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Wider Erwarten schlief ich dieser Nacht doch recht gut. Nach den Geschehnissen des gestrigen Tages bestätigte sich wieder einmal die merkwürdige Formel: Umso schöner die vergangenen Tage; umso größer ist der Tiefpunkt danach. Mit herzlich wenig Euphorie erwartete ich den heutigen Tag, obwohl ich schon wieder kleinere Pläne schmiedete. Es muss ja auch weitergehen. ![]() In der Jugendherberge Mackay war ich schon zeitig aufgestanden. Im Garten des Hauses musste ich eine dämliche Duty erfüllen, nämlich Laub harken. Anschließend nahm ich an der Rezeption meinen Jugendherbergsausweis entgegen und zog von dannen. Ich nahm den langen Weg zum Ortsausgang von Mackay in Angriff. Ich wollte heute versuchen, per Anhalter nach Rockhampton zu kommen. Der Verkehr war sehr stark, aber sicher würden nur die wenigsten die etwa dreihundertvierzig Kilometer lange Strecke südwärts fahren wollen. Ja, hier in Australien waren die Entfernungen als noch vor einem Jahr im vergleichsweise kleinen Australien. Ehrlich gesagt: Ich hob den Daumen nicht lange in die Höhe. Schon bald danach brach ich das Unterfangen ab und ging bei mittlerweile hohen Temperaturen zurück in die Innenstadt von Mackay. Unterwegs frühstückte ich in einem Imbiss und las auch wieder die Zeitung. Im Busbüro zahlte ich für den am Nachmittag geplanten Trip nach Rockhampton $AUS 27. Anschließend wusste ich mit meiner Zeit wenig anzufangen. Ich langweilte mich, was auch daran lag, dass Mackay wenig zu bieten hatte. Ich schrieb einen Brief an Jenny und einen weiteren nach Hause. Ich wartete auf die Abfahrt des Busses. Ich machte mir nicht wenig Hoffnung, dass ich Alex und Daniela vielleicht doch noch in Rockhampton antreffen würde. Vielleicht gab es doch noch eine Wende. Um 14:30 Uhr fuhr der nicht voll besetzte Bus nach Rockhampton ab. Während der Fahrt habe ich ein wenig geschlafen und las begeistert in meinem Roman von Max von der Grün. Allerdings wich während der Fahrt meine Hoffnung, die beiden Schweizer doch noch wiederzusehen. Wenn sie gestern Mittag, nachdem sie Mackay verlassen hatten, noch ein Stück weitergefahren sind, wovon ich ausgehen musste, würden sie heute mit Sicherheit nicht schon wieder in Rockhampton Station machen. Auch dieser Platz hielt wieder an einer Snack Bar. Der Bus traf dann pünktlich um 18:30 Uhr in Rockhampton ein. Die Bushaltestelle war ziemlich weit von der Jugendherberge entfernt. Im Bus hatte mir aber eine einheimische Frau angeboten, mich im Auto ihres Sohnes mitzunehmen, der sie abholen wollte. Das geschah aber nicht und so bot sie mir an, im Taxi mitzufahren. Sie wohnte anscheinend nicht weit von der Jugendherberge entfernt. Das Taxi kam prompt und im Nu war ich an der Jugendherberge. Die freundliche Frau lehnte eine Kostenbeteilung meinerseits an der Taxifahrt ab. Im ersten Augenblick dachte ich wirklich, den roten Toyota Corolla vor der Jugendherberge stehen zu sehen, doch das stellte sich als Irrtum heraus. Alex und Daniela waren weder in der letzten Nacht hier gewesen noch machten sie hier in dieser Nacht Halt. Mist! Ich konnte mich gleich anmelden und schaute mit Argwohn auf das enge Zimmer mit neun(!) Betten. Am Anschlagbrett suchte ein Mädchen jemanden, der sich in zwei oder drei Tagen an den Benzinkosten für eine Fahrt nach Brisbane beteiligen würde. Hier am Anschlagbrett lernte ich auch den Iren Aedan aus Dublin kennen. Mit ihm ging ich später noch in den Pub. Vorher versuchte ich aber noch, das Mädchen, das einen Mitfahrer suchte, anzurufen. Sie war jedoch nicht da. Der Mann am anderen Ende der Leitung, mit dem ich sprach, konnte mir überhaupt nicht weiterhelfen. Im Pub unterhielten Aedan und ich uns dann über den Fußball im allgemeinen und über unsere bisherige Reise. Aedan war darauf angewiesen, nach einem Job in Rockhampton oder in Airlie Beach zu suchen. Um 21:30 Uhr gingen wir dann zur Jugendherberge zurück, die übrigens einen insgesamt sauberen Eindruck machte. Angeblich hatte Aedan kein freies Bett in dem ihm zugewiesenen Zimmer finden können und so schlich er sich in das völlig freie und ruhige Dreibettzimmer. Ich schaltete sofort und zog auch dorthin. Es war hier deutlich angenehmer und es war auch nicht so furchtbar eng. Ich ging noch einmal zur Toilette. Auf dem Weg zurück ins Zimmer sah ich, wie der Warden auf dem Gang herumschlich. Sicher würde er sich über das eingeschaltete Licht in dem eigentlich leeren Zimmer wundern. Aedan und mich beschlich das Gefühl, eine schwere Freveltat zu begehen. Der Ire war wirklich ängstlich und wollte zurück in das ursprüngliche Zimmer gehen. Ich konnte ihn dann dazu bewegen, hier zu bleiben.
Dann ging auch schon die Tür auf und der Warden stand mitten im Raum. Wir ergriffen die Initiative, entschuldigten uns sofort und machten ein Missverständnis dafür verantwortlich, dass wir in das falsche Zimmer gegangen sind. Der Warden war kein Unmensch und ließ uns in dieser Nacht gewähren. Das Bett war bequem und Aedan und ich genossen die himmlische Ruhe.
Den heutigen Tag wollte ich noch in Rockhampton verbringen. In absolut keiner Weise stand ich unter Zeitdruck. Allerdings war mir auch nicht ganz klar, wie ich mich den heutigen Tag über in dieser Stadt beschäftigen sollte. In der Nacht hatte ich angenehm geschlafen; am Morgen hatte ich mit dem Aufstehen in der Jugendherberge keinerlei Eile. Aedan stand vor mir vor, weil er sich noch um einen Job kümmern wollte. Ich erledigte auch heute wieder meine Duty, da sie ziemlich unter den Augen des Warden erledigt werden musste. Später unternahm ich einen weiteren Versuch das Mädchen anzurufen, dass eine Mitfahrangelegenheit nach Brisbane angeboten hatte – leider erneut vergebens. Das Wetter war gut; es war heiter bis wolkig und warm. Ich begab mich dann in die Stadt und frühstückte zunächst in der Nähe der Fußgängerzone. Erneut gönnte ich mir Schinken & Eier. Dabei las ich wieder in der Zeitungslektüre. Diesmal wurden zwei Fußball-Bundesligaergebnisse gemeldet. Anschließend erledigte ich ein paar Telefongespräche. Beim dritten Versuch, das Mädchen zu erreichen, dass am Anschlagbrett nach einer Mitfahrgelegenheit suchte, traf ich wieder auf den etwas merkwürdigen Mann von gestern, der über den Verbleib der Anzeigenaufgeberin erneut keine klare Auskunft geben konnte oder wollte. Damit betrachtete ich das Thema als erledigt. Ans Autofahren hatte ich mich gewöhnt und dieses Angebot nur zu gerne angenommen. Schade. Mein zweites Telefonat galt der Lazy G-Ranch in Mount Larcom. Hier bot jemand freie(!) Übernachtung an. Wahrscheinlich musste man bei diesem Angebot allerdings für andere Dinge bezahlen. Ich meldete mich interessehalber für morgen an. Mein drittes Telefonat galt der Tante meiner Buchholzer Bekannten Bettina, die in Brisbane lebte. Bettina hatte mir ihre Adresse gegeben und ich wollte sie besuchen, wenn ich in Brisbane weilte. Ich kündigte meinen Besuch für Montag an. Außerdem erkundigte ich mich in einem Reisebüro nach den Fahrtkosten bis nach Mount Larcom. Anschließend spazierte ich in der Fußgängerzone auf und ab und gab leider wieder mehr Geld als nötig aus. In der Mitte der Fußgängerzone befand sich ein Pavillon, wo zauberhafte irische Volkslieder gespielt wurden. Anlass war der heutige St Patrick´s Day, der Nationalfeiertag der Iren. Der Sänger trug so bekannte Lieder wie Danny Boy oder Maggie vor. Ich war total begeistert. Für die klassischen irischen Songs und für die Volksmusik hatte ich schon immer eine Schwäche gehabt. Zwischendurch bot eine Mädchengruppe traditionelle irische Tänze dar, wobei mir allerdings das sehr aufgesetzt und unecht wirkende Lächeln der Tänzerinnen auffiel. Die Lieder waren schön; aber das kostenlose Konzert viel zu kurz. Ich hätte noch viel länger zuhören können. Ich vervollständigte dann meine Eintragungen im Reisetagebuch und ging schon zeitig zur Jugendherberge zurück. Aedan war auch schon wieder da. Er hatte keinen Job gefunden und wird dann morgen nach Airlie Beach fahren wollen. Ich legte mich etwas hin und las in meinem Buch. Später erkundigte sich Aedan an der Anmeldung nach einem Club, der heute ebenfalls aus Anlass des St Patrick´s Day einen musikalischen Abend mit irischer Folklore anbot. Aedan und ich hatten beschlossen, gemeinsam dorthin zu gehen. Jetzt hatte ich aber großen Hunger und ich ging deshalb wieder chinesisch essen. Die große Portion schmeckte ausgezeichnet; danach war ich echt gesättigt. Ich duschte dann noch und schrieb eine weitere Geburtstagskarte nach Buchholz. Für den abendlichen Besuch im Club zog ich mich dann etwas anständiger an; soweit das meine Rucksackgarderobe hergab. Kurz nach 19:30 Uhr gingen Aedan und ich los. Es war ein ziemlich langer Weg in den Club. Im Club war es dann eher mau; wir beide hatten uns eigentlich etwas mehr versprochen. Das Publikum war durchweg älteren Jahrgangs. Eigentlich wollten wir den Darbietungen kostenlos vom benachbarten Pub aus zusehen; letztendlich bezahlten wir aber den Eintritt von $AUS 4 und bereuten es nicht. Die Vorstellungen auf der Bühne waren sehr unterschiedlich; manches war große Klasse; manches eher nicht. Es wurde nicht nur irische Folklore gespielt; das Orchester hatte in seinem Repertoire auch viele international bekannte Oldies, die aber wenig mit Irland zu tun hatten. Aber es war ein Ohrenschmaus. Im Eintrittspreis war sogar ein kleines Essen beinhaltet. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich mich beim Chinesen nicht so voll gestopft. Meine Bestellung sorgte allerdings für allgemeine Erheiterung. Vom irischen Nationalgericht Irish Stew hatte ich bis heute noch nichts gehört. Ich bin ja auch noch jung und muss noch viel lernen! So bestellte ich irrtümlich Irish Spew, wobei die zweite Vokabel soviel wie spucken oder kotzen bedeutet. Irish Stew ist eine wohlschmeckende, vielleicht einem Gulaschgericht ähnliche Speise. War total lecker! Während des Konzerts tranken Aedan und ich Bier. Später kauften wir noch ein Los für eine Tombola. Bei der Verlosung gab es die Möglichkeit, einen Präsentkorb zu gewinnen. Der Gewinn gewann aber an einen der Nachbartische. Für große Stimmung im Saal sorgte jetzt ein schottischer Dudelsackspieler. Noch bevor das Konzert offiziell zu Ende gewesen ist, verließen einige Besucher den Club; Aedan und ich gehörten zu den letzten.
