Michael Schubert beschreibt seine 104-tägige Reise nach Singapur und durch Australien. Die Seiten werden durch ein Reiseforum, einen Grusskartenservice, eine Linkhitliste, einen ChatRoom sowie free SMS & free E-Mail-Konto abgerundet


94. Reisetag:
Donnerstag, 7. April 1988

Um 8:45 Uhr stand ich in der Jugendherberge von Lakes Entrance auf. Es war mal wieder an der Zeit, meinen Rucksack zusammenzupacken. Danach verabschiedete ich mich von John und meldete mich an der Rezeption ab. Ich wanderte in den Ortskern und wartete vor der Westpac-Bank auf die Abfahrt meines Busses nach Bega, meinem heutigen Tagesziel. Der Bus verspätete sich allerdings ein wenig.

Das Wetter war heute etwas aufgelockerter als gestern und recht mild. Im Ansett-Bus unterhielt ich mich ein wenig mit einem Neuseeländer aus Alexandra, der zusammen mit seinem erst fünfjährigen Sohn, durch Australien reiste. Beide trampten auch zeitweise, was ich besonders imposant fand. Beide wollten heute noch nach Sydney.

Während der langweiligen Fahrt in dem fast vollbesetzten Bus las ich wieder in meinem Roman, der sehr spannend geschrieben ist, doch ich musste mit dem Lesen sehr sparsam sein, denn sonst war ich zu schnell durch und hatte kein weiteres Buch mehr. In der Tageszeitung Australian entdeckte ich das Ergebnis eines Nachholspiels in der Fußball-Bundesliga: Borussia Dortmund und der 1. FC Nürnberg trennten sich im Westfalenstadion 1:1.

Die etwa 4 ½ Stunden dauernde Fahrt ging über Osbost und Eden. Hier wurde eine Pause in einem Imbiss eingelegt. Auch in Eden fand ich die deutschsprachige Zeitung, die ich jetzt so gern gehabt hätte, nicht. Gegen 15:30 Uhr traf der Bus in Bega ein. Es war ein kleiner Ort; direkt am Highway 1 gelegen. Wir hatten Victoria verlassen; Bega befand sich nun wieder im Bundesstaat New South Wales. Ich war etwa vierhundertfünfzig Kilometer von Sydney entfernt.

Auf der Polizeistation erfragte ich den Weg zur Jugendherberge. Als ich das Gebäude betrat, wurde gerade ein junger Mann von zwei Polizisten abgeführt. Die Jugendherberge war dann einen Kilometer vom Ortskern der Stadt Bega entfernt. Es handelte sich um ein im Jahre 1985 neu errichtetes Gebäude, das aber irgendwie nicht richtig zu Bega passte, denn in diesem Ort gab es praktisch nichts spektakuläres zu sehen oder zu tun.

Von 10:00 Uhr bis 17:00 Uhr war das Haus geschlossen; nicht einmal einen Aufenthaltsraum gab es hier! Es hatte jetzt leicht zu regnen angefangen. Um 17:00 Uhr konnte ich mich anmelden. Mit mir übernachtete noch ein rothaariger US-Amerikaner im Zimmer, den ich allerdings kaum zu Gesicht bekam. Außerdem war noch ein Engländer hier. Er hieß Darren und wollte noch heute Abend, um 21:30 Uhr, mit dem Bus nach Ballerat reisen. Er war noch nicht lange in Australien und so war ich in der Lage, ihm ein paar Tipps über lohnenswerte Unterkünfte und Sehenswürdigkeiten mit auf den weiteren Weg zu geben.

Am Abend ging ich noch einmal in den Ort und aß in einem Pub ein Putenschnitzel. Hier verfolgte ich auch die Fernsehnachrichten. Es gab einen Bericht über das schlechte Wetter, dass in den letzten Tagen und Wochen zwischen Brisbane und Melbourne geherrscht hatte. In Lismore gab es schwerste Überschwemmungen nach all dem Regen. Menschen mussten sogar evakuiert werden. Die Bilder, die ich da im Fernsehen sah, waren echt erstaunlich! Zur Erinnerung: Mit dem Toyota Corolla waren Alex, Daniela und ich ja erst kürzlich durch Lismore gefahren – und jetzt diese Bilder! Auch in Sydney hielten die sintflutartigen Regenfälle schon seit Tagen an.

In der Jugendherberge genoss ich anschließend die total sauberen sanitären Anlagen beim Duschen. Gegen 22:00 Uhr legte ich mich ins Bett. Draußen regnete es jetzt kräftiger. Da ich hier in der Jugendherberge Bega zwei Nächte gebucht hatte, graute mir zu recht etwas vor dem morgigen Tag, denn was sollte ich hier um Himmels Willen anfangen? Nicht einmal ein Mittagsschläfchen werde ich machen können, denn die Jugendherberge war ja tagsüber verschlossen. Langeweile scheint in den letzten Tagen vor meinem Rückflug das Bild zu bestimmen. Wenigstens die deutschsprachige Zeitung könnte es doch irgendwo zu kaufen geben. Das Lesen würde mich gewiss einige Stunden beschäftigen.

Reportage: An Delfinen und Pinguinen vorbei auf dem Highway 1

95. Reisetag:
Freitag, 8. April 1988

Schon um 8:30 Uhr kam der Warden der Jugendherberge Bega in unser Zimmer, um uns zu wecken. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass wir mit Duschen und Frühstücken nicht bis 10:00 Uhr fertig werden würden. Ich hatte heute eigentlich vorgehabt, möglichst lange im Bett zu bleiben, damit der Tag nicht zu lang werden würde. Womit sollte ich mich in Bega bloß beschäftigen?

Vom Wetter her sah es auch nicht so berauschend aus. Es war stark bewölkt und sah durchaus nach Regen aus. Zunächst war es aber nochziemlich mild. Gegen 10:00 Uhr ging ich dann in die Ortsmitte. Auf die Besichtigung der Käsefabrik verzichtete ich aber. Ich ging stattdessen in ein Cafe´, wo ich ein getoastetes Sandwich aß und einen Kakao dazu trank. Während des Frühstücks schrieb ich in mein Tagebuch.

In der Zeitung Australian entdeckte ich dann sämtliche Ergebnisse vom Fußball-Europapokal (Halbfinale; Hinspiele). Im deutsch-deutschen UEFA-Pokalhalbfinale besiegte Bayer 04 Leverkusen die Mannschaft von Werder Bremen mit 1:0. Real Madrid erreichte zu Hause nur ein 1:1 gegen den PSV Eindhoven. In den anderen beiden europäischen Pokalen spielten: Steaua Bukarest erreichte nur ein 0:0 gegen Benfica Lissabon; der FC Brügge besiegte Espanol Barcelona mit 2:0. Zu einem hohen 3:0-Auswärtssieg kam Ajax Amsterdam bei Olympique Marseilles.

In der Westpac-Bank tauschte ich dann vor dem bevorstehenden Wochenende noch einen Reisescheck ein. Im Reisebüro buchte ich dann noch meine für morgen geplante Fahrt nach Narooma. Obwohl ich keinen großen Appetit hatte, ging ich aus lauter Langeweile in ein China-Restaurant, wo ich vom günstigen Mittagstisch probierte. Danach besuchte ich ein angeblich hochinteressantes Museum, was mich aber in absolut keiner Weise in Begeisterung versetzen konnte. Ich schaute mir dann noch eine ältere Kirche an und ging aus lauter Verzweiflung erneut in das Cafe´ vom Vormittag und aß einen leckeren Apfelstrudel mit Eis.

Jetzt hatte es auch noch stark angefangen zu regnen. Ich stellte mich einen Moment unter und ging dann vorzeitig zur Jugendherberge zurück. Ich war jetzt total durchnässt; erneut stieg Angst vor einer Erkältung in mir hoch, die ich mir jetzt überhaupt nicht leisten konnte. Gott sei Dank öffnete der Warden schon vorzeitig um 15:00 Uhr die Tür zur Jugendherberge. Dafür war ich ihm echt dankbar! Ich legte mich sofort ins Bett und wärmte mich dort auf.

Am Abend nahm der Tag dann aber doch noch einen erfreulichen Verlauf, denn überraschend viele Reisende stiegen in dieser Nacht in der Jugendherberge Bega ab. Darunter war auch der nette Österreicher Martin, den ich bereits in Lakes Entrance kennen gelernt hatte. Mit ihm zusammen ging ich am Abend in den Pub, wo wir uns bei einem kleinen Imbiss und einigen Bier gut unterhalten haben. Auch auf das Thema Fußball kamen wir zu sprechen. Martin war heute von Mallacoota nach Bega getrampt. Je nachdem, wie das Wetter morgen ist, will er per Bus oder per Anhalter nach Narooma kommen. Es wird also gewiss ein weiteres Wiedersehen geben, was ich natürlich begrüßte.

