die Geräte als die wahren Beweger der Stadt. Singapur befindet sich seit Jahren im Zustand fieberhafter Erneuerung. Das ğAlteĞ aus der ohnehin jungen Geschichte des Stadtstaates lebt im modernen Singapur nur als Zitat fort. Das gilt für repräsentative Gebäude der Kolonialzeit wie die erhalten gebliebenen Sakralbauten der verschiedenen Religionen, Tempel, Pagoden, Moscheen und Kirchen und selbst die niedrigen farbanefrohen Häuserzeilen der Villages einzelner Ethnien, Little India, Chinatown, Arab Street, aus denen sich der Vielvölkerstaat entwickelte. Strassennamen sind letzte Zeugen von etwas Verschwundenem.
In den zurückliegenden Jahrzehnten wurden nicht nur die ehemaligen Slums abgerissen und durch uniforme Wohnsilos ersetzt - Wohntürme, die ihre Individualität nur durch die bunte Wäsche erhalten, die an langen Stangen aus den Fenstern flattert. Auch die älteren kolonialzeitlichen Stadtviertel mit ihren zwei- bis dreigeschossigen Häusern mussten höherer Bebauung weichen. Ganze Strassenzüge wie die Orchard Road, die einst, wie ihr Name besagt, durch Obstgärten führte, besteht heute nur noch aus Shopping Malls in klimatisierten Gebäudekomplexen, die bis spät abends und teilweise selbst die ganze Nacht über geöffnet bleiben. Die Beach Road, an der das traditiopnsreiche Raffles Hotel liegt, ist weit vom Meer abgerückt. Ihr vorgelagert ist jetzt das durch grosse Aufschüttungen entstandene Viertel mit den Hochhäusern. Selbst der Singapore River, einstmals mit Handelsniederlassungen an seinen Ufern eine Hauptverkehrsader, verlor seine Bestimmung völlig. Heute verkehren auf ihm nur kleine Touristenschiffe. Vom alten Singapur, so beklagen Schriftsteller, die hier aufwuchsen und alle Veränderungen wie Operationen am eigenen Leibe miterlebt haben, sei nur der Botanische Garten geblieben. In angrenzenden Wohngebieten zeigt sich allerdings, dass doch noch ein bisschen mehr erhalten ist. Die dort versteckt in Gärten liegenden Villen tragen nicht die Handschrift einer Retortenstadt.
Und was ist mit Little India, Chinatown, Arab Street? Sie sind so künstlich wie der Rest der Stadt. Diese ohnehin nur aus zwei oder drei Strassenzügen bestehenden Geschäftsviertel mitten in der City wirken nach ihrer Restaurierung so adrett, dass man sie als Potemkinsche Dörfer wahrnimmt. Sie bestehen aus jeweils zweigeschossigen kleinen Reihenhäusern mit Fassaden in leuchtend buntem Anstrich, die jeweils auf der ersten Etage mit Pilastern, Rundbogenfenstern, Ornamentfriesen und Simsen durchgehend rhythmisch gegliedert sind. Selbst das Masswerk der Klappläden und der sich nach aussen öffnenden hohen schmalen Fenster mit den Balustradengeländern ist schablonenhaft in jeweils zwei Farben gestrichen. Wären im Erdgeschoss dieser Häuserzeilen nicht Geschäfte, Lokale, Märkte, Teestuben, Cafes, würde hier nicht wie eh und je Handel mit Gewürzen, Tee, Stoffen, Obst, Gemüse betrieben, blieben sie reine Theaterkulisse.
Die neue Architektur Singapurs, das, was das Stadtbild der City ausmacht, ist durch eine Vorstellung der Moderne geprägt, die nicht einer revolutionären Ästhetik, einem puristischen Stil gilt, sondern einer Postmoderne. Und diese orientiert sich an Superlativen ganz anderer Art. Alles hat im Vergleich zu den umliegenden Ländern im södostasiatischen Raum grösser, effizienter, perfekter zu sein. Wirtschaftliche Faktoren setzen die Massstäbe, es ist der rasante Aufschwung, den der Inselstaat als internationaler Handelsplatz seit vier Jahrzehnten nimmt.
Dank seiner besonderen geografischen Lage begann mit dem Handel auch die kurze Geschichte Singapurs mit dem Jahr 1819, als der Engländer Sir Thomas Stamford Raffles auf diesem kaum besiedelten Eiland eine Handelsniederlassung der britischen Ostindischen Kompanie errichtete. Fünf Jahre später kaufte er die Insel von ihrem Besitzer, einem Sultan.