Gegen 23:30 Uhr bestellten wir uns ein Taxi, das der Ire spendierte. Es war ein sehr netter Abend gewesen. In der Jugendherberge war auch Ruhe eingekehrt und so legte ich mich schnell ins Bett, um nicht die anderen Schlafenden zu stören. Leider surrten wieder einige Mücken um mich herum.
Schon früh am Morgen war der Bär los im Zimmer. Geräuschvoll wurde gepackt, geflüstert und mit der Tür geknarrt. So brauchte ich wenigstens keinen Wecker, den mir Aedan geliehen hatte, damit ich heute nicht verschlief. Ich war noch sehr müde und kam nur schwer in die Gänge. Zunächst erledigte ich die übliche Jugendherbergs-Duty. Anschließend meldete ich mich ab und nahm meinen Jugendherbergsausweis wieder in Empfang. Zuvor verabschiedete ich mich aber noch von dem sympathischen Iren Aedan. Ich spazierte über eine Brücke, die den Fitzroy River überspannte.
Heute fuhr der Bus. Die Fahrt dauerte nur eine Stunde. Vom Wetter her war es wieder heiter bis wolkig und warm. Um 10:00 Uhr traf der Bus dann in dem verschlafenen Dorf Mount Larcom ein. Ich telefonierte mit dem Farmer der Lazy G-Ranch. Er war über meine Ankunft etwas überrascht, obwohl ich gestern doch extra angerufen hatte. In etwa einer halben Stunde wollte er mich von der Post abholen. Um mir die Wartezeit zu verkürzen, ging ich in eine Milchbar und aß eine Kleinigkeit. Dann wartete ich vor der Post und wurde von den Einheimischen des Dorfes immer wieder freundlich angesprochen. Immer wieder sorgte mein Rucksack mit all den Länderwappen für Aufsehen. Schließlich kam der Farmer, der Sid Goodman hieß, um mich auf die Farm abzuholen. Er war in Begleitung des Japaners Koji, der auch auf der Farm weilte. Einen Japaner hatte ich hier am allerwenigsten erwartet; die hielten sich doch eher an den touristisch heftig frequentierten Orten auf. Koji war neben mir der einzige Übernachtungsgast. Auf der Landstraße legten wir die rund elf Kilometer lange Strecke bis zu Sid’s Ranch zurück. Hier war man außerhalb jeglicher Zivilisation. Die Ranch war bildschön. Romantisch lag das große Gelände unter Bäumen. Verschiedene Stallungen und andere Holzgebäude bildeten den Mittelpunkt des Grundstücks. Das Farmhaus wurde von Sid und seiner Tochter Tanja bewohnt, die allerdings noch nicht hier war. Auch sein Sohn Brad und seine Schwiegertochter Marie mit Sohn Geoffrey kamen erst später. Sid zeigte mir meine Übernachtungsstätte. Es war eine Holzbude mit Doppelbetten – zwölf Schlafplätze an der Zahl. Die Bude war in sich zwar geschlossen, doch gab es unglaublich viele Ritzen und Spalten im Gebälk. Ein Zeichen für das ganzjährig milde Klima in dieser Region. Natürlich war die Bude voller Insekten wie Spinnen, Ameisen, Motten und Fliegen. Alles war alt. Ich kam mir vor wie die ersten Siedler, die 1788 das Land entdeckten. Natürlich gab es in der Holzhütte auch keinen elektrischen Strom. Unter einer einfachen Überdachung gab es eine kleine Lampe und einige Sitzmöglichkeiten. Die Energie wurde hier durch Solarzellen erzeugt. Gekocht wurde ausschließlich im Farmgebäude mit Hilfe eines Holzofens. Mein erster Eindruck war prima. Wie lange ich aber am Ende bleiben werde, hängt im wesentlichen von zwei Faktoren ab. Erstens: Würde ich den ganzen Tag über beschäftigt sein oder mich eher langweilen? Und zweitens: Was würde mich der Spaß hier überhaupt kosten? Ich hatte überhaupt keine Ahnung – das einzige, was ich wusste, war, dass die Übernachtung frei war. Das hatte vermutlich mit einer nicht vorhandenen Lizenz für Beherbergungen zu tun. Sofort entdeckte ich das Hündchen Bamboo, das Geoffrey gehörte. Die Welpe war nur knapp zwei Hände groß. Süß! Sid war fünfzig Jahre alt und Witwer. Insgesamt hatte er fünf Kinder. Auf seiner Farm hatte er zweiundvierzig Pferde und etwa zwanzig Rinder. Neben dem kleinen Hund gab es noch eine Katze und verschiedenes Federvieh. Pferde aber waren das A und O auf dieser Farm! Sid eröffnete mir sofort, dass wir auch ausreiten werden. Dass das Reiten auf mich zukommen würde, wusste ich im Prinzip schon vorher. Für das Ausreiten sollte ich bezahlen – dafür gab es eine Lizenz – im Gegenzug war die Übernachtung kostenfrei. Aber auf das Reiten war ich überhaupt nicht scharf. Aber es schien kein Entrinnen zu geben. Pferde gehörten nicht unbedingt zu meinen favorisierten Tieren. Mir war unbehaglich zu Mute, denn es schien schon loszugehen. Sid hatte für Koji schon ein Pferd sattelfertig gemacht. Der Japaner verstand allerdings kaum ein Wort und man konnte sich mit ihm nur mit Hilfe von Händen und Füßen einigermaßen verständigen. Eine vernünftige Kommunikation kam so aber nicht zustande. Jetzt besorgte Sid auch mir ein Ross. Zum Glück war er nicht so schrecklich groß. Er hieß Dusty und war auf einem Auge blind. Sid sattelte das Pferd. Dann hielt er das Tier fest, damit ich aufsteigen konnte. Ich packte Dusty mit einer Hand in die Mähne und mit der anderen hielt ich mich krampfhaft am Sattel fest. Mit Mühe und Not erklomm ich den Gaul. Oben war mir nun noch mulmiger zumute. Zum allerersten Mal in meinem Leben saß ich auf einem Pferd! Sid nahm das Pferd hinter sich an die Leine und führte mich so. Der Farmer erklärte mir, dass ich zzzsss machen musste, damit das Tier lief. Auch sollte ich Dusty etwas in die Seiten treten und ihm auch, falls nötig, mal mit dem Zügel eines überbraten! Der Ritt begann. Koji kam mit seinem schwarzen Pferd anscheinend recht gut zurecht. Sid zog mich auf seinem Ross hinterher. Das Tempo war zum Glück langsam. Ich hielt mich total krampfhaft auf dem Sattel in einigermaßen aufrechter Position. Es ging über Stock und Stein und über Wiesen und durch Wälder. Immer wieder hatte ich mit tief herabhängenden Ästen zu tun, die mir das Gesicht zerrissen hätten, wenn ich nicht rechtzeitig meinen Kopf eingezogen hätte. Als besonders unangenehm empfand ich die Hügel, die entweder auf- oder abwärts führten. Ich brauchte all mein Gleichgewicht, um mich auf dem Pferd zu halten. Wir trabten zu einer Pumpstation. Hier hatten sich Rinder eingefunden, um Wasser zu saufen. Sid pumpte dann Wasser in das Bassin, damit die Rinder einfacher trinken konnten. Dusty war ein sehr friedliches Pferd. Er war braun und hatte eine blonde Mähne. Sid ließ nun meine Leine los und ich sollte versuchen, allein zu reiten. Plötzlich überholte mich Sid in schnellem Galopp auf seinem Pferd. Das musste Dusty irgendwie falsch verstanden haben. Ehe ich mich versah, begann auch mein Pferd zu galoppieren und düste einen Hügel hinauf. Das Tempo war ich nun wahrlich nicht gewohnt. Ich musste lachen, weil ich in der Magengegend so ein eigenartiges Gefühl hatte. Keine Ahnung, wie ich mich im Sattel gehalten hatte. Schließlich kehrten wir zur Farm zurück und hier lernte ich jetzt auch Sohn Brad, Marie und Geoffrey kennen. Marie war dabei, einen kleinen Mittagsimbiss zuzubereiten. Sie war sehr ernst und mir fiel auf, dass sie nie lächelte. Wie eine Furie rannte sie plötzlich der Katze hinterher, als die ihre Tatze auf ein Stückchen Wurst gelegt hatte. Streng war sie auch zu ihrem Sohn, dem kleinen Geoffrey, der wiederum das kleine Hundebaby rau behandelte, was mir auch nicht so gut gefiel. Nach dem Lunch ruhte ich mich ein wenig in der Holzhütte aus. Um 15:30 Uhr weckte mich Sid dann zu einem weiteren Ausritt! Daran hatte ich mittlerweile richtigen Gefallen gefunden. Schon beim zweiten Mal war vieles einfacher! Das Aufsitzen machte keine Probleme mehr. Ich ritt fortan alleine und konnte das Pferd auch recht gut lenken. Beim Ausritt sahen wir viele Kängurus und dicke Spinnen in ihrem Netz. Dusty hing direkt am Hinterteil von Koji’s Pferd. Immer wieder fielen dicke Pferdeäpfel hinab und Dusty musste aufpassen, dass er diese nicht ins Gesicht bekam. Die Äste und Zweige der Bäume hingen jetzt besonders tief herunter. Ich holte mir ein paar Schrammen an Armen und Beinen. Einige Rinder sollten noch heute Abend das Zeichen der Ranch in die Haut gebrannt bekommen. Aus diesem Grund trieben wir einige Kühe jetzt zur Ranch. Das alles geschah aber in einem gemächlichen Tempo. Wie beim Schaftreiben hielten wir uns hinter den Rindern auf und schnitten ihnen auf diese Weise den Rückweg ab. Das brachte großen Spaß und