Michaels Reisetagebuch: Singapur-Australien - Auslandsstudium in Australien: Wo Roboter Fussball spielen

Auslandsstudium in Australien - Wo Roboter Fussball spielen

Der Sonnenbundesstaat Queensland verspricht Studenten eine praxisnahe Ausbildung und Lebensfreude

Kürzlich hat bei Michael Rosemann mal wieder so einer von der australischen Regierung angerufen: Ob man sich einmal zusammensetzen könne, um über das Problem des Cyberterrors zu sprechen, hat der Anrufer gefragt. Von Zeit zu Zeit lässt auch der Chef des amerikanischen Geheimdienstes FBI anklopfen und bittet um Hilfe. Projekte, mit dem deutschen Softwarehaus SAP und verschiedenen Wirtschaftsberatungen gehören sowieso zum Standard. Die Folgen der Aufträge findet man dann in der dritten Etage des Zentrums für IT-Innovation, Margaret Street, Hausnummer 126, in Brisbane. Derzeit spielen dort Roboter Fussball.

»Früher«, sagt Michael Rosemann, der Direktor des Instituts, das zur Queensland University of Technology (QUT) in Brisbane gehört, »hatten viele deutsche Studenten Hemmungen, ins Ausland zu gehen. Doch jetzt merken auch sie, dass in Deutschland einfach der Horizont für manche Vorhaben fehlt.« Mehrere Anfragen bekommt Rosemann jeden Monat von deutschen Studenten. Ob sie mal ein Semester an der QUT studieren könnten, an Projekten mitarbeiten oder ihre Diplomarbeit bei ihm schreiben dürften? Vor allem die Idee mit der Diplomarbeit ist für viele interessant, weil sie dafür nicht an der QUT eingeschrieben sein müssen und somit auch nicht die etwa 6.500 Dollar Studiengebühren je Semester bezahlen müssen.

Der Bundesstaat Queensland, der auf jedem Autoschild mit der Aufschrift »The Sunshine State« wirbt, entwickelt sich in Australien immer mehr zu einem der beliebtesten Anlaufpunkte für ausländische Studenten. Viele aus Norwegen, Schweden, den Vereinigten Staaten oder Deutschland legen bei ihrer Auslandserfahrung nicht nur auf angesehene Lehre, sondern insbesondere auf Lebensqualität wert. Und davon hat Queensland mehr als genug. Die Hauptstadt Brisbane ist das touristische Drehkreuz für Australiens Grossattraktionen. Endlose Strände, tiefer Regenwald, die unterschiedlichsten Tierarten ziehen sich über 2.000 Kilometer die Küste entlang und ins Landesinnere. Queensland beherbergt zwei der drei meistbesuchten Touristenziele Australiens, und die Sonne wärmt selbst im Winter bis an die 30 Grad.

Am Zentrum für IT-Innovation, das angewandte Forschung in den Bereichen Wirtschaftsinformatik und Ingenieurswissenschaften betreibt, arbeiten derzeit 60 Wissenschaftler und 90 Doktoranden oder Masterstudenten aus aller Welt. Michael Rosemann erinnert sich noch an seine erste Vorlesung, die er in Brisbane gehalten hat. »Da sassen 34 Studenten aus 19 Ländern zwischen 21 und 40 Jahre alt.« Genau diese internationale Vielfalt hat den 36 Jahre alten Deutschen gereizt. Rosemann hat in Münster im Fach Wirtschaftsinformatik promoviert. Doch als er von seiner einsemestrigen Gastdozentur aus Brisbane zurückkehrt, packt ihn die »Traurigkeit«. Er gibt seine Habilitation auf und zieht nach Brisbane. »Die Lebensfreude hier ist eine andere«, sagt er. Wenn er Gäste empfängt oder telefoniert, meldet er sich, wie in Australien üblich, mit dem Vornamen. Floskeln sind hier nicht nötig, auch nicht für einen Professor.

Boris Ruf hat Australien in der Werbung gesehen - jetzt studiert er für ein Semester an der QUT Softwaresystemtechnik. Auch er war diese Mentalität aus Deutschland nicht gewohnt. »Ist das Oberflächlichkeit?« fragt er, »wenn jeder Angestellte in einem Geschäft dich fragt, wie es dir geht; wenn jeder Bauarbeiter dich als 'mate', als Kumpel, bezeichnet?« Die Atmosphäre in Australien sei entspannter, die Professoren freundlich, motivierend und jederzeit bereit, zu helfen. Auf E-Mail-Antworten seiner Dozenten hat Boris Ruf noch nie länger als einen Tag gewartet, Sprechzeiten gibt es zwar, doch die meisten Professoren sind jederzeit für die Studenten da.

