Wenn nur mehr die Pferde rennen
Abermals steht ganz Australien für den Melbourne Cup kurz still
»Wo werden hier denn die Wetten angenommen?«, fragt der junge Mann in Shorts und T-Shirt und blickt etwas ratlos in den Saal des Epping Hotel, eines Pubs in einer Vorstadt im Nordwesten Sydneys. Er ist offensichtlich kein Habitue, und die paar Leute, die in einer Ecke eifrig Wettzettel ausfüllen, können ihm offebar auch nicht weiterhelfen. Doch schon stösst jemand zur Gruppe, der weiss, dass sich das Wettbüro im Haus nebenan befindet. Und dort haben sich vor den drei Schaltern lange Schlangen gebildet. Denn in einer halben Stunde wird der Melbourne Cup gestartet, Australiens berühmtestes Pferderennen. Alle müssen noch schnell ihren Geheimtipp unterbringen, weil ja fast alle im Expressverfahren zu Experten in Sachen Pferdewette geworden sind. Die Zeitungen bringen schliesslich seit Tagen Sonderbeilagen zum Cup, Radio und Fernsehen laufen über mit Prognosen von Fachwelt und Prominenz. Zum Melbourne Cup fiebert und wettet ganz Australien.
Offizieller Feiertag in Victoria
Im Epping Hotel gilt es, sich einen Drink zu beschaffen und gute Sicht auf einen Fernseher zu sichern. Kein Problem, denn mit 37 Bildschirmen lockt man hier die Kundschaft. Die Kneipe ist gestossen voll, mitten an einem Arbeitstag. Am ersten Dienstag im November ist das aber nicht ungewöhnlich; ab Mittag tritt das Geschäftsleben ins zweite Glied. Dann macht sich Australien auf, den Melbourne-Cup-Lunch zu zelebrieren. Die Damen erscheinen in luftiger Frühlingsgarderobe und tragen ihre neuen Hüte zur Schau, sie haben sich seit Wochen auf den Tag gefreut und den Warenhäusern und Modeboutiquen die besten Umsätze ausserhalb des Weihnachtsgeschäfts beschert. Ganz richtig dabei am Melbourne Cup ist man freilich nur in Flemington, auf der Pferderennbahn ausserhalb von Melbourne. Das ist für die Creme von Sydney, seit je im Wettstreit mit Melbourne, die Schattenseite des Events. Zwar bietet sich in Sydney die königliche Rennbahn von Randwick an, die Hüte sind dort mindestens so erlesen, die Kleider ebenso teuer wie im Flemington Park. Doch die Pferde gibt es nur ab Grossleinwand. Heuer bleibt den Sydneysidern wenigstens der Trost, punkto Wetten Melbourne überboten zu haben. 51 Millionen australischer Dollar wurden in New South Wales umgesetzt, knapp ein Viertel des gesamtaustralischen Volumens und vor allem mehr als in Victoria. Obwohl dort, wie spitz bemerkt wird, der ganze Tag zum Wetten zur Verfügung stand.
In Victoria ist der Cup-Day ja ein öffentlicher Feiertag. Der Champagner aber, der fliesst überall ohne Unterschied: in den Restaurants, Klubs oder auch Pärken, wo sich mit vielen Häppchen und tragbarem Fernseher trefflich ein stilvolles Picknick fast wie in Flemington veranstalten lässt. Im Epping Hotel wird es um 15 Uhr 10 ganz still. Der Melbourne Cup ist gestartet, die drei Minuten, derentwegen die Nation den Atem anhält, ticken. Über die 37 Bildschirme jagen 24 edle Rennpferde. In Flemington regnet es in Strömen, draussen vor dem Epping Hotel strahlt die Sonne auf Sydney und Royal Randwick.
Turfgeschichte neu geschrieben
Wo ist Vinnie Roe, der irische Co-Favorit, dessen Trainer Dermot Weld sich erst am Dienstagmorgen für den Start entschied, als ihm der Boden weich genug erschien? Wo ist Grey Song, der Geheimtipp für tiefen Boden? In der ersten Runde liegen lauter Pferde vorne, über die die Auguren kein Wortverloren haben. Doch dann ist plötzlich sie da: Makybe Diva. Die Vorjahressiegerin und jetzige Favoritin. Doch dicht dahinter galoppiert Vinnie Roe. Ohs und Ahs gehen im Epping Hotel durch das Publikum, steigern sich in lautes Kreischen, als es in die Zielgerade des 3.200 m langen Handicaps geht. Makybe Diva legt zu, gewinnt zwei Längen Vorsprung. Vinnie Roe mobilisiert die letzten Reserven und verkürzt auf eine. Doch Makybe Diva streckt sich über die Ziellinie.
Makybe Diva schreibt damit Turfgeschichte. Erstmals seit 29 Jahren hat ein Pferd zwei Austragungen hintereinander gewonnen, erstmals überhaupt gelingt dies einer Stute. Jockey Glen Boss ist von Emotionen überwältigt. Trainer Lee Freedman, der Makybe Diva erst seit Juni betreut, erweist ihrem früheren Trainer alle Reverenz, fügt aber schelmisch-strahlend an: »Es ist mein Sieg«. Und ein Teil des Ruhms fällt auch auf Maureen, Kylie, Belinda, Dianne und Vanessa ab; auf fünf Frauen, die einst im südaustralischen Fischereibetrieb des Besitzers von Makybe Diva, Tony Santic, angestellt waren. Ihnen war die Aufgabe zugefallen, für ein von Santic gezüchtetes Fohlen einen Namen zu finden. Sie kombinierten die je zwei ersten Buchstaben ihrer Vornamen - Makebe Diva war auf der Welt. So entstehen die Namen von Legenden.
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