Michael Schubert beschreibt seine 104-tägige Reise nach Singapur und durch Australien. Die Seiten werden durch ein Reiseforum, einen Grusskartenservice, eine Linkhitliste, einen ChatRoom sowie free SMS & free E-Mail-Konto abgerundet


31. Reisetag:
Donnerstag, 4. Februar 1988

Wie bereits zur Gewohnheit geworden, begann der Tag mit sonnigem Wetter. Die Sonne geht erst ziemlich spät auf. Erst gegen 7:00 Uhr steht der Ball am Himmel. Ich habe in dieser Nacht sehr gut schlafen können. So übel war der gewählte Platz doch nicht gewesen.

Sandra weckte mich; ich döste aber noch ein paar Minuten vor mich hin. Anschließend begann ich sofort mit dem Abbau des Zeltes. Die Sachen wurden wieder im Auto deponiert. Auf eine Tasse Kaffee verzichtete ich heute. Recht flott waren wir startklar. Wir hatten am Vormittag noch einiges zu tun.

Als erstes stoppten wir im nahegelegenen Stirling North, wo sich ein Campingplatz befand. Wir wollten die frühe Morgenstunde nutzen, um dort unauffällig zu duschen. Neben dem Campingplatz befand sich eine Weide, auf der Ponys grasten. Sandra bewegte eine Tonne an den Zaun und wie Schwerverbrecher überstiegen wir denselben. Ich kletterte etwas zu geräuschvoll und prompt bellte irgendwo ein Hund, der zu einer Familie gehörte, die hier ihre Ferien verbrachten.

Wie erwartet, war es in den sanitären Anlagen sehr geschäftig, obwohl die Schulferien in Australien längst beendet waren. Wir fielen gar nicht weiter auf. Ich konnte in Ruhe duschen, Toilettenpapier mopsen und die Zähne putzen. Ich ging dann zurück zum Ford Kombi, der verschlossen war. Den Schlüssel hatte Sandra bei sich und sie war halt noch nicht fertig, was bei Frauen ja immer etwas länger dauerte. So wartete ich vor ihrem Auto mit Handtuch und Shampoo in der Hand.

In diesem Moment hielt doch tatsächlich ein Wagen an. Drinnen saßen ein Mann und eine Frau – die Besitzer des Campingplatzes! Der Mann fragte mich direkt und ohne Umschweife, ob ich die sanitären Anlagen benutzt hätte. Ich stritt natürlich alles ab und stellte mich dumm, was die englische Sprache betraf. Er sprach von meiner Freundin, die die Dusche ebenfalls benutzt haben soll. Wieder stellte ich mich dumm. Wo, zur Hölle, war Sandra? Hat man sie erwischt und kurzfristig wegen illegalem Duschens inhaftiert? Die Campingplatzbesitzer fuhren weiter und wendeten den Wagen. Schnell versteckte ich Shampoo und Handtuch unter dem Wagen, wo sich allerdings Millionen von Ameisen aufhielten, die gerade dort ihre Straße hatten. Auf Handtuch und Shampoo hatten mich die Besitzer gar nicht angesprochen. Als die Luft rein war, kam Sandra aus einem Versteck von der gegenüberliegenden Straßenseite. Wir fühlten uns wie Kriminelle, obwohl wir nur für ein paar Minuten die Dusche und die Toilette benutzt hatten.

Die Sache war nun ausgestanden und wir konnten unsere Fahrt nach Port Augusta fortsetzen. Wir stellten den Wagen vor einem Supermarkt ab. Sandra kaufte ein paar Lebensmittel ein, während ich zunächst vier etwas zu große Heringe für mein Zelt in einem Eisenwarengeschäft kaufte. Meine Heringe waren durch die granitharten Böden mittlerweile stark verkrümmt.

Auf dem Postamt war ich für Sandra und mich Briefe ein. Außerdem kaufte ich mir eine Zeitung, vier Liter Fruchtsaft, Zigaretten und Kekse. An den Kosten für Benzin und Nahrungsmitteln beteiligte ich mich mit weiteren $AUS 20. Der Benzinverbrauch des Ford stellte sich als sehr gering heraus. An einer Tankstelle füllten wir den Wagen ab. Der Liter Benzin kostete hier $AUS 0,58.

Alle Behälter wurden mit dem hier außerordentlich wichtigen Wasser gefüllt. Sandra kaufte noch ein Ersatzteil für den Motor. Jetzt ging es spürbar westwärts voran. Ich hoffte natürlich, dass der angeschlagene Wagen noch bis Perth durchhalten würde. Wir fuhren auf dem Highway 1 über Iron Knob in den kleinen Ort Kimba. Während der Fahrt gab es erwartungsgemäß kaum Abwechslung, was die Landschaft betraf. Jedes Tier oder Haus war in diesen Momenten eine Augenweide.

Die Straße führte geradeaus; es gab nicht den Ansatz einer Kurve! Nur um die Reifen zu schonen, so wollte es Sandra, fuhren wir beständig 80 km/h. In Kimba legten wir eine Rast ein. Es war Mittagszeit und sehr heiß. Sandra machte ein paar gymnastische Übungen auf einer Sitzbank. Sportliche Übungen ganz anderer Art würde ich mir mit ihr nachts in ihrem Kombi wünschen.

Erstmals war der Moment gekommen, wo ich Sandras Wagen fuhr. In den ersten Minuten hatte ich mit der ungewohnten Gangschaltung zu kämpfen, was sich aber schnell besserte. An das Fahren auf der linken Straßenseite musste ich mich auch gewöhnen. Auf der sehr breiten und praktisch kaum befahrenen Straße hatte ich überhaupt keine Mühe. Wenn Busse oder die riesigen Roadtrains kamen, wich ich auf den Seitenstreifen aus. Trotz der Eintönigkeit der Landschaft genoss ich das Fahren sehr. Man hatte so eine Aufgabe, auf die man sich während der langen Fahrt konzentrieren konnte.

Am Himmel zogen dunkle Wolken auf und es fielen einige, wenige Tropfen Regen auf den staubtrockenen Grund, die im Bruchteil von Sekunden aufgesogen wurden. Ich fuhr die Etappe bis Nudinna. Hier legten wir abermals eine Pause ein. Die Orte waren hier noch vergleichbar groß. Es gab Tankstellen, Restaurants und einige Geschäfte. Sicherlich war es für die Menschen, die hier leben mussten, nur wenig aufregend. Nach einer erfrischenden Cola fuhr nun Sandra das nächste Stück über Minnipa und Poochera nach Streaky Bay am Pazifischen Ozean weiter.

Aus dem Lautsprecher dudelte die x-te Abspielung einer David Bowie und Queen – Kassette. Die Tonqualität war nicht berauschend und so ging mir die Musik mit der Zeit auf die Nerven. Vom Radio her bekommt man so gut wie gar keinen Empfang.

Wir tauschten wieder und ich fuhr die letzte Etappe für heute bis nach Smoky Bay. Auch dieser Ort war nicht unbedingt klein. Ein Campingplatz zog viele Touristen an. Auf dem Wasser schwammen eine große Anzahl von Pelikanen. Es bot sich aber keine Gelegenheit an der Beach zu campen. Die meisten geeigneten Stellen waren leider umzäunt.

So fuhren wir zur Hauptstraße zurück und fuhren auf einem parallel zum Highway führenden Feldweg, bis wir einen geeigneten Rastplatz für die Nacht gefunden hatten. Der Boden war hier sehr weich; genau das Gegenteil von gestern. Diesmal begann ich sofort mit dem Aufbau des Zeltes und auch heute fluchte ich dabei, denn Fliegen umschwirrten mich in großer Zahl. Ameisen von enormer Größe liefen mir über die Füße. Auch hier gab es ziemlich viel Gestrüpp, was ein Problem beim Zeltaufbau darstellte.