Und die wissen das zu schätzen. Viele Studenten wählen australische Universitäten auch aufgrund des vielfältigen Studienangebots, das oftmals in Deutschland so nicht vorhanden ist. Kurse wie Fotografie, Sportmanagement, Film oder Human Resources klingen aussergewöhnlich und werden immer beliebter.

Um den steigenden Bewerberzahlen gerecht zu werden, hat die Queensland University of Technology gerade einen neuen Campus gebaut. Und der soll jetzt schon zu klein sein. Über 30.000 Studenten sind bereits eingeschrieben. Der Hauptcampus liegt zentral in der Innenstadt, umgeben vom Botanischen Garten und dem Brisbane River. Die technische Ausstattung sei sehr gut, geradezu ideal zum Lernen, sagt er. Fernseher hängen in verschiedenen Gebäuden, Internet ist in jedem Hörsaal verfügbar. Die Organisation und der Einsatz von neuen Medien sei vorbildlich. Die Vorlesungen seien hingegen weniger mathematisch ausgerichtet, Theorien wurden nicht sonderlich vertieft. »In Deutschland wäre wohl mehr verlangt worden«. Dafür sei das Studium in Brisbane aber auch viel praktischer. Dass ganze Lehrpläne und Prüfungen von Unternehmen gesponsert, Klausuren auf deren Internetseiten geschrieben werden, damit kommt Boris Ruf nicht recht klar. »Da verliert die Uni für mich ihre Neutralität.«

Finanziert hat der 22 Jahre alt Student aus Potsdam sein Auslandssemester durch das Auslandsbafög. Eine Bewerbung lohnt immer. Positiv: Die Zuzahlung zu den Studiengebühren und zum Lebensunterhalt ist kein Darlehen und muss nicht zurückgezahlt werden.

Neben eienm Flugstipendium der Fluglinie Qantas und des Deutsch-Australischen Netzwerks e. V., das sich der Förderung des akademischen und gesellschaftlichen Austauschs zwischen Deutschland und Australien verschrieben hat, bieten auch die meisten Universitäten Stipendien für ausländische Bewerber an. Der wichtigste deutsche Förderer ist aber der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD). Als letzte Alternative bleibt noch, einen Bildungskredit des Bundes aufzunehmen. Dieser wird bis maximal 7.200 Euro zu günstigen Zinsen gewährt.

Auch bei der Bewerbung hat Boris Ruf Unterstützung bekommen. Mehrere Institute in Deutschland haben sich darauf spezialisiert, Studenten bei ihren Bewerbungen an australischen Hochschulen zu helfen. Sie informieren grundsätzlich über Studien- und Finanzierungsmöglichkeiten, Visum und Bewerbung im allgemeinen und senden diese dann auch direkt an die jeweilige Universität. Das Ganze ist kostenlos. Bezahlt werden die Institute von den Universitäten. Bewerbungen sind auch sehr kurzfristig möglich.

Zwanzig Minuten den Brisbane River flussabwärts liegt die University of Queensland (UQ) auf einem gewaltigen Areal voller Lehrgebäude, Sportplätze, Seen und Wiesen. Gunter Nimtz hat es eilig. Seine letzte Prüfung steht an, bevor er sich Master of Business Administration, kurz MBA, nennen darf. 32.000 Dollar hat ihn das Wirtschaftsstudium gekostet. Vor zwei jahren wollte der Dreissigjährige »noch mal was anderes« machen, kündigte nach drei Jahren, trotz guter Aufstiegschancen, seinen Job bei Mannesmann. Die Jobaussichten nach seinem Maschinenbaustudium in Karlsruhe und dem MBA sind recht gut.

Das MBA-Programm der University of Queensland gilt als eines der besseren in Australien, auch wenn es nicht das Renommee amerikanischer Hochschulen hat. »Es ist einfach zu bestehen, aber schwer, Topnoten zu bekommen«, sagt Gunter Nimtz. Die Professoren waren mittelmässig, die Notengebung inkonsistent, der Arbeitsaufwand immens, und doch habe die Zeit hier sehr zu seiner Persönlichkeitsentwicklung beigetragen. Es wird ihm schwerfallen, sagt er, nicht mehr das ganze Jahr in Sandalen und T-Shirt herumlaufen zu können.