Michael Schubert beschreibt seine 104-tägige Reise nach Singapur und durch Australien. Die Seiten werden durch ein Reiseforum, einen Grusskartenservice, eine Linkhitliste, einen ChatRoom sowie free SMS & free E-Mail-Konto abgerundet


61. Reisetag:
Sonnabend, 5. März 1988

An der Rezeption verlängerte ich zunächst meinen Aufenthalt in der Jugendherberge von Cairns um zwei weitere Nächte. Ich musste dann leider in ein anderes Zimmer wechseln, da das Doppelbettzimmer anderweitig gebraucht wird. In den anderen Zimmern befanden sich drei Betten, was aber auch in Ordnung war. Jetzt bezahlte ich nur noch $AUS 10 für die Übernachtung; sparte also $AUS 3.

Ich ging in die kleine Innenstadt, wo ich zunächst in der Zeitung las und dabei in einem Cafe´ ein getoastetes Sandwich frühstückte. Im Hinblick auf den mit Alex und seiner Bekanten geplanten Trip nach Sydney, klapperte ich jetzt einige Mietwagenfirmen ab. Die Firma Budget stellte sich leider als sehr teuer heraus, während das unbekanntere Unternehmen ABC sich am günstigsten herausstellte. Hier sollte der Wagen pro Tag $AUS 35 kosten; zuzüglich würde ein einmaliger Betrag in Höhe von $AUS 10,50 für Steuer, Versicherung und unbegrenzte Kilometer hinzukommen. Welches Angebot wir am Ende annehmen werden, wird in Kürze entschieden. Ich hoffe jedenfalls auf ein baldiges Eintreffen von Alex und Anhang.

Am Nachmittag gesellte ich mich zum Schweizer Walter, mit dem ich auch im Swimmingpool der Jugendherberge badete. Zwei Briefe schrieb ich in den nachfolgenden Stunden; einen an meinen Freund Frank sowie einen an die Belegschaft der Krankenhausstation, wo ich vor dieser Reise zuletzt gearbeitet hatte.

In meinem Zimmer ruhte ich mich dann etwas aus. Ich ging dann nochmals in den Ort, wo ich eine Kleinigkeit aß. Ohne weitere Aktionen ging dieser Tag langsam zu Ende. Ich schwamm noch eine Runde im Pool. Dabei beobachtete ich einen Idioten, der kopfüber vom Balkon in den Pool sprang, der sich ungeheuer cool vorkam – er konnte vorher überhaupt nicht gesehen haben, wer wo im gerade im Pool schwimmt. In jedem Falle zog er die Aufmerksamkeit aller auf sich.

Ich saß noch ziemlich lange auf der Terrasse, wo ich noch gelesen und geschrieben habe. Ich ging recht frühzeitig ins Zimmer. Ein Schwede und ein Japaner übernachteten mit mir im Zimmer.

Info: Great Barrier Reef

62. Reisetag:
Sonntag, 6. März 1988

Ein hochkarätig schwacher Tag folgte nun heute wieder einmal. Ich war zu unlustig, bequem und faul, um irgendetwas auf die Beine zu stellen. In der Nacht hatte es heftige Regenfälle gegeben, die auch am Morgen noch anhielten.

Mein Plan, ein Fahrrad auszuleihen, wurde hinfällig, da eine Fahrradtour bei den immer wieder einsetzenden Schauern kein besonderes Vergnügen werden würde – obwohl es nicht kalt war.

So spazierte ich wieder in die Fußgängerzone von Cairns, wo fast alle Geschäfte geschlossen hatten. Ich gab wieder reichlich Geld für ein Frühstück aus. Mit der Sonntagszeitung unter dem Arm ging ich zurück zur Jugendherberge.

Ich rechnete für heute mit der Ankunft meines Schweizer Freundes Alex und seiner Bekannten. Also wollte ich auf sie warten. Wenn die erhaltenen Informationen richtig waren, würden heute zwei Flugzeuge aus Richtung Ayer´s Rock kommend, in Cairns landen – beide um die frühe Mittagszeit herum.

Ich setzte mich etwas abseits hin und las in aller Ruhe in meinem Roman, mit dem ich ein kräftiges Stück voran kam. Der Schweizer Walter hatte heute einiges auf dem Programm; er war erheblich aktiver als ich. Aber ich musste auch ein wenig auf mein Geld achten und vieles was in Cairns angeboten wird, geht richtig ins Geld und kann nicht einfach aus der Portokasse bezahlt werden. Insgesamt musste ich mit meinem Geld sparsamer umgehen; zumal ja nun eine Fahrt mit dem Mietwagen auf dem Programm stand.

Die Warterei war nicht mein Ding! Schon wurde es Abend und niemand ist gekommen. Ärgerlich! Ich nahm mir vor, morgen noch hier zu bleiben; spätestens am Dienstagmorgen wollte ich Cairns dann verlassen, sollten Alex und seine Begleitung noch nicht eingetroffen sein.

Weitere Kommentare möchte ich über den heutigen Tag nicht mehr verlieren. Ziemlich gelangweilt setzte ich mich am Abend vor den Fernseher und las erneut in meinem Buch. In dieser Nacht teilte ich mein Zimmer mit einem Neuseeländer, Peter, und einem Amerikaner aus Kalifornien, der Richard heißt.

Reportage: Australien - Das Wirtschaftswunder am Ende der Welt

63. Reisetag:
Montag, 7. März 1988

Nach dem Aufstehen in der Jugendherberge Cairns aß ich schnell etwas Müsli mit Milch und ging danach zur Post, wo ich Geburtstagsglückwunschkarten für zwei Verwandte kaufte. Auch besorgte ich die dazugehörigen Briefmarken. In der Westpac-Bank wechselte ich abermals einen Reisescheck ein.

In der Jugendherberge wollte ich mir dann heute ein Fahrrad mieten, doch nur noch ein einziges und viel zu kleines stand zur Verfügung, so dass ich die geplante Radtour auch heute ausfallen lassen musste.

Nach einem kleinen zweiten Frühstück wollte ich den Botanischen Garten, obwohl mich auch diese Idee nicht unbedingt in Euphorie versetzte. Ich ließ es dann auf halbem Wege auch bleiben. Nun hatte ich Lust, zum Flughafen von Cairns zu fahren, um mich nach den Flugankünften vom Ayer´s Rock zu erkundigen. Vielleicht würden ja auch gerade Alex und seine Bekannte eintreffen, wenn ich dort war.

Um beim Thema zu bleiben: Auf Alex wartete ich auch heute vergebens. Eigentlich musste er heute eintreffen. Andererseits war er so zuverlässig, dass er mir eine Nachricht hätte zukommen lassen, wenn etwas dazwischen gekommen wäre.

Am Abend badete ich im Swimmingpool und las ein kräftiges Stück in meinem Roman weiter. Als Alex auch gegen 15:00 Uhr immer noch nicht eingetroffen war, hielt ich es erstmals für möglich, dass er nicht mehr kommen würde. Vielleicht ist er überhaupt nicht abgeflogen. In der Schweiz anrufen konnte ich ihn auch nicht, denn seine Telefonnummer stand im in Darwin verloren gegangenen Notizbuch. Was sollte nun werden?

Ich kann es vorweg nehmen: Alex und seine Begleiterin trafen heute nicht mehr ein. Ich war etwas sauer und enttäuscht. War die lange Warterei in Cairns nun völlig umsonst gewesen? Walter setzte sich am Abend noch zu mir, aber er konnte mich mit seiner typisch schweizerischen Reserviertheit auch nicht in eine bessere Stimmung versetzen.

Mit den anderen Reisenden gab es nur Small Talk-Gespräche. Die nächsten Stunden saß ich vor dem Fernseher und duschte anschließend. Ich las dann noch recht lange in meinem Buch und wechselte ein paar Worte mit Richard aus Kalifornien und Peter aus Neuseeland, die beide im Zimmer untergebracht waren, wo auch ich nächtigte.

Alex und ich wollten eigentlich meinen Geburtstag am Mittwoch zusammen feiern; aber ich sah jetzt wirklich langsam schwarz. Wahrscheinlich wird es ähnlich lauer Tag wie vor einem Jahr im neuseeländischen Napier.

Reportage: Australische Buschblüten - Natur pur für dein Wohlbefinden

64. Reisetag:
Dienstag, 8. März 1988

Noch gestern Abend hatte eine Fahrt auf die Green Island gebucht. So setzte ich mich mit Aktivitäten etwas unter Druck. Meine Idee, Cairns heute zu verlassen, hatte ich fallen gelassen. Ich würde heute letztmalig auf Alex´ Eintreffen warten. Entweder er traf heute ein oder nicht; zumindest erwartete ich heute eine Nachricht.

In der Nacht hatte es wieder heftig geregnet. Wenn ich das Fährticket nicht schon gekauft hätte, wäre ich gewiss nicht nach Green Island gefahren. So raffte ich mich aber trotzdem auf. Draußen war es stark bewölkt und sah eher nach Niederschlag als nach Sonnenschein aus. Die Temperatur war aber durchaus angenehm. Es war weder heiß noch schwül. Ich bezahlte vorher noch eine weitere Nacht in der Jugendherberge Cairns an der Rezeption. Um 8:45 Uhr war ich dann am Marlin Jetty-Fährenterminal und pünktlich um 9:00 Uhr fuhr das Boot ab. Für die Hin- und Rückfahrt musste ich $AUS 14 investieren. Die See war rau und einen Augenblick später fing es wieder an zu regnen. Umso weiter wir aufs offene Meer hinausfuhren, umso mehr schaukelte das Boot. Sofort wurden einige Passagiere seekrank und das Personal sah sich genötigt, Kotztüten zu verteilen.

Obwohl ich mich an Deck befand und an der frischen Luft befand, wurde es mir auch etwas schwummerig zu Mute. Ich war froh, als das Boot um 10:45 Uhr am Steg der Green Island festmachte. Es dauerte dann noch ein wenig, bis ich mich von der Schaukelei erholt hatte. Die Insel war ein Korallenatoll in unmittelbarer Nähe des Barrier Reef. Wenn die Insel nicht zu einem Touristenmekka gemacht worden wäre, hätte man sich auf einer Robinson-Insel fühlen können.