Was das Gestrüpp betraf, musste man schon vorsichtig sein, wohin man seine Füße setzte. Immer wieder musste ich mir die Gefährlichkeit der australischen Schlangen in Erinnerung rufen. Das sauber abgeleckte Skelett einer großen Schlange oberhalb des Feldwegs, das ich wenig später entdeckte, half mir, die Gefahr sehr ernst zu nehmen. Dort lag auch noch das Skelett eines weiteren Tieres, das Sandra und ich aber nicht identifizieren konnten. Unheimlich glotzten uns die Augenhöhlen an. Wir mussten uns damit abfinden, dass wir uns in der totalen Wildnis fanden. Sandra nahm das alles völlig gelassen hin, was ich sehr bewunderte. Sie würde hier gewiss auch allein campen, wenn ich nicht mehr weiter mitgefahren wäre.

Mein Zelt war mittlerweile aufgebaut. Ich überspannte es noch mit einer weiteren Plane, die mir Sandra gab, weil erneut ein paar Regentropfen vom Himmel fielen. Mit großen Niederschlägen rechnete ich bei dieser unglaublichen Trockenheit jedoch nicht. Es war eher eine Vorsichtsmaßnahme.

Sandra bereitete das Essen zu. Sie kochte Curryreis mit Tomaten und Joghurt. Wir speisten auf einer ausgebreiteten Decke. Ich war nicht recht bei Appetit, weil mich die Fliegen, die wahrscheinlich vor wenigen Minuten noch auf dem Skelett gesessen haben, nervten wie die Pest! Tja, das sind eben die Kehrseiten des vielen romantisch erscheinenden Lebens in der Wildnis. Von einem gemütlichen Picknick auf einer Decke konnte wirklich überhaupt nicht die Rede sein.

Der anschließende Abwasch widerte mich auch an. Es war kaum möglich, den Dreck vom Geschirr zu entfernen. Zum Abwasch hatte ich nur eine winzig kleine Schüssel und einen schmuddeligen Schwamm, der auch schon bessere Tage gesehen hat, zur Verfügung.

Mit der Zeit brach abermals die Dunkelheit herein. Sandra und ich tranken noch eine Tasse Kaffee. Heerscharen von Moskitos fielen jetzt über uns her. Rauch, Spray und Lotion halfen nichts. In dem Augenblick, wo die Fliegen endlich verschwunden sind, erschienen die Mücken auf der Bildfläche. Schichtwechsel!

Obwohl ich noch gern unter dem nächtlichen Firmament gesessen hätte, mussten wir wieder den Innenraum des Fahrzeugs aufsuchen. Die Grillen zirpten angenehm. Stille rundherum! Im Kombi schrieb ich an meinem Tagebuch. Später ging ich dann hinüber in mein Zelt. Ich lag wieder recht unbequem auf den Matten. Hinterteil und Rücken hatten die höchste Position, was alles andere als angenehm war. Entsprechend schlecht habe ich geschlafen.

Meine Ohren lauschten den Geräuschen des Outback. In der Nacht fing es dann doch an, etwas zu regnen. Mein Rucksack lag unbedeckt auf Sandras Kombi, aber ich war viel zu faul, ihn ins Trockene zu bringen. Zum Glück blieb es im Zelt trocken.

Info: Postflug über das Outback

32. Reisetag:
Freitag, 5. Februar 1988

Vor genau einem Monat habe ich Buchholz verlassen, um zu einer neuen großen Reise aufzubrechen. Was ich wohl gesagt hätte, wenn mir damals jemand vorhergesagt hätte, wo ich in einem Monat die Nacht verbringen würde? Ich befand mich in der tiefsten Wildnis im australischen Outback.

Am Morgen begann ich wieder mit dem Abbau meines Zeltes. Auf der Plane, die mir Sandra zur Verfügung gestellt hatte, hatte sich Wasser angesammelt. Jetzt begann es abermals etwas zu regnen und ich fluchte vor mich hin.

Unmittelbar nach dem Aufstehen nach einer miserabel geschlafenen Nacht war der Abbau eines Zeltes bei einsetzendem Regen wahrlich keine Freudentätigkeit. Nach ein paar Minuten war dann doch wieder alles im Wagen verfrachtet. Besonders freundlich sah das Wetter nicht aus. Aber Sandra und ich würden ja eh die meisten Stunden des heutigen Tages im Wagen verbringen.

Zunächst fuhren wir die etwa vierzig Kilometer lange Strecke bis nach Ceduna, wo sich an der dortigen Tankstelle die Möglichkeit ergab, zu duschen. Als ich den Waschraum wieder verließ, ging ein heftiger Regenschauer nieder! Ich wunderte mich nun doch etwas über die Regenmenge, galt doch besonders dieser Abschnitt als besonders trocken und niederschlagarm.

Ich kaufte mir noch ein getoastetes Sandwich und trank Milch dazu. Auf derartige Leckereien konnte Sandra gut verzichten. Da war sie total konsequent, während ich immer wieder schwach wurde, wenn ich etwas appetitliches sah.

Auf dem Eyre Highway ging es dann weiter in die Ortschaft Penong, wo wir erneut eine Rast einlegten. Das kühle und feuchte Wetter tat den Reifen des Ford Kombi sichtlich gut. Ich war erstaunt über das Fahrgefühl in diesem Wagen; unmittelbar nach der Autopanne in der Nähe von Jamestown hatte ich doch große Zweifel gehegt, mit diesem Fahrzeug die Nullarbor-Ebene zu durchqueren.

Ich fuhr jetzt die nächste Teiletappe bis Nundroo. Die Durchquerung einer Wüste hatte ich mir vom Wetter her doch etwas anders vorgestellt. Immer wieder gab es Regenschauer. Wie in einer Sandwüste sah es in der Nullarbor-Ebene sowieso nicht aus. Überall wuchsen Büsche und einzelne Bäume; aber das Bild der Landschaft war eben durch die enorme Trockenheit geprägt.

Die Straßenschilder am Rande des Highway warnten jetzt nicht mehr nur vor Känguru- und Wombats, die die Straße plötzlich queren könnten, sondern auch vor wilden Kamelen.

Sandra fuhr jetzt bis Yalata. Dieser kleine Ort befand sich in der Mitte eines Aboriginal-Reservats. In der Snach Bar von Yalata gab es Souvenirs der Aborigines zu kaufen, die aber nicht ganz billig waren. Ich fuhr jetzt bis zur Station Nullarbor. Die ganze Umgebung trug jetzt diesen Namen. Es war ein lateinischer Ausdruck und bedeutete soviel wie »keine Bäume«.

In der Tat hatten wir jetzt einen freien Blick bis zum Horizont. Außer sehr flachen Büschen gab es hier nichts. Welch trostlose Einöde! Graue Wolken zogen über den Himmel und es stürmte ziemlich stark. Mit dem Auto kamen wir gut voran. Sandra fuhr jetzt zum zweiten von fünf aufeinanderfolgenden Aussichtspunkten. Von hier aus hatte man einen phantastischen Ausblick auf die Great Ocean Bight. Die Klippen waren grandios! Tief drunten tobte das Meer! Oben konnte man sich bei dem Sturm kaum auf den Beinen halten.

An das Aufbau meines Zeltes wollte ich gar nicht denken. So traf ich für mich die Entscheidung, diese Nacht in einer Kabine auf einem Campingplatz verbringen zu wollen. Ich brauchte endlich mal wieder ein warmes und bequemes Bett, obwohl ich bisher nur vier Nächte in einem Zelt übernachten musste – aber diese Nächte hatten es in sich gehabt. Sandra hatte es in ihrem Ford Kombi wesentlich bequemer., was auch der Grund war, dass sie am Morgen ausgeschlafener war.

Ich ärgerte mich ein wenig, dass Sandra Unverständnis darüber zeigte, dass ich mal wieder bequem schlafen wollte, zumal ja auch das Wetter alles andere als einladend war. Sandra hatte im Wagen weder Probleme mit einem granitharten Untergrund, noch mit nächtlichen Tiergeräuschen oder mit dem Klima. Auch war sie in ihrem Kombi vor ungebetenen Besuchern ziemlich sicher – der Autoschlüssel steckte immer abfahrbereit im Zündschloss!

Nun saß ich wieder am Steuer. Ich fuhr die Strecke bis über die Grenze nach Eucla. Grenze? Ja, wir haben soeben die Bundesstaatengrenze zwischen South Australia und Western Australia überfahren und mussten auch die Uhren um 1 ¾ Stunden zurückdrehen.

