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Um 6:45 Uhr wachte ich heute Morgen in der Jugendherberge Alice Springs auf. An sich wollte mich der Schweizer Walter wecken; doch war es umgekehrt. In aller Schnelle packte ich meine Sachen zusammen. Wer in dieser Jugendherberge keine Duty machen wollte, sollte doch tatsächlich einen Aufschlag von $AUS 1 bezahlen. Ich war dreist, holte mir die Aufgabe ab und tat sie dann einfach nicht. ![]() Horden von Touristen warteten dann bereits auf die Abfahrt des Busses nach Yulara. Alle Busgesellschaften, die es in Australien gab, waren hier vertreten und fuhren alle(!) zur selben Zeit ab. Natürlich gab es wieder zahlreiche Stopps an bestimmten Snack Bars, die Verträge mit den Busfirmen hatten. Irgendwie war das alles furchtbar und sehr kommerziell. Daran denken die Reisenden bestimmt nicht, wenn sie einsame Bilder vom Ayers Rock sehen. Ich saß während der Fahrt neben Walter, während Elke vor mir Platz genommen hatte. Durch die eisigen Klimaanlagen hatte sich die Ludwigshafenerin erkältet. Hoffentlich steckte ich mich bei ihr nicht an, wenn ich mit ihr heute Nacht das Zelt teilen würde. Immer noch war ich von den Touristenmassen entsetzt, die jetzt zum heiligen Berg der Aborigines unterwegs waren. Das hatte ich in dieser Form nie und nimmer erwartet. Die Geldschinderei war schon ziemlich heftig. Mit jeder noch so unwesentlichen Kleinigkeit wurde versucht, Geld zu machen.
Bei böser Hitze und völlig wolkenlosem Himmel bauten Walter und ich unsere Zelte auf. Auf dem betonharten Boden verbogen wieder zahlreiche Heringe. Im Nu war es im Zeltinneren kochend heiß! An der hinteren Stange riss der Stoff jetzt noch mehr ein, so dass ich wahrscheinlich ein neues Zelt werde kaufen müssen. Für die kommende Nacht würde es wahrscheinlich noch reichen. Der Campingplatz besaß einen Swimmingpool, indem wir uns kurz erfrischten. Dann stand aber auch schon die Busfahrt zu den Olga´s und zum Ayers Rock auf dem Programm. In Alice Springs hatte ich ja für dieses Spezialticket, das aus zwei mehrstündigen touristischen Sightseeing-Touren besteht, stolze $AUS 29 hinblättern müssen. Selbst Kunden, die bereits einen Buspass besaßen, mussten den Betrag in voller Höhe zahlen. Die folgende Fahrt war an touristischen Exzessen nicht mehr zu überbieten. Es war logisch, dass die Einheimischen so etwas einfach nicht gut finden könnten und eine entsprechende Distanz zu diesen täglich hereinbrechenden Massen bekommen mussten. Irre, was sich hier abspielte. Um 15:30 Uhr fuhren wir zunächst zum Mount Olga; die Gegend wurde der Einfachheit halber Olga´s genannt. Diese großartigen Felsformationen waren natürlich herrlich anzuschauen. Ich litt aber weiterhin an der vollkommen durchgeplanten Tour, die minutiös durchgeführt wurde und nicht den geringsten Spielraum für eigene Aktionen ließ. Immer wieder hielt der Bus an und man konnte aussteigen, um Fotos zu machen oder um kurze Strecken abzuwandern. Da aber alle Busgesellschaften diese Tour zur selben Zeit machten, war der Anblick der Touristen dem einer großen Anzahl Ameisen schon sehr ähnlich. Aus der Ferne musste es ulkig aussehen. Da kommen unzählige Busse angefahren, spucken die Touristen aus und Minuten später steigen sie alle wieder ein und der Spuk ist vorbei. Auf der anderen Seite war das Beobachten und ihr eigenartiges Verhalten auch eine unterhaltsame Seite. Die Japaner fotografierten voller Erregung wirklich jeden noch so kleinen Staubhügel. Alle Fotos waren gestellt; ein anderer filmte mit seiner Videokamera sogar den Bus! Ein Deutscher aus Frankfurt, Peter, stellte sich als Klugscheißer heraus und wurde von Elke und mir etwas verarscht. Mehrere Male sahen wir Sandhosen, die vom trockenen Boden in die Luft aufstiegen. Diese kleinen Tornados werden in Australien Willie Willie genannt. Zum Sonnenuntergang fuhren wir dann zum nicht weit entfernten Ayers Rock, dem zweitgrößten Monolithen der Welt, der von den Aborigines als heiliger Berg verehrt wird. Rund herum sahen wir nur niedrige Büsche und den berühmten roten Sand. Und plötzlich lag er vor uns: Ayers Rock, dieses Wunderwerk der Natur, das man nur von Fotos kannte. Jetzt lag er direkt vor mir! Zum ersten Mal kam ein tiefes Gefühl in mir hoch. Nichts verdeckte seinen wunderschönen Anblick! Morgen früh würden wir den rund 350 Meter hohen Felsen besteigen können. Jetzt war es dafür eindeutig zu heiß. Beim Sonnenuntergang sammelten sich alle Busse an einer bestimmten Position und jetzt hörte man nur noch das Klicken der Kameras; ansonsten war es ruhig. Alle schienen gebannt von diesem großartigen Panorama zu sein, das sich uns allen hier bot. Wegen diesem Bild hatte sich die Fahrt doch gelohnt! Ein Dudelsackspieler stellte sich in günstige Position vor den Berg und spielte auf, was ebenfalls zu regen Fotografien genutzt wurde. Gegen 19:45 Uhr war dann der 1. Teil der insgesamt zweiteiligen Etappe vorbei. Ich war ziemlich froh wieder in Yulara zu sein. Elke und ich stiegen am Einkaufszentrum aus. Da alle Busse wieder gleichzeitig in den Ort zurückkehrten, waren im Nu alle Geschäfte überfüllt. Im Imbiss, wohin wir anschließend gingen, war alles überteuert. Ich setzte mich nach draußen; Elke war bereits zum Campingplatz zurückgekehrt. Ich nutzte die Helligkeit noch aus und schrieb in mein Tagebuch. Weit kam ich nicht, denn ein kanadisches Ehepaar sprach mich an und wollte sich mit mir unterhalten. Auch den merkwürdigen Frankfurter Peter sah ich wenig später wieder; er rief mich zu sich an seinen Tisch und ich setzte mich einen Moment zu ihm. Bald danach ging ich zum Campingplatz zurück. Es war etwa 21:30 Uhr und es kühlte jetzt zunehmend ab. Der Himmel war sternenklar! Elke kam gerade vom Duschen und legte sich in mein Zelt. Auch ich ging in den Waschraum. Walter war ebenfalls in seinem Zelt. Mit der Taschenlampe in der Hand, kehrte ich ins Zelt zurück. Keine Frage, was ich jetzt wollte... Ich gab ein paar lustige Geschichten zum besten, um die Atmosphäre etwas zu entkrampfen. Es war so entsetzlich eng in dem kleinen Zelt; schon das sorgte für eine intime Atmosphäre. Nur mit meinen Shorts bekleidet, wälzte ich mich um Elke herum; aber es passierte absolut nichts! Es knisterte förmlich vor Erotik – aber das war auch alles.
Wir lagen noch lange wach und haben uns unterhalten. Plötzlich hörten wir in der Wüste das Heulen von Dingos! Das hörte sich recht schauerlich an. Ansonsten gab es keinerlei Geräusche. Ich lauschte und wartete darauf, dass die Dingos noch einmal heulen würden, aber es blieb ruhig. Es gab auch absolut keinen Wind. An Schlaf war trotzdem nicht zu denken, denn jetzt passierte folgendes...