Auch in der Jugendherberge saßen wir später am Heizofen noch nett zusammen. Auch der freundliche Warden gesellte sich einen Moment zu uns. Er lieh mir noch einen Wecker aus, der mich morgen vor dem Verschlafen hüten sollte. Ich nahm noch eine heiße Dusche. Meine feuchten Klamotten hatte ich am Ofen noch trocken bekommen. Nach zwei Tassen Kaffee legte ich mich hin, wo ich gegen 23:00 Uhr einschlief. Besonders gut konnte ich aber nicht schlafen, da ich einen unangenehmen Traum hatte. Der Engländer, der im Bett über mir schlief, wälzte sich unablässig hin und her – dabei wackelte auch mein Bett wie bei einem Erdbeben. Insgesamt freute ich mich aber, dass der Abend noch so eine positive Wende genommen hatte.

96. Reisetag:
Sonnabend, 9. April 1988

Noch ehe der Wecker klingelte und wich mir damit wahrscheinlich alle anderen Schlafenden zu Feinden gemacht hätte, wachte ich in der Jugendherberge Bega auf. Es war 6:30 Uhr. Draußen war es klar und niederschlagsfrei und damit entschied sich der Österreicher Martin, noch etwas länger zu schlafen und später nach Narooma zu trampen.

So leise wie möglich packte ich meine Sachen zusammen und verließ die Jugendherberge. Es war ungemütlich kalt. Als ich die Bushaltestelle erreicht hatte, zogen dunkle Wolken auf und unter dem jetzt einsetzenden böigen Wind begann es auch noch peitschend zu regnen. Mir standen fast die Haare zu Berge – so widerlich war es!

Das grauenhafte Wetter mit wolkenbruchartigem Regen, Wind und Kälte setzte sich den ganzen Tag über fort. Welch ein Pech hatte ich mit dem Wetter in den vergangenen Wochen. Pünktlich um 7:30 Uhr fuhr der Bus der Gesellschaft Pioneer Motor Service ab. Er verkehrte auf der Route Eden-Sydney und war preisgünstiger als die Busse der großen Gesellschaften. Für die Fahrt nach Narooma zahlte ich $AUS 8,20. Aber der Bus hielt dafür auch an fast jeder Straßenecke und die Abfertigung war jedes Mal zeitaufwendig. So brauchte der Busfahrer 1 ½ Stunden, um die dreißig Kilometer lange Strecke zurückzulegen. Freundlicherweise ließ mich der Busfahrer bereits an der Abzweigung Old Highway heraus.

Wieder goss es in Strömen und nirgendwo gab es eine Möglichkeit zum unterstellen. So war ich im Nu klatschnass. Die nette Jugendherberge Narooma lag in schöner waldiger Umgebung direkt an der Forster´s Bay. Doch was nützte die schönste Landschaft, wenn das Wetter überhaupt nicht mitspielte?

Unmittelbar nach der Anmeldung ging ich in den Ortskern von Narooma, der etwa 2 ½ Kilometer entfernt lag. Bei der Witterung war der Marsch ziemlich unangenehm. Auch hielt ich nach der deutschsprachigen Zeitung Ausschau – wieder umsonst! Im Reisebüro kaufte ich mir sofort ein Busticket für die morgen geplante Weiterfahrt.

Ich hatte meinen dicken Regenparka übergezogen, der aber schon nach kurzer Zeit völlig durchnässt war. Hoffentlich blieb ich die letzten Tage meiner Reise auch noch gesund. Ich nahm nun ein gutes Frühstück in einem Cafe´ ein. Ich aß wieder Bacon and Eggs. Dazu hatte ich mir einen heißen Kakao bestellt. Zu guter letzt verrechnete sich die Bedienung noch zu meinen Gunsten. Bei der Nässe ging ich dann zur Jugendherberge zurück, wo ich nun den gesamten Nachmittag verbrachte.

So fielen eine angedachte Kanufahrt und eine Buschwanderung buchstäblich ins Wasser. In der Zwischenzeit war auch der Österreicher Martin eingetroffen, der beim Fahren per Anhalter überhaupt keine Probleme hatte. Er war ja noch nicht lange in Australien und war logischerweise noch sehr neugierig und holte sich Tipps von anderen Reisenden. Ich hielt mich eher im Hintergrund. In der Jugendherberge war es erbärmlich kalt und ich sah mich genötigt, zu einer Decke zu greifen. Immer wieder trank ich heißen Kaffee. Meistens las ich in meinem spannenden Roman. So verstrich der Nachmittag ohne große Höhepunkte.

Erst am Abend fuhren wir mit zwei deutschen Mädchen und einem englischen Pärchen in den Ort. Die Mädchen wollten ins Kino, während Martin, das Pärchen Linda und George, und ich gemütlich im Pub saßen und ein Bier tranken. Ein Einheimischer saß neben mir und spielte wunderbare, populäre Songs auf seiner Gitarre. Dazu sang er und schon nach kurzer Zeit stimmten die meisten Pubbesucher mit ein. Das war sehr nett. Das Bier stieg wieder sehr schnell in meinen Kopf; dadurch wurde ich immer gesprächiger. Gegen 23:00 Uhr fuhren wir zur Jugendherberge zurück, wo ich wie ein Stein ins Bett fiel. Schon nach wenigen Minuten schlief ich ein.

Trotz dieses weniger spektakulären Tages dachte ich mit großer Wegmut an meinen bevorstehenden Rückflug nach Deutschland. Wenn nichts dazwischen kommt, sitze ich genau heute in einer Woche vor dem Fernseher und schaue bereits die heißgeliebte Sportschau. Danach werde ich mich wieder um einen Job bemühen müssen. Wieder im Krankenhaus? Ich hoffe, dass alle meine Freundschaften meine über dreimonatige Abwesenheit gut verkraftet haben werden. Ein guter Freund von mir, Andreas, wird sicher auch eine Weile nicht zur Verfügung stehen. Er will dann auch für mehrere Monate nach Australien fliegen. Er ist ja felsenfest davon überzeugt, in Australien bleiben zu können. Da bin ich ja mal gespannt, ob er das packt. Und Jenny? Wird sich das Verhältnis, das ich vor meiner Abreise mit ihr hatte, aufrecht erhalten lassen? Vermutlich wäre es vernünftiger, wenn es dazu nicht mehr käme.

Reportage: Australiens silberner Westen

97. Reisetag:
Sonntag, 10. April 1988

Um 9:15 Uhr stand ich heute Morgen in der Jugendherberge Narooma auf. Der erste Blick aus dem Fenster verriet überraschend wolkenlosen Himmel mit Sonnenschein. Und das trotz der miserablen Wettervorhersage von gestern Abend. Martin, der nun auch aufgewacht war, war wegen des vielversprechenden Wetters euphorisch und wollte nun den heutigen Tag noch hier in Narooma verbringen.

Ich duschte heute Morgen, weil es mir gestern Abend zu kalt und zu spät gewesen ist. Anschließend bereitete ich mir in der Gemeinschaftsküche ein Frühstück zu. Nach längerer Zeit gönnte ich mir mal wieder zwei weichgekochte Frühstückseier. Dazu aß ich noch Müsli mit Milch und trank Kaffee dazu.

Der heutige Tag bot wenig Aktivitäten. Martin hatte sich mit einer Engländerin verabredet und wollte versuchen, mit ihr einen Kanutrip zu machen. Dazu hätte ich auch Lust gehabt; allerdings traute ich dem Wetter überhaupt nicht. Außerdem hatte ich ja schon das Busticket gekauft und war entsprechend unflexibel. Bei mehreren Tassen Kaffee brachte ich mein Reisetagebuch auf den aktuellen Stand.

Als ich mittags die Jugendherberge verließ, schien immer noch die Sonne. So langsam begann ich an einen freundlichen Tag zu glauben. Um 13:30 Uhr fuhr der bis auf den letzten Platz vollbesetzte Bus des Pioneer Motor Service in Richtung Nowra ab. Und tatsächlich: Während der Fahrt änderte sich das Wetter fast schlagartig. Es gab wieder kräftige Regenschauer, wo kein Haar trocken blieb. Das war echt übel. So langsam hatte ich von dieser Witterung die Schnauze gestrichen voll. Die Fahrt nach Nowra dauerte fast dreiStunden.

Wir kamen dort gegen 16:20 Uhr an und erneut regnete es heftig. Ich stellte mich einige Minuten unter und ging dann zur Jugendherberge, die nicht weit entfernt von der Bushaltestelle gelegen war. Es war eine Art von privatem Hotel, das sich das Weiße Haus nannte. Im Anhang dieses Hotels befanden sich kabinenartige Unterkünfte, die für die Jugendherbergsgäste reserviert waren. Es waren aber nicht allzu viele Reisende hier; ich bekam kaum jemanden zu Gesicht. Ich hatte ein Dreibettzimmer für mich ganz allein und ich fühlte mich trotz der Kälte sehr wohl darin.

Ich setzte mich dann später in den Gemeinschaftsraum und schaute mir die Fernsehnachrichten an. Später ging ich dann noch einmal in die Stadt, die größer war als Narooma oder Bega. In einer Pizzeria aß ich Lasagne und ein Knoblauchbrot. Zurück in der Jugendherberge schaute ich noch ein paar Minuten Fernsehen; es gab aber wenig vernünftiges. So machte ich es mir in meinem Zimmer gemütlich und las noch in meinem Roman. Schon gegen 22:00 Uhr knipste ich das Licht aus und damit endete ein wenig überzeugender Tag.