Im Restaurant des Motels, das sich hier befand, fragten wir nach einer Kabine, die im Vergleich zu einem Zimmer im Motel einfacher ausgestattet war. Es war die letzte Chance mit Sandra unter einem Dach zu schlafen, wo sich vielleicht mehr entwickeln konnte. Diese Hoffnung endete aber schon an der Rezeption! Das junge Mädchen am Schalter fragte nämlich, ob wir einen Twin- oder Double-Room wollten. Twin-Betten waren nämlich getrennt, während Double-Betten wie Ehebetten dicht zusammen standen. Sofort entschied Sandra, dass nur ein Twin-Room in Frage kommen würde.

Es war sowieso ein hartes Unterfangen gewesen, Sandra dazu zu bringen, diese Nacht in einer bequemen Kabine zu übernachten. Sie war darauf angewiesen, Geld zu sparen und das konnte ich eigentlich auch verstehen und nachvollziehen – sie hatte ja nun einmal eine bequeme Schlafmöglichkeit in ihrem Kombi.

Die Übernachtung zu zweit in einer Kabine war natürlich wesentlich günstiger, als den Übernachtungspreis als Alleinreisender bezahlen zu müssen. Aber es war trotzdem deutlich teurer als in einer Jugendherberge zu nächtigen. Den Betrag von $AUS 24 für das Zimmer zahlte ich mit meiner Kreditkarte; ich wollte, das Sandra nur ein Drittel bezahlt.

Der Anblick des Zimmers machte mir einen beinahe paradiesischen Eindruck! So weiche Betten und alles so sauber! Keine Geräusche, keine nächtlichen Besucher, kein Ungeziefer – einfach nur ein ruhiges und bequemes Bett inmitten der Nullarbor-Ebene!

Das Grundstück lag oberhalb der Great Ocean Bight. Wir hatten also auch noch einen ausgezeichneten Blick auf das Meer, das bei dem schlechten Wetter aber einen weniger schönen Eindruck hinterlässt. Der Sturm ging durch und durch! Es war unheimlich kalt. So hatte ich mir die Durchquerung der Nullarbor-Ebene gewiss nicht vorgestellt. Wir wurden eher vor Temperaturen um 50 ° C gewarnt!

Durch die Zeitumstellung hatten wir nun die Gelegenheit, Dinge wie Wäsche waschen, Aufräumen des Rucksacks, Duschen, Lesen, Tagebuch schreiben usw. zu erledigen. Sandra bereitete derweil das Abendessen vor. Es gab hier natürlich eine kleine Kochecke. Es gab gebratenes Gemüse. Heute hatte ich deutlich mehr Appetit; umso kleiner war jedoch die Portion!

Kein Mensch kann sich vorstellen, wie sehr ich diesen Luxus genoss, den wir in dieser Nacht hatten. Sogar das anschließende Abspülen des Geschirrs brachte Freude. Das Wasser kam übrigens aus einem Arthresischen Brunnen.

Kurz darauf duschte ich. Selbst im Badezimmer war es ziemlich kalt. Ich stürmte regelrecht in mein herrlich warmes Bett, das ich noch durch meinen Schlafsack ergänzte. Auch Sandra bereitete sich auf ihr Schlafgemach vor. Aus der Dusche kam sie in ihrem knapp sitzenden Nachthemd zurück. Ich wollte gar nicht zu sehr schauen, denn es würde sowieso nichts passieren. Frauen spürten diesen animalischen Zwang einfach nicht; haben sich besser unter Kontrolle. Sandra hatte sich natürlich in jeder Hinsicht unter Kontrolle; sie war diszipliniert und konsequent.

Es nützte nichts. Nur ein Buch war mit mir im Bett. Schon nach kurzer Zeit wurden meine Augen schwer, die wenig später zufielen. Im Bett fühlte ich mich geborgen wie in einem weichen Nest. Draußen tobte weiterhin der heftige Sturm, aber das tangierte mich jetzt nur noch peripher intergalaktisch.

Info: Das Ur-Känguru hatte zwei kleine Hörner

33. Reisetag:
Sonnabend, 6. Februar 1988

Die Nacht war dann viel zu schnell zu Ende. Sandra stand schon extrem früh auf, weil sie bei Sonnenlicht angeblich nicht mehr schlafen konnte. Ich blieb noch bis 8:00 Uhr liegen. Die Engländerin kochte uns eine Tasse Kaffee und sogar ein gekochtes Ei, das aber arg weich war. Dazu aß ich einige langweilige Kekse. Das Wetter sah erneut nicht besonders vielversprechend aus. Es war kühl und wolkig.

Meine Wäsche, die ich gestern noch gewaschen hatte, war natürlich nicht trocken geworden. Ich spülte noch das Frühstücksgeschirr ab. Wir räumten dann alles in den Ford Kombi ein. Leider häuften sich die Unstimmigkeiten zwischen Sandra und mir jetzt etwas. Auf schlechte Laune am frühen Morgen hatte ich aber überhaupt keinen Bock. Es war dann auch bald wieder vergessen und wir konnten uns auf die vor uns liegende Strecke konzentrieren. Allerdings spielte ich durchaus mit dem Gedanken, in Norseman per Bus direkt nach Perth zu fahren. Ich wollte nicht noch mehr Tage mit Camping in Esperance und Umgebung verbringen, wohin Sandra ja noch unbedingt wollte.

Wenig später berichtete ich Sandra von meiner Idee. Wir kamen dann überein, dass ich noch bis Albany mitkomme und von dort den Bus nach Perth nehme. Bedingung meinerseits war aber, auch ausnahmsweise mal in Jugendherbergen oder Motorcamps zu übernachten. Ich konnte mir auf Dauer die schlaflosen Nächte im Zelt nicht leisten; sonst war ich am Tage nicht zu gebrauchen, zumal ich ja auch beim Fahren hochkonzentriert sein musste.

Wir hatten soweit alles erledigt und konnten Eucla verlassen. Das Wetter machte auf mich keinen optimistischen Eindruck. Es war kühl, windig und hin und wieder regnete es leicht. Beim Fahren wechselten wir uns wieder ab. Ich muss gestehen, dass mich die Fahrerei immer mehr begeisterte. Es war dann nicht so langweilig; ich hatte eine Aufgabe.

An allen Rasthäusern auf der Strecke legten wir einen Stopp ein. Ich kaufte mir Sandwichses und Getränke. Von Eucla fuhren wir nach Mundrabike, wo mich ein Zoo begeisterte, der sich ziemlich versteckt hinter einer Tankstelle befand und ein Kamel beherbergte. Außerdem gab es hier Kängurus, Kaninchen und zwei Emus. Die Emus gaben eigenartige Laute von sich. Sie hörten sich wie dumpfe Urwaldtrommeln an. Ein hübscher Pfau schlug ständig sein Rad.

Sandra und ich fuhren weiter durch die unendliche Einöde der Nullarbor-Ebene. Wir erreichten Madura. Mir fielen während der Fahrt die vielen toten Kängurus auf, die am Straßenrand lagen. Die Raubvögel stürzten sich gierig auf die verwesenden Körper. Auch lag ziemlich viel Müll am Wegesrand, der wohl aus den fahrenden Autos heraus entsorgt worden ist.

Wir fuhren weiter nach Cocklebiddy und Caiguna. Die Stunden vergingen zügig und schließlich schlugen wir unser Camp einige Kilometer vor Balladonia auf. Hier gab es einen überdachten Wassertank. Ich war nicht unbedingt dafür, hier zu campen, weil ich hier –speziell während der Nacht- ziemlich viel Betrieb erwartete. Zu allem Überfluss wählte die Engländerin ihren Standort direkt am Highway, wo es natürlich besonders laut war. Aber gegen Sandra wollte ich nicht mehr ankämpfen. Sandra konnte ihren Kombi hier unter das schützende Dach des Tanks stellen und so blieben alle Kisten, die sie während der Nacht auf dem Autodach deponierte, um Platz für ihr Nachtlager zu schaffen, trocken. Mit Regen musste weiterhin gerechnet werden.

