Melbourne: Liebe auf den zweiten Blick
Die Hauptstadt Victorias stand lange im Schatten der großen Rivalin im Norden, Sydney. Dabei ist Melbourne voller Widersprüche - und verstecktem Charme
Australien beginnt in Sydney, dem glitzernden und aufregenden Fixtern des fünften Kontinents. Die Garden City Melbourne, die kosmopolitische Hauptstadt von Victoria, dem kleinen Bundesstaat am Südzipfel, galt lange Zeit als grau und langweilig. Sie sei von einer reichen viktorianischen Lady zu einer stolzen Vorstadthausfrau mutiert.
Wer will schon nach Melbourne, witzeln Aussie-Komiker. Wo man an einem einzigen Tag alle vier Jahreszeiten erleben kann. Wo man Egon Erwin Kisch, 1934 von der internationalen Anti-Faschismus-Bewegung zum Friedenskongress eingeladen, trotz gültigen Visums die Einreise verweigerte. Der "rasende Reporter" sprang von Bord, brach sich ein Bein, kam ins Krankenhaus und wurde wegen illegaler Einreise zu sechs Monaten Zwangshaft verurteilt. Aber wer heute großzügig über die ausufernde Drei-Millionen-Metropole hinweg sieht, in der man in fast jede Richtung fünfzig Kilometer durch Vororte fährt, kann sich nur wundern: Die Küstenstadt am braunen Yarra River gibt sich multikulturell und avantgardistisch, zugleich aber auch spießig und konservativ.
Der Stadtplan zeigt einen sauber abgezirkelten Raster schnurgerader Straßen: Melbourne entstand auf dem Reißbrett. Das Zentrum besteht aus mehreren Vierteln, jedes mit eigenem Flair und Charakter: Vom Greek Quarter an der Lonsdale Street über "Klein Vietnam" in der Victoria Street und Chinatown bis zum Theaterviertel Little Paris auf der eleganten Collins Street.
Nirgendwo gibt es so viele Restaurants, der Weinbau blüht, und die Bäume lassen alles naiv und ländlich wirken. Auch wenn schon vieles zerstört worden ist an der lange Zeit vielleicht vollständigsten Sammlung spätviktorianischer Architekturstile, hat sich doch manches erhalten, was in der Vergangenheit wertvoll war. Die altehrwürdigen Bauten stehen im scharfen Kontrast zu bizarren, hypermodernen Stahlkonstruktionen mit viel Glas, die auf den Betrachter wie gefrorene Musik wirken.
Sydney hat sich mit seinem Opernhaus ein Wahrzeichen geschaffen. Jüngst bekam auch die Queen City des Südens, im ständigen Wettstreit mit der größeren Schwester, von den Stadtplanern ein neues Herz: den Federation Square, ein Ensemble mehrerer Bauten um einen asymetrischen Platz am Yarra River.
Der neue kulturelle Mittelpunkt der Stadt beherbergt mehrere Museen - eines zeigt einen Querschnitt australischer Kunst von der Kolonialisierung bis in die Gegenwart und bestätigt den französischen Autor Andre Gide: "Man entdeckt keine neuen Welten, ohne den Mut zu haben, bekannte Küsten aus den Augen zu verlieren".
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