Der Strand war weiß und die Pflanzen tropisch grün. Herrliche reiherartige Vögel flogen umher. Ein wunderschönes Bild! Das Schwimmen war hier erlaubt, was ja an anderen australischen Stränden nicht so selbstverständlich war. Für $AUS 8 lieh ich mir einen Schnorchel, eine Maske und ein Paar Flossen aus. Ich begab mich an den Sandstrand in der Nähe des Stegs. Doch schon nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass es hier unter der Wasseroberfläche nicht viel zu sehen gab. Das Wasser war auch eher trübe hier. Das Schwimmen war bei den milden Wassertemperaturen aber ein Hochgenuss.

Auf Green Island war das Wetter wie umgewandelt. Es war sonnig und heiß. In der Ferne konnte man aber die grauen Regenwolken über Cairns erkennen. Dort war es jetzt weniger schön. Ich ging jetzt in das Touristen-Reservat und nahm am Imbiss Platz, der schön schattig unter den tropischen Bäumen lag.

Hier traf ich auch den netten Neuseeländer Peter wieder, der wohl auch auf der Fähre gewesen sein musste. Er war hier in Begleitung des US-Amerikaners Allan. Zusammen gingen wir nach der Mittagsrast zurück zum Strand; diesmal aber an eine andere, viel schönere Stelle. Allan blieb am Strand und sonnte sich. Peter und ich gingen mit voller Ausrüstung ins Wasser. Unter der Wasseroberfläche sah man hier deutlich mehr!

Durch die Tauchmaske entdeckte ich eine idyllische Unterwasserwelt. Pflanzen wogen sich leicht in der Strömung des Meeres. Zauberhafte Fische schwammen neugierig an mir vorbei. Peter schwamm jetzt etwas weiter hinaus, während ich Grund unter den Füßen bevorzugte. Ab und zu passierte es nämlich, dass ich Wasser durch das Schnorchelrohr in den Mund bekam und husten musste, was leichten Brechreiz hervorrief. Insgesamt kam ich aber ganz gut klar. Bisher konnte ich es an einer Hand abzählen, wie oft ich geschnorchelt hatte.

Jetzt schwamm sogar ein mächtiger Rochen nur wenige Meter entfernt an mir vorüber. Es sah eher aus, als ob er flog. Seine Flossen ließen ihn sanft dahin segeln. Sein Schwanz war lang und deutlich konnte ich den gefährlichen Stachel erkennen, mit dem sich der Rochen bei Gefahr zur Wehr setzen würde. Auf dem Kopf befand sich das grimmig dreinblickende Augenpaar. Sicherheitshalber schwamm ich in die andere Richtung.

Peter und ich gingen wieder an Land und unternahmen eine Rundwanderung um die schöne Insel. Das war in gut dreißig Minuten zu schaffen. In der Ferne brachen sich die hohen Wellen am Barrier Reef. Auf der anderen Seite der Insel unternahmen wir einen weiteren Tauchgang. Hier war es steinig und deshalb erst recht interessant. Unter den Pflanzen mussten Fische sein, denn von dort blubberten Blasen empor.

Durch den dauernden Salzgeschmack des Wassers waren wir durstig geworden. Peter und ich gingen in den Pub, den es hier auf Green Island natürlich auch geben musste. Wir erfrischten uns mit einem Bier. Peter hatte mich am Strand fotografiert und er versprach, mir das Bild zuzuschicken. Dafür spendierte ich ihm ein Bier, obwohl er das gar nicht wollte. Diese bescheidenen Kiwis.

Um 15:00 Uhr mussten wir zurück an Bord sein. Ich hätte es hier auf Green Island durchaus länger aushalten können. Allein durch das Schnorcheln hatte sich dieser Trip total gelohnt. Während der Rückfahrt blieb das Wetter schön und das Boot schaukelte jetzt auch nicht mehr. Pünktlich um 17:00 Uhr legte die Fähre am Terminal im nun schon altbekannten Cairns an.

Was das Zusammentreffen mit Alex betreffen würde, wusste ich, dass der Weg zurück zur Jugendherberge nun zur Vorentscheidung führen würde. Ich ging an das Anschlagbrett, wo ich eine Mitteilung für den Schweizer angebracht hatte. Sie war unberührt. Er war nicht angekommen! Nun war ich erst recht enttäuscht.

Ich ging umgehend zum Bahnhof, wo ich nun für morgen eine Zugverbindung nach Kuranda einholen wollte. Warum war Alex nur nicht gekommen? Nachdem ich am Bahnhof gewesen bin, kaufte ich mir noch die neueste Ausgabe der Zeitung Diese Woche in Australien. In einem Imbiss aß ich noch Fish and Chips.

In der Jugendherberge las ich dann in der Zeitung und erkundigte mich später an der Rezeption zum wahrscheinlich letzten Mal nach einer Nachricht von Alex. Auch wollte ich wissen, ob Alex nicht für morgen hatte zwei Betten reservieren lassen. Und beim zufälligen Blick über den Rezeptionstisch sah ich dann, dass Alex für heute Abend, 20:15 Uhr, zwei Betten reserviert hatte! Das durfte doch nicht wahr sein! Er würde also noch heute eintreffen! Damit hatte ich jetzt eigentlich nicht mehr gerechnet. Ich war jetzt durchaus etwas aufgeregt und las auch nicht mehr in der Zeitung.

Ich setzte mich zu Walter, der draußen am Swimmingpool saß. Später beobachtete ich vom Balkon die neu Eintreffenden. Ich erkannte Alex dann hinter der Rezeption. Er hatte sich seinen Schnurrbart abnehmen lassen, weshalb ich ihn nicht sofort erkannte.

Wir begrüßten uns freundschaftlich. Wie angekündigt, hatte er seine Begleiterin dabei. Sie sah auf den ersten Blick sehr nett und sympathisch aus. Ob es sich nun um seine Freundin handelte, konnte ich nicht sofort erkennen; ich nahm es aber an. Sie hieß Daniela und war noch keine einundzwanzig Jahre alt. Auch sie arbeitete, was Alex mir schon vorher erzählt hatte, in der Genfer Bank, wo auch er arbeitete.

Sie waren heute aus Alice Springs per Flugzeug gekommen. Nach unserer Begrüßung gingen sie zunächst in ihr Zimmer (Doppelzimmer mit Fernseher, Kühlschrank usw. – man höre und staune!), um sich frisch zu machen.

Um 21:15 Uhr kamen sie hinaus. Alex überreichte mir zunächst einen Brief von meiner Mutter, den sie verabredungsgemäß an seine Genfer Adresse geschickt hatte. Ich erkundigte mich, ob die Miete eines Autos weiterhin ein aktuelles Thema sei. Zu meiner Überraschung erklärte Alex, dass er schon von Genf aus einen Wagen bei der Firma Avis vorbestellt hatte. Die Automiete war damit beschlossene Sache.

Nachdem ich Daniela nun kennen gelernt hatte, stellte ich auch meine Bedenken, die ich noch unter dem 59. Reisetag beschrieben habe, zurück. Ein gemeinsames Reisen mit Alex und Daniela wünschte ich mir, als allein auf Achse sein zu müssen. Natürlich reizte mich auch die Autofahrerei, die ein Ausweg von der langatmigen Busfahrerei war.

Daniela war ein sehr niedlich aussehendes Mädchen, das auch Humor zu haben schien, was mir sehr positiv auffiel.

Schon morgen würden wir Cairns verlassen und zunächst nordwärts fahren wollen. Ich erzählte den beiden von meinem bisherigen Trip und hörte mir wiederum ihre Erlebnisse an, die sich aber arg in Grenzen hielten. Kein Wunder, denn deren Reise hatte ja gerade erst begonnen. Bereits am 1. April fliegen sie nach Singapur. Ende März würden wir also in Sydney sein müssen.

Den weiteren Abend saßen wir noch nett zusammen. Alex trank anscheinend gern etwas Hochprozentiges; aus seinem Gepäck zauberte er eine kleine Flasche Whisky hervor und erlabte sich daran. Ich war außerordentlich froh über die Ankunft der beiden. Der heutige Abend war vielversprechend für die kommenden Wochen. Vielleicht folgt nun ein neuer, interessanter Abschnitt meiner diesjährigen Tour.

Wir verabschiedeten uns zur Nacht und ich nahm mir noch die Zeit, den Brief meiner Mutter zu lesen. Völlig überrascht nahm ich zur Kenntnis, dass der Wirt der Buchholzer Eckkneipe Waldeck tot aufgefunden worden ist. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit war er ermordet worden. Das ist ein Hammer! Es kam aber noch schlimmer: Bei der Obduktion des Toten sei festgestellt worden, dass er hochgradig an TBC erkrankt gewesen sein soll – und das in einem gastronomischen Betrieb! Wir hatten dort zuletzt immer Billard gespielt.

Einige Buchholzer Geschäfte mussten ihre Läden aufgeben, z. B. in petto und der Supermarkt Bolle.

Dem Brief waren noch einige Fußballmeldungen beigefügt, die ich zum größten Teil aber schon kannte. Die Kontoauszüge waren eher lückenhaft und keine große Hilfe; besonders was die Abrechnung der Kreditkarte betraf. Vom Krankenhaus habe ich die Lohnsteuerkarte zurück erhalten und ein gutes Zeugnis bekommen. Dort hatte ich ja vor meinem Australien-Trip gearbeitet und mir das nötige Kleingeld verdient.

Nach den vielen Ereignissen, die der heutige Tag gebracht hatte, konnte ich nur sehr schlecht einschlafen.

Reportage: Auslandsstudium in Queensland/Australien - Wo Roboter Fussball spielen

65. Reisetag:
Mittwoch, 9. März 1988

Mein 26. Geburtstag stand heute auf dem Programm. Es war das zweite Jahr in Folge, wo ich diesen Tag auf der Südhalbkugel verbringe. Nach der Ankunft von Alex und Daniela hatte sich bei mir neuer Optimismus, was die weitere Reise anging, breit gemacht.

Bevor ich meinen Rucksack zusammenpackte, las ich noch in der deutschen, nur in Australien erscheinenden Zeitung, Diese Woche in Australien, wo ich unter anderem erfuhr, dass es in der Bonner Koalition unverändert kriselt. Für Unruhe scheint offenbar immer wieder der bayrische Ministerpräsident Franz Josef Strauß zu sorgen, der zuletzt Finanzminister Stoltenberg attackierte. Wirtschaftsminister Bangemann will nun offenbar als EG-Minister nach Brüssel gehen. Als Verteidigungsminister ist Manfred Wörner im Gespräch, der ja noch NATO-Generalsekretär ist.