Ich wählte den Platz für mein Zelt etwas weiter entfernt, wo man es von der Straße her nicht sofort entdecken konnte. Als ich zum Wassertank zurück kehrte, hielt schon der erste Wagen an. Sandra hatte sich bereits bekannt gemacht. Sie stellte mir den 50-jährigen Australier Rick vor. Er war ein netter Kerl, der mit seinem Caravan ständig unterwegs war. Gerade kam er von der Insel Tasmanien zurück und fuhr nun durch die Nullarbor-Ebene von Melbourne zurück nach Perth. Er selbst lebte in Rockingham. Heute Nacht wollte er auch hier mit uns campieren.

Sandra gegenüber zeigte ich jetzt deutlich meinen Unwillen, was diesen Rastplatz betraf. Es war erschreckend kalt und erstmals seit meinem Abflug aus Deutschland musste ich meinen Parka anziehen. Im Wagen holte ich das Tagebuchschreiben nach. Wenig später gab es am Barbeque-Grill ein tolles Abendessen. Rick und Sandra hatten dort kurzerhand ein Lagerfeuer entfacht, das wenigstens etwas Wärme verbreitete.

Immer wieder donnerten schwere Trucks und die noch größeren Roadtrains über den Highway. Die Dunkelheit brach herein. Mein Zelt war jetzt nicht mehr zu erkennen; es war in der Finsternis verschwunden. Schon bereute ich es, dass mein Zelt nicht doch unter dem Dach des Wassertanks aufgestellt hatte, wie Sandra es vorgeschlagen hatte. Auch Rick hatte sich dort untergestellt. Im Laufe der nächsten Stunden stoppten, wie nicht anders zu erwarten war, weitere Camper.

Einen Moment lang zeigte der Himmel sein sternenklares Firmament. Dann zogen wieder dichte Wolken auf. Als ein Tier im Busch schrie, war für mich klar, dass ich meinen Schlafsack aus dem Zelt holen wollte und nun doch unter dem Dach des Wassertanks nächtigen wollte. Mein Zelt baute ich aber nicht ab.

Rick hatte in seinem Caravan eine Liege dabei, die er mir freundlicherweise zur Verfügung stellte. Bald trat Nachtruhe ein. Ziemlich unglücklich lag ich auf der Liege, die nicht besonders bequem war. Hoffentlich sprang während der Nacht kein Opossum auf mich. Ich glaube -spätestens dann- hätte ich einen Herzstillstand erlitten.

Ich musste mich voll und ganz im Schlafsack verkriechen, weil der kühle Wind am Kopf zu spüren war. Es wurde wieder eine unruhige Nacht; mein Lust auf Camping in der Wildnis nahm weiter rapide ab.

Info: Western Australia

34. Reisetag:
Sonntag, 7. Februar 1988

Der Wind schwieg am Morgen und es war auch nicht mehr so kalt. Es war aber ziemlich feucht und es nieselte noch ein wenig. Um etwa 6:00 Uhr stand ich auf und baute umgehend mein Zelt ab. Viele meiner Klamotten waren leicht durchnässt und nur ungern packte ich sie in diesem Zustand in den Rucksack. Sie würden in Kürze anfangen, zu muffeln.

Am Wassertank war recht viel los. Mehr und mehr Leute campten hier, frühstückten oder wärmten sich am Lagerfeuer. Sandra, Rick und ich saßen bei einer heißen Tasse Kaffee zusammen. Während der Nacht hatte die Engländerin offensichtlich wieder ihre Pläne geändert. Ich wurde aus ihr schon lange nicht mehr schau. Mal redete sie so, mal so. Gestern noch überredete sie mich, mit nach Albany zu kommen; jetzt hatte sie wieder eine andere Idee, die aber die Ankunft in Perth noch weiter verzögert hätte, was zwar nicht so schlimm war; aber ich hatte die Lust, mit Sandra zu reisen, etwas verloren. Es gab auch nicht mehr viel Neues, was wir uns zu sagen gehabt hätten. Weitere Nächte im unbequemen Zelt waren wenig verlockend und an eine gemütliche Nacht mit Sandra in ihrem Kombi dachte ich schon lange nicht mehr.

So kam es, dass ich das Angebot von Rick annahm, mit ihm in seinem Caravan in zwei Etappen nach Perth zu fahren. Er war ziemlich froh, dass jemand mit ihm die Spritkosten teilen wollte.

Der Australier, der wie ein einsamer Zigeuner in seinem Caravan herumreiste, wollte in zwei Etappen nach Perth fahren, doch noch während der Fahrt entschied er sich, die ewig lange Strecke bis nach Bindoon zu fahren; einhundert Kilometer von Perth entfernt. Hier lebte nämlich eine Tochter von ihm und so bekam ich die Chance auf ein kostenfreies, weiches Nachtlager, vorausgesetzt seine Tochter war mit meinem Besuch einverstanden, denn noch wusste sie von nichts.

Ich lud meinen Rucksack von Sandra´s Ford Kombi in Rick´s Caravan um. Der Abschied von Sandra verlief eher kühl. Ich nahm in Rick´s Toyota Caravan Platz und auf ging die Fahrt. Auch er fuhr nur mit gedrosseltem Tempo den Nullarbor-Highway entlang. Sein Tempo lag bei etwa 90 km/h. Schon nach kurzer Zeit stoppten wir in Balledonia, wo Rick den Wagen auftankte. Er nutzte hier die Dusche. Ich aß derweil ein Sandwich und trank eine Tasse Kaffee – das tat gut.

Am Anfang unserer Marathon-Tour hatten wir uns reichlich zu erzählen. Hier in Balledonia hatten die westwärts Reisenden die Uhren abermals um eine dreiviertel Stunde zurückzustellen; so war es also noch früher! Im Hinblick auf die fast eintausend Kilometer lange Etappe schlug ich Rick natürlich vor, auch mal zu fahren. Doch er war diesbezüglich wohl etwas ängstlich, weil dieser Caravan natürlich auch so etwas wie sein Zuhause war.

Lediglich am Nachmittag ließ er mich eine etwa fünfzig Kilometer lange Strecke fahren. Ich hatte unerwartet wenig Mühe mit dem großen und schweren Fahrzeug. Bei jedem entgegenkommenden Truck bangte und zitterte Rick neben mir.

Nach einiger Zeit erreichten wir den Landwirtschaftskontrollpunkt Norseman, das offizielle Ende der Nullarbor-Ebene. Hier wurde von den diensthabenden Beamten ein kurzer Blick ins Wageninnere geworfen, da die Einfuhr von Obst und Gemüse nicht erlaubt war.

Das Wetter hatte sich mittlerweile völlig geändert. Die Sonne schien ununterbrochen und es wurde sehr heiß. Unglücklicherweise saßen wir bei dem tollen Wetter nur im Auto. Rick und ich fuhren jetzt nach Coolgardie, eine lebende Geisterstadt. Coolgardie war in früheren Jahren eine Goldminenstadt. Die alten Gebäude aus dieser Zeit beeindruckten mich. Sie schienen sich kaum verändert zu haben.

In einem Pub machten wir Halt und tranken ein Bier. Wegen der Wärme trank Rick auch während der Fahrt, doch merkte man das seinem Fahrstil nicht an. Er fuhr absolut erstklassig! Ich rauchte während der langen Fahrt am laufenden Band, weil Rick genau dasselbe tat.

Während der Fahrt beendete ich nun auch meinen Marie-Louise Fischer-Kitschroman. Wir fuhren durch die Orte Southern Cross, Carrabin, Burra Coppin, Merredin, Kellerberrin, Meckering und erreichten schließlich Northam. Von hier aus wollte Rick seine Tochter anrufen und unser Kommen ankündigen, doch das Gespräch kam nicht zustande.

Ich telefonierte von hier aus mit der Australierin Diana in Perth, die ich in Camperdown kennen gelernt hatte (nicht zu verwechseln mit der zauberhaften Diana Rowell aus England, die ja leider in die Gegenrichtung weitergereist war).

Sie hatte nichts gegen einen Besuch am morgigen Tag einzuwenden Ich war ziemlich frech und fragte sie auch gleich, ob ich denn auch bei ihr übernachten könne. Sie erklärte mir, dass sie bei jemandem wohnen würde und sie erst fragen müsse, was aber im Augenblick nicht ging. Sie empfahl mir die Reservierung in der Jugendherberge; morgen Abend würden wir dann weitersehen.