ich kam mir nicht nur einmal wie John Wayne vor. Irgendwo im dichten Buschwerk lachten die Kookaburras. Oder lachten die mich gar aus? Wir erreichten jetzt wieder das Farmgelände. Es dämmerte bereits etwas. Sid entfachte ein Feuer und Brad trieb die Rinder in ein enges Gehege, wo ihnen die Bewegungsfreiheit genommen war. Mit Seilen wurden sie zusätzlich gefesselt, damit sie nicht plötzlich ausschlugen, wenn sie das glühende Eisen zu spüren bekamen. Niemals zuvor hatte ich so ein Schauspiel gesehen. Sid hielt die anderen Rinder in Schach, während Brad das Eisen im offenen Feuer erhitzt hatte. Jetzt brannte er das gelb-rot glühende Eisen der Kuh in die Haut. Das Tier versuchte vor Schmerz zu bocken. Es bestand höchste Gefahr, denn in solchen Situationen konnten die spitzen Hörner Verletzungen hervorrufen, wenn man nicht aufpasste. Nach dieser Aktion war es dann bald Zeit für das Abendessen. Zunächst saß ich zusammen mit Sid vor dem Fernseher. Marie hatte ihre Schwägerin Tanja vom Bahnhof in Mount Larcom abgeholt. Tanja studierte in Rockhampton. Sie begrüßte Koji oder mich überhaupt nicht. Beide Frauen waren sehr distanziert. Natürlich konnte man diesen Farmaufenthalt nicht mit der herzlichen Atmosphäre vergleichen, die ich vor einem Jahr auf der Farm der Murphy’s erlebt hatte. Eine warme Stimmung wollte hier nicht aufkommen. Das würde sicher auch Auswirkungen auf die Länge meines Aufenthaltes haben. Ich fragte Sid nun nach den Kosten für den Aufenthalt hier auf der Lazy G-Ranch. Es würden $AUS 35 pro Tag sein, was das Reiten und die Mahlzeiten betraf. Für die Übernachtung dürfe er offiziell kein Geld nehmen. Der Preis war in Ordnung. Trotzdem hatte ich zu wenig Bargeld dabei, um am Sonntag den Bus nach Brisbane zu bezahlen. So würde ich wohl erst am Montag abreisen können, was mir etwas zu lange erschien, denn so interessant die Aktivitäten draußen in der Natur auch waren; so gab es doch viel Leerlauf in der Zeit dazwischen. Ich vertagte die Entscheidung, wie lange ich bleiben wollte, auf morgen. Nun war es Zeit für das Abendessen. Marie hatte ein leckeres Mixgericht zubereitet. Zum Nachtisch gab es Kuchen mit Früchten dazu. Als Getränk wurde Regenwasser (kein Witz!) gereicht. Die Moskitos waren hier eine ziemliche Plage. In Scharen wurde ich umschwirrt und immer wieder wurde ich auch gestochen. Ständig musste ich mich mit stinkender Lotion einreiben. Da es schon früh dunkel wurde, waren die abendlichen Aktivitäten begrenzt. Ich schaute noch einen Moment Fernsehen und schrieb dann noch etwas in mein Tagebuch. Von Brad hatte Koji eine Petroleumlampe bekommen. Damit hatten wir in unserer Holzhütte wenigstens etwas Licht. Ich las noch einige Minuten in meinem Buch. Gegen 22:00 Uhr war dann schon früh –aus Mangel an Alternativen- Schlafenszeit angesagt. Draußen wollte ich auch nicht mehr sitzen, da nebenan Brad und Marie schliefen, die in dieser Nacht wohl noch etwas vorhatten, was erste eindeutige Geräusche zu verraten schienen. Als ich in der Hütte das Licht der Petroleumlampe löschte war es stockdunkel. Die Nacht war pechschwarz und man sah die Hand vor Augen nicht. Das letzte was ich im Schein der Lampe sah, war eine riesige Spinne an der Wand.
Laut und deutlich klopfte Marie schon um 7:15 Uhr an die Tür unserer Hütte und rief Koji und mich zum Frühstück. Vorher ging ich aber noch schnell unter die Dusche. Die pechschwarze Nacht in der Holzbude mit all dem sichtbaren und unsichtbaren Ungeziefer hatte ich also überlebt. Die dicke fette Spinne, die ich gestern als letztes sah, bevor ich das Licht löschte, war nicht mehr da, wo ich sie gesehen hatte. Sie entging damit ihrer Hinrichtung. Der Japaner Koji und ich gingen hinüber ins Farmhaus. Zum Frühstück gab es Eier mit Schinken und Bohnen. Ich war sehr hungrig; die Mahlzeit fiel allerdings nicht besonders üppig aus. Sid war heute Kandidat bei den Kommunalwahlen, was der Grund dafür war, dass er schon am frühen Morgen das Haus verlassen hatte und bis zum Abend auch nicht zurück sein würde. Tanja nahm Koji und mich zu einem weiteren Ausritt mit. Bei herrlichem Wetter unternahmen wir einen ziemlich schwierigen Ritt. Dusty, das Pferd, auf dem ich wieder ritt, war wieder sehr brav und hörte auf meine Kommandos. Manchmal ging es furchtbar steil bergab und Dusty brauchte all seine Konzentration, um nicht auszurutschen. Unterwegs trieben wir ein paar Pferde zusammen, die frei umher liefen und brachten sie anschließend zur Farm zurück. Hier kam es nun zu einer Abklärung meiner weiteren Reisepläne. Nur zu gerne hätte ich morgen den Zug nach Brisbane genommen. Ich hatte aber, wie schon erwähnt, nicht mehr genügend Bargeld dabei, um einerseits den Aufenthalt auf der Lazy G-Ranch und andererseits die Fahrkarte zu bezahlen. Brad hatte aber für mich arrangiert, dass ich an der Shell-Tankstelle Bargeld per Kreditkarte erhalten könne. Das war natürlich eine sehr gute Idee! Brad war auch so freundlich gewesen und hatte für mich am Bahnhof ein Bahnticket hinterlegen lassen. Gegen 11:00 Uhr fuhren Brad, Marie, der kleine Geoffrey und ich zusammen nach Mount Larcom, wo ich am Bahnhof die zurückgelegte Fahrkarte in Empfang nahm und sie bezahlte. Auch Brad würde morgen Abend übrigens mit genau demselben Zug nach Nambour fahren wollen, wo er in den nächsten Tagen seinen Helikopter-Lehrgang fortsetzen will. Jetzt fuhren wir zu der schon genannten Shell-Tankstelle, wo ich zunächst die Tankkosten für Brad’s Wagen auslegte und mit der Kreditkarte $AUS 100 ausgezahlt bekam. Nun war ich wieder etwas flüssiger. Ich war dann noch bei der Post, wo ich eine weitere Geburtstagskarte in den Briefkasten einwarf. Anschließend fuhren wir zur Lazy G-Ranch zurück, wo es bald Zeit für einen Mittagslunch war. Das frisch gebackene, knusprige Brot von Marie war ein Hochgenuss. Erneut hätte ich mehr essen können, aber ich wollte nicht zu gierig erscheinen. Aber ich war schon sehr hungrig. Die Mittagspause war dann zum Glück nur relativ kurz. Es folgte ein weiterer Ausritt, auf den ich mich schon sehr freute. Diesmal ritten Koji und ich mit Brad und Marie. Mit Brad habe ich mich den ganzen Tag über prima unterhalten. Die Gesprächen mit den anderen hielten sich in Grenzen. Während des Ausritts zur Pumpstation erzählte mir Brad einiges über die Insekten hier in dieser Region. Er zeigte mir Hornissen, ein Wespennest, dicke Spinnen und berichtete sogar von Skorpionen, Würmern und Raupen, die es hier ebenfalls gab. Zur allgemeinen Beruhigung ist es aber besser, nicht zu viel über all die gefährlich-giftigen Tiere zu wissen, die es hier gab. Da waren mir die vielen Kängurus, die ich auch wieder über Wiesen und Wege hüpfen sah, schon tausend mal lieber. Wir hatten die Pumpstation erreicht. Brad füllte Wasser für die Rinder in das Bassin. Tief unten im Brunnen saßen fette Kröten; eine davon holte Brad mit dem Eimer hoch. Koji grauste sich beim Anblick des Tieres. Die Kröten waren giftig und man sollte sie keinesfalls berühren. Der Ritt ging dann weiter. Erneut trieben wir ein paar Rinder zur Farm. Diese bekamen aber keine Brandzeichen wie die gestrigen, sondern sie sollten morgen gemolken werden. Dieser Ritt war der bisher längste. Das Reiten bringt mir wirklich viel Spaß. Wenn mir das gestern Vormittag jemand vorausgesagt hätte ... Dämmerung legte sich über das Land. Die Moskitos waren schon wieder unterwegs und stachen unbarmherzig zu. Ich ging unter die Dusche. Später wäre es mir zu dunkel. Danach zog ich mich trotz der Wärme dick an, damit mich die Mücken nicht durch die Kleidung stechen konnten. Außerdem rieb ich mich wieder kräftig mit Lotion ein. Ich setzte mich zum Abschluss des Tages ins Wohnzimmer des Farmhauses und guckte Fernsehen bis es wieder Zeit für das Abendessen war. Es gab leckere, selbst gemachte Bratwürstchen mit Kartoffelbrei und Gemüse. Zum Nachtisch servierte Tanja warmen Apfelkuchen mit Vanillesoße. Das war eine wahre Delikatesse!
Der Tag war lang gewesen und Müdigkeit machte sich schon zu früher Stunde breit. Mit der Petroleumlampe in der Hand ging ich zusammen mit Koji hinüber in unsere Holzbude. Gegen 21:30 Uhr lag ich im Bett und der Schlaf folgte schon wenige Minuten später.