Im Fußball ist der Hamburger SV jetzt schon auf Platz 10 in der Bundesligatabelle abgerutscht. Sogar Hannover 96 steht im Moment besser. Werder Bremen führt die Tabelle immer noch mit vier Punkten Vorsprung vor Bayern München an.

Nachdem ich meinen Rucksack zusammengepackt hatte, ging ich hinunter zu Alex und Daniela. Wir meldeten uns an der Rezeption ab. Nach einem Rekordaufenthalt von sechs Nächten in der Jugendherberge Cairns/Queensland. Wir gingen zunächst zum Büro der Autovermietung Avis und konnten den von Alex reservierten Wagen sofort in Empfang nehmen. Bis Ende März würde die Miete $AUS 891 inklusive Versicherung und unbegrenzter Kilometerzahl betragen. Ohne die Spritkosten einzuberechnen, würden das für mich $AUS 300 sein. Ziemlich viel. Aber verglichen mit einem Buspass war dieses Angebot das eindeutig attraktivere. Man war jetzt flexibel und konnte dort anhalten, wo man wollte. Vor allen Dingen waren wir nicht auf die üblichen, immer gleichen, Raststätten an den Highways angewiesen.

Der Gesamtbetrag musste im voraus entrichtet werden, was Alex freundlicherweise erledigte. Ich würde heute und an den nächsten beiden Mittwochs jeweils $AUS 100 bezahlen. Falls es doch zu Animositäten kommen sollte, hätte ich auf diese Weise nicht sofort mein ganzes Geld in den Sand gesetzt. Aber ich hoffte natürlich, dass die nächsten Wochen in harmonischer Atmosphäre ablaufen würden.

Das Geschäft war abgeschlossen und mit dem Mietwagen verließen wir jetzt das Betriebsgelände der Firma Avis. Es handelte sich um einen Toyota Corolla. Für unser aller Gepäck gab es ausreichend Stauraum. Zunächst gingen wir aber noch in den Ortskern von Cairns, um zu frühstücken. Alex und Daniela gingen noch etwas einkaufen, während ich heute einen weiteren Reisescheck einlösen musste.

In der Jugendherberge trafen wir uns dann später wieder. Wir waren abfahrbereit. Alex fuhr den Toyota aus der Stadt heraus und schon bald danach übernahm ich das Steuer des Wagens bis zu unserem heutigen Etappenziel. Die Fahrerei machte mir sehr viel Spaß. Nach der Durchquerung der Nullarbor-Ebene war ich eindeutig auf den Geschmack gekommen.

Heute sollte es zunächst nordwärts gehen. An der Trinity Bay entlang fuhren wir zunächst bis Port Douglas, wo wir eigentlich eine Übernachtung eingeplant hatten. Da es aber noch so früh am Tage war und uns der Ort nicht so sehr zusagte, fuhren wir nach einem kurzen Aufenthalt wieder ab. Unterwegs erfrischten wir uns mit Getränken. Trotz bewölktem Himmels war es auch wieder sehr warm und schwül.

Kurz vor Mossman fuhren wir auf einer kurvenreichen Strecke nach Mount Molloy. Immer wieder stoppten wir an attraktiven Aussichtspunkten. Wir waren jetzt im Regenwald, der uns mit seinen kräftigen Pflanzen schwer beeindruckte. Auf Brücken überquerten wir verschiedene Flüsse, in denen wir so manches Krokodil vermuteten.

Unsere Fahrt ging jetzt weiter nach Mareeba. Mit dem neuen Wagen legte ich jetzt etwas Tempo vor, überholte sogar zwei langsam vor uns fahrende Fahrzeuge. Meine Fahrpraxis nahm von Minute zu Minute zu. Die letzte Teiletappe des heutigen Tages führte uns nach Kuranda. Jetzt waren wir wieder nur dreiundzwanzig Kilometer von Cairns entfernt. Wir sind praktisch im Kreis gefahren.

Kuranda erreichten wir um 16:00 Uhr. Wir haben heute etwa zweihundert Kilometer zurückgelegt. Wir haben uns dafür entschieden, in diesem kleinen, wunderschönen Ort. Es gab hier eine Jugendherberge, die durch ihre große Bettenzahl von vierunddreißig in nur einem einzigen großen Raum auffiel. Aber zum Glück war das Haus nicht so überlaufen.

Der Ort bot einiges an Schönheiten. Da die Jugendherberge noch geschlossen hatte, kauften wir im Ort für das Abendessen ein. Ich holte noch einige Informationen im Tourist Office ein. In der Jugendherberge meldeten wir uns dann schließlich für eine Nacht an.

Gleich danach gingen wir in den kleinen Swimmingpool im Garten, der zur Herberge gehörte, wo wir mit einem Ball spielten. Das brachte großen Spaß und das Wasser war angenehm warm. In der Küche bereiteten Alex und Daniela dann das Abendessen zu, dass für meinen Geburtstag frei war. Das Menü war dann aber arg bescheiden. Das Fleisch war ziemlich zäh und die Kartoffel knochentrocken.

Daniela und ich spülten anschließend das Geschirr und danach gingen wir zu dritt in den Pub an der Ecke; nur wenige Meter von der Jugendherberge entfernt. Anlässlich meines Geburtstages gaben mir die Schweizer jetzt noch ein Bier aus. Erstmals in Australien wurde ich dann Zeuge von Ausschreitungen in einem Pub.

Im Pub befanden sich fast nur Aborigines, die leider fast alle völlig betrunken und aggressiv waren. Sogleich kam es hinter mir –ich bekam es zunächst gar nicht mit- zu einer Schlägerei! Einer der Männer fiel mir sogar in den Rücken. Die Wirtin verwies die sich Prügelnden auf die Straße, wo es weiter ging. Sie boxten so richtig mit ihren Fäusten. Ein anderer Schwarzer bewarf einen anderen mit seiner Zigarette. Immer wieder wurde gerempelt und gestoßen. Aborigines-Frauen grölten lauthals und leider auch ordinär dazwischen und feuerten die Kämpfenden an. So etwas sah man nicht alle Tage. Alex wurde um Zigaretten angeschnorrt.

Kurz vor der Schließung des Pubs gingen wir zur Jugendherberge zurück. Daniela ängstigte sich vor dem Getier. Überall hüpften Frösche herum. Außerdem sahen wir überall übergroße Käfer. In der Jugendherberge war dann schon überall das Licht gelöscht. Ich hätte gern noch ein paar Worte in mein Tagebuch geschrieben und gelesen. So gingen wir alle schon bald ins Bett. Trotz des großen Raumes, indem wir schliefen, war es ruhig und angenehm zu schlafen. Zum Abend hin hatte es abgekühlt und so war es jetzt durchaus frisch.

Reportage: So weit die Räder tragen

66. Reisetag:
Donnerstag, 10. März 1988

Während der ganzen Nacht hatte es geregnet. Am Morgen war es wolkig und zunächst trocken. Auch die Temperatur hielt sich noch spürbar in Grenzen. Gegen 9:00 Uhr stand ich in der Jugendherberge Kuranda auf. Daniela und Alex waren schon reisefertig.

Wir tranken zunächst eine Tasse Kaffee und erfüllten die leidliche Duty. Danach deponierten wir unser Gepäck im Toyota Corolla; gingen aber zunächst zu Fuß in den Ort, wo wir ausführlich frühstückten. Viele Touristenbusse erreichten Kuranda just in diesem Moment; die Passagiere steigen aus und begannen im selben Augenblick zu fotografieren. In diesem Moment war ich besonders froh, dass wir den Wagen gemietet haben.

Nach dem morgendlichen Imbiss gingen wir zum Ausgangspunkt unserer für heute geplanten Dschungelwanderung durch den tropischen Regenwald. Hinter der Tankstelle führte ein Pfad durch den grünen Wald. Vögel sorgten für ein ohrenbetäubendes Konzert, das man sich vorstellen würde, wenn man den Begriff Urwald hört.

Alles war feucht und die Luft war schwer. Wir mussten uns vor allem möglichen Getier in Acht nehmen. Besonderes Augenmerk mussten wir auf Blutegel werfen, die sich hier wie Zecken auf die Wanderer fallen ließen.

Unser kleiner Waldspaziergang war ein tolles Erlebnis. Von den Touristen, die vorhin in Scharen in Kuranda eingetroffen waren, sah man in dieser spannenden Vegetation nicht. Die machten wohl die Souvenirläden unsicher und betonten zu Hause, sie hätten das wahre Australien gesehen. Das wahre Australien war aber beispielsweise hier in diesem spektakulären Regenwald.

Wir erreichten wieder die Straße und spazierten nun zu den Barron-Wasserfällen. Ich war sehr durstig und ärgerte mich darüber, dass wir nichts zu trinken mitgenommen haben. Jetzt war es sehr warm. Hier stand die Luft. Es gab keine Windbewegung! Für den Rückweg nutzten wir die Bahnlinie, an der wir entlang gingen. Auffallend waren die vielen toten Frösche, die auf dem Boden lagen. Im Gebüsch links und rechts der Bahnlinie raschelte es ununterbrochen, doch wir sahen nicht, was sich im dichten Grün verbarg.

Wieder in Kuranda löschten wir unseren Durst im Bahnhofsrestaurant. Im Lebensmittelgeschäft kauften wir für das heutige Abendessen und für das Frühstück der kommenden Tage ein.

Mittlerweile zeigte meine Armbanduhr 14:00 Uhr an. Jetzt setzten wir unsere Fahrt mit dem Mietwagen fort. Die heutige Strecke fuhr Alex. Das Wetter wurde jetzt allerdings immer schlechter. Regen setzte ein und dieser wurde immer stärker. Der Himmel war grau und es kühlte ab; von tropischer Schwüle war nicht mehr viel zu spüren. Zunächst fuhren wir zurück nach Mareeba und von dort über Walkamin und Tolga zum Lake Tinaroo, wo sich auch ein Wasserfall befinden sollte, den wir aber nicht fanden. Lake Tinaroo war ein großer Stausee mit einem hohen Damm. Wir konnten es praktisch nicht mehr wagen, auszusteigen, denn der Regen hatte jetzt wolkenbruchartige Stärke angenommen. Im Regenwald unterweit des Sees besichtigten wir einen riesigen Feigenbaum, der seine Äste und Zweige wie einen großen Vorhang herunterhängen ließ.