Ich war überrascht, denn ich hatte angenommen, dass Diana in Perth allein wohnen würde, obwohl das andererseits auch ziemlich ungewöhnlich gewesen wäre, weil sie Perth ja nur ein Semester studiert und dann wieder nach Camperdown zurückkehren würde. Die Hoffnung, auf ein näheres Beisammensein würde somit auch hier entfallen, was mittlerweile etwas frustrierend war. Ich kann mich absolut nicht daran erinnern, wann ich zuletzt in einem derart kurzen Zeitraum so viele phantastische Mädchen kennen gelernt habe, wo aber von der intimen Seite her absolut nichts passierte!

Rick und ich fuhren weiter und genossen einen traumhaft schönen Sonnenuntergang, der das Land golden erschienen ließ. In der Zwischenzeit war es dunkel geworden, als Rick und ich nun nach Toodyay und weiter nach Bindoon fuhren.

Von den kurzen Zwischenaufenthalten abgesehen, waren wir über vierzehn Stunden unterwegs gewesen. Wahnsinn! Ich war völlig erschöpft; wie kaputt aber musste erst Rick sein, der diese extrem lange Strecke fast im Alleingang gefahren ist.

Es war etwa 21:30 Uhr, als uns Socks, die Hündin vor dem Haus von Rick´s Tochter schwanzwedelnd begrüßte. Mir war es unangenehm, so spät und unangemeldet als Fremder hier hereinzuplatzen. Rick´s Tochter, die Elisabeth hieß, war schon im Nachthemd! Ihr Ehemann David guckte noch Fernsehen. Die vier Kinder waren schon im Bett. Ich bekam ein Bier gereicht. Meine Konzentration auf die englische Sprache hielt sich nur noch schwer in Grenzen. Es wurde sowieso nur noch über belanglose Themen geredet.

Ich war froh, mich endlich unter die Dusche stellen zu können. Das war bitter nötig nach diesem heißen Tag. Als Übernachtungsstätte wurde mir das Sofa im Wohnzimmer zugewiesen. Ich fühlte mich herrlich, als ich mich auf dem Sofa so richtig ausstrecken konnte. Es war spät geworden und so schlief ich umgehend ein. Mich störten nicht einmal die vielen Mücken im Zimmer. Ich schien sicher vor ihnen zu sein; hatte ich mich doch vorher mit Dimp-Lotion eingerieben.


Reportage: Wo Gott keine Menschen wollte

35. Reisetag:
Montag, 8. Februar 1988

Bereits um 5:00 Uhr hörte ich Geräusche in der Küche. Elisabeth war schon früh auf den Beinen, denn sie musste ihre Kinder versorgen, die später zur Schule fuhren. Elisabeth selbst bereitete sich auf die Weintraubenernte vor, die bei ihr heute auf dem Programm stand.

Ich stand um 6:30 Uhr auf; auch Rick war schon wach. Er schenkte mir eine Tasse Kaffee ein. An meinen Beinen sah ich viele Insektenstiche. Wie Mückenstiche sahen die eigentlich nicht aus. Mir kam schnell ein Verdacht: Hatte ich möglicherweise Flöhe im Schlafsack? Oder war das Sofa im Wohnzimmer, wo ich heute geschlafen habe, vielleicht das Lieblingsplätzchen der Hündin Socks?

Die Sonne schien und bereits zu früher Stunde war es schon wieder sehr warm. Es wurde im Laufe des Tages brütend heiß; es gab den ganzen Tag nicht eine einzige Wolke am Himmel!

Der Tag brach langsam und ohne jede Hektik an. Ich erfrischte mich im Badezimmer. Drei der vier Kinder gingen dann bald zur Schule. Rick bereitete uns Spiegeleier auf Toast zu. Elisabeth war schon mit der Ernte beschäftigt. Ihr Mann David arbeitete als Frisör im kleinen Dorf Gingin. Das wäre doch die Chance für mich ...

Rick und ich wollten später ebenfalls nach Gingin fahren. Vielleicht könnte ich mir dann von David die Haare schneiden lassen. Ich aktualisierte noch meine Eintragungen im Reisetagebuch, während Rick den Motor seines Caravan überprüfte. Ich räumte meinen muffigen Rucksack neu ein. Den Geruch schien ich nicht mehr wegzubekommen. Auch meine Turnschuhe machten mir ein wenig Sorgen; die Sohlen waren mittlerweile völlig verrottet.

Wenig später saßen Rick und ich wieder in seinem Toyota Caravan. Die achte und letzte Etappe auf dem Weg nach Perth wurde heute in Angriff genommen. Wie bereits erwähnt, fuhren wir zunächst nach Gingin. Als erstes versuchte ich telefonisch ein Bett in der Jugendherberge Perth zu reservieren, was auch klappte. In einem Lebensmittelgeschäft kaufte ich Milch und Zigaretten. Rick hatte zwischenzeitlich die Zeitung kaufte, die auch ich kurz durchblätterte.

David arbeitete allein in seinem Frisörsalon. Ich wunderte mich etwas, dass es in einem derart kleinen Dorf überhaupt genügend Kundschaft für ihn gab. Er war im Moment mit der Dauerwelle einer älteren Kundin beschäftigt. Danach ließ sich zunächst Rick seine Haare schneiden; ich war anschließend an der Reihe und war zufrieden. Aus lauter Freundlichkeit wollte David mir nichts berechnen. Nach gutem Zureden nahm er dann aber doch $AUS 5 an. Das war ohnehin nichts zu den in Deutschland üblichen Preisen!

Rick und ich verabschiedeten uns von Rick und fuhren jetzt nach Inglewood, einem Vorort von Perth. Hier lebte eine andere Tochter von Rick, die aber nicht zu Hause war. Ihren Schlüssel hatte sie jedoch unter der Matte an der Haustür versteckt. Ich hatte eigentlich vor, jetzt zügig nach Perth zu kommen, weil es dort noch einiges zu erledigen galt. Auf der anderen Seite wollte ich den hilfsbereiten Rick natürlich nicht drängen.

Erst mit der Zeit drückte ich ein wenig, indem ich Notlügen anwandte (ich müsse dort spätestens um die und die Uhrzeit sein...). Rick duschte aber vorher noch. Bei großer Hitze fuhr er mich dann in Richtung Jugendherberge. Ursprünglich wollte er mir noch in seinem Caravan die Stadt zeigen, doch davon hielt ich überhaupt nichts. Ich hatte jetzt mehr als genug Zeit in Autos zugebracht.

Auf dem Weg zur Jugendherberge passierte es dann: Urplötzlich, aus dem Nichts kommend, flog plötzlich eine Taube gegen die Windschutzscheibe von Rick´s Wagen. Im Bruchteil einer Sekunde hatte sich ein tiefer Riss in der Scheibe gebildet. Das war mir jetzt schrecklich unangenehm, obwohl ich nichts dafür konnte, aber immerhin fuhr Rick jetzt nur diese Strecke, um mich zur Jugendherberge zu bringen. Um den Schaden zu beheben, muss Rick jetzt eine Stange Geld auf den Tisch legen. Ich wagte nichts mehr zu sagen. Rick war echt sauer und verfluchte die Taube.

Vor dem Haus in der Newcastle Street setzte er mich ab und wir verabschiedeten uns. Die dumme Taube hatte im allerletzten Moment noch einen Schatten auf unsere nette gemeinsame Fahrt geworfen. Während der über eintausend Kilometer langen Strecke durch das Outback ist nichts passiert, aber auf den letzten Metern in der City von Perth dann dieser Schaden!

Ich ging in die Jugendherberge. Als erstes schmiss ich meine muffelige Kleidung in die Waschmaschine. Um die Wartezeit zu überbrücken, schrieb ich im Haus einen Brief nach Buchholz. Dann war die Wäsche fertig und ich hängte sie draußen auf der Leine auf.

