Michaels Reisetagebuch: Singapur-Australien - Great Barrier Riff

Great Barrier Reef


Nikolai Budarin ist ein wichtiger Mann: An Bord der internationalen Raumstation ISS wacht er über alle Daten, die zur Erde gefunkt werden - und über einen kleinen grauen Wecker, der alle neunzig Minuten piept. Immer dann, wenn die ISS in 380 Kilometern Höhe über das größte Naturwunder der Erde schwebt. Das Einzige, das so gewaltig ist, dass es aus dem All zu erkennen ist - das Great Barrier Reef.

Eine Welt voller Magie, einzigartig auf unserem Planeten. Inzwischen wurde das Riff aufgrund seiner Artenvielfalt offiziell zum achten Weltwunder erklärt. Tatsächlich aber birgt es weit mehr Wunder als nur dieses eine, denn es gibt kaum einen Superlativ, der hier nicht zutrifft. Seine Ausmaße sind gigantisch - das Riff erstreckt sich über 2.000 km entlang der Ostküste Australiens, bedeckt eine Fläche, die mit 345.000 km2 etwa so groß ist wie Großbritannien. Es ist damit nicht nur das weitläufigste Korallensystem der Welt - sondern auch das größte Lebewesen dieser Erde. Hier leben die schwersten Muscheln (240 Kilogramm), die größten Haie (18 Meter) und die letzten Meeresschildkröten der Welt.

Ohne das Riff würden ganze Kontinente nicht existieren. Australien und Neuseeland hätten nie besiedelt werden können, die Fidschi Inseln, Tahiti und kleine Südseestaaten lägen versunken in den Tiefen des Meeres. Denn: Obwohl das Riff aus einem der empfindlichsten Stoffe besteht, den Kalksteinskeletten von Abermilliarden winziger Meerestiere (Korallenpolypen), schützt es das Land gegen die Wucht des Meesres. Es hält selbst 20 Meter hohen Wellen stand - und das seit 18 Millionen Jahren. So gewaltige Gebirge wie die Dolomiten oder das Dachsteinmassiv verdanken ihre Existenz allein den Korallen. Denn diese Berge sind nichts anderes als fossile Riffe, die bei der Verschiebung der Kontinentalplatten empor gehoben wurden.

Die unerforschte Schatzkammer der Natur: Forscher wissen heute, dass das Great Barrier Reef nach dem Regenwald die artenreichste Region der Welt ist. Mittlerweile sind hier 350 verschiedene Korallen- und 1.500 Fischarten entdeckt worden. Und die Erforschung des Riffs ist noch lange nicht abgeschlossen. Biologen gehen von bis zu zwei Millionen weiterer Arten aus. Und in den Tiefen des Riffs vermuten Wissenschaftler -ebenso wie im Regenwald- Stoffe, die in Medikamentenform Krankheiten wie Krebs, Alzheimer oder AIDS heilen können.

Neue Analysen belegen jetzt ein weiteres Wunder: Nur noch sechs Prozent des Riffs sind geschädigt. Ende der 90er Jahre waren es mehr als 60 Prozent. Wie so etwas möglich ist, konnten Forscher lange nicht erklären. Erst jetzt wissen sie: Für derartige »Notfälle« aktiviert das Riff vermehrt die Acropora-Korallen - und die bringen es auf Rekordwachstumswerte. »Das Barrier Reef«, sagt der Biologe Andrew Morrison, »stirbt nicht - es erschafft sich nur neu!«