Plötzlich erwachte ich! Mit der Taschenlampe beleuchtete ich meine Armbanduhr: 2:00 Uhr! Ich hatte heftigen Durst. Irgendetwas juckte mich und ich musste mich kratzen. Ich nahm an, dass es sich um abperlende Schweißtropfen handelte, denn im Schlafsack war es tierisch warm. Im Kopfbereich war es wie immer kühl. Ich drehte mich um und wollte weiterschlafen. Der unangenehme Juckreiz blieb. Eine Allergie? Oder hatte mich etwas gestochen. Aber der Juckreiz war mittlerweile an vielen Teilen meines Körpers. Ich knipste die Taschenlampe wieder an – und was entdeckte ich voller Schrecken? Ameisen! Überall! Ich führte den Lichtstrahl der Taschenlampe langsam die Zeltstange hoch – dort, wo sich das kleine Loch befand. Und genau dort kamen sie durch. Hunderte von Ameisen liefen die Zeltstange hinunter und rochen vermutlich meine Cola, die ich mit im Zelt hatte, denn an der Flasche liefen die meisten Tiere hoch. Panik ergriff mich. Das war echt widerlich! Es waren zum Glück keine roten oder sekretabsondernden Ameisen, sondern die ganz normalen, die mittlerweile flink über meinen Körper rannten und sich wahrscheinlich schon in meinen Shorts befanden – ich schaute lieber gar nicht erst nach! Ich weckte die neben mir tief und fest schlafende Elke, die das zunächst gar nicht so sehr zu tangieren schien. Tagsüber muss es den Ameisen wohl zu heiß gewesen sein, sich draußen aufzuhalten, denn während ich das Zelt aufgebaut hatte, habe ich keine einzige gesehen. Sie hielten sich bei der Gluthitze vermutlich in ihren kühlen Erdlöchern auf. Sie kamen wahrscheinlich zur Nachtschicht! Ich wollte das Zelt verlassen und draußen weiterschlafen; Elke kam nach. In der dunklen Nacht hätte ich das Zelt nie und nimmer von den Ameisen befreien können. Zum Glück befand sich draußen ein erhöhtes Brettgestell, auf das ich nun meine Iso-Matte legte und darauf wiederum den Schlafsack. Notdürftig hatte ich den Schlafsack in der Dunkelheit ausgeschüttet, denn der war auch voller Ameisen. Welch ein nächtliches Drama. Unter dem sternenklaren Himmel war es kühl und ich musste tief in den Schlafsack hineinkriechen. Erst zum Morgen hin konnte ich etwas schlafen; ich träumte sogar! Ein anderer Deutscher, der neben Walter sein Zelt aufgebaut hatte, weckte mich um 6:15 Uhr. Die Sonne war noch nicht aufgegangen aber der Himmel färbte sich bereits in den wunderbarsten Farben. Ich baute das verwaiste Zelt ab. Keine einzige Ameise befand sich mehr im Innenraum; ein Rückzug auf der ganzen Linie! Ich entschied mich dafür, das Zelt nicht mehr weiter zu benutzen; ich deponierte es im Mülleimer; nur die Heringe habe ich behalten. Ich durchforstete meinen Rucksack, der ja im Zelt gelegen hatte. In ihm befanden sich noch zahlreiche Ameisen. Ich versuchte den Inhalt so gut es ging von den Insekten zu befreien. Anschließend packte ich wieder alles zusammen und stellte den Rucksack bis zum Mittag an ein halbwegs schattiges Plätzchen. Nach einer Nacht mit wenig Schlaf stand nun auf nüchternem Magen die Besteigung des Monolithen Ayers Rock auf dem Programm. Unzählige Touristen hatten sich schon wieder vor dem Campingplatz versammelt. Sie alle warteten auf die Abfahrt des Greyhound-Busses, der um kurz nach 7:00 eintraf und wenig später abfuhr. Er fuhr uns zum Startpunkt, von wo aus man den weltberühmten Felsen besteigen konnte. Viele Touristen, die mit anderen Bussen eingetroffen waren, hatten schon mit der Besteigung des Monolithen begonnen. Es sah aus der Ferne wie eine Ameisenstrasse aus. Ein irres Bild! Auch wir starteten sofort. Es war 7:30 Uhr als ich direkt vor Ayers Rock stand. Der Weg führte sofort steil aufwärts. Die Temperatur war noch angenehm; später wäre eine Besteigung bei der großen Hitze nicht mehr möglich gewesen, was erklärte, warum die Busse alle zu dieser frühen Morgenstunde hier eintrafen. Als Hilfestellung gab es hier eine Kette, an der man sich hochziehen konnte. Immer wieder legten wir kurze Pausen ein. Es war sehr anstrengend. Besonders Elke stöhnte. Wir machten jeder drei Fotos; damit begnügten sich die anderen Touristen nicht; es klickte ununterbrochen. Die Kette war jetzt zu Ende. Jetzt kam es darauf an, das Gleichgewicht zu halten. Mit Schwung kam ich an kleineren Steigungen gut vorwärts, aber mir graute schon etwas vor dem steilen Abstieg. Nach etwas mehr als einer Stunde waren wir oben. Den Rekord, was die allerschnellste Besteigung betrifft, soll ein Neuseeländer innehaben. Er soll es innerhalb von fünfzehn Minuten geschafft haben, den Ayers Rock zu besteigen. Oben war die Hölle los! Einige Japaner hielten ihre Nationalflagge stolz in die Höhe und ließen sich dabei fotografieren. Der Dudelsackspieler war auch heute wieder dabei und spielte auf. Es gab hier ein Buch, wo man seine Besteigung dokumentieren konnte. Davor bildeten sich lange Schlangen. Unsere Zeit war begrenzt; der Busfahrer wollte pünktlich abfahren. So stiegen wir wieder hinab. Hin und wieder rutschte ich in der Hocke auf meinen Schuhen hinab. Manchmal ging es kerzengerade nach unten! Der Abstieg ging heftig in Füße und Beine; ein Muskelkater war die logische Folge. Allerdings bekam ich auch Blasen an den Zehen. Insgesamt war der Abstieg aber nicht so schwierig, wie ich erst befürchtet hatte. Elke und ich gehörten zu den letzten, die den Bus erreichten. In zwei Stunden hatten wir den Auf- und Abstieg bewältigt! Darin waren alle Unterbrechungen und Pausen beinhaltet. Die Besteigung des Ayers Rock war wirklich der absolute Höhepunkt der ansonsten bescheidenen zweigeteilten Touristentour, die gestern Nachmittag an den Olga´s begonnen hatte. Doch was jetzt kam, war wieder übelster Tourismus und davon hatte ich wirklich die Nase voll. Der Busfahrer fuhr jetzt um den Monolithen herum und ließ die Leute immer wieder zum Fotografieren aussteigen. Die Exzesse des Tourismus setzten sich heute fort. Was mussten die Aborigines empfinden, die dieses Theater um ihren heiligen Berg täglich miterleben mussten? Wir fuhren jetzt in die Ranger Station, wo der Souvenirhandel blühte. Mit schlauen Gesichtsausdrücken informierten sich die Touristen in Büchern und Broschüren. Vor der Station war ein Aborigines-Dorf nachgebaut, das aber ebenfalls nicht besonders sehenswert war. Jetzt ging es noch ein weiteres Mal zurück zum Berg, wo uns der Busfahrer bei mittlerweile glühender Hitze Zeichnungen der Aborigines zeigte, die aber wirklich kaum zu erkennen waren. Lachhaft. Alles knipste und drängelte sich um die schemenhaften Zeichnungen herum. Hätte ich dort am Abend vorher etwas hingemalt, wäre dieses sicher auch begeistert fotografiert worden. Der Busfahrer zeigte uns jetzt eine Stelle, wo das Wasser Regen hinabläuft, wenn es mal regnet. Hier präsentierte er uns einen kleinen See, der sich im Laufe der Zeit entwickelt hatte. An der Wand konnte man den normalen Wasserpegel erkennen. Ich hatte aber keine große Lust mehr auf derlei Besichtigungen und ging zum Bus zurück. Die Tür in den Innenraum des Fahrzeuges war noch geschlossen. Ich öffnete sie, weil ich wusste, wo sich der Öffner befand, was mir später einen Rüffel des Fahrers einbrachte. Um die Zeit herumzubekommen, fuhren wir jetzt noch einmal zum Ausgangspunkt der Besteigung zurück. Hier sollte es die letzte Möglichkeit geben, ein Foto zu machen, obwohl wir hier doch schon viele Stunden verbracht hatten. Es war wirklich kaum zu glauben, was jetzt geschah: Alle Fahrgäste stiegen tatsächlich aus und schossen, wie ihnen gesagt wurde, ein letztes Foto! Es war, als ob sie den Berg jetzt zum ersten Mal sahen. Für mich das Thema aber nun endgültig erledigt – das war eindeutig zuviel des Guten. Ich hoffte, dass mir so ein Touristenspektakel für den Rest meines Australien-Aufenthaltes erspart blieb. Gegen 11:45 Uhr waren wir wieder am Campingplatz. Ich nahm ein kurzes und erfrischendes Bad im Swimmingpool und setzte mich danach etwas in den Schatten. Pausenlos musste ich etwas trinken, weil es so heiß war. Von Elke hieß es nun, Abschied zu nehmen. Sie wollte noch heute mit dem Bus in Richtung Coober Pedy fahren, was im groben die Strecke nach Adelaide war. Zusammen mit Walter und Peter fuhr ich gegen 14:15 Uhr nach Alice Springs zurück. Während dieser Fahrt funktionierte die Klimaanlage nicht, was zu Protesten führte; aber nicht bei mir. Der Fahrer hatte die Fenster geöffnet und so kam viel Wüstenstaub ins Fahrzeug, was die Schleimhäute austrocknete. Die Fahrt ging zügig voran. Auch die Pausen hielten sich in Grenzen. Um 19:15 Uhr trafen wir am Terminal in Alice Springs ein. Das Thema Busreisen war für mich heute aber immer noch nicht erledigt. Walter wollte noch weiter bis nach Townsville fahren; während mir eine Fahrt nach Tennant Creek völlig ausreichte. Hier würde die Gültigkeit meines Buspasses auslaufen. Im Busterminal dauerte es aber wieder ewig, bis man eine Sitzplatznummer für die Anschlusstour bekam. So blieb nur noch wenig Zeit, einen Imbiss zu mir zu nehmen. Walter und ich gingen in ein Bistro, wo ich ein halbes Hähnchen aß und zwei Dosen Bier leer trank. Um 20:15 Uhr startete dann die lange Busfahrt in Richtung Tennant Creek. Erst dort würde der Bus richtig voll werden, denn von dort fuhren die meisten Traveller nach Queensland. Während der Fahrt in dem noch mäßig belegten Bus, konnte ich mich wieder über zwei Sitzplätze ausstrecken. Vor mir war zwar direkt die Toilette, aber das störte mich nicht weiter.