Schon in Malanda machten wir für heute mit der Fahrerei Schluss. Es war jetzt 16:00 Uhr. Wir waren zu größeren Etappen ja nicht gezwungen und konnten uns Zeit lassen. Vielleicht war das Wetter morgen wieder besser und dann würden wir die Landschaft besser genießen können. Mit der Unterkunft hatten wir in Malanda, einem kleinen Ort im Tafelland, großes Glück. Direkt neben den Wasserfällen befand sich ein Campingplatz, wo wir für nur $AUS 20 ein motelartiges Zimmer bekamen, das im Komfort keine Wünsche übrig ließ. Dazu gleich mehr.

Ich nutzte die augenblickliche Tageszeit, um nach Buchholz zu telefonieren, wo jetzt der Morgen graute. Ich sprach mit meiner Mutter und hörte meinen zauberhaften Hund Wurzel im Hintergrund bellen. Leider konnte sie mir nichts über die gestrigen Fußballergebnisse sagen, die sie nicht interessierten. Frauen! Wichtige Briefe waren auch nicht eingegangen. Der Kontostand hat sich auch nicht wesentlich geändert (die Kreditkartenabrechnung dauerte ja immer etwas länger). Das Gespräch war schnell vorüber.

Daniela, Alex und ich waren bereits zu unserem Zimmer vorgefahren. Das Zimmer hatte zwei Zimmer und insgesamt sechs Betten. Das linke Zimmer hatte ein Ehebett, während das rechte Zimmer zwei Doppelbetten besaß. Davor befand sich eine saubere, kleine Küche. Sogar Geschirr und Besteck waren zur Benutzung vorhanden. Kühlschrank, Schränke, Toaster, Heißwasserkessel und Spüle – alles war vorhanden. Prima! Die sanitären Anlagen waren gepflegt und sauber. Das einzige, was nicht mitspielte, war das Wetter.

Es goss unverändert in Strömen. Daniela und Alex fuhren noch in den Ort und kauften eine Flasche Wein ein. Ich schrieb derweil eine Geburtsgrußkarte nach Buchholz. Außerdem schrieb ich wieder in mein Reisetagebuch. Dann war es Zeit für das Abendessen. Alex kochte für uns Spaghetti mit Tomatensoße. Die Nudeln waren allerdings nicht gerade al dente, aber ich war froh, mal etwas anderes zu essen zu bekommen. Es war lecker und wir alle waren ziemlich hungrig. Daniela und ich erledigten anschließend wieder den Abwasch.

Wer jetzt vermutet hätte, dass sich Alex und Daniela das Ehebett teilen würden, sah sich einem Irrtum ausgesetzt. Alex kam in meine Zimmerhälfte und überließ Daniela die andere. Ganz offensichtlich ist Daniela wohl doch nur eine Kollegin für Alex. Ich war etwas erstaunt. Das bringt einen völlig anderen Aspekt ins Spiel.

Für den Abend war dann nichts weiter geplant. Alex ging dann noch einmal kurz in den Pub; Daniela und ich blieben im Zimmer. Ich fragte die Schweizerin, wie es dazu gekommen war, dass Alex und sie zusammen nach Australien geflogen sind. Über die anschließende Antwort war ich dann sehr überrascht. Daniela habe in der Bank, wo beide arbeiten, mitbekommen, dass Alex nach Australien fliegen wolle. Da sie eine Tante in Perth hatte, von der Daniela schon mehrfach eingeladen worden ist, fragte sie Alex kurzerhand, ob sie mitkommen könne, was er daraufhin bejahte. Weiter spielt sich zwischen beiden nichts ab. Sie weiß auch gar nicht, wie er so lebt. Er sei sehr verschlossen, was mir ja auch bekannt war. Ich bin aus ihm ja auch nicht immer schlau geworden. Er habe ihr gegenüber auch nur am Rande erwähnt, dass er sich mit mir in Cairns treffen wolle. Über mich hätte er praktisch nichts erzählt.

Alex kam dann erst gegen 22:00 Uhr leicht angetrunken zurück ins Zimmer. Wir waren jetzt alle ziemlich müde und legten uns schlafen. Ich war aber noch ziemlich aufgedreht von den Erlebnissen der letzten beiden Tage und machte mir schon über die Pläne der kommenden Tage Gedanken.

Info: Verkehrsregeln/Führerscheininformation (Australien)

67. Reisetag:
Freitag, 11. März 1988

Gegen 8:00 Uhr erwachte ich heute Morgen in unserer motelartigen Unterkunft in Malanda. Draußen war es bewölkt, aber doch recht mild. Ich erfrischte mich kurz im Waschraum und bereitete dann in der Küche das Frühstück vor. So kochte ich Eier und Kaffee; außerdem röstete ich einige Scheiben Weißbrot.

Auch Alex und Daniela waren in der Zwischenzeit aufgestanden und setzten sich an den Tisch. Anschließend spülten die beiden Schweizer das Geschirr. Ich packte meinen Rucksack zusammen. Wir hatten das Zimmer aufgeräumt und verließen um 9:30 Uhr den Campingplatz.

Im Ortskern von Malanda wechselte ich einen weiteren Reisescheck ein. Außerdem brachte ich zwei Briefe auf die Reise. Im Supermarkt erledigten Daniela und ich Einkäufe für das Abendessen. Schließlich waren wir startbereit. Daniela war heute mit dem Fahren dran.

Auf den nächsten Kilometern fuhren wir durch eindrucksvolle Landschaft, die vom tropischen Regenwald, von Hügeln und Zuckerrohrfeldern geprägt war. Wir passierten den Ort Millaa Millaa und fuhren von dort in den Palmerston Nationalpark, wo der Johnstone River für spektakuläre Stromschnellen und eindrucksvolle Wasserfälle sorgte. Wir gingen auf den Pfaden durch den grünen Wald, der dschungelähnlich war. Überall raschelte es im Gebüsch und immer wieder flutschten stattliche Eidechsen über den feuchten Waldboden.

Insekten, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe, schwirrten oder krabbelten vor uns her. Der Wald war voller Leben! Es war mittlerweile schwülheiß und im Nu waren wir klatschnass geschwitzt. Die Wasserfälle begeisterten mich am meisten. Einmal mussten wir den Fluss überqueren und da waren ein paar akrobatische Sprünge über glitschige Steine notwendig, wobei ich mir prompt nasse Füße holte. Alex hatte sich offenbar einen Blutegel am Fuß eingefangen. Die blutverschmierte Wunde sprach eigentlich eindeutig dafür.

Unsere Fahrt führte uns dann in den lieblichen Ort Johnstone South, wo wir uns ein Eis genehmigten. Das Wetter hatte sich positiv entwickelt. Es war jetzt heiter und sehr warm.

Am Nachmittag gab es dann leider die ersten Probleme. Da Alex und Daniela heute beide vorne saßen, wollten sie partout beide Fenster voll geöffnet haben, während ich als Kompromiss nur um die Öffnung eines Fensters bat. Besonders hinten war ich der Zugluft vollkommen schutzlos ausgeliefert. Mit mir den hinteren Platz tauschen wollte natürlich auch niemand. Ich war etwas angesäuert.

Später wollte Alex die geplante Wegstrecke ohne Karte besser kennen als ich mit Karte. Prompt verfuhren wir nicht. Warum kann es nicht mal einen Tag ohne Streitereien wegen Kleinigkeiten geben?

Auf einer Nebenstraße fuhren wir jetzt nach Silkwood und von dort aus auf den Highway 1, wo wir aber bald in Richtung Bingil Bay abbogen. Gegen 14:00 Uhr erreichten wir die Jugendherberge Mission Beach am Ozean. Wir befanden uns 140 Kilometer von Cairns und 260 Kilometer von Townsville entfernt. Ich nutzte die frühe Ankunftszeit, um meine verschwitzten Klamotten zu waschen.

Wir verließen die Jugendherberge wieder und unternahmen noch eine Tour an das Wasser. Baden konnte man wegen der hier vorkommenden, gefährlichen Quallen nicht. Zurück in der Jugendherberge gab es wieder einen kleinen Disput, da Alex jetzt plötzlich auf eine Insel irgendwo in der Nähe des Barrier Reef wollte. Irgendwie sah ich das nicht ein, denn das Fahrzeug würde für einen vollen Tag nicht genutzt werden können. Auch was die morgige Etappe betraf, gab es noch Unstimmigkeiten. Sollten sich die Unstimmigkeiten aber häufen, würde ich die Konsequenz ziehen und auf eigene Faust weiterreisen, was ich aber nach dem vielversprechenden Auftakt sehr bedauern würde. Es waren eigentlich eher die Kleinigkeiten, worüber es sich nicht zu streiten lohnen sollte. An die Bequemlichkeit und Flexibilität, die uns der Mietwagen bot, hatte ich mich nämlich ziemlich schnell gewöhnt. So fiel leider ein erster kleiner Schatten auf diesen heutigen Tag.

Nach der Anmeldung in der Jugendherberge ruhte ich mich einen Moment auf meinem Bett aus. Die Jugendherberge Mission Beach, auch Treehouse genannt, lag in einer idyllischen Landschaft ohne Beispiel. Das Gebäude war scheinbar ein Baumhaus; es war in jedem Falle eine interessante und ausgefallenen Architektur. Direkt vor uns befand sich der dichte Regenwald mit all seinen Geräuschen und Geheimnissen. Im Haus rannten Geckos an den senkrechten Wänden empor; gehalten von den kleinen, aber wirkungsvollen Saugnäpfen. Einige Geckos nutzten allerdings auch die Abkürzung übers Bett, was nicht ganz so aufregend war.

Im Grün der Pflanzen zirpten die Grillen. Es war eine tolle Unterkunft! Am Abend war ich immer noch etwas genervt wegen der heutigen Unstimmigkeiten. Von Alex und Daniela hielt ich mich vorübergehend entfernt. Zusammen gegessen hatten wir heute Abend auch nicht. Irgendwie war das alles sehr albern, so dass ich mich daran machte, dass wir wieder zur Normalität zurück fanden, was mir auch recht schnell gelang. Ich betonte aber, wie wichtig es sei, dass man bei verschiedenen Meinungen einen Kompromiss finden müsse; sonst könne eine Fahrt mit drei unterschiedlichen Charakteren nicht funktionieren! Ich machte den Vorschlag, dass wir uns jeweils am Abend zusammensetzten, um einen groben Plan für den bevorstehenden Tag zu erstellen.