98. Reisetag:
Montag, 11. April 1988

Völlig unerwartet weckte mich um 8:20 Uhr der Warden der Jugendherberge Nowra und rief mich zum Frühstück. Da es sich bei dieser Jugendherberge auch um ein Hotel handelt, wurden kleinere Gerichte angeboten; so also auch ein Frühstück. Gestern Abend hatte ich mein Interesse an einem Frühstück bekundet; allerdings hatte mich die frühe Uhrzeit (8:00 Uhr) etwas abgeschreckt. Nun wurde ich also geweckt und mochte nicht mehr absagen.

Ich ging in den Speisesaal und bekam für $AUS 4 Kaffee, Müsli mit Früchten, Milch und Toast mit Butter und Marmelade. Da konnte man nicht meckern! Während ich danach meinen Rucksack abermals zur Abreise packte, ging ein weiterer, heftiger Regenschauer nieder. Das war nun wirklich nicht mehr schön! War ich hier nun in Australien oder in Island?

Es blieb dann allerdings einige Stunden trocken und ab und zu kam sogar mal die Sonne heraus. In der Stadt suchte ich wieder ohne Erfolg nach der deutschsprachigen Zeitung. In einem Cafe´ trank ich eine Tasse Kakao und schrieb dabei in mein Tagebuch. Ich ging dann zur Jugendherberge zurück, wo ich jetzt meinen Rucksack abholte. Ich wollte das trockene Wetter ausnutzen, um zum Bahnhof zu kommen, der sich im vier Kilometer entfernten Stadtteil Bomaderry befand.

Auf dem Weg dorthin verfinsterte sich der Himmel wieder bedrohlich; ich erreichte den Bahnhof aber in letzter Minute, ohne nass zu werden. Dann goss es jedoch wieder in Strömen und es heiterte auch nicht mehr auf. Bis zur Abfahrt des Zuges nach Gerringong hatte ich noch ein wenig Zeit und nahm ein Mittagsmenü in einem chinesischen Restaurant zu mir. Bei dieser Witterung gibt man erheblich mehr Geld für Essen und Trinken aus. Auf den letzten Cent musste ich aber nicht mehr schauen, denn insgesamt hatte ich während meiner Reise gut gewirtschaftet.

Um 13:30 Uhr fuhr der Zug Gerringong ab. Die Fahrt dauerte nur zwanzig Minuten und kostete $AUS 1,50. Auch in Gerringong, meiner letzten Station vor Sydney, lag die Jugendherberge ein gutes Stück außerhalb des Ortes und ich hatte mich wieder etwas zu bewegen. Regenwolken fegten über den Himmel hinweg. Gerringong lag direkt am Meer und ich konnte einen schönen Sandstrand erkennen. Das Umland war hügelig und wunderschön. Was aber nützte mir das bei diesem garstigem Wetter?

Die Jugendherberge war assoziiert und gehörte auch zu einer Kirchengemeinde. Die Herberge wurde in erster Linie für Kindergruppen genutzt. Als ich das Haus erreichte, war niemand anwesend. Die Räume waren aber geöffnet und so stellte ich meinen Rucksack ab und wartete auf die Dinge, die da kommen.

Nach einem weiteren Regenschauer ging ich in den Ort und kaufte mir ein Rätselheft zur Beschäftigung. Ich war noch kurz im Tourist Office und trank in einem Cafe´ einen Kakao. In der Jugendherberge legte ich mich dann auf das Bett und las in meinem Roman. Um 17:00 Uhr konnte ich mich dann anmelden. Fortan beschäftigte ich mich mit meinen Rätseln. Was sollte ich auch anderes machen? Es war kein anderer Gast in der Herberge und das Wetter ließ keine Aktionen außerhalb des Hauses zu. Ich musste das beste aus der Situation machen; dachte aber auch mit Dankbarkeit an die vielen Schönwettertage, die ich in Australien genießen durfte.

Zu später Stunde traf noch eine Australierin ein, die eigentlich an der Gold Coast lebte. Sie war schrecklich erkältet und verschwand bald in ihrem Zimmer. Durch die Küche lief immer wieder eine kleine Maus, die wohl auf der Suche nach Nahrungsmitteln war. Draußen regnete es erbarmungslos weiter. In der Sporthalle nebenan spielten ein paar ältere Herren Bowls. Ich knipste dann gegen 22:00 Uhr das Licht aus. Zu allem Übel wurde ich dann auch noch von Mücken umsurrt. Zum Glück sind Tage wie dieser die Ausnahme. Sonst würde das Reisen wohl auch nicht so viel Spaß machen.

99. Reisetag:
Dienstag, 12. April 1988

Auch ohne Wecker wachte ich heute Morgen gegen 7:30 Uhr auf. In aller Eile verstaute ich wieder meine Sachen im Rucksack und verließ wenig später die Jugendherberge Gerringong. Der Himmel sah auch heute nicht gerade verheißungsvoll aus. Dunkle Regenwolken zogen unruhig über mir her und schienen zu sagen: “Beeile Dich, sonst bekommst Du uns wieder zu spüren!“

Es war fraglich, ob ich den Bahnhof trockenen Fußes erreichen würde. Mit dem Wetter hatte ich jetzt wirklich Pech! Im Ort besorgte ich mir schnell eine Tageszeitung. Am Bahnhof musste ich dann noch einige Minuten auf die Abfahrt meines Zuges nach Sydney warten. Natürlich hatte es mittlerweile angefangen, zu regnen und so waren meine Klamotten auch wieder feucht.

Die Fahrt nach Sydney kostete mich $AUS 7,60 und dauerte etwa 2 ½ Stunden. Die Fahrt war langweilig und in den Waggons war es wieder extrem kalt. Und das trotz der ohnehin kühlen Witterung. Aus dem Fenster wagte ich kaum zu schauen, denn überall sah ich überquellende Flüsse und Bäche.

In der australischen Zeitung waren im Sportteil alle europäischen Fußballligen aufgeführt – mit Ausnahme der Bundesliga! Um 11:00 Uhr fuhr der Zug dann im Hauptbahnhof von Sydney ein. Zum dritten Mal erreichte ich diese aufregende Millionenstadt während meiner Reise. Bis zu meinem Rückflug werde ich nun hier bleiben.

Zunächst gab ich meinen Rucksack in der Gepäckaufbewahrung auf und musste mich jetzt nicht mehr den ganzen Tag mit dem Gewicht abschleppen. Etwas unüberlegt kaufte ich mir dann für $AUS 6 ein Tagesticket, womit ich Busse, Fähren und Nahverkehrszüge benutzen durfte, was ich allerdings nicht ausreichend tat. Ein weiteres Beispiel dafür, dass ich mit meinen Finanzen im Moment wirklich etwas sorglos umging.

Es gab dann einen weiteren wolkenbruchartigen Schauer, der schnell die Straßen unter Wasser setzte. Obwohl das Wetter nach wie vor ungemütlich war, ließen die Regenfälle im Laufe des Tages aber nach. Ich hatte bis jetzt noch nichts gegessen und war hungrig. Vorher suchte ich in den Kiosken aber nach der deutschsprachigen Zeitung Die Woche in Australien, die ich zum Glück endlich fand. Ich bekam nicht nur die Ausgabe der letzten Woche, sondern auch die allerneueste Ausgabe, die heute erschien. Dazu später mehr.

Bei McDonalds stillte ich dann meinen Hunger. Wieder hatte ich das unangenehme Gefühl, mir eine Erkältung eingehandelt zu haben, denn ich spürte ein leichtes Kratzen im Hals. Ich ging in das Büro meiner Fluggesellschaft Garuda Indonesian Airways und erkundigte mich, ob sich an den Flugdaten irgendetwas geändert hatte. Dem war aber nicht so. In einem tollen Modegeschäft fand ich dann drei originelle T-Shirts zum Stückpreis von $AUS 15,99.

In der Bank wechselte ich vermutlich zum letzten Mal einen Reisescheck ein. Danach hatte ich nichts rechtes mehr zu tun. In Sydney hatte ich praktisch schon alles gesehen. Ich war auch nicht in bester Stimmung, was zum einen am ungemütlichen Wetter und zum anderen am Rückflug lag, auf den ich überhaupt keine Lust hatte. So schlenderte ich in der Innenstadt umher und wärmte mich mit einem Kakao und einem Apfelstrudel in der Mocca Coffee Lounge. Dieses Cafe´ befand sich in einem riesigen Einkaufszentrum in der Pitt Street. Ich löste ein paar Rätsel in meinem gestern gekauften Heft. Am Bahnhof holte ich meinen Rucksack wieder ab und fuhr bald darauf zur altbekannten Jugendherberge in der Ross Street. Vor der Tür hatte ich allerdings noch einen Moment zu warten.

Bereits in Brisbane hatte ich mir die Betten reservieren lassen. Bezahlt waren die Übernachtungen auch schon, so dass ich kein Geld mehr zu investieren brauchte. Es war zunächst dringend nötig, einiges an Wäsche zu waschen. Im vietnamesischen Restaurant an der Ecke, wo ich vor knapp zwei Wochen schon mit Alex und Daniela gewesen bin, nahm ich ein günstiges Abendessen zu mir.