Zwei Stunden später stoppte der Greyhound-Bus in Ti Tree Well, wo ich, wie schon auf der Hinfahrt, die niedlichen Kängurus im Gehege streichelte. Um 23:00 Uhr setzte der Fahrer den Trip nach Tennat Creek fort, während ich in verkrümmter Position auf dem Sitz zu schlafen versuchte.
Als ich wieder erwachte, waren wir bereits in Tennant Creek. Vor ungefähr einem Monat war dieser Ort von einer Reihe schwerer Erdstöße erschüttert worden. Nachbeben sollen noch bis heute anhalten. Opfer hat es damals nicht gegeben, weil das Gebiet sehr dünn besiedelt ist und von turmhohen Gebäuden konnte schon mal gar keine Rede sein. Irgendwelche Zerstörungen konnte ich in Tennant Creek nicht entdecken. Es war etwa 2:45 Uhr als ich den Greyhound-Bus verließ. Draußen war es immer noch sehr mild. Bis zur Jugendherberge war es ein etwa zwanzigminütiger Fußweg. Mir war bekannt, dass auch während der Nacht der Gemeinschaftsraum geöffnet war. So schlich ich mich ins Haus und entdeckte zwei Sofas. Mir genügte eines, worauf ich mich sogleich legte. Das klappte alles so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Es wäre total ätzend gewesen, wenn ich draußen vor der Tür hätte übernachten müssen.
Als erstes habe ich meine Wäsche gewaschen; anschließend duschte ich. Um 8:00 Uhr meldete ich mich für die kommende Nacht an. Das war ein kleines Risiko, denn dann würde ich erst morgen Abend den Bus nach Queensland nehmen können. Ich musste mir zwangsläufig die Frage stellen, was ich bloß so lange in einem derart kleinen Ort unternehmen sollte. Auf der anderen Seite wollte ich morgen versuchen, wenigstens einige Stunden am Straßenrand zu stehen, um per Anhalter fortzukommen. All zuviel Hoffnung, dass das klappen könnte, hatte ich aber nicht. Mein nächstes Etappenziel, Mount Isa, war schließlich sehr weit entfernt. Außerdem war morgen Sonnabend und da würde deutlich weniger Straßenverkehr herrschen. Aber ehe ich mich hier morgen langweilte, könnte ich es wenigstens versuchen. Die Chance lag nahe, sehr viel Geld zu sparen, denn mein Buspass war bekanntlich abgelaufen. Eine Busfahrt nach Mount Isa würde mich mal so eben $AUS 60 kosten. Zu diesem Thema morgen mehr. Ich stellte meinen Rucksack in Zimmer 6 ab. Es war ein Zweibettzimmer, was ich sehr angenehm empfand. Viel Betrieb herrschte in dieser Jugendherberge ohnehin nicht. Ich ging dann in den Ort, der so klein gar nicht war. Wie an den anderen Freitagen zuvor, wechselte ich auch heute wieder einen Reisescheck ein. Dazu ging ich in die Westpac-Bank. Ich informierte mich kurz im Tourist Office über den Ort und kaufte mir einen neuen Sonnenhut, da ich meinen alten wohl im Bus vergessen hatte. Mit einer Zeitung unter dem Arm ging ich dann in das kombinierte Squash-Center mit Restaurant, wo ich recht kostspielig frühstückte. Ich setzte mich nach draußen und brachte mein Tagebuch auf den aktuellen Stand und las in der Zeitung. Es wurde berichtet, dass das Wetter in Deutschland unverändert mild ist; von Schnee war keine Rede. Werder Bremen erreichte gegen den 1. FC Pforzheim erst im Wiederholungsspiel die nächste Runde im DFB-Vereinspokal. Später kaufte ich Getränke im Supermarkt ein und ging zur Jugendherberge zurück, wo ich etwas in meinem Buch las und Schlaf nachholte. Als ich wieder aufwachte, lernte ich den zwanzigjährigen Australier Mark kennen, der hier auf Dauer mit seiner Mutter in einem Raum untergebracht war. Seine Mutter arbeitete in einem Pub, während Mark ab Montag im Squashcenter arbeiten wird. Am frühen Abend gingen Mark und ich gemeinsam in den Pub, wo seine Mutter arbeitete. Wir tranken jeder ein Bier und später aß ich ein kleines Fischgericht. Ich forderte dann den Gewinner eines Pool-Billard-Spiels heraus, der zuvor gegen alle anderen gewonnen hatte. Ich hatte in Neuseeland zuletzt gespielt und verlor natürlich auch; aber nur mit drei verbleibenden Kugeln. Mark blieb noch länger im Pub. Ich ging zur Jugendherberge zurück, wo ich mich etwas im Gemeinschaftsraum unterhielt. Im Gegensatz zur letzten Nacht war jetzt mehr los im Haus. Trotz Mitteilungen, die ich am Anschlagbrett hinterließ, fand sich aber niemand, der auch nach Queensland fahren wollte und mich hätte mitnehmen können.
Ich teilte mein Zimmer mit dem Engländer William. Zum Glück blieb die Klimaanlage, die es im Zimmer gab, über Nacht aus, aber dafür war es sehr heiß. Mein Mund war total ausgetrocknet und deshalb hatte ich ständig die Flasche am Hals. Außerdem wurde ich durch Mücken gestört, die sich neue Opfer suchten. Dem Engländer erging es nicht anders.