In der Innenstadt wollte ich dann noch einiges erledigen. Zunächst kaufte ich mir für $AUS 1,60 Einlegesohlen für meine Turnschuhe. In der Fußgängerzone von Perth herrschte viel Betrieb. Bei der Wärme war jede Art von Fortbewegung anstrengend. Ich kaufte mir eine neuere Ausgabe der deutschsprachigen Zeitung Diese Woche in Australien sowie einen Roman meines Lieblingsschriftstellers Max von der Grün. Bei der Budget-Autovermietung holte ich ein Angebot über die mit Alex geplante Tour von Cairns nach Sydney ein. Die Offerte hörte sich gar nicht so schlecht an. Doch mit Autovermietern fehlte mir einfach die Erfahrung. Ich konnte nicht überblicken, ob es noch versteckte Beträge gab, die dazu addiert werden mussten.

Ich ging dann wieder zur Jugendherberge zurück, wo ich mich schließlich um 17:00 Uhr anmelden konnte. Diese an sich recht kleine Großstadtjugendherberge gefiel mir von den Gästen nicht so besonders gut. Ich duschte schnell und rief kurz danach Diana an. Jemand sagte, sie sei nicht da, würde aber gleich wiederkommen. Ich machte mich auf den Weg und hatte zunächst etwas Mühe die richtige Bushaltestelle zum East Victoria Park zu finden. Auf den Bus musste ich auch ziemlich lange warten. Schließlich war ich gegen 19:00 Uhr bei Diana.

Während ihres Studiensemesters lebte sie hier in der Sussex Street. Sie wohnte bei ihren Freunden Wayne und Alan. Diana war mit keinem der beiden liiert, was ich zunächst befürchtet hatte. Zusammen mit Alan, Wayne und Diana setzte ich mich nach draußen auf die Veranda. Es war ein herrlich milder Abend und wir hatten einen netten Abend zusammen.

Einen Augenblick später hielt aber eine große Motorradclique vor dem Haus, die mit Wayne ein Treffen organisiert hatten, das hier stattfand. Das war für mich ziemlich langweilig. Zum Glück gingen Alan und Diana dann auch bald ins Haus, wo Alan uns dann ein paar schöne Fotos zeigte. Zum Schluss des Abends tauschten wir noch unsere Adressen aus. Eine Einladung zu einer Übernachtung erfolgte leider nicht; allerdings hatte ich auch wirklich das Gefühl, dass Diana viel um die Ohren hatte und für ihr Studium büffeln musste.

Ich begab mich dann wieder zur Bushaltestelle und fuhr nach Perth zurück, wo ich durch die Innenstadt spazierte und danach wieder die Jugendherberge aufsuchte. Ich erstellte heute Abend eine erste Finanzübersicht. Anschließend legte ich mich ins Bett und las noch einige Seiten in der deutschsprachigen Zeitung.

Zu meiner Überraschung war die Jugendherberge nicht voll. Nur ein paar Japaner übernachteten noch in diesem Sechs-Bett-Zimmer. Ein Kanadier zog es bei der Wärme vor, draußen auf dem Balkon zu nächtigen. Es war wirklich sehr warm im Zimmer und ich litt unter teuflischem Durst.

Reportage: Grenzenloser Himmel über Australien

36. Reisetag:
Dienstag, 9. Februar 1988

Am Morgen verlängerte ich meinen Aufenthalt in der Jugendherberge Perth, obwohl es mir hier nicht so besonders gut gefiel. Allerdings hatte ich in der City doch allerhand zu erledigen. Als erstes nahm ich meine Wäsche von der Leine. In der Nacht hatte es etwas getröpfelt, was aber den heutigen Tag nicht belastete, denn die Sonne schien wieder vom Morgen bis zum Abend. Es war wolkenlos und sehr warm.

In der Innenstadt von Perth startete ich meine Erledigungen mit dem Kauf eines neuen Uhrenarmbands, da meines doch schon arg beschädigt war. Außerdem roch es mittlerweile ziemlich muffig. In einem Kaufhaus-Restaurant frühstückte ich und schrieb einen irre langen Brief an meinen Schweizer Freund Alex nach Genf. Natürlich berichtete ich ihm alles über die Durchquerung der Nullarbor-Ebene.

Bei der Hitze hatte ich ständig Durst und so gab ich ziemlich viel Geld für Getränke aus. Ich brachte den Brief an Alex zur Post und kaufte mir ein paar weitere Heringe für mein Zelt. Ich suchte die größere City-Jugendherberge auf und hinterließ dort am Schwarzen Brett Anfragen, ob nicht jemand im Auto nach Darwin fährt, der mich gegen Benzinbeteilung mitnehmen würde. Ich hatte aber keine große Hoffnung.

Schließlich ging ich noch in das Büro meiner Fluggesellschaft, der Garuda Indonesian Airways, wo ich meine noch kommenden Flüge völlig problemlos umbuchen konnte. So werde ich Australien nicht schon –wie geplant- am 1. April; sondern erst am 9. April verlassen. Mein angedachter Aufenthalt auf Bali wurde dadurch automatisch verkürzt, denn beim Rückreisetermin wollte ich es bleiben lassen. Die Umbuchung kostete mich keinen Cent. Später entdeckte ich dann aber, dass im Flugticket immer noch die alten Daten stehen; so werde ich das Büro morgen wohl noch einmal aufsuchen müssen.

Ohne große Hoffnung rief ich dann noch bei der Großfirma TNT an, die regelmäßig von Perth nach Darwin fahren. Ich informierte mich, ob eine Mitfahrgelegenheit bestünde, was aber kurz und schmerzlos verneint wurde.

Es war noch früh am Tag und so nutzte ich die Gelegenheit, mich auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum der Jugendherberge auszuruhen. Leider das heute mal wieder kein besonders aufregender Tag, da ich keine neuen Bekanntschaften schließen konnte. Die Ruhe genoss ich dafür aber um so mehr, weil ich ohne Zeitdruck sehr viele Dinge erledigen konnte.

Nach Öffnung der Zimmer um 17:00 Uhr ging ich unter die Dusche und spülte einmal meine durchgeschwitzten Klamotten durch. Ich beschäftigte mich mit meinen weiteren Reiseplänen und brütete über der Landkarte. Natürlich schrieb ich auch wieder Tagebuch. Am Abend nahm ich dann noch einen kleinen Imbiss ein. Mit einer Flasche Coca Cola unter dem Arm, ging ich dann hinauf in mein Zimmer und begann in meinem Buch Die große Flatter von Leonie Ossowski zu lesen, das wie erwartet, sehr fesselnd war.

Reportage: Auf Schienen durchs Outback - Australien mal anders

37. Reisetag:
Mittwoch, 10. Februar 1988

Auch den heutigen Tag wollte ich in der westaustralischen Hauptstadt Perth verbringen. Ich hatte mich dazu entschieden, noch etwas abzuwarten. Vielleicht fand sich ja doch noch jemand, mit dem ich die Mammutstrecke nach Darwin im Auto bewältigen konnte. Im übrigen hatte ich heute noch ziemlich viel auf dem Zettel stehen, was ich gern noch erledigen wollte.

Dummerweise stand der Kanadier schon um 6:30 Uhr auf und verursachte beim Zusammenpacken sehr viele Geräusche. Ich blieb noch eine Weile im Bett und döste vor mich hin. Als Duty bekam ich das Säubern der Toiletten aufs Auge gedrückt, was ich aber nur grob oberflächlich erledigte.

Bei erneut herrlichem Sommerwetter ging ich dann bald in die Innenstadt. Als erstes suchte ich die Bibliothek auf, um nach deutschsprachigen Büchern Ausschau zu halten. Leider konnte man in dieser Bücherei die Literatur nur im Gebäude lesen und nicht mit nach Hause nehmen.

In einem Cafe´ aß ich recht günstig Bacon and Eggs; dazu gab es Toast, Marmelade und Kaffee. Das ganze Frühstück kostete nur $AUS 4,80. Zum Glück bekam ich heute auch noch die allerneueste Ausgabe der deutschsprachigen Zeitung Diese Woche in Australien, worüber ich mich besonders freute. Beim 1. FC Köln ist es wohl während der Costa-Rica-Reise erstmals zu Spannungen zwischen Sportdirektor Udo Lattek und Trainer Christoph Daum gekommen. Bei Bayer Leverkusen ist für die kommende Saison der Niederländer Rinus Michels als neuer Trainer verpflichtet worden. Und in der Bonner Koalition sorgt eine Südafrika-Reise von Franz-Josef Strauß für neuen Ärger.