Voller Ungeduld las ich dann endlich in der Zeitung, die voller interessanter Berichte war. Die Woche in Australien erscheint ja in erster Linie, um die nach Australien ausgewanderten Deutschen zu informieren. Franz Josef Strauß greift Helmut Kohl jetzt immer direkter und unverblümter an. In der Auseinandersetzung um die Steuerreform bekam Kohl offensichtlich einen Wutanfall und drohte indirekt mit seinem Rücktritt, was er aber hinterher wieder dementierte. Die Afrikareise von Bundespräsident von Weizsäcker fand diesmal nicht so großes Lob und Zustimmung wie in der Vergangenheit. Aber alle Parteien wollen ihn wohl weitere fünf Jahre als Bundespräsidenten im Amt sehen, falls er sich bereit erklären sollte, erneut zu kandidieren. Ab 1990 soll es wohl neue Geldscheine geben, die noch fälschungssicherer sein sollen.

In der Fußball-Bundesliga führt Werder Bremen noch mit zwei Punkten vor Verfolger Bayern München. Die Süddeutschen erreichten zu Hause aber nur ein 2:2 gegen den Drittplatzierten 1. FC Köln. Werder Bremen spielte bei Borusssia Dortmund 0:0. Der Hamburger SV erreichte in seinem Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg nur ein 2:2.

Stundenlang war ich in die Zeitungslektüre vertieft. Der Zufall wollte es dann, dass ich hier in der Jugendherberge eine nette Reisende aus Meckelfeld traf, das ja nur wenige Kilometer von Buchholz entfernt liegt. Sie hieß Silke und war gerade erst in Australien eingetroffen. Sie befand sich in der Begleitung zweier Mädchen aus Darmstadt, die aber etwas langweilig schienen und ständig von ihrem langweiligen Bürojob erzählten. Da komme ich in so ein spektakuläres Land wie Australien und unterhalte mich doch nicht ständig über deutsche Aktenordner!

Gegen 23:00 Uhr legte ich mich dann ins Bett. Diesmal war in Raum 3 untergebracht, wo es angenehm ruhig war und man vom nie nachlassenden Straßenverkehr nichts mit bekam. Das Zimmer hatte auch nur fünf Betten.

100. Reisetag:
Mittwoch, 13. April 1988

Bald schon nicht mehr erwartend, präsentierte sich heute Morgen über Sydney wolkenloser Himmel. In den letzten Tagen musste man ja schon fast glauben, eine neue Sintflut bricht herein. Vor allem die Heftigkeit des lang andauernden Regens überraschte mich doch etwas. Heute schien jedenfalls alles wie verwandelt.

Sydney bot den ganzen Tag über traumhaftes Herbstwetter mit angenehmen Temperaturen. Vielleicht hatte ich ja doch noch ein wenig Glück mit dem Wetter in den letzten Tagen vor meinem Rückflug.

Ich stand ziemlich spät auf, denn ich hatte nichts besonderes vor. Bis zur Schliessung um 10:00 Uhr hielt ich mich hier in der Jugendherberge Forrest Lodge auf. Danach fuhr ich mit dem City-Bus in die Innenstadt, wo ich als erstes ein Frühstück einnahm. Ich fand ein Cafe´, wo ich sogar richtig knusprige Brötchen bekam. Das war eine nette Überraschung nach monatelanger Abstinenz. Beim Frühstück las ich wie üblich in der australischen Zeitung, in der einmal mehr wenig interessantes stand.

Umso mehr freute ich mich aber über das schöne Wetter, dass Sydney sofort einen besonderen Glanz verlieh. So nutzte ich die Gelegenheit zu einem erneuten Spaziergang zum berühmten Opernhaus. Besonders rund um den Fähranleger gab es viel zu sehen; hier schien das Leben zu brodeln. Überall herrschte ein prickelndes Treiben. Besonders reizvoll waren die unterschiedlichen Straßenkünstler, die hier agierten. Jeder schien etwas anderes zu können und präsentierte es dem dankbaren Publikum. Die Künstler verdienten sich so ein paar Dollar hinzu und waren so in der Lage, sich die Fortsetzung ihrer Reise zu finanzieren.

Anschließend spazierte ich in die berühmte Altstadt von Sydney, The Rocks genannt. In einem Souvenirladen kaufte ich zwei originelle Känguru-Warnschilder mit der Aufschrift Kangaroos next 25 km. Eines wollte ich für mich behalten und eines wollte ich verschenken. Auch einen Bumerang bekam ich hier.

Während der Mittagszeit saß ich auf einer Bank in der Sonne am Hafen und döste vor mich hin. Am Fähranleger spielte jetzt ein urig aussehender Sänger auf. Auf den ersten Blick sah er wie ein Zwillingsbruder vom Bhagwan aus. Mit seiner Kleidung, seinem langen Bart und seinen langen, grauen Haaren zog er sofort die Aufmerksam der Spaziergänger auf sich.

Später war ich dann noch in der Fußgängerzone und erneut im Cafe´ Mocca Coffee Lounge, wo ich mich mit zwei Orangensäften erfrischte und mein Tagebuch auf den aktuellen Stand brachte. Mit dem Bus fuhr ich zur Jugendherberge zurück und wartete noch einen Moment vor verschlossenen Türen. Ich duschte dann rasch und wartete schon voller Ungeduld auf das Lesen der neuesten Ausgabe der Zeitung Die Woche in Australien wo erheblich mehr drin stand, als in allen australischen Zeitungen zusammen und damit meine ich nicht nur den Sport.

In der Fußball-Bundesliga führt Werder Bremen mit vier Punkten Vorsprung vor Verfolger Bayern München, die ja wohl einen rabenschwarzen Monat März erlebt haben. Die Bremer gewannen bei Waldhof Mannheim mit 1:0, während Bayern München zu Hause 8:1 gegen Schalke 04 gewonnen hat. Kaum mehr Aussichten auf den Titelgewinn hat der 1. FC Köln nach der 0:1-Niederlage beim FC Homburg. Dem Hamburger SV gelang eine Revanche für die 2:8 Hinrundenniederlage bei Borussia Mönchengladbach. Dieses Mal gewannen die Norddeutschen mit 2:1.

Informationen gab es jetzt auch über das Vier-Nationenturnier in Berlin. Deutschland verlor in einem schwachen Spiel mit 3:5 nach Elfmeterschießen gegen Schweden, während die Sowjetunion mit 4:2 gegen Argentinien gewann. Die Deutschen wurden nur Turnierdritter nach einem 1:0-Sieg über Argentinien. Gewinner des Turniers waren die Schweden nach einem 2:0 über die Sowjetunion.

Die Sowjetunion will schon bald zwei Sonden zum Marsmond Phoebes schicken. In der CDU wird Heiner Geißler aus den eigenen Reihen scharf kritisiert. Hochwasser des Rhein sorgte im Gebiet rund um Köln für eine Jahrhundertkatastrophe.

Nachdem ich das Lesen der Zeitung beendet hatte, ging ich noch in das kleine italienische Restaurant unweit der Jugendherberge und aß dort Lasagne mit Knoblauchbrot. Im Gemeinschaftsraum der Jugendherberge unterhielt ich mich noch mit einem sehr netten Neuseeländer aus Wellington über alle möglichen Dinge. Auch er arbeitete als Krankenpfleger in einem Krankenhaus. Besonders unangenehm viel mir ein Reisender aus Bayern auf, der, obwohl er genau wusste, dass ich aus Deutschland bin, pausenlos in Englisch auf mich einredete.

Wir saßen noch lange im Gemeinschaftsraum beisammen . Nach 23:00 Uhr lag ich dann im Bett. Mit dem heutigen 100. Tag stellte ich meinen Reiserekord vom letzten Jahr ein. Während meiner Reise durch Hawaii, Neuseeland und Kanada bin ich 1987 genau einhundert Tage unterwegs gewesen. In diesem Jahr kommen ja noch ein paar Tage hinzu.

Reportage: Staubsaugen in Sydney

101. Reisetag:
Donnerstag, 14. April 1988

Es gibt noch Zeichen und Wunder, denn vom Wetter war es auch heute einmalig schön. Den ganzen Tag herrschte über Sydney wolkenloser Himmel und es wurde herrlich warm. Für meinen letzten vollen Tag in Australien hatte ich mir einiges vorgenommen und deshalb stand ich schon ziemlich früh auf. Wenn die Sonne so herrlich ins Zimmer scheint, ist es sowieso schwierig, länger zu schlafen. Im übrigen sorgten Frühaufsteher auch wieder für einen ziemlichen Geräuschpegel im Zimmer.