Immer wieder entdeckte ich die abenteuerlichsten Insekten von teilweise gigantischen Ausmaßen an Wänden; auf Tischen und Stühlen und leider auch immer wieder im Bett. Auch in der Küche fühlten sich die Viecher wohl. Das hätten hier mal diejenigen erleben sollen, die in Norddeutschland schon wegen einer Stubenfliege im Sommer hysterisch werden. Hier hätten sie zur Hysterie wahrlich einen Grund gehabt! Wahnsinn, wie es hier überall kroch und krabbelte. Jetzt entdeckte ich auch noch eine fette Spinne an der Küchendecke. Für einen lieblichen Anblick sorgte allerdings ein farbenprächtiger Pfau, der draußen vor der Jugendherberge auf einem vorstehenden Holzstück ruhte. Das ist die wahre Welt der Tropen!

Ich begab mich bald zu Bett. Alex und Daniela verweilten noch in der Küche und tranken noch bis Mitternacht Wein. Daniela lachte immer; sie war immer bester Stimmung und sorgte stets für eine positive Atmosphäre. Ob Alex sie becircen wollte? Nutzte er dazu den vielen Wein? Aus ihm wurde ich einfach nicht schlau.

Das Einschlafen war heute nicht einfach. Kitzelte es an den Beinen, vermutete ich dort sofort ein überdimensionales Insekt. Wer weiß, was da so alles in den Nachtstunden über das Bett lief? Insgesamt schlief ich schlecht; durstig war ich auch noch. Ich hatte es versäumt, für ausreichend Getränke zu sorgen.

Reportage: Unterwegs im Koala-Tempo

68. Reisetag:
Sonnabend, 12. März 1988

Der Tag begann wenig berauschend. Als ich in der Jugendherberge Mission Beach aufstand – und es war erst 8:00 Uhr- frühstückten Alex und Daniela bereits; für mich war nichts vorbereitet. Offensichtlich wurde ich ignoriert. Immer war noch nicht klar, wohin wir heute fahren wollten. Eine Möglichkeit wäre gewesen, heute den Rambo River Walk zu machen, der von der Jugendherberge angeboten wurde. Allerdings fand dieser nicht statt, weil dafür noch ein paar Teilnehmer mehr nötig gewesen wären – so teilte es uns der Warden mit. Er beschrieb uns aber den Weg zum Murray-Wasserfall in der Nähe von Tully.

Der Engländer Martin, der mit Alex und mir im Zimmer geschlafen hatte, wollte sich uns heute anschließen. Nach Erledigung der Duties ging es los. Der Warden empfahl uns noch, während der Fahrt den Aborigines, denen wir begegnen würden, freundlich zuzuwinken. Eine Vorsichtsnahme, wie er meinte. Hinter Euramo würden wir nämlich durch ein Aborigines-Dorf fahren. Indem wir winken, sollen wir die Ureinwohner freundlich stimmen, die Touristen oder weißen Australiern nicht unbedingt wohlgesonnen sind. Mir schwante übles.

Heute war ich mit dem Fahren wieder an der Reihe. Hinten saßen Martin und Daniela; Alex hatte neben mir auf dem Beifahrersitz Platz genommen. Da auch Martin Gepäck dabei hatte, war es auf dem Rücksitz sehr eng.

Das Wetter war heute meistens sonnig und sehr heiß. Ein insgesamt sehr schöner Tag. Nach unserer Ankunft in Tully kauften Alex und Daniela etwas ein. Martin und ich frühstückten eine Kleinigkeit in einer Snack Bar.

Auf der Weiterfahrt verfuhren wir uns noch einige Male. Mit großen Bedenken schauten wir auf den Anzeiger der Tankuhr. Wir fuhren mittlerweile auf Reserve; hatten jetzt aber keine Chance mehr, eine Tankstelle aufsuchen. Wir waren abseits aller großen Straßen. In Tully hatten wir es leichtsinnigerweise versäumt. Wir hatten alle nicht daran gedacht.

Inzwischen waren wir auf ungeteerter Landstraße zu den Wasserfällen unterwegs. Die Straße war kurvig und eng. Fast lebensgefährlich war dann ein Fahrfehler von mir. Hinter einer besonders engen Kurve befand sich plötzlich eine enge Holzbrücke, die wie aus dem Nichts auftauchte. Irre: Sie war durch kein Geländer geschützt! Mit Mühe und Not kam ich auf der Holzbrücke zum Stehen. Um ein Haar hätten wir im Fluss gelegen! Das hätte böse ausgehen können. Alle hatten einen kräftigen Schrecken bekommen.

Wenig später fuhren wir dann tatsächlich durch das angekündigte Dorf der Aborigines. Wir taten wie uns geheißen und winkten den Ureinwohnern freundlich zu. Neugierige Augen blickten uns entgegen. Einige Aborigines winkten freundlich zurück; andere schauten grimmig drein.

Mit besorgniserregender Tankanzeige erreichten wir schließlich die Wasserfälle, wo allerhand los war. Eingebettet in eine wunderschöne Landschaft rutschten Kinder und Jugendliche auf den glitschigen Steinen den Wasserfall hinunter und stürzten sich mit Geschrei in die Fluten. Die tropischen Pflanzen rundherum ergänzten das bezaubernde Bild.

Wir legten uns auf einen nackten Felsen, der kompliziert und nur mit viel Kletterei zu erreichen war. Kurz danach sprangen auch wir in das erfrischende Nass – eine Wonne bei der Hitze! Eigentlich wollte ich mich erst noch nass machen, doch Alex schubste mich und damit war das Thema erledigt. Die Temperatur des Wassers war angenehm; aber es befanden sich überall glitschige Gesteinsbrocken. Diese boten sich an, um eine Schwimmpause einzulegen.

Ich kann es nicht länger verheimlichen, aber der Anblick von Daniela bezauberte mich sehr. In ihrem Badeanzug sah sie total sexy aus; ihre Proportionen waren eine Augenweide. Alex und Daniela spazierten dann auf die Spitze der Fälle.

Gegen 14:00 Uhr setzten wir unsere Fahrt fort. Martin, der Engländer, war nicht im Wasser gewesen. Wir fuhren die rund zwanzig Kilometer zurück zum Highway 1. Der Zeiger der Tankuhr rutschte mehr und mehr nach links. Noch vor Cordwell erreichten wir eine BP-Tankstelle, die aber dummerweise für einige Stunden geschlossen hatte. Pech kommt also auch dazu.

Trotzdem ging es letztendlich gut. Ohne mit dem Wagen liegen zu bleiben, erreichten wir in Cordwell eine Shell-Tankstelle und konnten den Wagen mit Sprit auffüllen. Es war sehr leichtsinnig, in Australien mit leerer Tankfüllung herumzufahren und dann auch noch in so entlegene Gebiete! Über sechshundert Kilometer weit sind wir mit der letzten Tankfüllung gekommen. Erstaunlich weit!

Das Tanken für $AUS 27,80 war günstig. Pro Person waren es man gerade $AUS 9,30. Was für ein Unterscheid zu den Busfahrpreisen. Im Auto besserte sich die Stimmung immer mehr. Martin stieg in Cordwell aus und wollte mit dem Greyhound-Bus nach Townsville fahren.

Auf dem Bruce Highway fuhren wir in Richtung Ingham. Unterwegs stoppten wir noch an einem idyllischen Barbecue-Rastplatz an einem Fluss. Alex kam auf die gute Idee, am Abend etwas am offenen Feuer zu grillen. Super Vorschlag! Zum Glück fanden wir in Ingham einen am Samstagnachmittag geöffneten Laden, wo wir Toastbrot und Bratwürste einkauften. Von Townsville waren wir jetzt nur noch vierzig Kilometer entfernt, als wir einen unglaublich schönen Rastplatz in Balgal fanden.

Hier gab es auch einen schönen Fluss, der später in die Halifax Bay mündete. Barbecues und offene Feuer waren hier ausdrücklich gestattet. Auch andere Leute waren hier, die sogar ihr Zelt aufgebaut hatten. Kinder schwammen im Fluss herum und hatten ihren Spaß. Wir fassten schnell den Entschluss, hier heute übernachten zu wollen. Daniela wollte im Auto schlafen; Alex und ich mussten es uns im engen Zelt so bequem als möglich machen.

Es war dann nicht so ganz einfach, einen idealen Standplatz für mein nagelneues Zelt zu finden. Entweder war es zu steinig oder auf dem Waldboden wimmelte es nur so von grünroten Ameisen. Ich beobachtete einige dieser emsigen Insekten, wie sie gerade eine weiße Raupe abtransportierten. Trotz der zahlreichen Insekten wagten wir es, das Zelt hier aufzubauen – trotz meiner nächtlichen Erfahrungen in Yulara, wo sich die Ameisen nachts zu einem Überfall auf mein Zelt gesammelt hatten!

Ich baute das Zelt gut zwei Meter neben dem Fluss auf. Alex suchte in der Zwischenzeit Holz und Reisig zusammen. Er stapelte alles auf. Daniela half mir beim Aufbau des Zeltes. Die Stimmung war bei allen sehr gut. Als wir das Zelt aufgebaut hatten, deponierten wir darin die Schlafsäcke. Da wir das Auto zur Verfügung hatten, konnten wir kurzfristig zurück in den Ort fahren, um noch weitere Getränke zu kaufen. Alex brauchte natürlich wieder sein Bier. Daniela und ich besorgten die Getränke im Pub von Balgal.

Der Schweizer hatte schon das Feuer entfacht und die ersten Würste ins Feuer gelegt. Als wir zurück kamen, konnten wir kurz darauf essen. Die Würstchen schmeckten köstlich. Alex hatte Spieße geschnitzt, auf die er die Würste gesteckt hatte. Für jeden gab es zwei Würste; ich hätte problemlos mehr geschafft.

Die Dunkelheit brach jetzt schnell herein, wie man das von den Tropen gewohnt ist. Jetzt kamen die Moskitos heraus. Wir schmierten uns mit stinkender Lotion ein. Leider hatten wir nicht mehr genügend Holz und so ging das Feuer gegen 20:00 Uhr aus. Es war stockfinster! Plötzlich sah die Umgebung hier vollkommen anders aus als noch bei Tageslicht. Die Idylle war scheinbar verschwunden; die Dunkelheit hatte etwas bedrohliches an sich.