Erneut begab ich mich dann in das Büro meiner Fluggesellschaft, der Garuda Indonesian Airways, wo die gestern geänderten Flugdaten jetzt auch in meinem Ticket eingetragen wurden. Im Greyhound-Büro informierte ich mich über den Fahrpreis von Perth nach Darwin. Für den morgen geplanten Trip nach Geraldton ließ ich mir gleich einen Platz reservieren.

Im Büro des westaustralischen Jugendherbergsverbandes war ich auch noch kurz. In einer anderen Bücherei, die ich zufällig entdeckte, lieh ich mir noch zwei dicke Romane aus, für die ich allerdings einen Pfand in Höhe von $AUS 15 hinterlegen musste. Mal sehen, ob ich die jemals zurück bekomme, da ich ja nicht mehr nach Perth zurückkehren werde.

Schließlich ging ich dann noch in das deutsche Konsulat, wo ich in aller Ruhe einige ältere deutsche Zeitungen las, die aber nicht so viele Neuigkeiten boten. Zwischendurch trank ich viel und rastete im Langley´s Park, wo ich kurz mit dem Engländer John sprach, der auch im selben Zimmer der Jugendherberge übernachtete wie ich.

Ich ging dann zur Herberge zurück und ruhte mich einen Moment auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum aus. Eine erste Resonanz gab es auf meine gestern hinterlassene Anfrage an der Pinnwand bezüglich einer gemeinsamen Fahrt nach Darwin. Die Engländerin Karen sprach mich an. Sie erkundigte sich aber lediglich, ob ich schon jemanden gefunden hätte. Was für eine Enttäuschung. Für Bruchteile von Sekunden hatte ich die Hoffnung, dass ich doch noch um eine langwierige Busfahrt herum kommen könnte.

Ich ging unter die Dusche, las in meinem Buch, schrieb zwei Ansichtskarten und in mein Tagebuch. Ich machte einen letzten Gang zur größeren City-Jugendherberge, um an der dortigen Pinnwand zu prüfen, ob hier jemand auf meine Anfrage geantwortet hatte. Doch das war leider nicht der Fall. Damit war das Thema wohl erledigt.

Ohne Zweifel hatte ich nach den letzten aufregenden Tagen jetzt einen Durchhänger. Es fehlt an netten Bekanntschaften und die anstehende Busfahrt in den Norden Australiens ließ bei mir wenig Euphorie aufkommen.

Ich ging dann recht früh ins Bett, wo ich mich in meinen Roman vertiefte und wenig Gespräche mit anderen führte. Mit John, dem Engländer, wechselte ich aber noch das ein oder andere Wort. Er will sich übrigens einen Gebrauchtwagen kaufen und sucht zurzeit nach einem Job in Perth, um sich diesen Erwerb auch finanzieren zu können.

38. Reisetag:
Donnerstag, 11. Februar 1988

Wegen der anstehenden Busfahrt stand ich heute Morgen in der Jugendherberge Perth sehr zeitig auf. Ich packte meinen Rucksack zusammen und brachte noch einige Pfandflaschen in das nebenliegende Geschäft. Bald darauf verließ ich die Jugendherberge und ging zunächst in das Büro des westaustralischen Jugendherbergsverbandes, wo ich mir den Greyhound-Bus-Pass kaufte, den ich hier gegen einen Rabatt günstiger bekam.

Glücklich machte mich der Erwerb des Bus-Passes nicht. Viel lieber wäre ich mit jemandem im Auto mitgefahren, was sicher abwechslungsreicher gewesen wäre. Jetzt begab ich mich in die Abhängigkeit des Busunternehmens. Sollte ich nämlich unterwegs doch noch jemanden treffen, der mich im Auto gegen Benzinbeteiligung mitnehmen würde, müsste ich absagen, denn zwei Dinge gleichzeitig könnte ich nicht bezahlen. Für den Bus-Pass von Greyhound war fünfzehn Tage gültig und kostete mich stolze $AUS 269,10!

Ich überquerte nun die Straße und ging zum Greyhound-Terminal, wo mich alles an die Abfertigungshalle eines Flugplatzes erinnerte. Das Einchecken empfand ich vom Aufwand her extrem übertrieben. Es wird sich jetzt in den nächsten fünfzehn Tagen zeigen, inwieweit ich den Pass richtig ausnutzen kann. Hoffentlich kommt es zu keinen gravierenden Verspätungen oder zu Ausfällen von Linien, was besonders im Northern Territory passieren kann, denn in den tropischen Regionen Australiens kann es während der Regenzeit durchaus zu schweren Überschwemmungen kommen und dann kommt kein Bus der Welt mehr weiter.

Von solchen klimatischen Problemen war hier in Perth natürlich überhaupt nichts zu spüren. Den ganzen Tag war der Himmel auch heute wieder blau und es herrschten Höchsttemperaturen.

Pünktlich um 9:30 Uhr verließ der Bus den Greyhound-Terminal. Ich saß neben einem anderen Traveller, mit dem ich aber nicht ins Gespräch kam. Traurig, aber war: Die Klimaanlage war derart eisig eingestellt, dass ich mir einen Schal(!) um den Hals legen musste. Während der langweiligen Fahrt las ich in meinem Buch. Mittags stoppte der Coach dann an einem Rasthaus in Cataby, wo ich erstmals an diesem Tage etwas aß.

Nach der Pause wurde im Bus ein Videofilm abgespielt. Gegen 15:15 Uhr traf der Bus in Geraldton, meinem heutigen Etappenziel, ein. Gleichzeitig endete die erste Etappe, die ich mit meinem Bus-Pass zurücklegte. Natürlich war es nicht besonders gesundheitsfördernd aus dem eisigen Bus in die schwüle Witterung zu wechseln, die in Geraldton herrschte.

Im Tourist Office ließ ich mir gleich einen Sitzplatz für die morgige Weiterfahrt reservieren. Geraldton ist eine Stadt mit rund 25.000 Einwohnern. Berühmt ist Geraldton schon deshalb, weil diese Ecke mit überdurchschnittlich viel Sonnenschein verwöhnt wird, was ich ja auch heute auch bestätigt sah.

Wunderschön lag diese kleine Stadt an der Champion Bay. Es gab einen Hafen und in der Innenstadt alle wesentlichen Geschäfte. Dummerweise vergaß ich das Einwechseln eines Reiseschecks, denn die Banken schlossen schon um 16:00 Uhr. So besaß ich nach der Bezahlung der Übernachtung und dem Einkauf von Getränken und Süßigkeiten nur noch $AUS 3!

Die kleine Jugendherberge war nicht voll; erneut kam es nur zu kurzen, eher oberflächlichen Gesprächen. Erneut war das Publikum nicht mein Fall. Das lag aber auch daran, dass kein weiterer Alleinreisender, wie ich es war, anwesend war. Es gab auch einige ältere Gäste hier.

Nach der Anmeldung machte ich einen Gang zum Hafen, wo ich einem Schüler beim Fischfang zusah. Wir kamen ins Gespräch. Er lernte gerade in der Schule einiges über Europa. Allerdings konnte er mir nicht genau klarmachen, welche Art von Fischfang er hier betrieb. An den Angelhaken steckte er mitgebrachte Fischstücke, die er dann ins Wasser hielt und die von anderen Fischen bis zum Skelett abgefressen wurden. So etwas hatte ich nie vorher gesehen.

Nach diesem kurzen Abstecher ging ich zur Jugendherberge zurück, wo ich mich vor den Fernseher setzte und in meinem Buch las. Der kleine Raum, wo ich schlafen sollte, machte einen ziemlich unruhigen Eindruck. Tür und Fenster standen sperrangelweit offen, das Licht brannte und natürlich war das automatisch die Einladung für Tausende von Moskitos. Still und heimlich brachte ich mitten in der Nacht meinen Schlafsack in ein unbenutztes Zimmer, das ich zufällig entdeckt hatte. Diese Idee hatte auch ein anderer Traveller und so hatten wir in unserem Ausweichquartier eine angenehme und ruhige Nacht, die wir in dem anderen Zimmer unter Garantie nicht gehabt hätten.