Wie üblich fuhr ich auch heute wieder mit dem Stadtbus in die Innenstadt. Am Hauptbahnhof besorgte ich mir wieder ein praktisches Tagesticket, das ich im Gegensatz zum Dienstag heute erheblich reger nutzte. Erster Tagespunkt war wieder ein Frühstück. Vermutlich für lange Zeit zum letzten Mal ließ ich mir heute Bacon and Eggs schmecken. Der dazu servierte Kaffee war allerdings weniger berauschend. In der australischen Zeitung Australian war wieder nur der Wetterbericht interessant. In Berlin und Frankfurt herrschten Temperaturen von etwa 15 °C. Wenn sich diese Gradzahl auch nach meiner Ankunft bestätigen sollte, wäre es wohl einigermaßen auszuhalten.

Mit dem Bus fuhr ich wieder an den Circular Quay zum Fähranleger. Wie schon im Januar setzte ich mit der Fähre nach Manly über. Ich wollte letztmalig die Chance ergreifen, das Meer vor mir zu sehen und am Strand entlang zu laufen. Außerdem ergab sich die Möglichkeit, noch etwas Farbe im Gesicht zu bekommen. Nach den vielen Regentage hatte ich ja schon befürchtet, Rost anzusetzen. Ein wenig darf man zu Hause gern sehen, dass ich direkt aus Australien komme.

Ich spazierte dann durch die Fußgängerzone von Manly und schaute mich in manchen Geschäften nach günstigen Jeans um. In Deutschland würde ich dafür wieder mehr als doppelte bezahlen müssen. Zunächst fand ich aber keine geeignete.

Nach einem zweistündigen Aufenthalt in Manly fuhr ich um 12:45 Uhr mit dem Boot wieder in die City von Sydney zurück. Ich genoss die Fahrt auf dem Wasser bei dem erstklassigen Wetter. Das Wasser und der Himmel präsentierten sich in einem herrlich tiefen Blau. Bedrückend empfand ich nur die gelbliche Dunstwolke direkt über der City. Auf dem Martin Plaza kam ich gerade rechtzeitig zu einem Konzert einer zehnköpfigen Schulmädchen-Band, die unter hervorragenden akustischen Bedingungen populäre Popsongs darboten. Sie sangen beachtlich und spielten unterschiedliche Instrumente dazu. Während dieser gelungenen Vorstellung gab es rund um den Martin Plaza kaum ein Durchkommen mehr. Von den Zuschauern gab es verdienten, kräftigen Applaus. Ein Großvater nutzte die Gelegenheit zu einem flotten Tanz vor der Bühne, was natürlich zur allgemeinen Erheiterung betrug.

Längst war mir wehmütig zumute geworden, wenn ich an meinen Rückflug dachte. All dieses Schöne und die vielen gastfreundlichen und lockeren Menschen werde ich in Kürze nicht mehr haben! Alltagstrott wird mein Leben wieder bestimmen. Mit dem Nahverkehrszug fuhr ich um 14:45 Uhr nach Edge Cliff, wo ich abermals das Goethe-Institut aufsuchte. Heute hatte ich Glück und es hatte geöffnet.

Über zweieinhalb Stunden befasste ich mich mit dem Lesen der Frankfurter Rundschau, die hier auslag. Dankbar nahm ich die Vielzahl der Informationen auf. Es wurde aber deutlich, dass so furchtbar viel in der Innenpolitik nicht passiert ist. Aber die Neuigkeiten der Weltpolitik hielten sich in Grenzen. So befasste ich mich in erster Linie mit den Fußballberichten. Bei der Vielzahl von Live-Übertragungen, die es im Fernsehen gab, lief mir jedes Mal ein Schauer über den Rücken – all die Spiele konnte ich nicht sehen!

Um 17:00 Uhr verließ ich das Goethe-Institut, weil es schlissen wollte. Ich hätte aber ohne Probleme noch die ein oder andere Stunde anhängen können. Mit dem Zug fuhr ich zum Martin Plaza zurück und letztmalig ging ich in mein Stammcafe´ in der Pitt Street. Ich hatte etwas Hunger und aß ein appetitliches Omelette. In einem Modegeschäft in der George Street ergatterte ich dann doch noch eine günstige Jeanshose für nur $AUS 30, die im Angebot war.

An der Bushaltestelle traf ich dann noch Silke aus Meckelfeld, die zwischenzeitlich in die Jugendherberge Glebe Point übergewechselt war. Sie versprach mir, mich nach ihrer Rückkehr anzurufen. Aus Zeitgründen habe ich auf den Besuch des Botanischen Gartens verzichten müssen. Ein ausgefüllter und guter Tag neigte sich nun langsam dem Ende zu. Erst gegen 19:15 Uhr traf ich in der Jugendherberge Forrest Lodge ein.

Hier lernte ich den sympathischen Neuseeländer Jon aus Auckland in Neuseeland kennen. Er will in etwa drei Monaten nach Deutschland fliegen. Vielleicht kommt er dann auf einen Besuch vorbei. Ich musste die Unterhaltung mit Jon aber leider abbrechen, denn ich stand unter Zeitdruck. Oben im Zimmer packte ich meinen Rucksack zusammen, damit ich morgen früh keine Zeit verlieren würde.

Dann ging ich unter die Dusche. Da ich morgen früh keine Duty erledigen konnte, tat ich jetzt diesen Job. Ich reinigte die Kacheln in der Dusche. Ich rauchte in meiner wehmütigen Stimmung noch eine Zigarette und schrieb ein paar Zeilen in mein Tagebuch. Mittlerweile war es 22:15 Uhr und ich sitze immer noch im Gemeinschaftsraum. Ich bin ziemlich müde und will gleich ins Bett. Morgen früh musste ich früh raus. Von einem deutschen Pärchen aus Frankfurt lieh ich mir sicherheitshalber noch einen Wecker aus. Wie es dann nicht anders zu erwarten war, schlief ich in der Nacht mehr schlecht als recht. Die Aufregung vor so einem umfangreichen Flugprogramm ist nicht ohne. Im Zimmer schliefen wir heute Nacht zu dritt.

102. Reisetag:
Freitag, 15. April 1988

Ich fand am Morgen kaum noch Schlaf und so stand ich in der Jugendherberge Forrest Lodge schon um 5:30 Uhr auf. Einen Wecker benötigte ich also nicht. Etwas überraschend standen auch meine beiden anderen Zimmergenossen so früh auf. Ich nutzte noch die Chance zu einer Dusche. Wer weiß, wann ich die nächste Gelegenheit bekommen würde.

Draußen dämmerte bereits der Morgen und trotz Frühnebels schien sich auch heute wieder ein sonniger und schöner Tag zu entwickeln, von dem ich aber nichts haben würde. Um 6:00 Uhr verließ ich die Jugendherberge. Neun Nächte hatte ich hier verbracht. Das ist persönlicher Rekord was eine einzige Jugendherberge betrifft. Für eine Großstadtjugendherberge war die Forrest Lodge stets eine sehr angenehme Unterkunft gewesen!

Mit dem Bus fuhr ich bis zur Stadthalle. Dort musste ich dann einige Minuten auf den Flughafenzubringerbus warten. Die Verbindung klappte hervorragend und so erreichte ich bereits um 7:00 Uhr den Internationalen Flughafen von Sydney. Bis zum Abflug um 10:30 Uhr hatte ich also noch etwas Zeit. Der Check-In-Schalter war noch bis 7:45 Uhr geschlossen. Ohne Wartezeit folgte zunächst die Untersuchung des Gepäcks durch einen Sicherheitsbeamten. Das Gerät, das wohl auf Metall reagiert, schlug an meinem Rucksack aus. So musste ich meinen gesamten Rucksackinhalt auf einem Tisch entleeren. Und dabei hatte ich mir gestern soviel Mühe gegeben, alles vernünftig einzupacken.

Es war dann wohl mein Campingmesser, die Wasserflasche oder die Zeltheringe, die für die Reaktion des Detektors gesorgt hatten. Ich bekam dann aber trotzdem den Sicherheitsaufkleber auf dem Rucksack befestigt. Anschließend konnte ich am Schalter der Garuda Indonesian Airways einchecken.

Auch das verlief völlig problemlos. Nun musste ich noch die $AUS 25 Flughafensteuer an einem separaten Schalter entrichten. Damit war die Abfertigung dann zunächst erledigt. Jetzt schaute ich mich noch etwas in den zollfreien Geschäften um. Alles war hier ziemlich preisgünstig; auffallend waren die besonders günstigen Fernsehgeräte. Aber wie transportieren?

Zum Abschluss meiner Reise fand ich in einem Souvenirgeschäft auch noch das so lange gesuchte Singapur-Wappen für meinen Rucksack. In einem Cafe´ nahm ich noch ein Sandwich zu mir und trank eine Tasse Kaffee dazu. Anschließend trank ich noch ein morgendliches Bier (sehr unüblich für mich) in einer Bar, um mir die Zeit etwas zu verkürzen.

Ich ging auf die Terrasse des Flughafens und genoss letztmalig die Sonne Australiens, die selbst zu dieser frühen Stunde schon wieder eine enorme Kraft besaß. Ich beobachtete die Starts und Landungen der Flugzeuge.