Die postmoderne Bauweise nimmt in Teilen schon dort ihren Anfang. Der Handel brachte den Vielvölkerstaat hervor, die Pluralität der Kulturen, Klima und Vegetation taten ihr übriges dazu. Singapur liegt fast am Äquator. Es ist ein Inselstaat in den Tropen mit feuchtheissem Klima, mit Regenwäldern und einer üppigen Flora. Darin gedeiht kein puristischer Stil, kein Minimalismus. Schon die Gebäude, die mit der frühen wirtschaftlichen Blüte Singapurs entstanden, präsentierten eine Bauweise, in der sich die Stile mischten. Nicht selten waren sie auch eine Kopie des Alten, mit dem sich etwa die Kolonialherren ein Stück Europa in Südostasien schufen. Oder es waren Rekonstruktionen in seltsamen Mischformen, wie sie Immigranten aus asiatischen Ländern hervorbrachten, Pseudostile, die sich heute wie Versatzelemente in die Pluralität einer Postmodernität einfügen. Aus ihrer ursprünglichen Umgebung isoliert und vor den spiegelnden Hochhausfassaden ihrer einstigen Grösse beraubt, erscheinen diese vorbildlich restaurierten National Monuments jetzt wie Kinderspielzeug.
So wirkt etwa aus der Vogelperspektive der Hotellounge der in der Ferne weiss hervorleuchtende spitze Glockenturm der St Andrew's Cathedral, eine anglikanische Kathedrale aus der Mitte des 19. Jahrhunderts im Stil des 12. Jahrhunderts. Auch die zwei kleinen historischen Kirchen sehen von dieser Stelle mit ihren Türmen in frontaler Portalansicht wie Schablonen vor einer fremden Kulisse aus. Diesen Zitatcharakter hat auch die Sultan-Moschee, das Wahrzeichen der Muslime in Singapur, ein märchenhaft wirkender Kultbau mit strahlend goldener Kuppel und Minarett aus den zwanziger Jahren. In seiner Vermischung verschiedener Stilelemente aus Maurischem, Persischem, Türkischem wirkt er wie eine Phantasie aus 1001 Nacht.
Die Stadtansicht des modernen Singapur überrascht immer wieder mit solchen Relikten der Vergangenheit, Gebäuden, die aus ihrer ursprünglichen Umgebung isoliert sind. Eines der kuriosesten Beispiele ist das grosse Eckhaus mit den unzählig vielen Fenstern an der River Valley Road/Hill Street. Angeblich hat es 911 Fenster - eine Zahl, die nach dem 11. September keiner mehr gerne wahrnimmt -, deren Klappläden im Zuge der Restaurierung rhythmisch im Spektrum von Rot bis Violett gestrichen sind. Ehemals war das Gebäude Polizeistation, nach seiner Restaurierung im Jahre 2000 wurde es Sitz des Ministeriums für ğInformation, Kommunikation und die KünsteĞ.
In Singapur findet sich der Besucher schnell zurecht. Kurze Distanzen kann man zu Fuss zurücklegen, aber nur frühmorgens und abends. Mittags lähmt die drückende feuchte Hitze jede körperliche Betätigung. Darüber hinaus gibt es ein vorzüglich funktionierendes Verkehrsnetz, das man bargeldlos und ohne Fahrschein mit einer speziellen Kreditkarte benutzt. Sie funktioniert elektronisch über das blosse Berühren eines Tastfeldes beim Ein- und Aussteigen. Viele Buslinien und die seit 1987 existierende hochmoderne U-Bahn, mit der man schnell grössere Strecken zurücklegen kann, verbinden alle Stadtviertel miteinander.
Der Stolz der Stadt aber ist das neue Esplanade direkt an der Bucht, ein Komplex mit zwei Gebäuden, der vor knapp zwei Jahren eröffnet worden war. Er enthält ausser einer Konzerthalle mit bester Akustik, ein Theater mit 2.000 Plätzen und weitere kleinere Studiobühnen. Nicht weit davon entfernt liegen der in den ausgehenden dreissiger Jahren entstandene Oberste Gerichtshof, ein pompöses Gebäude, der letzte öffentliche Bau Singapurs im Stil des Klassizismus, und die City Hall. Hier erklärten am 12. September 1945 die Japaner ihre Kapitulation. Zwanzig Jahre später, 1965, proklamierte Lee Kuan Yew hier die Unabhängigkeit Singapurs.