Noch ziemlich und unausgeschlafen stand ich heute früh schon um 6:30 Uhr in der Jugendherberge Tennant Creek auf. Ich versuchte den Engländer zu wecken, der aber nicht reagierte. Der Grund für das frühe Aufstehen war der Trampversuch, den ich unternehmen wollte, um vielleicht doch noch nach Mount Isa zu kommen. Später würde es zu heiß sein, um an der Straße zu stehen und den Daumen zu heben. Schon zu dieser Zeit war die Temperatur beachtlich. Ich spazierte mit meinem Rucksack an den Ortsausgang von Tennant Creek. Schon recht bald merkte ich, dass kaum ein Fahrzeug in diese Richtung fuhr. Bei den anderen wenigen Autos, die an mir vorbeifuhren hatte ich eher den Eindruck, dass sie nur in die unmittelbare Umgebung fuhren und keine lange Strecke eingeplant hatten. Ich stand am Straßenrand und war im Nu von Tausenden von Fliegen umgeben, die mich wahrscheinlich für ein übelriechendes Rindvieh hielten und mich mit großer Lust umschwirrten. Mir mangelte es nicht nur wegen der Fliegen an Geduld und so gab ich die Trampversuche schon bald auf und ging mit meinem Rucksack zurück zur Jugendherberge. Ich würde wohl oder übel den Nachtbus nach Mount Isa nehmen müssen, denn auch auf meine Suchnachricht am Anschlagbrett gab es keinerlei Reaktion. Im Ansett-Busbüro informierte ich mich nach dem Fahrpreis und war dann doch über die Höhe von $AUS 62 überrascht. Wie schon gestern ging ich auch heute wieder in das Squash Center, wo ich frühstückte und die Zeitung las. Auch hier gab ich viel Geld für Getränke aus. Unglaublich, wie lange diese Hitze mit Temperaturen um 40° C schon anhielt. Die Trockenheit entnimmt aus den Schleimhäuten von Mund und Nase jegliche Feuchtigkeit, was nicht besonders angenehm ist. Außerdem kam der heiße Wüstenwind hinzu, der für keinerlei Erfrischung sorgte. Im Supermarkt erledigte ich noch ein paar kleine Einkäufe. Abermals ging ich zur Jugendherberge zurück, wo ich mich aufs Sofa legte und sofort zu schwitzen begann. Hier las ich in meinem Roman und schlief etwas. Gegen 12:45 Uhr kam der Australier Wally in den Gemeinschaftsraum, der hier im Ort arbeitet. Als er die Jugendherberge wieder verließ war es 12:50 Uhr. Doch was, zur Hölle, war das? Plötzlich wackelte das Haus! Mir war komischerweise sofort klar, dass es sich um ein Erdbeben handeln musste! Ich sprang vom Sofa und lief zu Wally, der auf der Veranda Platz genommen hatte. Auch Mark kam aus seinem Zimmer gestürzt. Das Beben dauerte nur wenige Sekunden und eines der vielen Nachbeben, die es wohl alle paar Tage gibt, wie ich mich belehren ließ. Am 22. Januar dieses Jahres hatte es in Tennant Creek ja ein ziemlich schweres Beben gegeben. Der Erdstoß, den ich eben miterlebte war so, als ob ein Zug mit größerer Geschwindigkeit über mehrere Weichen rumpelte. Natürlich gab es keine Schäden, obwohl es im Hause ziemlich geächzt hatte. Ich war aber noch ziemlich lange entgeistert, war es doch das erste Beben meines Lebens, dass ich hier zu spüren bekam. Die anderen hatten das unheimliche Geschehen sofort wieder abgehakt, als ob es sich um einen Blitz gehandelt habe. Gegen 15:00 Uhr ging ich dann in das schöne Schwimmbad des Ortes. Der Eintrittspreis betrug nur $AUS 1 und das Wasser war herrlich angenehm. Auch Wally war hier. Später lernte ich in der Jugendherberge den Neuseeländer Keith kennen, mit dem ich mich noch recht nett unterhielt. Gegen Abend waren wir noch in einem Pub, wo ich erneut etwas aß und mit Keith zusammen ein Bier trank. Unsere Unterhaltung setzten wir dann in der Jugendherberge fort. Schließlich war es für mich wieder an der Zeit, mich an die Bushaltestelle vor dem Ansett-Büro zu begeben. Hier beobachtete ich zwei Polizisten, die gerade einen Alkoholtest bei einem Autofahrer durchführten. Erstmals während meiner Australien-Umrundung fuhr ich also nicht mit einem Greyhound-Bus, sondern mit einem von Ansett. Ich konnte aber nicht den geringsten Unterschied zwischen den Busunternehmen feststellen außer dass sie ein anderes Firmenlogo trugen.
Beim Fahrer kaufte ich das Ticket für die Fahrt nach Mount Isa. Die folgende Etappe nach Three Ways dauerte nur eine halbe Stunde. Hier gabelten sich die Highways und hier musste ich in einen anderen Bus umsteigen. Ich wählte beim Fahrer den Sitz ganz hinten, rechts neben der Toilette. Ich nahm an, dass es sich niemand freiwillig wünschte, dort zu sitzen. Es war die richtige Entscheidung. Im überraschenderweise nicht besonders vollen Bus konnte ich die Nacht über beide Sitzplätze nutzen, um mich auszustrecken. Positiv war auch, dass auch in diesem Bus die Klimaanlage nicht funktionierte und so war es auch von der Innentemperatur her sehr angenehm.
Der Busfahrer legte ein ziemliches Tempo vor. Nach unserem Aufenthalt in Three Ways gab es auch keine nennenswerte Pause mehr, was gleichzeitig bedeutete, dass ich nicht befürchten musste, dass neue Fahrgäste zustiegen und ich einen Sitzplatz frei hätte machen müssen. Am Morgen fuhr der Bus über eine Reihe von Bodenwellen auf der Straße und es schaukelte kräftig. Wir waren inzwischen im australischen Bundesstaat Queensland eingetroffen und das bedeutete, dass die Uhren um dreißig Minuten vorgestellt werden mussten. Mit Queensland betrat ich nach New South Wales, Victoria, Australian Capital City (Canberra), South Australia, Western Australia und dem Northern Territory den siebenten Bundesstaat; lediglich auf Tasmanien werde ich während dieser Reise verzichten müssen. Gegen 6:30 Uhr erreichte der Bus frühzeitig die Minenstadt Mount Isa. Die riesige Industrieanlage war schon von weitem erkennbar und ich fühlte mich bei diesem Anblick eher an das Ruhrgebiet erinnert. Gold, Kobalt und Zink wurden hier abgebaut. Mount Isa war eine Stadt der etwas größeren Kategorie. Natürlich war es schon zu früher Stunde wieder sehr warm. Am Himmel zeichneten sich lediglich dicke Qualmwolken ab, die aus den riesigen Schloten der Minenanlage kamen. Bis zur Jugendherberge war es ein etwa zwei Kilometer langer Weg. Die Unterkunft lag in einer ziemlich hässlichen Gegend – mit direktem Blick auf das Abbaugebiet! Ich kam direkt zur Öffnung der Anmeldung. Die Leute in dem Raum, den ich zugewiesen bekommen hatte, schliefen noch und so wartete ich zunächst im Gemeinschaftsraum, bis alle aufgestanden waren. Hier entdeckte ich eine Mitteilung am Anschlagbrett, dass drei Traveller eine Mitfahrgelegenheit nach Townsville anboten. Diese Offerte kam wie gerufen und ich wusste sehr bald, dass es sich um die vierköpfige Gruppe von Tennant Creek handelte, die dort flüchtig gesehen hatte, wobei einer hier in Mount Isa bleiben wollte. Wenig später lernte ich die kleine Gruppe auch mit Namen kennen. Sie bestand zum einen aus dem 19-jährigen australischen Fahrer Paul aus Perth und seinem 28-jährigen Bruder Stefan, der allerdings zwecks Jobsuche hier in Mount Isa bleiben will. Ferner fuhren die Engländerin Annette aus Dover und der Deutsche Markus, aus der Nähe von Heidelberg kommend, mit. Die Fahrgemeinschaft hatte sich erst vor wenigen Tagen zusammen gefunden. Paul will in Townsville bleiben; Annette möchte voraussichtlich auf die Magnetic Island, während Markus spätestens in zwei Wochen zurück in Sydney sein muss. Ich begab mich dann in die Stadt, wo ich erfreulicherweise eine weitere Ausgabe der deutschsprachigen Zeitung Diese Woche in Australien fand. In einem Imbiss aß ich wenig berauschende Spaghetti als Frühstücksersatz. Mit Getränken im Gepäck ging ich bei erbarmungsloser Hitze zur Jugendherberge zurück, wo ich mich faul aufs Bett legte und ausführlich meine Zeitung studierte. Erfreulicherweise nahm ich dem Blatt die DFB-Pokal- und Bundesliga-Ergebnisse. Am späteren Nachmittag gingen Markus, Annette, Stefan und ich in die Badeanstalt, wo wir uns in dem herrlich kühlen Nass erfrischten. Anschließend kauften wir noch einige Lebensmittel ein, denn Stefan hatte sich angeboten, für uns ein Nudelgericht zuzubereiten. Ich hatte allerdings nur wenig Appetit, da mir die Hitze doch arg zusetzte. Hier kam erschwerend hinzu, dass es nicht mal eine Seebrise gab. Auch fühlte ich mich im Magenbereich etwas unwohl, was aber vielleicht noch auf das Antibiotikum zurückzuführen war, dass ich wegen meiner Zahnprobleme habe einnehmen müssen. Vielleicht waren es aber auch die eiskalten Getränke oder das merkwürdige Spaghetti-Frühstück von heute Vormittag. Träge und ohne großen Tatendrang war ich heute. Am Abend hatte ich keine große Lust, mit den anderen in den Pub zu gehen. Ich zog es vor, im Gemeinschaftsraum zu schreiben und zu lesen. Wegen des drehenden Ventilators im Zimmer zog ich es vor draußen auf der Veranda zu schlafen. Ich legte die Matratze aus meinem Bett nach draußen und schlüpfte in meinen Schlafsack.