Der Japaner Koji musste heute Morgen schon um 5:00 Uhr aufstehen, denn bereits eine halbe Stunde später wollte er mit dem Bus von der Shell-Tankstelle aus nach Rockhampton fahren. Brad kam in aller Frühe in unsere Holzbude und leuchtete Koji mit der Taschenlampe aus dem Schlaf. Es war immer noch stockdunkel. Ich schlief tief und fest weiter. Das machte wohl die Ruhe und die viele frische Luft hier. Ich wurde später zunächst nicht geweckt. Wahrscheinlich wollten die anderen am Sonntag auch etwas länger schlafen, obwohl ich das, wenn man auf einer Farm lebt, nicht so recht glauben mochte. Ich hoffte, dass mein Frühstück nicht vergessen wurde. Ich ging zunächst unter die Dusche und erledigte meine Tagebucheintragungen. Heute kam eine weitere von Sid´s Kindern zu Besuch auf die Lazy G-Ranch. Anna kam vorbei und brachte ihre sechzehn Monate alte Tochter mit. Schließlich gab es doch noch Frühstück. Zum Frühstück gab es Müsli mit frischer Kuhmilch und einige Scheiben Brot. Sid war auch heute wieder unterwegs. Ich würde ich auch nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ich war unheimlich hungrig. Nach dem Frühstück gab es ein neues kleines Abenteuer zu erleben. Brad, Marie und ich gingen nämlich zum Kühe melken. Zwei Küche wurden mit dem Kopf durch ein enges Gitter geschoben und so unbeweglich gehalten. Der Schwanz und ein Bein wurden mit einem Seil fixiert. Das Melken sah denkbar einfach aus. Auch ich durfte mal mein Glück versuchen. Ich massierte die Zitzen der Kuh, wie es mir gesagt wurde; aber es kam praktisch keine Milch aus dem Euter, obwohl dieser prall gefüllt war. Es war aber eine neue spannende Erfahrung. Kaum zu glauben, was ich auf so einer Reise alles erleben darf, was zu Hause nie und nimmer auf dem Programm gestanden hätte. Dafür war ich sehr dankbar. Nach dem Melken kosteten wir alle von dem frischen Trunk. Gegen 11:30 Uhr folgte dann ein ausgedehnter Ritt über das Farmgelände. Ich ritt mit Marie, Brad und Anna. Frei herumlaufende Pferde sollten auf eine bestimmte Koppel getrieben werden, wo es mehr frisches Gras für die Tiere gab. Brad sattelte mir Pferd Dusty für mich. Das Wetter war wieder wie geschaffen für einen solchen Ausritt. Es war sonnig und heiß. Das Pferdetreiben war für mich aber zu schwierig. Ich hielt mich eher im Hintergrund auf und beobachtete das Geschehen von hier. Dusty würde dem Tempo der anderen Pferde sowieso nicht standhalten. Brad machte mich darauf aufmerksam, dass wir uns vielleicht trennen müssten, weil die anderen den Pferden folgen müssten. Dieser Gedanke behagte mir nur wenig, da ich allein gewiss nicht den Weg zurück zur Farm finden würde. Mein Orientierungsgefühl ließ mich auf diesem großen Gelände im Stich. Die Sonne brannte herunter und die Landschaft sah mit dem blauen Himmel im Hintergrund, wunderbar aus. Die Pferde wurden schnell entdeckt und von Brad und Marie eingekesselt. Aus dem Blickfeld verlor ich die anderen Reiter aber zum Glück nie. An Abhängen begann Dusty immer etwas zu galoppieren, was dafür sorgte, dass meine Eier immer etwas schmerzhaft auf den harten Sattel knallten. Marie erklärte mir, dass ich mit meinem Hinterteil mitschwingen müsse. Das sei für Mensch und Tier angenehmer. Aber einfach zu praktizieren war deshalb noch lange nicht. Wir ritten jetzt zu einem Windrad wo sich auch die Koppel befand, wohin die frei laufenden Pferde hingetrieben werden sollten. Hier gab es auch eine Wasserstelle. Das Windrad pumpte frisches Wasser aus der Erde in ein dafür vorgesehenes Bassin. Gerade in diesem Augenblick kamen auch die Rinder angetrabt, um ihren Durst zu löschen. Der Ausritt machte soviel Spaß; Marie, die so unglaublich männlich wirkte, hatte alles unter Kontrolle. Nachdem die Pferde auf der neuen Koppel waren, ritten wir zur Farm zurück. Wir nahmen ein paar Pferde mit dorthin. Marie erklärte mir, dass, wenn ich schneller reiten wolle, weil Dusty zu langsam sei, ihn immer nur kräftig in die Seiten treten müsse. Das probierte ich gleich einmal aus, denn etwas schneller durfte das Tempo jetzt schon sein. Meine Füße befanden sich in den Steigbügeln und ich gab Dusty jetzt einen kleinen Kick in die Seite. Der Weg war hier eben und auch Äste und Zweige waren nicht so im Wege. Es klappte und Dusty galoppierte auch sofort los; als ob er auf diesen Befehl gewartet hätte. Das Halten der Balance war aber nicht einfach und so war es dann doch wieder angenehmer, als Dusty zu seinem ursprünglichen Tempo zurückkehrte. Das Pferd verlangsamte das tempo sofort als ich deutlich Hoooo!!! rief. Wir erreichten wieder die Farm und sogleich war es an der Zeit für einen Mittagsimbiss. Tanja hatte wieder frisch gebackenes Brot aus dem Ofen geholt und wir ließen es uns alle schmecken. Welch ein knuspriges Brot! Geoffrey, der Sohn von Marie, quengelte ununterbrochen herum und als er wieder einmal unartig war, briet Marie ihm plötzlich und heftig eines mit dem Gürtel über und er musste in sein Zimmer gehen. Raue Sitten! Marie machte mir einen jähzornigen Eindruck. Lautstark brüllte sie jetzt ihrem Kind hinterher. Mit ihr würde ich mich nicht anlegen wollen. Nach einer gewissen Zeit würde ich mit einem solchen Mannweib zweifelsohne Probleme bekommen. Sie war überhaupt nicht mein Geschmack, aber Brad schien auf sie zu stehen. Ich alberte wieder etwas mit dem zauberhaften Hündchen Bamboo herum, das ich nur zu gerne mitgenommen hätte. Ich ging hinüber in meine Hundehütte und hielt ein kurzes Nickerchen. Zuvor hatte ich für meinen Aufenthalt $AUS 114 bezahlt. Ob es eine günstige oder eher teure Angelegenheit gewesen ist, war mir nicht so klar. Ich schlief zwar nur zwei Nächte auf der Farm; verbrachte aber fast drei volle Tage hier. $Aus 14 wurden noch abgezogen, weil es hier ja um den ausgelegten Betrag für Brads aufgetankten Wagen handelte. Es war auf jeden Fall drei spektakuläre Tage, die ich nicht mehr missen möchte. Nach dem kleinen Schläfchen holte mich Tanja zu einem letzten Ausritt ab. Wir ritten auf einen Hügel, wo Tanja und ich einen letzten Ausblick auf die Farm warfen, denn auch sie würde heute wieder abfahren. Sie musste zurück zur Schule nach Rockhampton. Um 17:;15 Uhr fuhren wir dann nach Mount Larcom. In der Shell-Tankstelle aßen wir noch eine Kleinigkeit. Tanja verabschiedete sich dann von uns; ihr Bus nach Rockhampton wartete bereits. Dann fuhren wir zu dem kleinen Bahnhof der Stadt. Heulend verabschiedete sich jetzt Marie von ihrem Mann Brad. Dieser Gefühlsausdruck passte überhaupt nicht zu ihr! Brad und ich bestiegen den gerade eingefahrenen Zug. Abfahrt war um 18:30 Uhr. Der Australier wollte ja nach Nambour zu einem Helikopter-Lehrgang, während ich am Morgen in Brisbane aussteigen würde. Das Abenteuer auf der Lazy G-Ranch, ein Höhepunkt der Reise, war damit beendet. Der Zug machte einen sehr modernen Eindruck. Er erinnerte mich ein wenig an die europäischen Nachtzüge mit Bar, Schlafwagen, Toilette und sogar einer Dusche. Der Zug hatte ziemlich viele Waggons und man hatte genügend Platz, um sich auszustrecken. Mit der Enge, die so in den Bussen herrschte, war das nicht zu vergleichen. Auch konnte man im Zug auf und ab gehen, wenn man nicht mehr sitzen konnte, was ich ebenfalls als angenehm fand. Extrem unangenehm war lediglich die auf Eiseskälte Klimaanlage. Kein Passagier konnte mir erklären, dass er sich in dieser Temperatur wohl fühlte. Alle, die ich sah, schienen sich mit etwas bedecken zu wollen. Immer wieder hatte ich mir während meines Australien-Aufenthaltes diese Frage gestellt: Warum, um Gottes Willen, werden die Klimaanlagen hier durchweg derart kalt eingestellt? Brad und ich gingen in die Bar, wo wir uns ausgezeichnet unterhalten haben. Er war mir der Angenehmste auf der Lazy G-Ranch gewesen. In der Bar war ziemlich viel los und einige waren schon betrunken. Bei einigen Bierchen fragte ich Brad etwas aus und ich erfuhr erstaunliche Dinge. Brad war erst dreiundzwanzig Jahre alt; ich hielt ihn für über dreißig! Er war auch gar nicht mit Marie verheiratet, wie ich die ganze Zeit angenommen hatte und Geoffrey war auch nicht sein Sohn. Den hatte Marie mitgebracht, als sie auf die Farm zog. Marie ist schon einmal verheiratet gewesen und kam vor gut zwei Jahren auf die Lazy G-Ranch. Brad und Marie wollen Ende dieses Jahres heiraten. Ich hatte immer das Gefühl gehabt, dass Marie schon unglaublich lange auf der Farm lebte. Sie kannte sich so unglaublich gut mit dem Farmleben und all den Pferden aus! Sie hatte so viele Talente, wenn ich nur an das Brotbacken dachte. Brad’s Mutter war vor sechs Jahren im Meer ertrunken. Sie ist auf der Lazy G-Ranch begraben. Brad hat seit diesem Erlebnis nichts mehr für die See übrig. Nicht verwunderlich. Brad hat keinen Schulabschluss und sieht in dem Helikopter-Lehrgang, den er gerade absolviert, eine bessere berufliche Chance. Er plant, sich selber einen gebrauchten Hubschrauber zuzulegen.
Die Bar des Zuges schloss um 21:15 Uhr und wir gingen zurück in unser Abteil, wo ich mich in der eiskalten Luft in meinen Schlafsack einzumummeln versuchte. Ich konnte durchaus schlafen. Während der Nacht hielt der Zug immer wieder. Passagiere stiegen dann ein oder aus. Ich hatte den Doppelsitz die ganze Nacht für mich allein.