Singapur gilt als die sauberste Stadt in Asien. Das betrifft nicht nur die Strassen und öffentliche Einrichtungen, sondern auch ihre Luft. Der Stadtstaat hat wenig Verkehrsaufkommen. Autos sind nicht nur teuer, es bedarf auch einer Lizenz, die sich nur wenige leisten können. Die Fahrt vom Flughafen in die Stadt führt kilometerlang durch gepflegte Parkanlagen, deren exemplarische Vielfalt tropischer Vegetation ein Defilee der Botanik darstellt. Aber es ist noch mehr als das: Die kerzengerade geführte Allee mit den sich rhythmisch in mehreren Reihen säumenden Palmen erscheint wie eine Parade grün uniformierter Soldaten. Man betritt eine Musterinsel, auf der Disziplin und Gehorsam sichtlich eingefordert werden. Singapur ist vorbildhaft in seinem Perfektionismus. Das Sozialwesen gilt als das beste in ganz Asien. Es gibt keine Bettler (Betteln ist verboten), keine Taschendiebe (ihnen drohen hohe Strafen), keine Slums an den Rändern der Stadt, keine ausgehungerten und keine übergewichtigen Kinder (dicke Kinder müssen zusätzlich Sport treiben). Diese Mustergültigkeit hat ihren Preis. Er liegt in einem autoritären System. Es gibt viele Verbote, Restriktionen, Zensur und Tabus, Dinge, die nicht öffentlich diskutiert werden, Politik etwa, Religion oder Sexualität. Das erachtet der Staat als Privatsache.
Das seit Ende der achtziger Jahre existierende Singapore Arts Festival übernimmt in diesem wichtigen Umfeld der splendid isolation eine wichtige Rolle. Den Künsten fallen Ventilfunktionen zu für das, was ins Private abgedrängt ist, was nicht öffentlich diskutiert wird, worüber man schweigt. Gerade diese Themen standen beim Festival dieses Sommers sichtlich im Fokus. Ausser dem Film, der seine eigenen Veranstaltungen hat, umfasst es alle Sparten von Musik und Tanz, Theater, Bildende Kunst bis zur Performance. Multikulturelles und Multimediales prägten das Bild der auf mehrere Orte verteilten Veranstaltung, vom ihen offiziellen Institutionen im Zentrum bis zu kleinen Off-Bühnen und den Inszinierungen unter freiem Himmel an den Rändern der Stadt. In einem Park führten junge Schauspieltruppen aus Singapur Märchen für Kinder auf, überraschenderweise Hänsel und Gretel, Schneewittchen und Aschenputtel. Mehr denn je ist Singapur in diesen Wochen global village. Zusammen mit Künstlern aus Singapur, Japan und Australien war das Stück Sandakan Threnody des Singapurers Ong Keng Sen entstanden, das hier seine Weltpremiere hatte, einer der zentralen Beiträge, die politische Themen anschnitten.
Der Stoff ist eine Aufarbeitung von Kriegsverbrechen aus dem Zweiten Weltkrieg, der in diesem Teil der Welt seine Schauplätze im Stillen Ozean, in Asien und hier in diesem Bühnenstück speziell in der Hafenstadt Sandakan Sabahs auf Borneo hat. Sandakan war im Zweiten Weltkrieg Hauptquartier der japanischen Besatzungsarmee mit einem berüchtigten Kriegsgefangenencamp, das nur wenige überlebten. Zweitausend australische Gefangene starben im Dschungel Borneos auf einem zweihundertsechzig Kilometer langen Todesmarsch, zu dem sie von den Japanern gezwungen worden waren.
Der Stadtstaat Singapur unternimmt mit dem Arts Festival grosse Anstrengungen, Brücken zu den Kulturen anderer Länder zu schlagen. Aber es fehlen offensichtlich noch die Pfade in die eigene Gesellschaft. Das Festival findet unter den Einwohnern Singapurs nicht den Zuspruch, den es brauchte, um die neuen grossen Säle zu füllen. Gastspiele und Gastkonzerte, vor allem, wenn sie nicht aus Asien kommen, haben es schwer, ein Publikum zu finden.
Die City of Singapore wirkt wie eine Retortenstadt, sie ist eine Metropole ohne historischen Kern. Doch gerade an ihrer Architektur werden Anspruch und Kulturpluralismus am deutlichsten sichtbar. In den neuen Gebäuden drückt sich die internationale Bedeutung des Wirtschaftsstandorts aus, mitunter auch dessen Hybris. In Singapur leben Menschen aus Malaysia, China, Indien, die ihre Identität weniger in den individuellen Wurzeln bei ihren Vorfahren finden als in der Zugehörigkeit zu diesem Stadtstaat Singapur, in dem jeder Schüler vier Sprachen lernt: Malaiisch, Chinesisch, Tamil und Englisch. Ihre Nationalität liegt im Wohnort. Sie sind Singapurer, und darauf sind sie stolz.
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