Noch eine aktuelle Notiz: Wenn alles klar gegangen ist, müsste mein Schweizer Freund Alex heute in Perth gelandet sein. Wir wollen uns ja demnächst in Cairns treffen.
Die Nacht auf der Veranda war durchaus angenehm. Die Engländerin Annette sorgte für ein frühes Wecken um 7:15 Uhr. Die Sonne stand schon wieder warm am Himmel. Auch die Fliegen waren schon wieder erwacht und schwirrten in alter Gewohnheit um mich herum. Zum Frühstück in der Jugendherberge Mount Isa speiste ich Müsli mit Milch. Die Gepäckstücke von Annette, Paul, Markus und mir wurden im Holden verfrachtet. Wir erledigten alles recht flott und konnten schon bald zu unserer Mammuttour starten. Stefan ließen wir ein wenig traurig zurück; er wollte sich ja in Mount Isa nach einem Job umschauen. Ob sich zwischen Stefan und Annette gestern Abend noch etwas angebahnt hatte, konnte ich nicht beurteilen. Wenn Stefan hier in Mount Isa keinen Job finden sollte, will er es auch in Tennant Creek versuchen. Sein Ziel ist es, sich eine Europareise finanzieren zu können. Um 8:00 Uhr saßen Annette, Paul, Markus und ich abfahrbereit im Wagen. Der 19-jährige Paul fuhr die ganze Strecke nach Townsville und das war kein Pappenstiel! 910 Kilometer lagen jetzt vor uns. Immer wieder musste man sich diese enormen Distanzen in Australien vor Augen halten.
Unterwegs legten wir natürlich immer wieder kleine Pausen ein. Wir mussten natürlich den Wagen auftanken oder uns kalte Getränke kaufen. Während unserer insgesamt elfstündigen Fahrt passierten wir Ortschaften mit wohlklingenden Namen: Cloncurry, Julia Creek, Richmond, Hughenden, Prairie, Pentland, Homestead, Charters Towers und Mingela. Mit dem schönen Wetter war es bald zu Ende. Wie wir erfuhren, tobte vor der Küste von Queensland; etwa zwischen Townsville und Ayr der tropische Zyklon Charlie. Ausläufer dieses tropischen Sturms waren mit Regenfällen und finsterem Himmel schon bald spürbar. Der Wind war böig, aber von einem Wirbelsturm konnte bisher keine Rede sein. Aber das konnte natürlich täuschen, denn solche fatalen Stürme können blitzschnell ihren Kurs ändern. Paul fuhr die ganzen elf Stunden ausgezeichnet – das muss ich an dieser Stelle wirklich deutlich erwähnen. Annette sorgte für prima Musik; sie bediente den Kassettenrekorder. Der Zustand der Straße war durchweg katastrophal. Die vielen Bodenwellen bargen aber die Gefahr, dass der Wagen auf der Fahrbahn aufkam. Aber der Holden hielt zuverlässig durch. Gegen 19:00 Uhr erreichten wir Townsville. Die Straßen waren nass hier und sogar teilweise überschwemmt. Die Luft war tropisch warm, als wir ausstiegen. Im Radio wurden unverändert Zyklon-Warnungen durchgegeben. Die meisten Geschäfte in der Stadt und alle Banken hatten wegen des drohenden Unwetters geschlossen. Wie es morgen aussehen wird, weiß noch niemand. Ich hoffte natürlich, dass morgen die Geschäfte wieder geöffnet sein würden, da ich unheimlich viel zu erledigen hatte. Wir meldeten uns im Backpacker´s Hostel an; gestern hatte ich hier bereits angerufen und Betten reservieren lassen. Wir wurden alle in einem Zweitgebäude oberhalb der Stadt untergebracht. Wir vier bekamen gemeinsam einen Raum. Es kostete $AUS 8 pro Person. Das Haus machte einen sehr netten und sauberen Eindruck. Lediglich die sich auch hier drehenden Ventilatoren störten mich ein wenig. Wir gingen dann umgehend in die Innenstadt, wo ja nur wenige gastronomische Betriebe geöffnet hatten. In einem griechischen Schnellimbiss aß ich für nur wenig Geld leckere Lasagne. Die anderen gingen noch kurz in den Pub; ich zog es vor, ins Backpacker´s zurückzugehen. Ich musste einfach etwas mehr auf meine Finanzen achten.
Annette und Paul alberten später zur allgemeinen Erheiterung auf dem Bett herum. Der 19-jährige Australier machte heftige Annäherungsversuche bei der immerhin acht Jahre älteren Engländerin. Sie ertrug es mit Humor und sehr viel Geduld. Bald darauf trat Nachtruhe ein. Von Charlie, dem angeblich so gefährlichen Zyklon war hier in Townsville nichts zu spüren.
Die Nacht war ungewöhnlich angenehm und ich konnte trotz der Wärme im Zimmer ausgezeichnet schlafen. Gegen 9:00 Uhr wachte ich auf; ich blieb aber noch eine Weile liegen. Zyklon Charlie war zumindest an Townsville vorbei gezogen. Ich beendete noch meinen Roman Die geschützten Männer, der mir spannende Minuten beschert hatte. Ich hatte in der Stadt heute ziemlich viel zu erledigen und so verließ ich das Backpacker´s vor Markus, Paul und Annette. Es war auch heute außerordentlich schwül-heiß und dabei heiter bis wolkig. Südlich von Townsville gab es aber kräftige Überschwemmungen und der Highway musste geschlossen werden. Auch Busse konnten dorthin nicht verkehren. Offensichtlich war der Zyklon dort nicht so unauffällig gewesen wie in Townsville. Die Geschäfte und Banken hatten in Townsville zum Glück geöffnet. In der Westpac-Bank tauschte ich einen weiteren Reisescheck ein. In Mount Isa habe ich mir leider einen Bügel meiner Brille zerbrochen. Bei einem Optiker ließ ich dieses Malheur für $AUS 8 reparieren. Ferner kaufte ich zwei Zeitungen, wo ich wenigstens in der einen internationale Fußballergebnisse fand. So konnte ich mich über die Bundesliga informieren. In einem Warenhaus kaufte ich mir für $AUS 41,98 ein neues Zelt, das auf den ersten Blick für den Preis einen ausgezeichneten Eindruck machte. Welchen Wert es wirklich hat, wird die Praxis zeigen, wenn ich mal darin schlafen muss. In einem Army Shop kaufte ich mir für $AUS 7,70 abermals eine Feldflasche. Die Flasche, die ich in Adelaide gekauft hatte, leckte ständig. In einem Schuhgeschäft kaufte ich mir nochmals Einlegesohlen für meine Schuhe, die mich $AUS 1,30 kosteten. Allerdings benutze ich meine Turnschuhe wegen des guten Wetters kaum noch; ich habe mich total an die luftigen FlipFlop´s gewöhnt. Anschließend kaufte ich noch ein paar Getränke ein und aß eine Kleinigkeit. Ich bezahlte außerdem die zweite Übernachtung im Backpacker´s Hostel. Es war allerhand Geld, dass ich heute für all diese Einkäufe ausgab. Mein Etatrahmen war entsprechend gespannt. Auf der anderen Seite habe ich allerhand Geld sparen können, weil ich ja mit Paul & Co im Auto nach Townsville habe fahren können. Eine Busfahrt wäre deutlich kostspieliger gewesen. Allgemein lagen die Preise in Queensland etwas unter denen in den anderen Bundesstaaten. Ich erkundigte mich noch nach Fährverbindungen nach Magnetic Island sowie nach Busverbindungen und –fahrpreisen in das Touristenmekka Cairns. In der Innenstadt traf ich auch den Franzosen Thierry wieder, der wegen des gesperrten Highways noch hier verweilen musste. Ich zeigte ihm das Backpacker´s, wo wir untergebracht waren. Auch Thierry meldete sich dort für die kommende Nacht an. Den weiteren Nachmittag verbrachte ich im Zimmer, wo ich in der Zeitung las. Ich hielt ein kleines Nickerchen. Bei der Hitze hatte ich offensichtlich ein erhöhtes Schlafbedürfnis. Annette hatte in der Zwischenzeit einiges von unserer Wäsche gewaschen. In den Fernsehnachrichten wurde später noch ausführlich über die schweren Auswirkungen des Zyklons berichtet, der südlich von Townsville offenbar ziemliche Schäden verursacht hatte. Ortschaften wurden überflutet und der Highway nach Süden ist weiterhin nicht passierbar. Einige Häuser wurden vom Sturm beschädigt oder sogar zerstört. Abends zogen wir dann noch einmal los; Thierry kam allerdings nicht mit. Paul, Markus und ich gingen vor, während Annette später nachkommen wollte. Wir aßen wieder eine Kleinigkeit in dem griechischen Imbiss, wo wir bereits gestern gewesen sind. Anschließend gingen wir hinüber in den Pub. Markus unterhielt uns am Tisch mit ein paar lustigen Wetten. Annette kam schließlich auch. Sie hatte sich für den Pub-Besuch extra aufgedonnert! Auch ein Holländer gesellte sich noch zu uns an den Tisch. Hier in Queensland gibt es durchaus andere Gesetze als in anderen Bundesstaaten; so schließen die Pub´s hier bereits um 22:00 Uhr!
