Michaels Reisetagebuch: Singapur-Australien - Singapur macht Bildung zu einer Säule seiner Wirtschaft

Singapur macht Bildung zu einer Säule seiner Wirtschaft

Internationale Spitzenuniversitäten kommen Schlag auf Schlag - Studenten bringen Geld und einen guten Ruf

In Singapurs Zentrum wächst ein Symbol für die künftige Ausrichtung der Wirtschaftsmetropole heran: Mitten auf demn "Padang", dem traditionellen Versammlungsplatz schon unter britischer Kolonialherrschaft, entsteht in Rekordzeit der Neubau der Singapore Management University (SMU). Angesichts stagnierender Produktion sucht der südostasiatische Inselstaat nach neuen Einkommensquellen. Eine davon sollen Bildung und Hochschulen sein.

1995 hatte die Regierung das Konzept verabschiedet, Singapur in ein "Boston des Ostens" zu verwandeln, und spielte damit auf die Wissenschaftsmetropole an der amerikanischen Ostküste an. Nun ist die Rede davon, Singapur in ein "globales Schulhaus" zu verwandeln. Wie immer die Strategiepapiere auch getauft werden, sie beginnen, eine Rendite abzuwerfen. Im vergangenen Jahr studierten 60.000 Hochschüler aus dem Ausland in der Metropole mit ihren vier Millionen Einwohnern. Im Jahre 2012 will die Stadt 150.000 internationale Studenten zählen. Hinzu sollten dann 100.000 Manager kommen, die in Singapur eine Weiterbildung -etwa ein MBA-Aufbaustudium- belegen.

Das Ziel, zehn Weltklasseuniversitäten bis zum Jahr 2008 auf der Insel am Äquator anzusiedeln, wurde schon im vergangenen Jahr erreicht. Darunter sind die amerikanische Johns Hopkins University, das französische Insead, das Massachusetts Institute of Technology (MIT) sowie die Universitäten Wharton und Stanford.

Aus Deutschland ist die Technische Universität (TUM) vor Ort, die nach schwierigen Anfangsjahren nun Singapur sogar als Sprungbrett ins umliegende asiatische Ausland nutzen will. Die Hürden, die sie vor der Ansiedlung überwinden musste, lagen weniger in Singapur als in Deutschland. Mit Geschick mussten die Münchner durchsetzen, überhaupt einen ersten deutschen Campus im Ausland gründen zu dürfen.

In der deutschen Hochschullandschaft ist seit Monaten die Rede davon, eine zweite Universität könnte den Münchnern nach Singapur folgen. Einem solchen Vorhaben indes erteilt die Stadt eine Absage: "Wir wollen die Spitzenuniversitäten der ganzen Welt hier vereinen. Das heisst, dass aus jedem Land wohl nur eine Hochschule kommen kann", erteilt Tan Chek Ming eine diplomatisch formulierte Absage, wobei er übergeht, dass allein fünf amerikanische Universitäten vor Ort sind. Als stellvertretender Geschäftsführer des Economic Development Board (EDB), der staatlichen Investitionsbehörde, verantwortet er den Ausbau des Sektors. Das Bildungsministerium Singapurs wird von einem ehemaligen Zentralbanker geleitet.

Die Nähe zwischen Wirtschaft und Wissenschaft ist alles andere als Zufall, sondern Kalkül. Universitäten mit grossen Namen ziehen internationale Studenten an. Die bringen Geld in den Stadtstadt. Der EDB rechnet grob mit individuellen Ausgaben in der Stadt, die der Höhe der Studiengebühren entsprechen. Betragen diese beispielsweise 10.000 Singapur-Dollar (4.706 Euro) im Jahr, so lässt ein Student mindestens weitere 10.000 Dollar für Unterkunft, Verpflegung und Unterhaltung in der Stadt. Bei 150.000 Auslandsstudenten macht das immerhin 1,5 Milliarden Dollar im Jahr. Allein die SMU aber verlangt schon 6.500 Dollar Jahresgebühr; die Auslandshochschulen sind wesentlich teurer. Ihr Meisterstück gelang der Behörde mit der Ansiedlung der australischen University of New South Wales. Sie baut derzeit den grössten Auslandscampus, den je eine Universität errichtet hat, und will ihn 2007 eröffnen. Mindestens eine halbe Milliarde Singapur-Dollar soll sie dank 15.000 Studenten, von denen 70 Prozent aus dem Ausland kommen, jährlich in den Stadtstaat spülen. "Die direkten Einnahmen sind nicht alles. Die Studenten werden über Jahrzehnte als Botschafter für unser Land wirken", sagt Tan. "Deshalb machen wir an der Qualität der Hochschulen keine Kompromisse. Sie ist unser Alleinstellungsmerkmal", sagt der EDV-Manager. "Wir schauen uns sehr genau die Ranglisten der Universitäten an, prüfen ihre Bedeutung, bevor wir in näheren Kontakt treten." In Deutschland beispielsweise wäre noch die RWTH Aachen interessant gewesen.

Die Konkurrenz anderer Staaten bei der Ware Bildung sehen die Verantwortlichen gelassen. Gegenüber Japan besitze der Hochschulstandort Singapur den Vorteil der englischen Sprache, gegenüber einem von Terrorangst geprägten Amerika den Vorteil des Rufes eines sicheren Hortes. "Wir wollen, dass die Eltern ihre Kinder nach Singapur schicken, ohne sich Sorgen machen zu müssen", sagt Tan.

Um die Universitäten anzulocken, profitiert Singapur von seiner Lage als Metropole inmitten des bevölkerungsreichen Südostasiens. Zum anderen nutzt es seinen Imagewandel: War das Aussenbild bislang eher ein Hindernis, da Singapur als langweilig und überreguliert galt, hat die Regierung erkannt, es polieren zu müssen. "Wenn wir die Studenten der SMU erst mitten im Zentrum haben, werden sie der Innenstadt ein ganz neues, lebhaftes Gesicht verleihen", sagt Tan.