Als ich später wieder zurück ins Flughafengebäude ging, trat wieder genau das ein, was ich befürchtet hatte. Mein Flug GA 899 nach Denpasar/Bali würde sich verspäten. Der Grund war offensichtlich der dichte Morgennebel über Sydney. Die Abflugzeit wurde jedenfalls immer weiter verschoben. So langweilte ich mich auf dem Flughafen. Ich ging noch einmal auf die Aussichtsterrasse zurück und sonnte mich etwas im Düsenlärm der eintreffenden und abfliegenden Flugzeuge. In der Halle löste ich anschließend ein paar Kreuzworträtsel.

Schließlich erfolgte doch noch die Passkontrolle. Hier traf ich auch den Franzosen Thierry wieder, den ich in Darwin kennen gelernt hatte und der heute nach Bangkok fliegen wollte. Aber auch seine Maschine hatte Verspätung. Mit weiterer Verzögerung konnte ich dann endlich die Maschine besteigen, die zunächst über Denpasar nach Jakarta fliegen wird. Mit 3 ¼ Stunden Verspätung(!) hob der Vogel dann schlussendlich doch noch ab. Es war nun schon 13:45 Uhr und ich war mir nicht mehr sicher, ob ich dann noch meinen Anschlussflug erreichen würde. Das Flugzeug war fast voll; der Start war sehr angenehm.

Neben mir war ein Platzfrei und so war es nicht ganz so eng. Ich war sehr hungrig, doch es dauerte noch ziemlich lange bis ein Essen serviert wurde. Der Service an Bord war ausgezeichnet. Es gab Kaffee, Bier und Saft zu trinken. Später wurde dann auch ein verspätetes Mittagessen gereicht. Wir flogen jetzt über das rote Herz Australiens, wo man die Hitze richtig erahnen konnte. Auf dem übernächsten Sitz saß eine nette Dame aus der Schweiz, die nach Jakarta wollte. Mit ihr konnte ich mich nett unterhalten. Vor mir saß vermutlich eine Schwuchtel, der die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. Unablässig spreizte er seinen kleinen Finger von der Hand ab, dass es schon albern war. Ständig fuhr er sich durch das Haar, um zu prüfen, ob seine Frisur wohl noch richtig sitzt. Seine Aussprache war gedehnt; seine Augenwimpern schwarz geschminkt.

Der Flug war herrlich ruhig. Kaum einmal gab es eine Turbulenz. An Bord wurde dann der amerikanische Spielfilm Roxanne mit Steve Martin vorgeführt. Aber dabei schlief ich ein.

Im 19:30 Uhr australischer Zeit landete die Garuda dann auf dem kleinen balinesischen Flughafen Denpasar. Hier zeigte die Uhr 17:30 Uhr. Langsam ging die Sonne unter. Ursprünglich hatte ich ja noch ein paar Tage auf Bali verbringen wollen; letztendlich die Zeit aber zusätzlich in Australien verbracht.

Die Passagiere durften für einen Moment aussteigen. Tropische Hitze schlug mir entgegen. Wahrscheinlich wollte mir das Wetter noch einmal deutlich machen, auf was ich jetzt wieder für lange Zeit zu verzichten hatte. Wann werde ich wohl wieder mal in die Tropen reisen? Plötzlich beneidete ich die Passagiere, die hier die Maschine verließen.

Nach einem Rundgang durch die Transithalle ging ich zum Flugzeug zurück. Die Dunkelheit brach rasant herein, wie es in den Tropen ja so typisch ist. Hier in Denpasar verzögerte sich der Weiterflug dann abermals um eine dreiviertel Stunde wegen eines angeblich technischen Defektes. Nun war der Tag schon recht lang. Es war 21:00 Uhr australischer Zeit und wir waren gerade mal eben in Bali! Das Ende des Rückfluges war noch gar nicht abzusehen. Erneut erlebten wir einen angenehmen Start. Der Passagierraum war nun ziemlich leer; die meisten Flugreisenden hatten also nach Bali gewollt. Der etwa neunzigminütige Flug nach Jakarta, der Hauptstadt Indonesiens, verlief ruhig. Erneut gab es einen kleinen Imbiss und Erfrischungen dazu.

Um 22:30 Uhr landeten wir schließlich in Jakarta, wo es erst 19:30 Uhr war. Jetzt war es zu spät, um meinen Anschlussflug nach Frankfurt zu bekommen, der für 19:00 Uhr angesetzt war. Typisch: Bei all den Verspätungen, die ich bisher erlebt hatte, ist dieser Flug natürlich pünktlich gestartet. Was nun? Der Anschlussflieger war bereits über den Wolken und ich stand hier auf dem Flughafen von Jakarta.

Es folgten nun ziemlich stressige und hektische Minuten in der Transithalle. Ein deutscher Familienvater war ebenfalls in ziemlicher Aufregung, der auch ziemlich genervt über den schuldlos verpassten Flug war. Er führte sich hypernervös und typisch deutsch auf. Ich kümmerte mich nicht weiter um den Mann, war aber froh, dass ich allein unter dem verpassten Flug litt. Es gab jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder ich würde in Jakarta auf Kosten der Garuda übernachten oder ich würde den Flug nach Amsterdam/Niederlande nehmen, der in Kürze starten sollte. Ich entschied mich für die zweite Alternative. Schließlich liegt Amsterdam näher an Buchholz als Frankfurt. Mit ziemlicher Sicherheit würde ich für die Bahnfahrt ab Amsterdam weniger zu bezahlen haben.

Eines stand aber fest: Um 7:25 Uhr am Samstagmorgen würde ich nicht mehr in Deutschland eintreffen können. Die Verspätungen forderten ihren Tribut. Ich dachte gerade an die Sportschau am Samstagmorgen, auf die ich nun wahrscheinlich verzichten müsste. Was einem so alles durch den Kopf geht?

Während ich auf dem Flug nach Frankfurt zwei Stopps gehabt hätte, würden es jetzt mehr sein. Zunächst würde es nach Singapur gehen, dann nach Bangkok, Abu Dhabi und letztendlich nach Rom, bevor wir in Amsterdam landen würden. Mein Flugticket wurde jetzt von den Verantwortlichen geändert. Sorge bereitete mir aber mein Rucksack, der ja bis Frankfurt gehen sollte. Die Garuda versicherte mir, dass kein Grund zur Unruhe bestehe: Der Rucksack würde nach Amsterdam umgeleitet werden. Hoffentlich stimmt das auch!

Die Umbuchung war erfolgt. Ich begab mich jetzt zum Flugsteig Nummer 6, wo alle Passagiere auf die Aufforderung warteten, an Bord gehen zu können. Auch diese Maschine war erheblich verspätet! Für mich war es bereits nach Mitternacht australischer Zeit.

In diesem Augenblick zeigt die Uhr in Jakarta 21:31 Uhr und die Maschine macht sich zum Start bereit. Es hatte weitere Verzögerungen gegeben. Erneut verlief der Start außerordentlich angenehm. Neben mir saß ein Franco-Kanadier aus Quebec sowie ein Holländer aus Rotterdam. Mit beiden konnte man sich nett unterhalten. Zum Schlafen gab es aber noch keine Gelegenheit, denn schon bald wurde wieder ein Essen gereicht. Es handelte sich diesmal um ein indonesisches Reisgericht.

Die Maschine war ziemlich voll. Nach etwas mehr als einer Stunde landeten wir in Singapur. Es war jetzt 2:00 Uhr australischer Zeit und Mitternacht in Singapur. Wegen des geplanten Kurzaufenthaltes konnten die Passagiere nicht in die Transithalle gehen. Die Wartezeit addierte sich dann aber auch wieder schnell zu einer Stunde.

Reportage: Nie mehr ohne Gurt

103. Reisetag:
Sonnabend, 16. April 1988

Gegen 1:00 Uhr Singapur-Zeit folgte nun der vierte Flugzeug-Start. An die Starts und Landungen kann man sich direkt gewöhnen! Wenn es aber weiterhin derart langsam voran geht, werde ich wohl in Amsterdam übernachten müssen, denn am späteren Abend gibt es mit Sicherheit keine Zugverbindung nach Buchholz mehr. Aber das war im Moment nicht von Bedeutung. Wir hatten gerade eben erst Singapur verlassen.

Während des zweistündigen Fluges in die thailändische Hauptstadt stülpte ich mir die Decke über den Kopf und schlief ein wenig. Wegen der trockenen Luft in der Maschine litt ich unter stechendem Durst. Es gab dann aber schon wieder etwas zu essen, aber in meinen Magen passte nur noch ein erfrischendes Bier und ein kühler Pudding. Um 2:00 Uhr thailändischer Zeit erreichten wir Bangkok (3:00 Uhr Singapur-Zeit; 5:00 Uhr Australien-Zeit). Der Kanadier und der Neuseeländer verließen hier das Flugzeug. Alle anderen, die nicht nach Thailand einreisen wollten, mussten in der Maschine verbleiben. Während wir auf den Flughäfen auf den Weiterflug warten mussten, wurde es in den Maschinen stets sehr warm, weil dann die Klimaanlagen ausgestellt waren. Die tropische Nachtluft kam dann sehr schnell durch die offenen Türen herein.