Auf dem Rückweg zum Backpacker´s alberten wir noch herum. Paul's Annäherungsversuche bei Annette nahmen deutlich zu. Er nahm dann auch ihr Bett komplett unter Beschlag. Geduldig ließ Annette Paul sein Vergnügen. Natürlich wehrte sie sich gegen Paul´s rein zufällige Berührungen, aber letztendlich musste ich Markus recht geben, der die Abwehrversuche als eher halbherzig einordnete und sie das Gerangel offensichtlich sehr genoss. Ich denke sie fühlte sich gebauchpinselt, dass sich ein derart junger Boy für sie interessierte. Die Albernheiten zwischen Paul und Annette hielten noch ziemlich lange an; mehr ließ Annette dann aber doch nicht zu – wahrscheinlich, weil sich noch zwei Personen mehr im Zimmer aufhielten.
Der Zeitpunkt, wo ich mich mit Alex treffen werde, rückt nun langsam immer näher. Zu diesem Thema werde ich morgen etwas ausführlicher schreiben. Markus, Paul und Annette wollten noch in Townsville bleiben, wobei Markus und Annette bleiben mussten, weil der Highway nach Süden aufgrund des Zyklons immer noch gesperrt war. Paul war sich immer noch nicht ganz sicher, ob er sich besser in Townsville oder in Sydney einen Job suchen solle. Die Möglichkeit für ihn, nach Sydney zu gehen, hatte sich ziemlich plötzlich ergeben, da dort seine Mutter als Krankenschwester arbeitet, die möglicherweise Arbeit für ihn hätte. Wenn Paul sich dazu entscheiden würde, nach Sydney zu fahren, könnte er Annette und Paul natürlich mitnehmen. Da mir die Gesellschaft mit Paul, Annette und Markus sehr angenehm war, ließ ich meinen Plan, heute nach Magnetic Island zu fahren, vorläufig fallen. So bezahlte ich hier im Backpacker´s für eine weitere Nacht. Meine Entscheidung hier zu bleiben traf ich aber am allerwenigsten wegen des Heidelbergers Markus, der mir mit seiner Besserwisserei langsam etwas auf die Nerven ging.
Am Morgen beauftragten wir Annette, uns ein Frühstück zu machen, was sie auch prompt tat. Anschließend spülten Paul, Markus und ich das Geschirr. Annette erledigte auch wieder das Waschen der Wäsche, was ich besonders hilfreich fand. Ansonsten war der heutige Tag wieder ein ziemlich fauler und träger. Allerdings waren solche Tage zwischendurch auch immer wieder wichtig, um sich zu regenerieren. Die meiste Zeit des heutigen Tages verbrachte ich mit dem Lesen in meinem Buch. Den ausgelesenen Roman von Robert Merle überließ ich dann Markus. Auch Paul hat heute viel in seinem Kriegsroman gelesen. Ich freute mich ganz besonders über die neue Ausgabe der deutschsprachigen Zeitung Diese Woche in Australien. Voller Überraschung erfuhr ich, dass Udo Lattek als Technischer Direktor beim 1. FC Köln zurückgetreten ist und er nun Kolumnen für eine Zeitung schreiben wolle. Durch einen Wintereinbruch in Deutschland mussten viele Spiele in der ersten Bundesliga ausfallen. Bei den Olympischen Winterspielen im kanadischen Calgary gewann die Sowjetunion im Eishockey die Goldmedaille; Silber gab es für Finnland und Bronze für Weltmeister Schweden. In Österreich wird Bundespräsident Waldheim wegen seiner umstrittenen Vergangenheit offenbar immer untragbarer. Bundeskanzler Vranitzky kündigte seinen Rücktritt an, wenn es in der Waldheim-Frage nicht bald zu einer Entscheidung kommen sollte. Vranitzky habe nicht vor, seine gesamte Regierungszeit mit der Verteidigung Waldheims zu verbringen. Nur wenige Menschen konnten sich vorstellen, wie sehr ich das Lesen der Zeitung genoss. Mein Informationsbedürfnis war schon immer sehr hoch gewesen; aber wenn man wie hier in Australien monatelang auf Nachrichten verzichten musste, war das schon ziemlich hart. Australische Zeitungen berichteten fast ausschließlich über regionale Themen; streiften außeraustralisches höchstens knapp am Rande. Annette forderte mich jetzt auf, ihre Füße mit einem kreideartigen Gegenstand zu massieren, dem ich natürlich gern nachkam. Dazu legte sie ihre Füße auf meinen Oberschenkel. Ihre Füße hatten eine knüppelharte Sohle, die voller Hornhaut war. Mit Creme rieb ich auch noch ihre frisch rasierten Beine ein. Ich glaube, Annette spielte mit uns allen und hatte es faustdick hinter den Ohren! Ich war noch kurz in der Innenstadt, wo ich mir in der Bücherei gegen einen Pfand von $AUS 25(!) den dicken Roman Liebe und was sonst noch zählt von Willi Heinrich ausgeliehen habe. Mit dem Lesen des Buchs begann ich sofort. Das Wetter war heute heiter bis wolkig und wieder sehr warm. Trotzdem unternahmen wir draußen recht wenig. Auch von Townsville sah ich mehr oder weniger nur das Einkaufszentrum. Die langanhaltende Schwüle machte mich träge. Am Nachmittag schrieb ich noch einen weiteren Brief an meinen Freund Peter nach Melbourne. Zu einer gemeinsamen Unternehmung kam es dann erst wieder am Abend. Zusammen mit Markus und Paul ging ich erneut zum Griechen, der heute leider keine leckere Lasagne anbot. Das Reisgericht, das ich stattdessen bestellte, war ein Reinfall und schmeckte mir überhaupt nicht. Im Pub trafen wir Annette und eine Amerikanerin. Ich war für eine große Unterhaltung gar nicht so in Stimmung. Ich begab mich schon bald wieder zurück ins Backpacker´s und ging dort gleich unter die Dusche. Bis die anderen eintrafen, las ich in meinem Buch. Für Annette und Markus war es immer noch nicht klar, wie es morgen weitergehen solle. Der Highway war scheinbar wieder geöffnet, aber es war nicht zu übersehen, dass sie lieber von Paul gefahren worden wären. Das Fahren per Anhalter war in Australien, nicht nur aufgrund der extremen Distanzen, immer so eine Sache. Zudem besaß Markus kaum noch Geld. Er stand etwas unter Zugzwang. Ob Paul nun in Townsville bleibt oder doch weiter nach Sydney fährt, war ebenfalls fraglich. Annette lud Paul jetzt ein, mit ihr zu duschen! Ich war perplex und Paul war wohl doch zu scheu, um das Angebot anzunehmen. Wenig später küssten sich Paul und Annette. Völlig überraschend hatte Annette die Initiative ergriffen. Paul, der ausnahmsweise mal in seinem Bett lag, wurde von Annette in ihr Bett eingeladen. Ich konnte mich nicht des Eindrucks erwehren, dass Annette dieses aus reiner Berechnung tat, um Paul doch noch dazu bringen, sie nach Sydney zu fahren! Was während der Nacht in Annette´s Bett passierte konnte ich natürlich nicht beurteilen. Ich meine, es blieb beim Küssen und bei einigen Berührungen. Von Lustgeräuschen war nichts zu hören, was ja wohl in Markus´ und meinem Beisein auch etwas heftig gewesen wäre. Insgesamt war die Atmosphäre jetzt auch nicht so besonders angenehm für mich; ich hätte mir durchaus auch vorstellen können, in Paul´s Position zu sein. Mir blieb wenigstens die Reinigung von Annette´s Füßen!