Da es viel zu früh war, um sich hinzulegen, entschlossen wir uns, das Zelt unbeaufsichtigt zurückzulassen und in den Pub nach Balgal zu fahren. Bei der milden Temperatur, die am Abend noch herrschte, setzten wir uns nach draußen in den Biergarten. Ich musste unbedingt noch Tagebuch schreiben, was bei der Vielzahl der Erlebnisse der vergangenen Tage zu kurz gekommen ist.

Der Pub schloss um 22:00 Uhr. Wir fuhren zu unserem Camp unten am Fluss zurück. Daniela machte sich ihr Lager im Wageninneren zurecht, während Alex und ich im Zelt verschwanden, das bei der Dunkelheit kaum auszumachen war. Innen war es eng und stickig. Ich legte mich auf meine Iso-Matte und auf meinen Schlafsack, um es mir so weich wie möglich zu machen. Trotzdem war es schon bald unbequem und hart.

Für Alex musste es noch unangenehmer sein, denn er hatte keinerlei Unterlage – nur seinen Schlafsack. Wie schon in den Nächten zuvor, tat ich wieder kein Auge zu. Die Hitze war zunehmend unangenehm. Alex machte sich sehr breit oder war das Zelt nur so eng? Außerdem sprach er im Schlaf und schmatzte hin und wieder laut. Von Insekten wurden wir gottlob nicht heimgesucht; nicht von Moskitos und auch nicht von Ameisen. Auf den Schienen der Eisenbahnstrecke, die am Highway entlang führte, donnerte ein Zug durch die Nacht...

Reportage: Natur pur auf allen Ebenen

69. Reisetag:
Sonntag, 13. März 1988

Erst am Morgen fand ich etwas Schlaf. Ich dann aber froh, dass die Nacht endlich vorüber war. Gegen 7:00 Uhr wachten wir auf und verließen unser Zelt am Fluss in Balgal. Es war schon wieder angenehm warm und ein weiterer freundlicher Tag begrüßte uns.

Ich begann sofort mit dem Abbau des Zeltes, das frei von Ungeziefer geblieben ist. Alex nahm noch ein Bad im Fluss. Gen 8:00 Uhr war dann alles im Toyota Corolla verstaut und wir konnten abfahren. Vorher gaben wir am Geschäft an der Ecke noch Pfandflaschen zurück.

Unser heutiges Ziel war zunächst Townsville. Die Stadt erreichten wir im Laufe des Vormittags. Auf dem Highway 1 war überraschend viel Verkehr gewesen. In Townsville parkten wir den Mietwagen auf dem Parkplatz neben dem Fähranleger bis morgen. Die Parkgebühr betrug hierfür $AUS 2.

Wir wollten auf die Magnetic Island und kauften ein Ticket für das Boot. Vor der Abfahrt gingen Alex, Daniela und ich noch in das Backpacker´s Hostel, wo es unten im Cafe´ Frühstück gab. Ich bestellte mir ein exzellentes Frühstück mit Schinken, Speck, Eiern, Toast und Tomate, wozu noch zwei Tassen Kaffee gehörten. Anschließend spazierten wir noch durch die sonntägliche Innenstadt von Townsville, wo ein Flohmarkt veranstaltet wurde.

Um 10:30 Uhr fuhr die Fähre ab. Alex und Daniela ließen den Großteil ihrer Sachen im Auto zurück, während ich auf meinen Rucksack nicht verzichten wollte. Die Überfahrt bei traumhaft schönem Wetter war ein Vergnügen und kostete pro Person $AUS 3,75. Auf dem Boot trafen wir auch noch den Engländer Martin wieder. Dummerweise machten wir dann einen Fehler.

Wir stiegen fälschlicherweise an der Geoffrey Bay auf Magnetic Island aus und nicht an der Picnic Bay. Ein Deutscher, den wir zufällig auf dem Boot kennen gelernt hatten, nahm uns in seinem Wagen bis zur Bushaltestelle in der Nähe eines Hotels mit. Hier mussten wir aber ungefähr eine Stunde auf die Abfahrt des Busses warten.

Zunächst löschten wir unseren Durst. Ich war sehr müde und ärgerte mich darüber, dass wir nicht besser aufgepasst hatten und jetzt nochmals $AUS 1,75 für die unnötige Busfahrt hatten bezahlen müssen. Das Gute an der Busfahrt war jedoch, dass wir so ein paar erste Impressionen von der schönen Insel bekamen, die aber wieder arg von Touristen heimgesucht war.

Der freundliche Busfahrer setzte uns direkt vor der Jugendherberge ab, die einfach, aber nett war. Wir konnten uns schon bald anmelden. Die Übernachtung kostete nur $AUS 5. Erneut nutzte ich die frühe Ankunftszeit, um meine Wäsche zu waschen. Ich hing sie dann auf der Leine im Garten auf. Während der Wartezeit schrieb ich einen Brief nach Hause. Riesige Insekten, die ich niemals zuvor gesehen hatte, flogen beim Schreiben bedrohlich nahe an mir vorbei. Die Viecher sahen wie eine Mischung aus Wespe und Hummel aus. Soviel war klar: Auch auf Magnetic Island gab es die unterschiedlichsten Insekten.

Die Tropen sind mir aber sehr ans Herz gewachsen und ich werde traurig sein, wenn ich sie wieder verlassen muss. Auf der Strecke zwischen Brisbane und Sydney wird es dann sicher deutlich kühler sein.

Jetzt war es an der Zeit für ein kleines Nickerchen. Ich musste Schlaf nachholen. Wegen der Hitze, die im Zimmer herrschte, blieb ich aber nur eine Stunde liegen. Alex und Daniela waren derweil an den Strand gegangen. Nach dem Mittagsschlaf schaute ich mich etwas an der Picnic Bay um. Die Esplanade hatte ein nettes Geschäftszentrum inmitten tropischer Pflanzen. Hier spielte sich das meiste Treiben ab. Am Strand entdeckte ich dann auch Daniela und Alex, die in einem extra abgesperrten Gebiet geschwommen waren. Das Risiko, auf gefährliche Quallen zu treffen, ist weiterhin vorhanden.

Ich machte den Vorschlag an der Jugendherberge Tennis zu spielen. Alex und Daniela hatten auch Interesse. Wir mussten allerdings recht bald beginnen, denn in den Tropen wird es bekanntlich früh dunkel. Für nur $AUS 3,50 bekamen wir Schläger und Bälle. Der Platz hatte ein Netz und war in ziemlich gutem Zustand. Leider hatten wir unsere Turnschuhe in Townsville im Wagen gelassen und mussten barfuss oder in FlipFlop´s spielen. Es ging aber durchaus einigermaßen. Da wir keine Tenniserfahrung hatten, waren wir mehr am Bälle aufsammeln als am Spielen. Es brachte Spaß und das Schwitzen kam von selbst. Wir wechselten uns beim Spielen ab.

Die Sonne ging unter und färbte die Wälder auf den Hügeln hell. Ein wunderschöner Anblick! Nach dem Spiel gingen wir zum zweiten Mal an diesem Tag unter die Dusche. Alex und Daniela hatten Hunger und wollten chinesisch essen gehen. Da ich vorhin aber schon ein halbes Hähnchen gegessen hatte, war ich darauf nicht mehr so erpicht. Ich musste Geld sparen, auch wenn es schwer war.

Ich ging hinüber zu dem bereits geschlossenen Pub und setzte mich an einen der Tische, wo ich in mein Tagebuch schrieb. Die Esplanade war mittlerweile ausgestorben. Nur an einem Tisch saßen ein paar heimische Arbeiter, vermutlich Fischer, die laut diskutierten. Für die anderen Geräusche sorgten nur noch die Tiere der Nacht.

Alex, Daniela und ich setzten uns später noch einen Moment auf das Gras am Strand und schauten auf das Lichtermeer des acht Kilometer entfernten Townsville. In der Ferne herrschte Wetterleuchten. Ein Hund gesellte sich zu uns. Als wir aufbrachen, folgte er uns für ein paar Schritte, aber scheinbar wusste er ganz genau, wo sein Revier endete.

Oben an der Jugendherberge gab es dann ein Tierschauspiel der besonderen Art. Von überall her kamen Opossums, die gefüttert werden wollten. Sie schnappten mit ihren Pfoten nach dem Weißbrot, das wir ihnen entgegen hielten. Die possierlichen Tiere waren im Baum und auf einem Holzpfosten über der Veranda. Ein Opossum saß sogar in der Damendusche – Grund für Daniela, dort nicht mehr hinzugehen. Wir holten unsere Fotoapparate; mit den Tieren entstanden sicher schöne Bilder.

Etwas gewöhnungsbedürftiger waren da schon die überlangen Heuschrecken und Grashüpfer, die auch auf meinem T-Shirt herumliefen. Einige Laufvögel, deren Namen ich nicht kannte, stolzierten an uns vorbei.

Gegen 22:30 Uhr lag ich im Bett. Es war wieder heiß im Zimmer. Nur Alex und ich belegten gemeinsam einen Raum; alle anderen schliefen im Nebenzimmer, weil dort ein riesiger Ventilator angeblich für mehr Komfort sorgte. Dann schon lieber ein bisschen mehr Wärme. Abermals konnte ich nicht besonders gut schlafen.

Reportage: Geheimnisse des Nebelwalds

70. Reisetag:
Montag, 14. März 1988

Alex war heute schon vor 7:00 Uhr aufgestanden. Wegen der Mücken im Zimmer konnte er nicht mehr schlafen. Ich war nun auch wach und nach ein paar Minuten des Dösens stand ich ebenfalls auf. Der Schweizer wollte nun schon um 7:55 Uhr die Fähre nach Townsville nehmen. Daniela und ich wollten aber noch nicht so zeitig aufbrechen.

Das Wetter war auch heute schön und wieder sehr warm. In der Jugendherberge Magnetic Island gab es Kleinigkeiten an Lebensmitteln zu erwerben wie Eier, einzelne Scheiben Brot und Butter. So kaufte ich mir für nur $AUS 1 ein gutes Frühstück zusammen, das auch total sättigte. Ein Kookaburra, dieser berühmte australische Lachvogel, saß am Nebentisch und lauerte auf ein Stückchen Brot, das er auch bekam. Dankbar flog er dann sofort davon.

Daniela war jetzt auch reisefertig. Mein Rucksack war ebenfalls zusammengepackt. Langsam gingen wir zum Fähranleger. Das Boot nach Townsville fuhr um 9:20 Uhr ab. Eine halbe Stunde später erreichten wir dann die drittgrößte Stadt von Queensland. Zunächst ging ich in die öffentliche Bibliothek, wo ich mein ausgelesenes Buch zurück gab und die $AUS 25 hinterlegten Pfand einlösen konnte.