Wenn ich mir nach dieser eiskalten Nacht im Zug nichts an Erkältungen weghole, grenzt dieses sicher an ein kleines Wunder. Überall im Zug, wirklich überall, wurde geniest, gehustet und geschnäuzt. Die australische Bahn hat offensichtlich ein Abkommen mit Ärzten und Apothekern, denn nach dieser Fahrt gibt es garantiert neue Kundschaft. Kurz vor 5:00 Uhr weckte mich Brad. Er wollte sich noch von mir verabschieden, denn er musste jetzt aussteigen. Ich war noch ziemlich benommen. Nach dieser Unterbrechung schlief ich auch prompt wieder ein. Die Nacht bekam ich erstaunlich schnell rum. Schon um 7:00 Uhr traf der Zug in Brisbane, der Hauptstadt des Bundesstaates Queensland, ein. Brisbane ist die insgesamt drittgrößte Stadt Australiens und hat eine Einwohnerzahl von 1,6 Millionen. Der Weg zur Jugendherberge war für eine Stadt dieser Größe nur kurz. ch konnte mich gleich anmelden und unter der Dusche erfrischen. Außerdem nutzte ich die frühe Morgenstunde, um wieder einen Teil meiner Wäsche zu waschen. Das Wetter war heute heiter bis wolkig und warm. Zwischendurch gab es einen Regenschauer, der aber überhaupt nicht ins Gewicht fiel. Brisbane war die Stadt, wo ab Ende April für ein halbes Jahr die Messe EXPO stattfinden würde. In der Jugendherberge gab es auch ein Wiedersehen mit der Dänin Brigitte; diesmal ohne ihre Freundin, mit der ich sie sonst immer gesehen hatte. Ich ging dann bald in die Innenstadt, wo sehr viel Betrieb herrschte. Zunächst brauchte ich ein Frühstück. Von Schinken & Eiern habe ich immer noch nicht genug. Dazu trank ich reichlich Kaffee und vervollständigte meine Tagebucheintragungen. Heute stand mal wieder ein Besuch auf dem Programm. Eine Bekannte aus Buchholz, Bettina, hatte mir die Adresse ihrer Tante gegeben, die hier in Brisbane lebte und die ich mal besuchen sollte, was ich für heute geplant hatte. Bettinas Tante wohnte im Stadtteil Ashgrove. Den ganzen über war sie in ihrem Imbiss in der Brunswick Street beschäftigt. Bis dorthin war es kein langer Weg. Ihr Imbiss lag inmitten der geschäftigen Chinatown. Die Frau hieß Gertrud Germes und sah Bettinas Mutter überhaupt nicht ähnlich. Gertrud war eher von dünner Statur. Sie schien aber von der harten Arbeit gezeichnet zu sein. Sieben Tage in der Woche war sie in ihrer ziemlich schmuddeligen Snack Bar beschäftigt. Sie öffnete ihren Laden morgens um 9:30 Uhr und hatte bis in die tiefe Nacht die Tore geöffnet. Urlaub hatte sie schon ewig nicht mehr gemacht. Sie kam häufig zu mir an den Tisch; immer wieder stand sie jedoch auf, um Kunden zu bedienen. Wir haben uns nett unterhalten. Ein hübsches Mädchen war bei ihr angestellt. Von den Gesprächsinhalten erinnerte sie mich aber stark an Jennys Tante, die ich ja damals in der Nähe von Melbourne besucht hatte. Sie schimpfte pausenlos über Homosexuelle und über die Aborigines. Sicherlich war dieser Bezirk, in dem sie Tag und Nacht arbeitete kein Zuckerschlecken, aber ihre Kommentare hatten es schon in sich. Überall vermutete sie Aids, Hippies und Rauschgiftsüchtige. Wahrscheinlich wird man mit der Zeit so, denn ich möchte nicht wissen, wie viele Besucher sie täglich aus den sozialen Randgruppen hatte. Auch auf ihre Verwandtschaft im fernen Buchholz war sie nicht zu gut zu sprechen. 1980 war sie dort zuletzt zu Besuch gewesen. Aber ihren Worten zufolge, hatte sie sich mit ihrer Schwester, Bettinas Mutter, häufig gestritten. Sie schrieben sich aber regelmäßig Briefe. Gertrud hat aber nicht vor, jemals wieder nach Deutschland zu reisen; erst recht nicht, um Verwandte zu besuchen. Klare Worte! Gertrud war verheiratet. Sie und ihr Ehemann hatten den Imbiss gepachtet. In ein paar Jahren wollen sie den Imbiss aufgeben. Sie ist fünfundfünfzig Jahre alt und ihr Mann, der später kam, ist sechzig Jahre alt. Mit seiner Krawatte passte er eigentlich gar nicht in diesen Laden. Allerdings hatte er gerade eben einen Termin bei der Versicherung gehabt und war höchstwahrscheinlich deshalb noch so gekleidet. Beide machten einen sehr nervösen und hochgradig gestressten Eindruck. Gertrud hatte mir eine Tasse Kaffee ausgegeben; damit hatte es sich dann aber auch schon. Morgen wollte ich aber zum Frühstück erneut hier vorbei schauen. Ich verabschiedete mich; zum Schluss machten wir vor dem Imbiss noch ein Erinnerungsfoto. Während ich mich mit Gertrud unterhalten habe, hatte sich eine neue Perspektive meiner weiteren Reise ergeben. Schon seit einiger Zeit behagte mir der Gedanke nicht mehr, wie geplant am 9. April für sechs Tage nach Bali zu fliegen. Ich müsste mich dafür vermutlich einer Malaria-Prophylaxe unterziehen und das lohnte sich, meiner Meinung nach, für diese kurze Zeit nicht. Die Nebenwirkungen einer solchen Prophylaxe hatten es in sich und sollten nicht unterschätzt werden. Deshalb traf ich hier und jetzt die Entscheidung, auf Bali zu verzichten und diese sechs Tage zusätzlich in Australien zu verbringen. Voraussetzung war natürlich, dass sich diese Umbuchung auch realisieren ließ. In Perth hatte ich ja schon einmal meine Flugdaten ändern lassen, was damals ja absolut kein Problem gewesen ist. Die Garuda Indonesian Airways hatte in Brisbane kein eigenes Büro. Die Australian Airlines übernahmen aber deren Interessen. In diesem Büro befand ich mich jetzt. Leider hatte Karen, mit der ich sprach, keinen Computer zur Verfügung. Sie musste deshalb mit der Garuda in Perth telefonieren. In der Tat ging die Umbuchung dann aber unproblematisch über die Bühne. Diese Änderung hatte zur Folge, dass ich nun am 15. April in einem Rutsch nach Frankfurt fliegen würde; eingeschlossen waren natürlich die vielen Zwischenlandungen. Mit dieser Umbuchung war ich aber zufrieden. In Australien gab es noch so viel mehr zu entdecken. Ich spielte auch mit dem Gedanken, Peter einen weiteren Besuch in Melbourne abzustatten. Zeit genug würde ich dafür haben. Deshalb schrieb ich eine Postkarte an Peter, um ihm einen entsprechenden Vorschlag zu machen. Insgesamt fühlte ich mich heute aber nicht besonders wohl. Vielleicht war ich übermüdet oder die Klimaanlage im Zug hatte das erreicht, was sie wollte und eine Erkältung war im Anflug. Ich hatte noch viel zu tun, wollte mir aber lieber etwas Ruhe gönnen und weitere Unternehmungen auf morgen verschieben. In einem kleinen Restaurant aß ich noch eine Portion Lasagne und ging dann zur Jugendherberge zurück. Auf dem Bett las ich in der Zeitung und machte ein erholsames Mittagsschläfchen. Am frühen Abend spazierte ich dann abermals in die Stadt. Am Bahnhof holte ich weitere Informationen über Zug- und Busverbindungen ein; außerdem war ich bei der Post und kurz bei McDonalds. Zurück in der Jugendherberge telefonierte ich noch kurz mit Dan, einem Mann, der auf meine Anfrage am Anschlagbrett hin, ob jemand per Auto nach Sydney fährt, reagiert hatte. Er besaß einen Caravan und will mich vielleicht am Freitag mitnehmen. Unterwegs wollte er einige Stopps einlegen, was mir besonders wichtig war. Das Angebot hörte sich gut an. Am Abend unternahm ich dann nicht mehr viel. Ich legte mich ziemlich früh ins Bett und begann mit dem Lesen eines neuen Romans.
Die Japaner in meinem Zimmer in der Jugendherberge Brisbane waren schon zu früher Morgenstunde unruhig und raschelten unablässig mit irgendwelchen Plastiktüten. Ich stand auf, ging unter die Dusche und begab mich dann in die Innenstadt. Zuerst ging ich zum Frisör. Der Haarschnitt kostete mich $AUS 7; war mir allerdings etwas zu kurz. Dann kaufte ich mir eine Zeitung. Aus der Drogerie besorgte ich mir Anti-Mücken-Lotion und ein paar erfrischende Lutschbonbons. Daran anschließend ging ich wieder in den Imbiss von Bettinas Tante. Gertrud machte mir Schinken und Eier, wofür ich nichts bezahlen musste, was sehr freundlich war. Während des Frühstücks las ich in der Zeitung, während Gertrud die anderen Kunden bediente. In der Zeitung standen die Ergebnisse der Landtagswahl von Baden-Württemberg, wo die CDU wieder gewonnen hat. Rechtsgerichtete Parteien erreichten zusammen über 5 % der Stimmen. Gertrud schrieb noch ein paar Zeilen für Bettinas Familie. John, der Sohn von Gertrud, war heute auch hier. Er lud mich dann zu einer Autofahrt ein, um mir Brisbane zu zeigen. Er fuhr unheimlich schnell; so manches Mal stockte mir der Atem. Wir fuhren zu einem Aussichtspunkt außerhalb der City, wo wir einen tollen Panoramablick über Brisbane genossen. John zeigte mir verschiedene Stadtteile und auch den Fernsehsender. Besonders interessant war das College, das John besuchte. Er lernte hier das Kochen! Dieses College war so eine Art von Berufsschule. Hier hätte ich mich mühelos länger aufhalten können, aber John war jetzt etwas in Eile. Zurück am Imbiss verabschiedete ich mich von Bettinas Tante und John und ging zum deutschen Konsulat, wo ich wieder die Zeitungen lesen wollte. Leider hatte es schon geschlossen. Am Vormittag war das Wetter noch freundlich und warm gewesen; nun gab es einen Schauer nach dem anderen. Ich schlenderte durch die Fußgängerzone und hielt in allen möglichen Zeitschriftenläden Ausschau nach der neuesten Ausgabe der Woche in Australien, die aber wahrscheinlich noch nicht erschienen war, denn sie war nirgendwo erhältlich. Ich suchte Schutz im Bahnhofsgebäude, denn es ging ein heftiger Regenschauer nieder. Exakt in diesem Augenblick sah ich Alex! Das war ein Hammer. Ich hatte nie und nimmer mehr damit gerechnet, ihn noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Doch er war es und wir begrüßten uns nett und freundlich. So, als ob nichts gewesen ist. Ich fragte ihn, wo er nach unserer Trennung in Mackay überall gewesen sei. Der Schweizer berichtete ausführlich, wo Daniela und er gewesen sind. Ich fragte ihn, wo Daniela ist. Sie hätten getrennt Einkäufe erledigt und würden sich in Kürze im Backpacker´s treffen, wo sie untergebracht sind. Ich fragte ihn, ob wir heute Abend irgendwo ein Bier zusammen trinken wollen. Alex meinte, es sei geplant gewesen, dass sie indisch essen gehen wollten und ob ich mit wolle. Das war mir absolut recht. Wir verabredeten uns für 19:00 Uhr an der Jugendherberge. Genauso schnell, wie wir uns getroffen haben, gingen wir nun wieder auseinander. Er musste seinen Stadtbus bekommen. Diese völlig überraschend eingetretene Episode ließ Spekulationen aufkommen. Ich machte mir jetzt durchaus wieder Hoffnung, mit beiden nach Sydney zu reisen; egal was vorgefallen war. Sollte sich heute Abend beim gemeinsamen Essen keine Versöhnung ergeben, wäre das wirklich ein schlimmes Versagen aller Beteiligten und bei mir bestimmt