Nicht verwunderlich: In dieser Nacht konnte ich nicht besonders gut schlafen. Der Ventilator drehte unablässig seine Runden; aus Annette´s Bett kamen schmatzende Geräusche und das anhaltende Flüstern zwischen den beiden nervte spätestens nach Mitternacht. Der einzige, der die Situation vermutlich wirklich genoss war Young Paul.
Definitiv wollte ich mich heute von Annette, Paul und Markus trennen, obwohl sich diese dazu entschieden hatten, eine weitere Nacht im Backpacker´s zu verbringen. Sie konnten sich immer noch nicht über weiteren Reisepläne einig werden. Ich muss gestehen, dass ich nicht mehr besonders interessiert daran war, Zuhörer bei Annette´s und Paul´s nächtlichen Aktionen zu sein. So machte ich mich am Morgen reisefertig und verließ zügig das Backpacker´s. Von meinem Plan, auf die Magnetic Island zu fahren, ließ ich aber erneut ab. Stattdessen entschied ich mich, schon heute nach Cairns zu fahren, obwohl das Treffen mit Alex und seiner Bekannten frühestens am Sonntag zur Debatte stand. Auf der anderen Seite war ich ziemlich neugierig auf meine in Cairns eingegangenen Briefe. Gespannt war ich natürlich auch auf den Brief von Jenny. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ein weiteres Interesse daran hatte, ihr Doppelspiel fortsetzen zu wollen, zumal ich ja jetzt so viele Wochen nicht bei ihr gewesen bin. Ansonsten interessierten mich natürlich die Briefe meiner Mutter, die mir meine Kontoauszüge zuschicken will. Natürlich erwartete ich auch von meinem Freund Frank einen Brief. Noch einige Worte zu dem bevorstehenden Treffen mit Alex. Das Wiedersehen mit dem Schweizer löst beim mir schon seit vielen Wochen Vorfreude aus; aber ich kann nicht verhehlen, dass ich mir auch einige (hoffentlich unbegründete) Sorgen machte. Ich habe keine Ahnung, in welcher Beziehung Alex und seine Kollegin, die dieses Mal mitkommen wird, stehen. Sind sie wirklich nur gute Bekannte, wie Alex mir immer wieder geschrieben hat oder eben doch ein Pärchen? In letzterem Fall will ich natürlich nicht das fünfte Rad am Wagen sein. Aber falls sie wirklich nur gute Freunde sind, besteht noch eine andere Gefahr, was einem auch das Gefühl geben kann, nur das fünfte Rad am Wagen zu sein. Ich spreche vom Schweizer Dialekt, den Alex sofort einsetzt, wenn noch ein anderer Eidgenosse dabei ist. Und für Norddeutsche ist dieser Dialekt sehr schwer oder kaum zu verstehen. Dazu gibt es noch kleinere Sorgen. Zum einen kann das unser Reisebudget betreffen. Alex und seine Bekannte haben mit Sicherheit für ihren Kurztrip mehr Geld zur Verfügung als ich für meine insgesamt mehrmonatige Reise. Zum anderen kann es natürlich auch Uneinigkeit über die weiteren Reiseziele geben. Und die Frage stand im Raum, ob die Kosten für den Leihwagen meinen Reiseetat sprengen würden. Ich hoffte natürlich darauf, dass die beiden wirklich nur Bekannte sind, dass das Mädchen umgänglich ist und das ich beim Mieten des Wagens nicht in plötzliche Armut verfallen würde. Es bestand noch eine andere Gefahr, an die ich selbst aber nicht glaubte. Vielleicht ist bei Alex ja in den letzten Wochen etwas dazwischen gekommen und er ist deshalb gar nicht nach Australien gekommen? In diesem Falle würde ich heute in Cairns sicher eine Nachricht von ihm vorfinden; im anderen Falle wären er und seine Bekannte längst auf dem Weg nach Cairns, nachdem sie vor einigen Tagen in Perth hätten gelandet sein müssen. Jetzt noch ein paar Worte zu meiner Reise, deren zweite Halbzeit längst begonnen hatte. Beileibe nicht alle Tage verliefen phantastisch; es war auch ein Gros schwacher Tage darunter. Aber kein Tag war zum Glück so schwach, dass ich auch nur annährend eine vorzeitige Abreise in Betracht gezogen hätte. Es lag häufig nur an mir selber, wenn ich aus den gebotenen Möglichkeiten, nicht genug Nutzen zog. Leider fehlte mir häufig die Lust, andere Mitreisende in den Unterkünften kennen zu lernen, weil mich die ewig gleichen Fragen nach dem Woher? oder Wohin? nervten. Die Dialoge waren letztendlich immer gleich. Und wenn man sich näher kennen gelernt hatte und die Gespräche nun etwas in die Tiefe gingen, stand die Trennung schon wieder bevor. Mir fiel bei der diesjährigen Tour auch auf, wie viel mehr Pärchen unterwegs waren, als noch vor einem Jahr in Neuseeland und mit denen kommt man ja eher weniger gut ins Gespräch. Das liegt aber wohl daran, dass es für die Umrundung Australiens einfach schöner ist, dieses in einem Leihwagen zu bewältigen und der kostete natürlich Geld und das war einfacher aufzubringen, wenn man mindestens zu zweit unterwegs war. Das Fazit liegt auf der Hand. Auf einer solchen Reise gibt es immer Up and Downs. Auffallend ist, dass die weniger schönen Tage immer genau dann kommen, nachdem ein besonders schöner zu Ende gegangen ist. Doch nun zurück zum heutigen Tag: Nachdem ich das Backpacker´s in Townsville verlassen hatte, ging ich in die Innenstadt und bezahlte mein Busticket. Nach Cairns werde ich mit einem Bus des Unternehmens DeLuxe fahren. Der Fahrpreis betrug $AUS 22. Meinen Rucksack ließ ich schon jetzt im Depot. Ich frühstückte und schrieb dabei in mein Tagebuch. Um 13:30 Uhr fuhr der Bus dann ab. Neben mir saß der Australier Bob, der mir viel interessantes über die Landschaft zwischen Townsville und Cairns erzählte. Bob wollte nach Cairns, weil er dort einen Job angeboten bekommen hatte. Das Wetter war auch heute wieder erstklassig. Es war heiter bis wolkig und schwül-heiß. Besonders in Cairns, wo wir um 18:00 Uhr eintrafen, war die Luftfeuchtigkeit extrem hoch. Vom Anblick der Touristenmassen war ich dann aber zutiefst schockiert. Die gesamte Promenade, die Esplanade war ein einziges El Dorado, wo kostengünstige Übernachtungsmöglichkeiten angeboten wurden. Wie in einem Getto waren die Reisenden hier dicht an dicht zusammengepfercht. Die Jugendherberge war so ganz anders als all die anderen. Sie war wohl die Herberge mit der höchsten Bettenzahl in Australien. Mit den vielen Pflanzen im Hinterhof wirkte hier alles sehr tropisch. Auch einen Swimmingpool hatte die Herberge zu bieten. Mit dem Bett hatte ich großes Glück, denn normalerweise sei es notwendig, im voraus zu buchen. Obwohl alles ausgebucht schien, bekam ich ein schönes Zweibettzimmer zugewiesen, das ich mit dem Kalifornier Gary belegte. Vieles andere begeisterte mich hier aber nicht. Alle waren so betont cool und lustig und die mit Abstand meisten Touristen unternahmen hier Tauchkurse, die meinen Finanzrahmen total sprengen würden. Ich war ein wenig enttäuscht; zumal auch nur zwei Briefe für mich eingetroffen waren (allerdings wollte ich ja zu diesem frühen Zeitpunkt auch noch gar nicht in Cairns sein). Ein sehr lustiges Schreiben bekam ich von der Station A des Buchholzer Krankenhauses, wo ich ja zuletzt gearbeitet hatte. Die Stationsschwester will offensichtlich wieder heiraten; auch die kleine Andrea arbeitete wieder dort. Allerdings stand in dem Brief kein einziges privates Wort von Jenny. Sie hatte allerdings ein kleines Herzchen neben ihren Namen gemalt. Auch mein Freund Frank hatte mir geschrieben. Sein Brief war voller Nachrichten aus Sport, Politik und dem Buchholzer Leben, worum ich ihn ja gebeten hatte. So legte Frank einen Zeitungsbericht bei, wo über einen Bremer berichtet wird, der T-Shirts mit dem kürzlich tot in einer Badewanne aufgefundenen Uwe Barschel produziert. Eduard Zimmermann behandelte in seiner Fernsehsendung Aktenzeichen XY ungelöst auch Vergewaltigungsfälle aus Buchholz. Ziemlich überrascht war ich, dass noch kein Brief von meiner Mutter vorlag. Auf die Kontoauszüge war ich nämlich ziemlich gespannt. War wohl noch etwas zu früh. Viel mehr passierte an diesem heutigen Tag in Cairns nicht. Alex war erwartungsgemäß noch nicht eingetroffen; eine Nachricht von ihm gab es aber auch nicht, so dass ich davon ausgehen kann, dass er und seine Kollegin auf dem Weg nach Cairns sind.