Personal säuberte jetzt die Toilettenkabinen und saugte in den Gängen den Dreck auf. Nach eineinhalbstündiger Wartezeit folgte dann die nächste und längste Etappe des Flug-Marathons. Um 3:30 Uhr thailändischer Zeit erfolgte der Start nach Abu Dhabi. Während dieses Fluges gerieten wir öfter in Luftturbulenzen, die dafür sorgten, dass das Flugzeug hin und wieder durchgeschüttelt wurde. Einmal durchflogen wir ein Gewitter. Dummerweise war ich gerade in diesem Augenblick auf der Toilette. Lila zuckten die großen Blitze durch die Fenster der Maschine. Aber auch das Gewitter war schließlich vorüber.

Ich saß nun neben einer Französin und einer asiatischen Schönheit; vermutlich aus Thailand stammend. Kurz nach dem Start kam der Ehemann der Französin zu mir und sprach in französischer Sprache auf mich ein – gerade so, als ob Französisch die Weltsprache Nummer 1 ist, die jeder fließend beherrschen musste. Erst als er merkte, dass ich seine Sprache nicht beherrschte, übersetzte er ins englische. Er fragte mich, ob ich etwas dagegen hätte, die Plätze zu tauschen, damit er und seine Frau zusammen sitzen können. Ich hatte nichts dagegen und fortan saß ich neben einem älteren indonesischen Ehepaar aus Jakarta, die allerdings überhaupt kein Englisch sprachen. Trotzdem nickten sie mir immer wieder freundlich zu! Es hatte den Anschein, als ob die beiden über Amsterdam weiter nach Schweden wollten.

In Bangkok war eine italienische Reisegruppe zugestiegen, die sich untereinander ziemlich lautstark unterhielten, was den Schlaf etwas störte. Bedingt durch die eiskalt eingeschaltete Klimaanlage wurde im Flugzeug unentwegt geniest und gehustet. Ich konnte kaum noch schlafen. Wieder kamen die Stewardessen und servierten ein Essen. Ich schaffte kaum noch einen Happen.

Während meiner letzten Nacht in Thailand hatte ich schon kaum geschlafen und jetzt dieser unglaubliche Marathon ohne ausreichend schlafen zu können. Trotzdem fühlte ich mich noch relativ gut. Ich war meistens hellwach; döste höchstens für einen kurzen Moment mal ein. Mal sehen, wie lange meine Kondition noch durchhält. Es war noch ein weiter Weg bis nach Buchholz.

Unter uns erkannte man schon Wüstenboden. Nach rund sechseinhalbstündiger Flugzeit setzten wir um 7:00 Uhr Ortszeit in Abu Dhabi auf. Die Passagiere wurden in die Transithalle entlassen, die ich ja schon während der enormen Verspätung während des Hinfluges zur Genüge kennen gelernt hatte. Ich setzte mich in einen der weichen Polstersessel und schrieb in mein Tagebuch. Überraschend zügig ging es dann in die Maschine zurück, was natürlich sehr angenehm war. Zeit genug hatte ich ja eh schon verloren; eine weitere Verzögerung wäre wohl sehr nervend geworden.

Auch auf der folgenden Flugetappe nach Rom war der Innenraum mit Passagieren voll besetzt. Um 8:20 Uhr Abu Dhabi-Zeit erfolgte der nächste Start. Etwa fünf Stunden und vierzig Minuten waren für den Flug nach Rom vorgesehen. Die Italiener hinter mir legten keine Redepause ein. Ständig standen sie auf oder kamen zum Sitzplatz zurück. Alle schienen sehr nervös und aufgekratzt zu sein und das übertrug sich auf die Sitznachbarn. Auch ich war schon ganz zappelig geworden, denn auch ich bekam durchschnittlich alle fünf Minuten ein Knie im Sitz zu spüren. Teilweise standen sie in kleinen Grüppchen auf dem engen Gang und palaverten. Dann kamen die anderen Fahrgäste nicht mehr vorbei und es begann ein Schubsen und Drängeln.

Auch auf diesem sechsten Flug seit meiner Abreise in Sydney wurde ein Essen gereicht. Als Kinofilm wurde anschließend die Eddie-Murphy-Komödie Beverley Hills Cop II gezeigt. An Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken; allzu schläfrig fühlte ich mich aber immer noch nicht.

Es hatte jetzt den Anschein, als unser Flugzeug auf dem römischen Flughafen zunächst keine Landeerlaubnis bekam und so kam es zu einer weiteren Verspätung. Das indonesische Ehepaar, das neben mir saß, hatte sich offensichtlich nichts zu sagen. Ich konnte mich nicht erinnern, wann sich die beiden während des langen Fluges mal unterhalten haben. Sie hatten übrigens noch ihren Sohn dabei, der allerdings weiter vorn saß; jetzt aber kurz zu seinen Eltern kam. Er berichtete erstaunliches. Die Garuda-Maschine, die nach Frankfurt sollte und für die ich ja auch ursprünglich gebucht hatte, war noch Stunden in Singapur, wo anscheinend ein Passagier entdeckt wurde, der acht verschiedene Pässe bei sich hatte. Wie der Sohn weiter berichtete, musste das Gepäck aller Passagiere nochmals durchsucht werden, was zur eigentlichen Verzögerung führte. Tatsache war, dass die Frankfurter Maschine tatsächlich große Verspätung hatte und dass sie noch nicht in Abu Dhabi eingetroffen war, als wir dort zwischengelandet waren. Also war es letztendlich doch die richtige Entscheidung, mich für diesen Amsterdam-Flug entschieden zu haben.

Als wir in der italienischen Hauptstadt Rom landeten, war es 12:45 Uhr Ortszeit und meinen Eisenbahntrip von Amsterdam nach Buchholz sah ich immer mehr schwinden. Während des Aufenthaltes in Rom blieben die noch restlichen Passagiere im Flugzeug. Die italienische Reisegruppe stieg hier natürlich aus und prompt war es ruhiger geworden. Jetzt folgte wieder eine Wartezeit.

Im Innenraum war es jetzt so leer, dass ich mich gleich über drei Sitze ausstrecken konnte, doch mir fehlte immer noch die Müdigkeit, dabei war ich schon so lange auf den Beinen. Gegen 14:30 Uhr startete die Maschine und verließ die Stadt Rom. Kurz danach gab es ein leichtes Essen. Die Stewardessen reichten Croissants und ein Brot. Und dabei passierte es dann. Plötzlich biss ich nicht mehr auf der Brotscheibe herum, sondern auf meiner Zahnkrone, die mir jetzt ohne irgendeine Vorwarnung herausgefallen war und eine hässliche Zahnlücke hinterließ. Das war jetzt wirklich ein sehr ungünstiger Moment; schließlich hatte ich nach meiner Rückkehr genug andere Dinge zu tun, als gleich zum Zahnarzt rennen zu müssen. Ich steckte die Krone in meine Geldbörse.

Die letzten Flugminuten waren angebrochen. Ich mochte es kaum glauben. Auch das Wetter hatte sich so verändert, wie man es befürchten musste. Beim Landeanflug durchbrachen wir eine graue, dichte Wolkendecke. Um 16:30 Uhr landete die Maschine schließlich auf dem Amsterdamer Flughafen Schipol. Sieben Starts und Landungen hatte ich auf meinem Rückflug durchmachen müssen. Was für eine Tortur! Auf dem Rückweg hatte das Flugzeug 19.421 Kilometer zurückgelegt, während es auf dem Hinflug nur 17.870 Kilometer gewesen sind.

Alle Passagiere verließen jetzt das Flugzeug. Ich begab mich auf direktem Wege zur Zollkontrolle. Mein Reisepass wurde aber praktisch nicht weiter kontrolliert. Bis unser Reisegepäck auf dem Laufband erschien, verging eine lange Zeit. Es war jetzt 17:00 Uhr und ich sah kaum noch eine Chance, heute noch Buchholz zu erreichen. So nach und nach trudelten die ersten Gepäckstücke auf dem Laufband ein. Um es vorweg zu nehmen: Ich wartete vergebens auf meinen Rucksack! Mein Gott, was da alles drin war. Mir blieb jetzt aber auch gar nichts mehr erspart.

Ich begab mich zu einem Schalter der KLM, wo in aller Schnelle ein Formular ausgefüllt wurde, worauf ich meine Adresse und Telefonnummer hinterließ. Das ging alles sehr unbürokratisch. Mir wurde gesagt, dass der Rucksack an meine angegebene Adresse geliefert werden würde. Also stand ich zum zweiten Mal nach Honolulu 1987 ohne Gepäck herum. Neben mir stand jetzt noch ein Holländer, der sein Gepäck ebenfalls nicht erhalten hatte. Während wir hier warteten, erzählte er mir, dass unser Flugzeug in Sydney auch nicht wegen Nebels derart spät gestartet war, sondern dass es in Melbourne eine Bombendrohung gegeben haben soll, die sich auch auf die Abfertigungen in Sydney ausgewirkt habe.

Ohne Rucksack brauchte ich natürlich auch mein Gepäck nicht kontrollieren lassen. In der Wechselstube löste ich einen Euroscheck ein und war nun flüssig. Holländische Gulden hätte ich nicht dabei gehabt. Ich rief zu Haus an und berichtete von meiner Verspätung. Man hatte sich dort wohl schon Gedanken gemacht. Ich hätte ja längst in Buchholz eingetroffen sein müssen.