Aus irgendwelchen, mir völlig schleierhaften, Gründen war das Glas meiner Armbanduhr nach der Nacht im Zelt von Balgal noch stärker zerkratzt gewesen als am Abend zuvor. Die Zeit war nur noch mit Mühe zu entziffern. In einem Spezialgeschäft fragte ich nach einem Glas, was aber in der Kürze der mir zur Verfügung stehenden Zeit nicht in Ordnung gebracht werden konnte.

Ich kaufte mir noch eine aktuelle Tageszeitung in der Hoffnung, die Bundesliga-Ergebnisse abgedruckt zu finden. Das war aber nicht der Fall. Als ich den Wetterbericht las, fröstelte es mich sofort, als ich die Temperaturen in Deutschland zur Kenntnis nahm. In Berlin waren es 5° C und in Frankfurt stolze 8°C.

In einem Souvenirladen kaufte ich mir noch eine Kette mit Känguru-Anhänger. Ich holte mir noch ein Hot Dog und damit war das Thema Einkaufen fürs erste erledigt. Daniela ging noch in einige weitere Geschäfte. Um 11:00 Uhr trafen wir uns mit Alex am gestern auf dem Parkplatz am Fähranleger abgestellten Auto. Ich hatte solche Lust zum Fahren und fragte, ob es vielleicht auch heute dürfe. Dem wurde zugestimmt.

Eine ziemlich lange Strecke stand heute auf dem Programm. Alex fuhr den Toyota Corolla aus der Stadt heraus; bald danach übernahm ich das Steuer. Wir fuhren auf dem Highway 1 zunächst in Richtung Ayr, wo wir eine Zigarettenpause einlegten. Der Highway war gut befahrbar und ich hatte absolut keine Fahrprobleme. Auch das Überholen war stets mühelos möglich. Ich kam mit dem Mietwagen von Tag zu Tag besser zurecht.

Es ging weiter nach Bowen. Zwischen Ayr und Bowen hatte der Zyklon Charlie besonders heftig gewütet. Die Spuren an der Straße und an den Brücken waren noch deutlich erkennbar.

In Bouwen kauften wir in einem Supermarkt für das Abendessen ein. Alex war wieder ziemlich ruhig und besonders zurückhaltend. Er antwortete kaum auf ihm gestellte Fragen. Was hatte er nun wieder? Er beteiligte sich auch nicht am Einkauf im Supermarkt. Wenigstens stimmte wenigstens mein Verhältnis zu Daniela. Hinter Bouwen kam es dann zu einem schweren Wolkenbruch. Ich konnte nur im Schritttempo fahren. Ulkig: Von einer zur anderen Sekunde stoppte der Regen dann plötzlich.

Alex half jetzt auch nicht mehr beim Lesen der Straßenkarte und so war es für mich nicht einfach, die Abzweigung zu unserem heutigen Ziel, Cannonvale an der Whitsunday Passage, zu finden. Er schmollte aus mir völlig unerfindlichen Gründen. Wenn er doch wenigstens sagen würde, was los ist! So langsam schaltete auch ich auf stur. Die Stimmung sank wieder schnell in den Keller.

Auch die Buchung unserer heutigen Übernachtung im modernen Reef Oceania Village in Cannonvale, einer Backpacker´s-Organisation, verlief wortkarg. So kam wenig Freude über das nette, motelartige Zimmer auf, für das wir pro Kopf nur $AUS 9 zahlten. Daniela gegenüber kündigte ich an, dass ich morgen auf eigene Faust weiterreisen werde, wenn sich das Verhältnis nicht bis dahin ändern sollte. Scheinbar wusste sie auch nicht, was los war. Auch ihr gegenüber verhielt sich Alex wortkarg.

Gegen 17:30 Uhr richteten Daniela und ich das Abendessen her. Die Küche war einfach eingerichtet. Sie befand sich unter einem Dach. Auch das Entzünden der Gas-Herdplatte gestaltete sich schwierig. Letztendlich klappte es dann doch. Wir kochten Reis mit Gemüse und Pilzen. Dazu gab es Rindfleisch, das wir in der Pfanne brieten. Am Ende vermengten wir alles zu einer Art Reisplatte. Der Reis, der nicht im Kochbeutel war, war ziemlich klumpig. Das Kochen mit Daniela war so lustig! Daniela rief Alex zum Abendessen. Das folgende gemeinsame Essen verlief wieder eher schweigsam. Es schmeckte aber trotzdem köstlich.

Nicht einmal zum Abwasch bot Alex seine Hilfe an. Daniela und ich erledigten es stattdessen. Nach einer Zigarette schlug ich Daniela vor, einen Spaziergang zur Airlie Beach zu machen. Die Idee gefiel ihr auch; Alex wollte nicht mit! Ich wollte dann doch lieber das Auto nehmen; sonst hätten wir die zwei bis drei Kilometer laufen müssen. Das musste bei der einsetzenden Dunkelheit nicht sein. So fuhren wir mit dem Toyota Corolla zum Strand.

Während der Fahrt kamen Daniela und ich erneut auf Alex zu sprechen. Daniela vermutete, dass er wohl eine Krise und zurzeit mit besonders vielen Problemen zu kämpfen habe. Ich fragte sie, was das denn für Probleme seien. Sie wollte darüber jedoch nicht sprechen; aber ich war doch jetzt sehr neugierig geworden. Ich bat sie um eine Andeutung und daraufhin meinte sie, dass er wohl Probleme in seinem Privatleben habe. Jetzt begann es interessant zu werden.

Ich hatte ja immer so eine kleine Ahnung gehabt, mich damit aber stets zurückgehalten, weil es ja keinerlei Beweise dafür oder dagegen gab. Wir würden gleich auf das Thema zurückkommen. Zuvor erreichten wir aber die Airlie Beach und dort befand sich nur ein kleiner Strand, sondern auch eine attraktive Straße, in der sich das Nachtleben abzuspielen schien. Alles war so farbenprächtig hier! Kleine Lämpchen in verschiedenen Variationen hingen zwischen den Palmen. An den Eingängen zu den Restaurants waren Fackeln entzündet. Live-Musik tönte aus manchen Betrieben.

Daniela und ich spazierten aber zunächst zum Strand, der nicht das hielt, was er zu versprechen schien – er war arg klein. Nun gingen wir in das Restaurant, wo heute Abend Musik auf dem Programm stand. Der Laden war voll; trotzdem fanden wir draußen noch einen Tisch. Bei dem herrlich milden Klima war das genau der richtige Platz. Wir bestellten Cola und kamen erneut auf Alex zu sprechen.

Denn was nun kam, bestätigte mir meine Vermutung; schließlich kannte ich Alex ja schon seit 1985; gleichwohl wir ja immer nur ein paar Wochen im Jahr beisammen waren. Mit gezielter Fragerei kam ich Daniela etwas entgegen, die wohl nicht wollte, dass es einen Bruch zwischen Alex und mir gibt, wenn sie mehr erzählen würde. Schließlich sprach sie es aus: Alex war schwul! Ihr gegenüber hat er aber nie etwas verlauten lassen; sie wisse es aber sicher von einer dritten Person.

Alex war wohl etwa fünf Jahre mit einem Freund zusammen. Doch Alex war es dann wohl, der fremd ging. Sein Freund wurde daraufhin wohl extrem eifersüchtig; er rief bei Daniela an; berichtete ihr sofort von Alex´ seiner Homosexualität und wollte von ihr wissen, ob Alex einen anderen Freund hätte.

Ich fragte Daniela, wieso Alex denn nicht mit seinem augenblicklichen Freund hier in Australien sei. Der hat aber wohl keinen oder nicht ausreichend langen Urlaub bekommen. Ziemlich wahrscheinlich ist also, dass Alex genau diese Probleme hier sehr beschäftigen. Erstaunt hörte ich Daniela zu, wie sie weiter berichtete.

Alex sei wohl im letzten Jahr noch ein weiteres Mal nach Hawaii geflogen, habe dort einen Bekannten aus der Genfer Bank getroffen, der aber offensichtlich nicht schwul gewesen sei. Sein langjähriger Freund, der übrigens ebenfalls in der Bank arbeitet, vermutete in seiner Eifersucht aber, dass sich Alex dort mit dem anderen zu einem Techtelmechtel getroffen hat.

Alex hatte keine Ahnung, dass Daniela von seiner Homosexualität weiß. Wahrscheinlich würde er auch gegenüber seinen Eltern mit aller Kraft den Eindruck erwecken, dass er nicht schwul sei. Das sei der Grund, warum Alex immer sehr viel Wert darauf legt, dass Daniela auf den Ansichtskarten, die er nach Hause schickt, mit unterschreibt, obwohl sie Alex´ Eltern überhaupt nicht kennt.

Ich fragte Daniela nun, welches Gefühl sie habe, mit Alex und von seiner Homosexualität wissend, gemeinsam zu verreisen. Sie entgegnete mit großer Logik, dass sie genau deshalb nichts von ihm zu befürchten hätte. Und was hätten ihre Eltern zu der Tatsache gesagt, dass sie mit einem Mann nach Australien verreise? Sie seien wohl nicht gerade begeistert gewesen.

Trotzdem wurde ich den Gedanken nicht los, dass Alex auf Daniela und mich eifersüchtig ist, wenn wir mal gemeinsam etwas unternehmen, weil wir uns eben gut verstehen. Dass Homosexuelle zu sehr extremer Eifersucht neigen können, ist schließlich bekannt. Nun wusste ich also mehr als Bescheid! Und Alex hatte keine Ahnung, dass Daniela und ich Bescheid wussten. Ich, für meinen Teil, würde mich unverändert gegenüber Alex verhalten. Er hat niemals einen Annäherungsversuch gestartet und wird es vermutlich auch nie tun. Solange er sich nicht öffnet, werde ich mein Wissen für mich behalten aber als Ausdruck des gegenseitigen Respekts würde ich es natürlich begrüßen, wenn mir Alex von seiner Homosexualität selber berichten würde. Womöglich ist er sich nicht sicher, wie ich reagieren würde, wenn er mir davon erzählt.

Aber sein Verhalten sprach eindeutig dafür, dass er Probleme hatte. Auch sein Alkoholkonsum hat im Vergleich zum letzten Jahr zugenommen. Ich würde es nur sehr bedauerlich empfinden, wenn seine weniger gute Stimmung einen Schatten auf unsere gemeinsame Fahrt werfen würde; zumal man ihn ja auch nicht beraten oder helfen kann, weil bekanntlich kein Wort über seine Lippen kommt.