Ich aß noch eine Kleinigkeit, duschte und legte mich bald ins Bett. Bei der Schwüle fiel das Schlafen arg schwer. Das Bett war schon nach kurzer Zeit klatschnass geschwitzt.
Die Nacht war heiß im Zimmer; die hereinscheinende Sonne am Morgen machte es nicht erträglicher. An angenehmen Schlaf war nicht zu denken. Zusätzlich bat ich Gary, den Ventilator an der Decke nicht auf Volltouren laufen zu lassen. Er hat sofort zugestimmt aber wahrscheinlich auch ziemlich geschwitzt. Gary verließ am Morgen die Jugendherberge Cairns. Etwas missmutig blickte ich dem neuen Tag entgegen. Ich war etwas lustlos, besaß aber noch einen Hauch von Tatendrang. Nach einem Müsli-Frühstück begab ich mich zur Bushaltestelle. Vorher erfuhr ich aus der Tageszeitung die Europapokalergebnisse vom Mittwoch. Im Viertelfinalhinspiel gewann der FC Bayern München mit 3:2 gegen Real Madrid, wobei die beiden spanischen Gegentore erst in der 88. und 90. Spielminute gefallen sind. Werder Bremen gewann auswärts bei Hellas Verona 1:0 und Bayer Leverkusen und der FC Barcelona trennten sich 0:0. Obwohl die deutschen Vereine nicht verloren haben, dürfte es in den Rückspielen durchaus noch eng werden. Schweren Herzens las ich die Kurzberichte in der Zeitung; den Fußball vermisse ich schon sehr. Ich war nicht live dabei. Das Wetter in Deutschland ist übrigens unverändert alles andere als winterlich. Um 10:40 Uhr fuhr ich bei heißer Witterung zum Wild World-Tierpark in der Nähe der Trinity Beach; nördlich von Cairns. Für die zweimal vierzigminütige Busfahrt bezahlte ich $AUS 5,50.
Riesige Salzwasserkrokodile lagen wie gelähmt im flachen Nass. Kängurus, die sich streicheln ließen, sprangen frei herum. Es gab Pelikane, Truthähne, ein Schlangenhaus, Frösche, Schildkröten und Vögel aller Arten zu bestaunen. Die Tiere waren fast alle auf dem australischen Kontinent beheimatet. Faszinierend waren auch die vier zwanzigminütigen Darbietungen. Die erste Show präsentierte dressierte Kakadus, die wirklich erstaunlich Leistungen vollbrachten. Sie fuhren unter anderem auf einem Hochseil Rad; sie liefen auf Rollschuhen und rutschten eine Rutsche hinab. Am Nachmittag gab es noch ein Krötenrennen. Jeder Zuschauer konnte ein Los ziehen. Die sechs Ausgelosten waren Jockeys der Kröten, die ein farbiges Trikot trugen. Ich war leider nicht unter den Ausgelosten; dafür aber ältere Damen, die sich furchtbar zierten, die Kröten anzufassen. Die Gewinnerin bekam am Ende des Rennens ein Foto, auf dem sie mit der Siegerkröte abgebildet war. Nette Idee! Es folgte eine Schlangenshow, die nicht so spektakulär war, wie ich es vielleicht erwartet hätte. Ein Angestellter des Parks präsentierte drei Schlangen, wovon die Zuschauer den harmlosen Python anfassen durften. Der Mann erzählte interessantes aus der Welt dieser Reptilien und auch über Erste-Hilfe-Maßnahmen, falls man wirklich mal gebissen werden sollte. Packend war dann die Krokodilshow im Gehege. Unglaublich, wie dicht der Mitarbeiter des Parks an diese riesigen Echsen heranging, die gierig das Maul aufrissen, um das Fleisch zu erbeuten. Die anderen Tiere lagen auf der Lauer. Mit ihren Augen ließen sie den Vorführer aber nicht eine einzige Sekunde aus den Augen. Der Mann reizte die Krokodile immer wieder mit einer Harke, indem er damit im seichten Wasser solange herumstocherte, bis ein Reptil wie aus dem Unsichtbaren herausgeschossen kam und nach der Harke zu schnappen versuchte. Meine Güte – da blieb nicht nur mir der Atem stehen. Und diese gigantischen Salzwasserkrokodile gab es hier im Norden Australiens an so vielen Flüssen und natürlich in den Sumpfgebieten. Der Vorführer erklärte uns, dass Salzwasserkrokodile bei Hochwasser auch schon an Stränden aufgetaucht sind. Mit großen Augen hörten die Zuschauer dem Vortrag zu. Wer weiß, wie viele jetzt keinen Strand mehr betreten werden. Besonders der Zyklon vor wenigen Tagen soll die Krokodile in Gebiete getrieben haben, in den sie sich normalerweise sonst nicht aufhalten würden. Im Gegensatz zur Krokodilfarm in Singapur bekamen die Echsen hier nur Fisch zu fressen. Nach einiger Wartezeit an der Haltstelle, fuhr ich um 16:45 Uhr mit dem Bus wieder zurück nach Cairns. Es hatte sich in der Zwischenzeit stark bewölkt und es sah nach einem Gewitter aus. In der Jugendherberge Cairns war es betriebsam wie gestern. Alex war noch nicht angekommen und ein Brief von meiner Mutter lag ebenfalls noch nicht vor. In meinem Zimmer lag diese Nacht ein schlecht Englisch sprechender Japaner, mit dem ich mich leider gar nicht unterhalten konnte. Ich ging dann noch einmal in die Innenstadt, wo ich eine Kleinigkeit aß und eine der beiden Däninnen wieder sah, die mir jetzt schon so oft über den Weg gelaufen waren.
Zurück in der Jugendherberge schwamm ich ein paar Runden im Swimmingpool. Anschließend machte ich meine üblichen Tagebucheintragungen. Der Tag war wieder recht einsam. Einige wenige Worte wechselte ich noch mit dem Schweizer Walter, mit dem es hier auch ein Wiedersehen gab. Im Zimmer las ich noch in meinem neuen Roman. Am Abend gab es noch kräftige Regenschauer.
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