eine weitere Frustphase aufkommen lassen. Nun wollte ich aber erst mal den Abend abwarten. Ich ging zur Jugendherberge zurück und ruhte mich wieder einen Moment auf dem Bett aus. Später sprach mit der Engländer Jim an, der ebenfalls meine Nachricht am Anschlagbrett entdeckt hatte. Auch Jim war an einer Fahrt nach Sydney mit mehreren Unterbrechungen interessiert. Ich machte noch einen kleinen Spaziergang zum Bahnhof, um noch ein weiteres Mal nach der deutschsprachigen Zeitung zu suchen. Wieder vergebens! Alex traf dann recht pünktlich gegen 19:00 Uhr in der Jugendherberge ein. Draußen hatte es abgekühlt. Alex hatte den roten Toyota Corolla abseits geparkt. Im Wagen sah ich dann auch endlich Küken Daniela wieder. So hatte ich sie vor unserer Trennung schon immer genannt. Das indische Restaurant war gar nicht so weit entfernt. Wir gingen hinein. Leider kommt in den australischen Restaurants selten mal eine gemütliche Atmosphäre auf. Die Speiseräume waren gewöhnlich einfach und ohne Dekoration eingerichtet. Auf den Tischen gab es keine Tischdecken oder Blumen, sondern nur Unterlagen aus Plastik, die ziemlich oft klebrig waren. Aber ohne eiskalt eingestellte Klimaanlagen ging natürlich auch hier nichts. Auch vom Geschmack her hielt sich die bestellte Mahlzeit in Grenzen, aber das war mir im Moment gar nicht so wichtig. Wir waren in lockerer Stimmung und unterhielten uns nett. Daniela war lieb und nett wie immer. Ich war sofort wieder von ihr bezaubert. Nach dem Restaurantbesuch gingen wir noch in einen Pub, wo wir uns ein Bier genehmigten. Der Abend neigte sich langsam dem Ende zu, doch weder Alex noch Daniela machten irgendwelche Anstalten das Gespräch darauf zu bringen, wie es jetzt weitergehen könnte. Wir verließen das Restaurant. Beiden bot ich noch meinen ausgelesenen Roman von Max von der Grün an, den sie auch gern haben wollten, den ich aber in meinem Rucksack hatte, der sich natürlich in der Jugendherberge befand. Alex fuhr mich zur Jugendherberge zurück. Zusammen gingen wir hinein, wo ich das Buch aus dem Zimmer holen wollte. Es lag etwas in der Luft – das war deutlich spürbar. Aber es war offensichtlich, dass Alex wirklich scheu war, um auf das eigentliche Thema zu kommen. Er traute sich nicht! So fragte ich ihn schließlich indirekt, was denn damals auf dem Weg nach Cannonvale gewesen sei, wo er urplötzlich so distanziert und abweisend reagiert hatte. Bis heute wusste ich nicht, was damals geschehen ist. Alex erzählte mir etwas von irgendwelchen Inseln, die er noch gern besucht hätte und deshalb unzufrieden war. Ich glaubte ihm diese Begründung irgendwie nicht so richtig. Warum hat er diesen Wunsch damals denn nicht geäußert? Egal: Die angefallenen Probleme räumten wir im Nu aus dem Weg. Hätte es nicht auch gleich in Cannonvale oder spätestens in Mackay so einfach gehen können? Nein, die Situation musste erst mal eskalieren. Der Rest war jetzt nur noch Formsache. Ich bot an, mit nach Sydney fahren zu wollen. Alex stimmte dem zu. Daniela war sowieso von Anfang gegen eine Trennung gewesen. Jetzt hatten wir noch eine gemeinsame Woche! Morgen Vormittag wollten wir uns in der Jugendherberge treffen. Alex bestätigte jetzt sogar, wo der Knoten geplatzt war, wie gut ihm die gemeinsame Fahrt von Cairns bis Mackay gefallen habe. Während dieses positiven Gesprächs hatte Daniela die ganze Zeit im Auto gesessen. Unser Dialog ging dann schnell zu Ende. Sehr zufrieden mit dem eben erreichten, begab ich mich auf mein Zimmer und legte mich ins Bett.
Das scharf gewürzte Essen gestern Abend beim Inder war wohl etwas zuviel für meinen Magen gewesen, der heute Morgen ziemlich rebellierte. Schon zu früher Stunde –es war erst 6:30 Uhr- stand ich heute in der Jugendherberge Brisbane auf. So hatte ich noch Zeit, meine Reisechronik zu vervollständigen. Ich ging nochmals zum Bahnhof, um zu schauen, ob die deutschsprachige Zeitung nun endlich erhältlich war – wieder Fehlanzeige! Es gab dann wieder einen kräftigen Regenschauer; aber im Laufe des Tages wurde das Wetter immer besser – die Sonne kämpfte sich immer mehr durch die Wolken und die Temperaturen stiegen an. Ich war reiselustig und hatte meinen Ausweis an der Jugendherbergsrezeption abgeholt. Ich setzte mich noch vor den Fernseher im Gemeinschaftsraum, wo ich darauf wartete, von Alex und Daniela abgeholt zu werden. Beide trafen um 10:15 Uhr ein. Vor gut einer Woche in Mackay hatte ich meinen Rucksack in trauriger Stimmung aus dem roten Toyota Corolla geholt; jetzt packte ich ihn wieder in den Kofferraum. Wer hätte das noch für möglich gehalten? Über das heutige Reiseziel gab es auch wieder leichte Unstimmigkeiten, aber um des lieben Friedens Willen wurde von allen nachgegeben. Alex und Daniela wollten heute unbedingt in den Vergnügungspark Seaworld nach Southport und daran anschließend an die berühmte Gold Coast mit den angeblich so paradiesischen Stränden. Dort herrschte bekanntlich der absolute Touristenrummel. Ich hätte vielleicht einen ruhigeren Ort bevorzugt. Alex fuhr den Wagen sicher aus der Millionenstadt Brisbane heraus. Southport war nur eine knappe Autostunde entfernt. Große Entfernungen legten wir heute nicht zurück, was ja auch nicht nötig war. In kürzester Zeit erreichten wir den Vergnügungspark Seaworld. Nicht nur hier war der Bär los, sondern auch rundherum an der Küste und in den Einkaufszentren. Touristen allüberall! Zunächst schockte mich der hohe Eintrittspreis von $AUS 19 pro Nase, der am Eingang des Parks gefordert wurde. Wie sich später herausstellte, war das Gebotene den Eintrittspreis nicht wert. Neben der freien Benutzung von Fahrgeschäften und Wasserrutschen, gab es noch eine Reihe von Darbietungen. Die erste begann unmittelbar nach unserem Eintreffen. Es handelte sich um eine Wasserski-Darbietung in Form eines Piratenspektakels. Das war alles ziemlich kitschig und wenig aufregend. Nur die Skiakrobatik war sehenswert. Alex und Daniela fuhren dann mit der Achterbahn, woran ich mich nicht beteiligte. Mein Magen war noch vom gestrigen Essen her nicht in bester Verfassung. Boote fuhren auf Wasserstraßen entlang und glitten immer wieder Rutschen hinab. Das war ganz nett. In einem Bassin brüllten lautstark ein paar Seerobben. Der Park war von Japanern überfüllt. Sie fotografierten wie die Weltmeister. Alex und Daniela fuhren nun mit einer anderen Achterbahn. Anschließend ging es auf lustige Wasserrutschen, wie wir sie auch in Neuseeland schon benutzt hatten. Die Sonne zeigte sich von ihrer besten Seite und so konnte man das Wasser beim Rutschen gut vertragen. Daniela ging nicht mit, weil sie keinen Badeanzug dabei hatte. Nach einer Rast schauten wir bei einer Show mit Delphinen, Walen und Seelöwen zu, die recht lustig war, aber eben auch nicht spektakulär. Natürlich musste man sich auch immer wieder die Frage stellen, ob die Tiere das liebten, was sie hier zur Freude der meisten Zuschauer zu tun hatten. Der Vergnügungspark war eine Imitation a la Disney World. Nach etwa 4 ½ Stunden verließen wir das Gelände und setzten unsere Fahrt an die Gold Coast fort. Überall standen hässliche, wolkenkratzerartige Hotelbunker herum. Und das alles wegen der Sandstrände, die es auch in anderen Landesteilen gab (nur nicht so überlaufen) und dem Namen Surfer´s Paradise. Wir überlegten, ob wir in die Jugendherberge gehen sollten, ins Backpacker´s oder in ein Motorcamp. Wir entschieden uns dann für die letztgenannte Alternative und hatten damit richtig getroffen. Für nur $AUS 18 bekamen wir einen geräumigen Wohnwagen gestellt, der modern eingerichtet war. Es gab Strom, Wasser und eine gut ausgerüstete Küche. Im Wohnwagen hätten gut und gerne auch mehr als drei Leute untergebracht werden könne. Eine tolle Unterkunft, die sich übrigens in dem Ortsteil Miami befand. In so einem touristisch frequentierten Gebiet hätte ich mit einem deutlich höheren Übernachtungspreis gerechnet. Daniela nahm die Einteilung der Betten vor. Ich sollte mit Alex auf dem Bett schlafen; während sie die Polsterbank am Eingang bevorzugte. Ich hatte mich selbst beobachtet: Mein Verhalten hatte sich nach dem Gespräch mit Daniela über Alex´ sexuelle Neigungen nicht geändert und das war auch gut so. Allerdings wuchs mein Bedürfnis, das Bett mit der zauberhaften Daniela zu teilen. Heute alberten wir sogar beide herum und ehe ich mich versah saß sie auf mir – meine Herren! Das war nicht ohne! Wer weiß was passiert wäre, wenn Alex gerade nicht anwesend gewesen wäre. Das Küken war dabei, mir den Kopf zu verdrehen. Im Wagen fuhren wir nach Surfer’s Paradise zurück und voller Freude bekam ich hier nun endlich die Zeitung Diese Woche in Australien, nach der ich in Brisbane so lange gesucht hatte. Die Innenstadt war von der tropischen Atmosphäre geprägt. Aber mir hatte Airlie Beach beispielsweise viel besser gefallen. Wir spazierten durch die bunt erleuchteten Straßen und waren auch kurz am Strand, deren hohe Wellen beeindruckten. In einem chinesischen Takeaway nahmen wir ein kleines Abendessen ein. Wir fuhren dann zum Motorcamp zurück. Ich ging noch unter die Dusche und verbrachte den weiteren Abend mit dem Lesen der Zeitung. Ich hatte heute ganz schön viel Geld ausgegeben und zog es vor im Wohnwagen zu bleiben, als Daniela und Alex noch den Vorschlag machten, in einen Nachtclub zu fahren. Das brauchte ich heute wirklich nicht mehr. Die Zeitung war wieder prall gefüllt mit interessanten Neuigkeiten. Im DFB-Vereinspokal hat der Hamburger SV den FC Bayern München mit 2:1 besiegt. Im Halbfinale trifft Werder Bremen nun auf Eintracht Frankfurt und der Hamburger SV muss auswärts beim VfL Bochum antreten. In der Bundesliga gewannen die Hamburger deutlich mit 3:0 gegen den 1.. FC Kaiserslautern. Borussia Mönchengladbach (0:1) gegen Waldhof Mannheim verliert ein Spiel nach dem anderen. Werder Bremen (3:3 gegen Bayer Leverkusen) führt noch mit zwei Punkten vor Verfolger Bayern München, die bei Eintracht Frankfurt 1:1 spielten. In der Zeitung stand auch ein ausführlicher Bericht über die Lawinenkatastrophe in den Alpen. Fußballkatastrophen in Nepal und Libyen forderten zusammen fast einhundert Tote. In Nepal gab es während eines Fußballspiels einen ungewöhnlich schweren Hagelschauer, der eine Panik auslöste und viele Opfer forderte; in Libyen ist im Stadion eine Mauer eingestürzt, die die Fans unter sich begrub. Später überkam mich Müdigkeit. Draußen gingen zwei kleine Schauer nieder, was man deutlich an der Außenhaut des Wohnwagens hörte. Daniela und Alex kamen um 0:30 Uhr aus dem Nachtclub zurück.