Reportage: Zu viele Höcker im Outback

39. Reisetag:
Freitag, 12. Februar 1988

Ein knallheißer Tag folgt dem anderen! Auch heute erreichte die Temperaturen Spitzenwerte um die 40 ° C. Allgemeine Unzufriedenheit und ein nicht unerhebliches Maß an Langeweile und Lustlosigkeit beherrschten meinem Stimmung in diesen Tagen.

Die anstehenden Busfahrten lassen wir bei mir keine große Begeisterung aufkommen. Auch empfinde ich im Moment das ständige Englischsprechen als anstrengend. Am Morgen las ich noch in meinen Roman Die große Flatter zu Ende. Eine tolle Story! Das Buch hätte gern etwas umfangreicher sein dürfen. Aber wie so oft, sind interessante Bücher eher dünn, während die dicken Wälzer oft keine große Spannung aufkommen lassen oder viele Durchhänger haben.

Ich ging in die Innenstadt von Geraldton und tauschte einen Reisescheck in der Westpac-Bank ein. In der Drogerie kaufte ich dann Shampoo, Postkarten und erfrischende Fisherman´s Friends. Es folgte ein Frühstück in einem kleinen Cafe´. In aller Ruhe aß ich zwei getoastete Sandwichses und einen Obstsalat mit Eis. Zwei Ansichtskarten verschickte ich noch; davon eine an Peter nach Melbourne.

Schon zeitig ging ich zur Jugendherberge zurück. Die Räume sind hier ganztags geöffnet. Draußen spielte ich etwas mit dem niedlichen Hundebaby Nicky. Im Haus wechselte ich ein paar Worte mit anderen Reisenden. Dann begann ich den neuen Roman Der Mandelbaum zu lesen. Mit dem Bus traf dann später die nette Deutsche Petra ein, mit der ich mich sehr nett unterhalten habe. Zur Abwechslung genoss ich mal wieder ein Gespräch in deutscher Sprache.

Schließlich war es wieder an der Zeit, meinen Rucksack zu packen. Die Reise musste weitergehen. Nach einer letzten Dusche spazierte ich zum Bahnhof, von wo der Greyhound-Bus mit zwanzigminütiger Verspätung um 15:40 Uhr abfuhr. Eine etwa siebzehnstündige Busfahrt stand mir jetzt bevor. Wahnsinn!

Natürlich lief im Bus die Klimaanlage auf Hochtouren! Neben mir saß eine Dame, mit der ich mich in unregelmäßigen Abständen unterhielt. Gegen 18:30 Uhr legte der Busfahrer eine Pause für das Abendessen am Rasthaus Overlander ein.

Wieder ging die Sonne farbenprächtig unter. Die berühmte Shark Bay war nur zweihundert Meter entfernt, doch wir pausierten hier an einem kommerziellen Rasthaus. Alle Australien-Reisenden, die sich dafür entscheiden, ausschließlich mit dem Bus zu reisen, müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie das wahre Australien nicht kennen lernen werden. Sie werden stattdessen aber alle Rasthäuser kennen lernen, die es unterwegs gibt.

In Carnarvon stiegen einige Leute aus und so hatte ich etwas mehr Platz, um mich auszustrecken. Es war immer noch sehr eng, aber immerhin ...

Ehrlich gesagt, hatte ich einen erheblich volleren Bus erwartet. Auch waren relativ wenig Traveller an Bord.

Reportage: Marble Bar - Lebensspuren, gemessen in Milliarden von Jahren

40. Reisetag:
Sonnabend, 13. Februar 1988

Nach Mitternacht machten wir abermals Pause an einem Rasthaus. In Barradale dachte ich, ich träume. Was war denn das? Weiße Flocken? Schneite es etwa? Nein! Es waren Tausende von weißen Motten, die vom Licht der hell beleuchteten Tankstelle angezogen wurden.

Wenig später setzte der Busfahrer die Fahrt zügig und überraschend pünktlich fort. In jedem Ort leerte sich der Greyhound-Bus mehr und mehr! Ich konnte recht gut schlafen, wenn ich auch ziemlich unbequem auf den zwei Sitzen kauerte.

Die zweite Bus-Etappe endete dann gegen 8:30 Uhr vor dem Greyhound-Terminal im kleinen Fischerstädtchen Port Hedland am Indischen Ozean. Mein Ziel, das Backpacker´s Hostel lag gleich um die Ecke. Die Atmosphäre gefiel mir nicht besonders gut; ich fühlte mich unbehaglich. Das Publikum sagte mir nicht besonders zu. Es war sehr schmuddelig hier; der Übernachtungspreis von nur $AUS 6 war jedoch okay.

Geschlechtertrennung gab es in Backpacker´s-Unterkünften nicht. Ich lag auf einem Zimmer mit einem Finnen und einer Australierin aus Melbourne. Viele der hier anwesenden Gäste waren auf der Suche nach einem Job. Der Leiter des Hauses war mir auch nicht ganz geheuer. Es war auf eine ganz eigenartige Art und Weise betont freundlich hier; ich kann es nicht besser ausdrücken. Eine weitere ziemlich sonderbare Person kam und stellte mir eine Tasse Kaffee vor die Nase.

Der Leiter stellte mich den anderen Anwesenden vor. Viele schliefen noch. Es gab keinen Druck, die Unterkunft zu einer bestimmten Zeit zu verlassen. Die auf Hochtouren laufenden Ventilatoren in den Zimmern erschreckten mich etwas.

Der kleine Ort Port Hedland hatte außer dem kleinen Hafen und dem unauffälligen Ortskern wenig zu bieten. Vieles war hier sehr teuer, was an der Abgelegenheit der kleinen Orte im Outback lag. Viele Lebensmittel waren knapp.

Ich frühstückte zunächst in einer kleinen Snack Bar und ging daraufhin in das Backpacker´s zurück, wo ich mich gleich zurückzog. Es war so heiß, dass ich körperlich zu keiner Anstrengung fähig war. Auch hatte ich keine große Lust, mich mit den anderen zu unterhalten. Ich fühlte mich etwas deprimiert. Dieser Tag entwickelte sich zum bisher schwächsten auf dem australischen Kontinent. Die Hitze machte mir zu schaffen und ich war schlapp und lustlos. Mein T-Shirt war klatschnass.

Ich lag stundenlang auf meinem Bett und las in dem wirklich spannenden Roman. Später ging ich erneut in die Snack Bar und trank Milchshakes. Ich duschte immer wieder und wusch meine durchgeschwitzten Klamotten.

Durch das Fenster sah ich auf einem Nachbargrundstück ziemlich heruntergekommene Aborigines herumliegen. Der Leiter bot auch mir am Abend an, an eine nahegelegene Beach zum schwimmen zu fahren, doch ich wollte nicht. Der Tag ging ohne große Aktionen zu Ende.

Abends setzte ich mich dann nach draußen auf die Terrasse. Sie hatten Hummer vom Ozean mitgebracht, den wir nun –lecker zubereitet- verspeisten. Der Leiter des Backpacker´s spendierte uns sogar ein Bier.

Auch nach Sonnenuntergang war es schwülheiß. Man konnte die Tropen förmlich fühlen. Im Fernsehen verfolgte ich mit Interesse die Nachrichten. Abermals wurde über Australien ein UFO gesichtet – oder war es ein Meteor? Nachrichten aus anderen Ländern gab es leider gar nicht.

Während all die anderen den weiteren Abend im Pub verbrachten, schloss ich mich aus und guckte weiter Fernsehen. Ich dachte an den Bundesligastart zur Rückrunde am heutigen Sonnabend. Ich legte mich dann gegen 23:15 Uhr ins Bett und konnte aufgrund der Hitze zunächst nicht einschlafen.

Der Finne und die Australierin kamen aus dem Pub zurück und stellten sofort den ätzenden Ventilator an. Sofort entstand ungesunde Zugluft. Nach einer Weile wurde er aber zum Glück wieder ausgestellt –wahrscheinlich siegte die Vernunft- und ich konnte danach recht gut schlafen.

Nach dieser Aneinanderreihung schwacher Tage dachte ich zunehmend an das Treffen mit dem Schweizer Alex in etwa drei Wochen in Cairns. Aber bis dahin vergeht ja noch viel Zeit und viele Tausende Kilometer muss ich bis dahin noch bewältigen.

Reportage: Darwin - Zufällig kommt hier niemand vorbei