Die negative Stimmung, die Alex heute verstreut hatte, wird wohl dafür sorgen, dass ich ab Mackay allein weiterreisen werde. Allerdings bat ich Daniela, vielleicht etwas zu vermitteln, denn keiner konnte ein Interesse daran haben, dass jemand aussteigt. Soweit zu diesem Thema.

Der Abend im Restaurant an der Airlie Beach war herrlich. Ich schätzte Daniela und ihren freundlichen Liebreiz sehr. Sie besaß Humor, war stets gut gelaunt und hilfsbereit. Eine dreiköpfige Gruppe trug jetzt wunderschöne Seemannslieder, Shantys, vor, die alle in Begeisterung versetzten. Viele im Restaurant sangen lauthals mit. Die drei Sänger versuchten sich sogar an dem deutschen Evergreen Seemann, lass das träumen... . Mit der herrlichen Musik und der tropischen Atmosphäre genossen wir den Abend immer mehr.

Im Restaurant wurden jetzt Spiele veranstaltet, die ebenfalls für große Stimmung sorgten. Die singenden Seemänner suchten Teilnehmer zum Armdrücken. Auch ich wurde gefragt, lehnte aber mangels Muskelmasse dankend ab. Die Teilnehmer traten dann jeder gegen jeden an. Auch ein paar Mädchen drückten untereinander. Das war echt spannend und sehr lustig.

Später gab es dann noch einen Wettkampf, wo man seinen Partner mit den Beinen herumrollen sollte; flach auf dem Boden liegend. Eine anwesende Schweizerin ließ ihren Gegnern keine Chance. Die Gäste, die an unserem Nebentisch saßen, sahnten fast alle ausgesetzten Gewinne ab. Als Preise waren Flaschen Champagner ausgelobt worden.

Die Show war immer noch nicht zu Ende. Trotzdem fuhren wir zurück in unsere Unterkunft, weil sich langsam Müdigkeit breit machte. Es war so ein langer Tag gewesen. Gegen 23:00 Uhr trafen wir in unserem Zimmer in Cannonvale ein. Alex war schon im Bett und nach einer Dusche legte ich mich auch hin; gleichwohl ich längst nicht mehr verheimlichen kann, dass ich gern bei Daniela gewesen wäre.

Reportage: Der Schnabel der Welt - Hamilton Island

71. Reisetag:
Dienstag, 15. März 1988

Das Verhalten von Alex war unverändert. Grantig und durchaus ein bisschen frech fragte er am Morgen danach, wo der Kaffee sei. Was ist nun das klügste Verhalten ihm gegenüber? Ich schaltete vorerst ebenfalls auf stur.

Als erstes nahm ich ein Bad im Swimmingpool, der sich ja vor der Unterkunft befand. Danach verstauten wir wieder unser aller Gepäck und die Fahrt konnte fortgesetzt werden. Ohne Absprache setzte sich Alex gleich auf den Beifahrersitz und überließ mir freiwillig das Steuer. Eine freundliche Geste? In Mackay, unserem für heute geplanten Zwischenstopp, würde gewiss die Entscheidung über eine gemeinsame Weiterfahrt fallen.

Zunächst aber fuhren wir nach Proserpine, wo wir etwas frühstückten. Zwischen Alex und mir herrschte das Schweigen im Walde. Am Ortsausgang mussten wir wieder tanken. Ich bat Alex, das Geld auszulegen und danach zu teilen. Jetzt folgte die einhundertzwanzig Kilometer lange Strecke nach Mackay. Immer wieder mussten wir an Baustellen halten. Als ich ein langsames Fahrzeug überholen wollte, sagte Alex, dass ich das hier besser nicht tun solle, da hier eine durchgezogene Linie ein Überholverbot signalisieren würde und das man vor und auf einer Brücke auch nicht überholen sollte. Ich sah nur wenig Gefahr darin, da die Straße frei und übersichtlich war. Trotzdem ließ ich es bleiben. Bald darauf sagte Alex wieder etwas: “Morgen fahre ich aber für drei Tage!“. Alex schien bockig und unversöhnlich. Ich glaube, es war genau dieser Moment, wo ich für mich entschied, ab Mackay wieder meinen eigenen Weg zu gehen.

Alex atmete noch einmal tief durch und sagte fortan kein Wort mehr. Bis Mackay hatte er noch Zeit, nachzudenken und sein Verhalten zu ändern. Bei sommerlich heißem Wetter erreichten wir gegen Mittag die Stadt Mackay. Mit dem Schlüssel schloss ich den Kofferraum auf, nahm meinen Rucksack aus dem Toyota Corolla und suchte noch einige Einzelteile zusammen. Danach gab ich Alex das Benzingeld. Er sprach immer noch kein Wort. Sogar das Zelt reichte er mir entgegen. Daniela unternahm keinen Vermittlungsversuch. Ich drückte ihr die Hand zum Abschied. Die Atmosphäre war frostig. Ich setzte meinen Rucksack auf den Rücken und ging. Mir tat es so Leid. Daniela konnte für all das am wenigsten. Sie bedauerte diesen Schritt. Aber Alex blieb stur; er sagte nicht, was ihm nicht passte. Niemandem war mit dieser Trennung gedient.

Von einem Moment zum anderen war ich wieder allein unterwegs. Ich hatte einen dicken Kloß im Hals und fühlte mich elend. Wie schön hätten diese Tage werden können. Das Auto, die vielen schönen Zwischenstopps und all die abwechslungsreichen Unterkunftsmöglichkeiten – alles war weg und gehörte der Vergangenheit an. Jetzt standen mir wieder die eher langweiligen Abende in der Jugendherberge mit den vermutlich immer selben Fragen bevor. Natürlich waren auch Busse und andere öffentliche Verkehrsmittel wieder ein Thema. Ich war sehr traurig.

Eine verschwindend kleine Hoffnung hatte ich immer noch. Vielleicht würden sich ja Alex und Daniela nach einer kleinen Unterhaltung noch besinnen und in die Jugendherberge kommen, damit wir diese blöde Situation bereinigen hätten können. Ich kann es vorweg nehmen: Genau dieses passierte nicht! Vielleicht würde ich die beiden an einem anderen Ort auf dem langen Weg nach Sydney wiedersehen.

Alex hatte jetzt eindeutig mehr zu tun. Im Moment hatte er keine Straßenkarte mehr und auch kein Jugendherbergsverzeichnis. Für beide würde die Fahrt teurer werden, denn jetzt mussten sie alles durch zwei dividieren. Das machte sich besonders bei der Wagenmiete bemerkbar. Von den insgesamt $AUS 890 hatte ich bisher nur $AUS 100 bezahlt, worüber ich natürlich jetzt froh war. Die Benzinkosten würden sich erhöhen und natürlich auch die Ausgaben für Lebensmittel. Ein Zelt haben sie nun auch nicht mehr zur Verfügung, aber das war gewiss nicht das größte Problem. Ich muss gestehen, dass ich im Wageninneren jetzt gern Mäuschen gespielt und mitgehört hätte. Es ist schon irre: Ich weiß immer noch nicht, was vorgefallen ist.

Mein Abschied war konsequent und beinahe filmreif gewesen – aber zu welchem Preis? Ich ging zur Jugendherberge Mackay, die arg überfüllt und nicht nur deshalb ziemlich beengt war. Irgendwie war das jetzt genau der falsche Ort für mich. Ich konnte meinen Rucksack abstellen und ging nach einer kurzen Pause wieder in die Innenstadt.

Genervt holte ich Erkundigungen nach Zugverbindungen gen Süden ein. In einer Snack Bar aß ich ein Eis und schrieb meine im Augenblick sehr reichhaltigen Tagebuchnotizen auf. Ich spazierte an die Stelle zurück, wo ich mich von Alex und Daniela trennte. Vom Auto keine Spur mehr.

Für eine kleine Aufheiterung sorgte bei mir aber die neueste Ausgabe der Zeitung Diese Woche in Australien, die ich in einem Zeitungsladen entdeckte und sogleich in der Jugendherberge zu lesen begann. Thronfolger Prinz Charles war in der Schweiz nur knapp einem Lawinenunglück entkommen.

Wegen der vielen Spielausfälle in der Fußball-Bundesliga musste Teamchef Franz Beckenbauer einen Nationalmannschaftslehrgang absagen. Immer mehr Bundesligaspieler wollen nach der Saison ins Ausland wechseln.

Andy Gibb von den Bee Gees starb im Alter von erst dreißig Jahren und auch Altbundeskanzler Kiesinger ist gestorben. Soweit die interessantes Überschriften in der Zeitung. Zwischendurch machte ich ein kleines Nickerchen. Um 17:00 Uhr öffnete die Anmeldung der Jugendherberge und ich zahlte den Übernachtungspreis.

Später ging ich abermals in die Stadt und aß kostspielig in einem China-Restaurant. Das musste ich mir einfach gönnen, um dem versauten Tag wenigstens den Hauch einer positiven Note zu verleihen. Heute war mir echt alles egal.

Meine Tante und Oma hatten heute beide Geburtstag; sie feierten zusammen und da lohnte sich ein Telefongespräch. Offenbar hatte es zu Hause heute geschneit.

Für morgen wollte ich mal wieder einen Trampversuch unternehmen. Allerdings wird der Highway 1 hier auch Mörder-Highway genannt, weil es hier wohl auffällig viele Verbrechen an Anhaltern gegeben haben soll. Im Bundesstaat Queensland ist das Trampen übrigens ohnehin verboten. Aber ich wollte es trotzdem versuchen und bei einem Missverfolg könnte ich immer noch den Bus nehmen.

In der Jugendherberge herrschte eine allgemein gute Stimmung, in der ich mich aber nicht befand. Ich habe geschrieben und gelesen. Nachdem ich in der letzten Woche kaum zum Lesen gekommen bin, startete ich heute mit dem neuen Roman Männer in zweifacher Nacht von meinem Lieblingsschriftsteller Max von der Grün. Auch dieses Buch war von der ersten Seite an interessant. Zu mehr war ich heute nicht mehr in der Lage. Draußen vor der Jugendherberge wurde Bier gesoffen und es drohte zu allem Übel auch noch eine lautstarke Nacht.

Reportage: Korallen-Alarm