Tiefblauer Himmel mit Sonnenschein war der Grund für mein frühes Aufstehen am heutigen Donnerstagmorgen. Alex und Daniela schliefen noch. Später kochten wir noch schnell einen Kaffee; zügig packten wir unsere Klamotten zusammen und waren bald danach bereit für eine weitere Etappe dieser Reise. Zunächst fuhren wir von Miami nach Surfer´s Paradise, dem absoluten Touristenmekka Australiens. Der frühe Sonnenschein war allerdings nur von kurzer Dauer gewesen. Graue Wolken zogen auf und es fing sogar an, etwas zu regnen. So gingen wir nicht an den Strand sondern in den Ortskern, wo ich die Gelegenheit nutzte, in der Bank einen weiteren Reisescheck einzuwechseln. Auch heute kaufte ich mir eine australische Tageszeitung. Wir frühstückten dann in einem kleinen Cafe´ und gingen zurück an den schönen Sandstrand, denn die Sonne war zwischenzeitlich wieder zum Vorschein gekommen. Wir gingen sofort ins Wasser und wurden sofort von den hohen Wellen umspült. Das brachte großen Spaß! Wir legten uns danach in den Sand, doch begann es kurz danach wieder zu regnen. Wir verließen Surfer’s Paradise und fuhren über Coolongatta zu unserem heutigen Tagesziel, der Stadt Murwillumbah am Tweed River. Zwischenzeitlich überfuhren wir die Grenze zum Bundesstaat New Soth Wales. Es war erst Mittagszeit, aber es schien hier eine Reihe von Aktivitäten zu geben, denen man nachgehen konnte, z. B. Kanufahren, Bergbesteigungen und Regenwaldspaziergänge. Hier soll es auch besonders viele Glühwürmchen zu sehen geben! Durch all diese Möglichkeiten machte aber schwerer Regen einen Strich durch die Rechnung. Der Regen hörte vorläufig nicht mehr auf und manchmal goss es regelrecht wolkenbruchartig. Unglaublich, was da vom Himmel kam – als ob die Schleusentore geöffnet wurden. Die Jugendherberge von Murwillumbah machte einen merkwürdigen Eindruck. Das Publikum war außergewöhnlich. Hing es damit zusammen, dass Murwillumbah wegen seiner Hare Krishna-Farmen so bekannt war und dass deshalb die Anhänger hierher kamen? Ich jedenfalls konnte mit den anderen Jugendherbergsgästen wenig anfangen und war froh, die Gesellschaft von Alex und Daniela zu haben. Wir wussten allerdings mit unserer Zeit wenig anzufangen und saßen zunächst nur herum. Wir konnten nicht einmal das Auto vor der Tür erreichen, ohne bis auf die Knochen durchnässt zu werden. Solch einen heftigen und lang anhaltenden Niederschlag habe ich selten erlebt. Die Leute in der Jugendherberge tranken Wein und rauchten im Zimmer. Mit schwante eine unruhige Nacht. Mit Argusaugen schaute ich dann auf ein kleines Zweibettzimmer, der völlig leer stand. Ich träumte davon, dass Daniela und ich in diesem Raum verschwinden würden. Aus purer Langeweile gingen wir dann in den recht großen Stadtkern von Murwillumbah, obwohl wir dort eigentlich überhaupt nichts zu erledigen hatten. Der Ort hatte eine Einwohnerzahl von etwa 8000. Wir retteten uns bei wieder stärker werdendem Regen in ein Cafe´, wo wir ein Stück Kuchen aßen. Ich für meinen Teil brauchte eine heiße Tasse Kakao. Zurück in der Jugendherberge legte ich mich frierend aufs Bett. Welch ein Unterschied zu anderen Tagen in Australien, wo man vor lauter Hitze nicht ein und aus wusste. Plötzlich kam Daniela, das Küken, ins Männerzimmer und legte sich zu mir ans Fußende des Bettes. Oh, wenn doch nicht immer jemand hier wäre. Ich streichelte sie leicht auf ihrer Haut und versuchte so, mehr zu erreichen – aber es ging nicht: Es kam immer irgendjemand in den Raum. So standen wir bald wieder auf und gingen in den Gemeinschaftsraum zurück. Gegen 18:00 Uhr gingen Alex, Daniela und ich dann zurück in den Ortskern, um in einem Restaurant italienisch essen zu gehen. Eine gute Gelegenheit bot sich dann nach dem Essen an. Wir wollten etwas Squash spielen. genau das richtige bei solch einem Wetter! Wir mussten mit dem Spiel aber noch einen Augenblick warten, da auf den Courts ein Volleyballturnier ausgetragen wurde. Da schauten wir aber auch zu. Ich ließ keine Gelegenheit mehr aus, um mit Daniela zu flirten. Squash gespielt wurde dann aber doch noch. Auf dem Court wechselten wir uns ab. Alex machte seine erste Versuche bei diesem Spiel, die nicht besonders erfolgreich verliefen. Ich kam jedoch schnell ins schwitzen. Insgesamt eine Stunde schlugen wir uns die Bälle mehr oder weniger um die Ohren. Der Spaß war recht günstig. Für den Court, für Schläger und Bälle bezahlten wir zusammen nur AUS 8,50! Draußen wurde der Regen immer schlimmer. Man hörte, wie die Tropfen auf das Hallendach prasselten; so sehr, dass wir uns kaum verständigen konnten. Manchmal donnerte es auch etwas. Wir gingen zur Jugendherberge zurück; ich hatte leichtes Halskratzen. Daniela verschwand gleich auf ihrem Zimmer. Mir war kalt und ich ging auch schon frühzeitig ins Bett. Es schien der einzig aushaltbare Platz zu sein. Noch lange hörte ich dem Regen zu, wie er unablässig an die Scheiben prasselte. Ich hatte mich in das Zweibettzimmer verzogen, wo es sehr ruhig war. Außerdem war das Bett hier extrem bequem.
Der Regen hielt auch während der Nacht an und es goss auch am Morgen wie aus Kübeln. Das waren ja heitere Aussichten für die angedachten Unternehmungen des heutigen Tages. Als ich am Morgen ziemlich früh aufgewacht bin, stand doch tatsächlich das Küken Daniela in meinem Zimmer. Und sie legte sich doch wirklich einen Moment zu mir. Puh – das hatte ich gar nicht erwartet. Hatte sie das Bedürfnis zu kommen oder langweilte sie sich im Augenblick nur, weil Alex noch schlief und sie sich nicht beschäftigen konnte. Ich für meinen Teil war schon etwas aufgeregt. Ich durfte ihre Haut streicheln und gab ihr ein paar kleine Küsschen auf die Nase. Das schien ihr alles sehr angenehm zu sein. Nur als ich ihre Lippen berührte, erwiderte sie den Kuss nicht. Man hatte hier einfach keine Ruhe. Wir befanden uns schließlich in einer Jugendherberge und es war ein ständiges Kommen und gehen. Einen Schlüssel, um das Zimmer mal für einen Moment abschließen zu können, hatten wir nicht. So kurz diese Episode hier in der Jugendherberge Murwillumbah auch war; sie gehörte mit zu den schönsten Minuten dieser Reise und ich werde mich gewiss immer an sie erinnern. Daniela hatte mich verzaubert und ich konnte nicht mehr ausreichend auf etwas anderes konzentrieren. Wir standen auf. Alex schlief immer noch tief und fest. Es war immer noch früh und es bestand keine Eile. Was sollte man bei dieser schrecklichen Witterung auch schon anfangen? Gegen 10:00 Uhr waren wir dann aber abreisebereit. Alex musste hinaus in das Unwetter, um den Wagen zu holen. Ich war angezogen wie im tiefsten Winter! Innerhalb weniger Sekunden war unsere Kleidung durchnässt, als wir unser Gepäck zum Auto transportierten und es im Kofferraum zu deponieren versuchten. Wir fuhren dann in den Stadtkern von Murwillumbah und nahmen in dem Cafe´, wo wir bereits gestern Nachmittag waren, ein Frühstück ein. Ich brauchte bei diesen herbstlichen Temperaturen unbedingt wieder einen heißen Kakao. Dann aber waren wir endlich soweit und die nächste Etappe konnte beginnen. Die geplante Straße nach Kyogle konnten wir aber nicht nehmen. Nach Aussagen eines Polizisten soll die Straße allgemein in keinem gutem Zustand sein; nun aber, bei diesen Sintfluten, sei eine Befahrung indiskutabel und wir ließen es bleiben. So fuhren wir einen kleinen Umweg über Byron Bay. In der Nähe will sich die Holländerin Marian van der Kroon, die ich im letzten Jahr in Neuseeland kennen gelernt hatte und die mich im Sommer in Buchholz besucht hatte, dauerhaft niederlassen. Wenn sich an ihren Plänen nichts mehr ändert, wird sie im April diesen Jahres von ihrem niederländischen Heimatort in die Umgebung von Byron Bay auswandern und dort in einer Baumschule arbeiten. Bewundernswert – was für eine tolle Powerfrau!