Erwartungsgemäß erfuhr ich am Bahnschalter jetzt, dass ich heute nicht mehr nach Hamburg oder Buchholz kommen würde. Ich war darauf allerdings gefasst gewesen. Jetzt würde wohl eine Nacht in einer Amsterdamer Jugendherberge auf mich zukommen. Am Fahrkartenschalter besorgte ich mir aber zunächst das Ticket für die morgige Bahnfahrt. Danach fuhr ich zum Hauptbahnhof von Amsterdam. Es regnete in Strömen. Welch ein Willkommen! Aber trotz der Tageszeit war es noch hell; die Sommerzeit war ja seit Ende März wieder gültig und das machte sich positiv bemerkbar.

Mit der Straßenbahn fuhr ich jetzt ein paar Stationen. Ein paar Schritte hatte ich zu laufen, doch das war bei dem sintflutartigen Regen nicht besonders angenehm. Riesige Pfützen überall! Der Himmel war aschgrau. Wenigstens lag die Temperatur bei 17 C. Das war auszuhalten. Statt in Buchholz genau jetzt die Sportschau zu gucken, ging ich in die Jugendherberge Vondelpark; unweit des Zentrums. Nur mit meiner kleinen Umhängetasche kam ich mir ziemlich nackt vor. Wo mein Rucksack jetzt wohl war?

Gleich auf dem ersten Blick erkannte ich, wie voll es hier in der Jugendherberge war. Es war aber auch ein großes Haus. Verschiedene Gruppen waren hier heute Nacht untergebracht. Überall herrschte Lärm und wildes Treiben. Nachdem ich mich n die australischen Jugendherberge gewöhnt hatte, war dieses nun ein Unterschied. Frühstück und warme Speisen wurden auch serviert. Unten im Keller befand sich eine Großküche. Auch gab es im Haus eine Bar, wo an die Besucher Bier und Wein ausgeschenkt wurde. Zigaretten und Tabak bekam man dort auch. Der Tresen war wie in einer Eckkneipe voll besetzt. Selbst zu dieser Jahreszeit war es hier brechend voll.

Ich schlief in Zimmer Nummer 17, ein unpersönlich-großer Schlafsaal, in dem auch einige zwielichtige Typen untergebracht waren. Auf einem Merkzettel wird jeder Gast gewarnt, Wertgegenstände unbeobachtet zu lassen. In diese Jugendherberge kam man auch herein, ohne Mitglied zu sein. Man musste nur, wie schon damals in Toronto erlebt, einen Aufpreis zahlen. Von dem Mädchen an der Rezeption bekam ich wenigstens ein Handtuch. Ein Typ im Zimmer gab mir etwas von seinem Shampoo ab. Nach diesem Flug-Marathon brauchte ich jetzt dringend eine Dusche! Aufs Zähneputzen musste ich verzichten; umziehen konnte ich mich auch nicht. Mein Hab und Gut befand sich in meinem verloren gegangenen Rucksack.

Nach der Dusche ging ich noch ein paar Minuten an die Bar und trank dort ein Bier. Dabei schrieb ich mein Tagebuch. All die jungen Kids tranken hier Bier und unterhielten sich über Drogen. Eine Spelunke war nichts dagegen! Untereinander wurden die Haschkrümel verglichen, die jeder noch zur Verfügung hatte. Kurz danach wurde ein Joint geraucht. In Holland ist Haschischkonsum bekanntlich kein kriminelles Vergehen; aber ob das in einer Jugendherberge sein musste? Die lautstarke Musik in der Bar ging mir langsam auf die Nerven. Ich hatte noch Schlaf nachzuholen. Aber ich hatte natürlich Zweifel, ob es eine einigermaßen ruhige Nacht geben würde.

Meine Sorge war unberechtigt. Trotz über zwanzig Betten im Zimmer war es herrlich ruhig. Ich unterhielt mich noch mit dem netten Australier Mark aus Woody Point in der Nähe von Brisbane. Ihn lud ich zu mir nach Hause ein, denn er wollte auch nach Hamburg. Ich wollte etwas von der Gastfreundschaft, die ich in Australien erleben durfte, zurückgeben.

Plötzlich war ich fast ohnmächtig vor Müdigkeit und binnen weniger Minuten fand ich tiefen Schlaf. Die Erschöpfung forderte nun ihren Tribut.

Reportage: Amsterdam - Die Stadt der Grachten

104. Reisetag:
Sonntag, 17. April 1988

Bis zuletzt war meine Reise von interessanten und oftmals unerwarteten Ereignissen geprägt worden – trotz mancher Durchhänger, die aber jeder Reisender durchmacht. Letzter Höhepunkt war der hindernisreiche Rückflug gewesen, der ja allerlei Überraschungen parat hatte. Dieser heutige Tag war überhaupt nicht geplant gewesen, denn laut Flugplan hätte ich bereits gestern Morgen um 7:25 Uhr in Frankfurt hätte landen müssen.

Um 6:45 Uhr wachte ich nach einer tief durchgeschlafenen Nacht in der Amsterdamer Jugendherberge Vondelpark auf und machte mich umgehend reisefertig. Das Packen des Rucksacks war ja nach der gestrigen Verlustmeldung nicht mehr nötig.

Vom Wetter her war es auch heute ungemütlich. Es herrschte Nieselregen. Ich verließ die Jugendherberge und fuhr mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof, wo ich mir zunächst ein paar pressefrische Zeitungen kaufte sowie das Kicker-Sportmagazin. Um 8:02 Uhr fuhr der Schnellzug nach Bremen pünktlich ab. Während der Fahrt studierte ich begeistert die Zeitungen. In der Fußball-Bundesliga fiel gestern die Vorentscheidung. Bayern München verlor überraschend bei Hannover 96 mit 1:2, während Werder Bremen die Gunst der Stunde nutzte und den FC Homburg mit 3:0 besiegte. Die Bremer, die noch in zwei Wettbewerben dabei sind, führen jetzt mit sechs Punkten Vorsprung die Tabelle an. Der Hamburger SV ist Achter und spielte bei Bayer Uerdingen 1:1. Unter der Woche fand das Halbfinale im DFB-Pokal statt. Der HSV verlor beim VfL Bochum mit 0:2 und Werder Bremen verlor das Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt mit 0:1.

Während der Bahnfahrt konnte ich mich auf den Sitzen gemütlich ausstrecken und das tat mir gut. An der Grenze in Bad Bentheim wurden die Ausweise kontrolliert. Die ersten Eindrücke auf deutschem Boden waren dann zunächst wieder befremdend für mich. Welch ein Kontrast zum australischen Kontinent! Schon nach wenigen Minuten wurde ich mit diesem unangenehmen Sie angeredet, dass nur Distanz ausdrückt, während ich jetzt monatelang mit you und dem Ansprechen mit dem Vornamen nur allerangenehmste Erfahrungen gemacht haben.

In Bremen traf der Schnellzug um 12:40 Uhr ein. Ich ging noch in ein Wienerwald-Restaurant, weil ich einen Heißhunger auf knuspriges Geflügel hatte. Bis zu meiner Weiterfahrt nach Buchholz hatte ich noch etwas Zeit. Mein Trip ist jetzt zu Ende. In der Gesamtwertung war es ganz ausgezeichnete Tour gewesen, die so viele wunderbare Erlebnisse gebracht hat, die ich gewiss nie vergessen werde. Ich wurde keineswegs enttäuscht und hoffe baldmöglichst -hoffentlich schon im nächsten Winter- wieder aufbrechen zu können. Aber als erstes muss ich einen Job finden, um mir diese Reise dann auch finanzieren zu können. Wie das noch genau funktioniert, wird sich bestimmt in den nächsten Wochen und Monaten heraus kristallisieren. Gleich morgen würde ich eine Liste von zumeist unangenehmen Dingen abzuarbeiten haben: Arbeitsamt, Telefonneuanmeldung, Zahnarztbesuch, Krankenkasse und natürlich würde ich mich bei der Garuda Indonesian Airways nach meinem Rucksack erkundigen müssen. Mit großer Wehmut beendete ich meinen großen Singapur- und Australien-Trip. Als ich die ersten Häuser von Buchholz auftauchen sah, kam alles auf, nur keine Freude!

Zum Schluss noch ein paar statistische Daten:
An Fahrtkosten fielen während der 104 Tage DM 86,80; $AUS 1.160,15 (inkl. Automiete); $SGP 11,90 und hfl 106,20 an. In Australien betrug mein durchschnittlicher Tages-Etat $AUS 36.
Die 103 Nächte verbrachte ich 60x in Jugendherbergen, 5x im Backpacker´s, 4x im Hotel, 1x im Motel, 3x in einer Kabine in einem Motorcamp, 4x im Zelt in einem Motorcamp, 6x im Zelt in der freien Natur, 8x in privaten Unterkünften, 3x im Flugzeug, 6x im Bus, 1x im Zug und 2x auf der Lazy G-Ranch.

© Michael Schubert

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