Als wir weiterfuhren, entdeckten wir einen drolligen Schuljungen am Straßenrand, den wir bis Bangalow im Wagen mitnahmen. Sonst hätte er wohl die acht Kilometer lange Strecke zu Fuß gehen müssen. Trotz des schönen Wetters waren die Überflutungen, die der heftige Dauerregen angerichtet hatte, nicht zu übersehen. Während unserer heutigen Etappe fuhr ich den Toyota Corolla und ich freute mich einmal mehr, wie wenig Mühe ich mit dem Wagen und der Fahrerei hatte. Nur der Umgang mit den vielen Kreiseln in den Ortschaften waren gewöhnungsbedürftig. Es war nicht immer so klar, wer hier die Vorfahrt hatte und wer nicht. Die Landschaft mit den vielen Hügeln, Flüssen, Wiesen und Wäldern war wunderschön. Wir fuhren jetzt ins Landesinnere und passierten die Orte Lismone und Casino. Ich war bester Laune und sang –sehr zum Leidwesen von Alex und Daniela- lautstark ein paar Countrysongs, die meiner Meinung nach, sehr gut zur Landschaft passten. Leider bemängelten die Schweizer meine stimmlichen Qualitäten. Wir waren alle in bester Stimmung. Die Strecke nach Tenterfield führte über Hügel und der Highway war hier extrem kurvig. Tenterfield war unsere heutige Endstation. Hier gab es eine Jugendherberge und auf dem Grundstück gab es einen Campingplatz, der auch Kabinen hatte. Wir entschlossen uns für solch eine Kabine, die es uns ermöglichte, dort gemeinsam zu übernachten. Der Preis von $AUS 8 pro Person war in Ordnung. Die Innenausstattung war freundlich. Es gab ein Ehebett, eine Polsterbank und drei übereinanderstehende Betten. Ferner besaß die Kabine eine Küche mit Gaskocher und Spüle. Die sauberen sanitären Anlagen befanden sich außerhalb der Kabine. Es dauerte nicht sehr lange und ich startete wieder ein paar Flirtversuche bei Daniela. Sie war einfach zu niedlich und sie machte mich echt an. Ich versuchte sie natürlich zu überreden, mit mir in dieser Nacht das Doppelbett zu teilen, doch sie lehnte zunächst ab. Die Absage war aber alles andere als strikt. Gegen 19:00 Uhr fuhren wir dann in den Ortskern von Tenterfield, um ein Abendessen einzunehmen. Wir entschieden uns für ein chinesisch-malaysisches Restaurant. Ich bestellte mir ein Rindfleischgericht mit Reis und Gemüse. Es war absolut bekömmlich und auch vom Preis her in Ordnung. Jetzt gingen wir noch in einen Pub in der Nähe, wo wir einen abschließenden Drink einnahmen. Zuvor schauten wir uns noch die Schaufenster der Geschäfte an. Es hatte stark abgekühlt. Die Temperaturen waren nicht mehr so wie in den Tropen- oder Wüstenregionen Australiens. Zurück in der Kabine ging ich nochmals unter die Dusche und fühlte mich wieder zu Daniela hingezogen. Ich war absolut davon überzeugt, dass sie zu mir ins Bett gekommen wäre und dort wäre es vermutlich zu einem Austausch von Zärtlichkeiten gekommen – aber sie wollte nicht, so lange Alex Zuschauer oder –Zuhörer war. Zu meiner Überraschung zeigte Alex ein enormes Verständnis, ohne jegliche Anzeichen von Eifersucht zu zeigen. Mir würde es wahrscheinlich nicht so recht sein, wenn man ständig vor meiner Nase turteln würde. Er zeigte sich sehr amüsiert; vermutlich machte er eine gute Mine zum bösen Spiel. Sein Verhalten war mir jedenfalls sehr sympathisch, obwohl mir Daniela im Moment noch einen Hauch sympathischer war. Für einen kleinen Augenblick kam sie tatsächlich zu mir aufs Bett. Sie blieb passiv, ließ es aber zu, dass ich sie streichelte. Meine Hände arbeiteten sich langsam weiter voran und sie ließ mich immer noch gewähren. Als ich mir sicher war, sie für die Nacht gewonnen zu haben, zog sie sich, unter einem Vorwand, auf die Toilette zurück und ging anschließend auf ihr Bett zurück. Logisch, dass ich ziemlich enttäuscht war. Ich gab auf und blieb allein auf dem viel zu großen Doppelbett zurück. Verdammter Mist! In der Kabine wurde es in der Nacht sehr kalt. Ich musste tief in meinen Schlafsack hineinkriechen. Heute waren es übrigens nur noch drei Wochen bis zu meinem geplanten Rückflug nach Deutschland.
Kaum zu glauben, aber heute Morgen stand ich bereits um 6:00 Uhr auf. Die Kälte in unserer Kabine war sehr unangenehm und lud nicht zu einem längeren Schlaf ein. Meine Gedanken waren schon wieder bei Daniela, die dort friedlich in ihrem Bett schlief. Höchstwahrscheinlich wäre sie keine Frau auf Dauer für mich; problematisch wäre da schon die Entfernung zwischen Buchholz und Genf. Sie war sicher auch viel zu jung für mich, vielleicht auch etwas zu naiv – außerdem war sie ein unverdorbenes Geschöpf und vielleicht viel zu gut für mich. Aber all das half nichts. Ich begehrte sie jetzt – hier und heute und mit ihrem wankelmütigen Verhalten (mal so, dann mal wieder anders) machte sie mich halb verrückt. Ich glaube, dass sie Angst davor hat, dass ich mehr wolle und sicher macht sie sich auch weitergehende Gedanken, wenn wir uns in der nächsten Woche in Sydney trennen werden. Daniela erwachte bald und ich stieg zu ihr ins enge Bett, was sie auch geschehen ließ. Sie drehte ihren Körper aber derart geschickt, dass es zu keinen größeren Aktionen kommen konnte. Ein bisschen Schmusen war aber durchaus gestattet. Alex wachte nun auch bald auf. Wir nutzten das frühe Aufstehen, um zeitig zu einer weiteren Etappe zu starten. Das Wetter war auch heute wieder entsetzlich. Es war wie im norddeutschen April. Immer wieder gab es heftige Schauer und dabei war es unangenehm windig. Die Sonne kam manchmal kurz zum Vorschein, aber es war empfindlich kühl. Schauerlich! Trotz der widrigen Witterung und trotz hungrigem Gefühl in der Magengegend fuhren wir jetzt zum berühmten Bald Rock, ein über 1.200 Meter hoher Felsen oder Monolith, der so unglaublich glatt aussieht, wofür das Klima im Laufe der Jahrmillionen gesorgt hat hat. Bald Rock war etwa fünfunddreißig Kilometer von Tenterfield entfernt. Wir stellten das Auto ab. Es folgte eine nicht allzu lange Wanderung, um den Felsen zu besteigen. Daniela ging nicht mit. Alex und ich kletterten den steilen Berg hinauf. Leider war das Wetter bei der Besteigung sehr unangenehm, was auch der Grund war, warum Daniela das trockene Auto bevorzugte. Nieselregen und Kälte gingen durch und durch. Auf der anderen Seite geriet man beim Aufstieg ziemlich schnell ins Schwitzen. Die Form des Monolithen war eindrucksvoll. So etwas sieht und erlebt man nicht jeden Tag. Leider ließ es das Wetter nicht zu, dass man von oben die Aussicht genießen konnte. Die Wolken waren tief und alles war regenverhangen. Alex und ich stiegen jetzt wieder ab und gingen zum Auto zurück, wo Daniela auf uns wartete. Allerdings saß sie nicht im Wageninneren, sondern draußen an einem Feuerplatz, wo noch jemand vor relativ kurzer Zeit ein Feuer entzündet haben musste. Die Glut war noch vorhanden und strahlte Wärme aus. Daniela hielt ihre Hände über die Glut und wärmte ihren durchgefrorenen Körper. Jetzt fuhr Daniela eine kurze Strecke. Es ging über miserable, ungeteerte Straßen mit vielen Schlaglöchern. Der Wagen musste viel einstecken. Trotzdem fuhren wir jetzt auch noch in den Boonoo Boonoo-Nationalpark, wo sich Wasserfälle befinden sollten, die wir uns anschauen wollten. Wir fanden den Weg schnell. Die Wasserfälle waren großartig und besonders der Blick in die Schlucht war spektakulär. Wie bedauerlich, dass es kein Sonnenlicht gab, dass den Ausblick noch verschönert hätte. Stattdessen gab es einen Regenschauer nach dem anderen. Daniela hatte genug von der Straßenqualität und ließ mich jetzt ans Steuer. Leider mussten wir wieder nach Tenterfield zurück, wo wir in einem Cafe erst mal frühstückten. Es war jetzt 12:00 Uhr und wir waren alle hungrig. An Kilometern hatten wir in Richtung Ostküste noch nichts geschafft. Jetzt waren die Straßen vorübergehend in einem besseren Zustand und Daniela fuhr wieder. Auf dem breiten Highway fuhren wir über Dundee nach Grafton. Auch hier war die Landschaft mit den vielen Hügeln wunderbar anzuschauen. Der Regen wurde immer heftiger und die Straßen war klatschnass. Es gab jetzt wieder eine Reihe von tiefen Schlaglöchern, die mit Wasser aufgefüllt waren und deshalb mehr oder weniger unsichtbar waren, was dazu führte, dass wir oft in diese Löcher mit Karacho hineinfuhren. Der Wagen musste aufgetankt werden. Ich fuhr die nächste Teiletappe, was mir eine besondere Freude machte. Unsere Fahrt ging jetzt über den Highway 1 nach Coffs Harbour, unserem heutigen Ziel. Wie der Name schon andeutet, liegt der Ort am Wasser, was aber bei der schlechten Witterung wenig einladend war. Um 16:30 Uhr erreichten wir die recht schöne Jugendherberge, die ebenfalls ziemlich gefüllt war. Der Strom der Reisenden scheint nicht abzureißen. Bei der Anmeldung buchte ich für Alex und mich ein Doppelzimmer, während Daniela in den großen Schlafraum für die Mädchen ging. Ich hatte sie vorher gefragt, ob wir beide vielleicht ein Zimmer teilen wollten, was sie aber ablehnte. Nicht strikt, aber sie sagte nein. Mit Alex war ich in dieser Nacht allein in einem Ehebett. Bedenken, mit ihm ein Bett zu teilen, kamen nicht auf. Er hat mich immer in Ruhe gelassen und das würde auch heute Nacht nicht anders sein. Wir bezahlten für die Übernachtung pro Kopf nur $AUS 8. Die Ruhe war heute Nacht auf jeden Fall gesichert. Daniela und Alex schauten sich den Hafen an, während ich mich in den Gemeinschaftsraum setzte, um mein Tagebuch auf den aktuellen Stand zu bringen. Später wurde dann im Hof der Jugendherberge ein Barbecue veranstaltet. Trotz des anhaltend miesen Wetters war es prima. Wir saßen unter einer Überdachung beisammen und ließen uns das leckere Grillfleisch schmecken, für das wir jeder $AUS 4 bezahlten. Es gab Koteletts, Salat und Knoblauchbrot und zum Nachtische eine gebackene Banane mit Eis. Ein wahrer Hochgenuss! Mehr konnte man für das Geld nicht verlangen. Alex hatte Wein dabei, den er uns immer wieder in die Gläser füllte. Nach dem Barbecue gingen Alex und Daniela abermals aus. Ich hatte keine so große Lust und musste dringend Geld sparen. Schon bald ging ich auf mein Zimmer und schrieb noch einen Brief nach Hause. Ich hörte, wie sich ein deutsches Pärchen im Nebenzimmer lautstark stritt. Da es so hellhörig war, hielt ich meine Ohren neugieriger Weise gespitzt. Alex und Daniela kamen erst um 2:00 Uhr zurück in die Jugendherberge.
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