Michaels Reisetagebuch: Singapur-Australien - Lebensspuren, gemessen in Milliarden von Jahren

Lebensspuren, gemessen in Milliarden von Jahren

Die 3,4 Milliarden Jahre alten Hügel bei Marble Bar in Westaustralien - sind sie nur bizarre, schöne Gesteinsformationen oder doch Zeugen für das früheste Leben auf unserem Planeten? Die Wissenschaftlerin Abigail Allwood ist überzeugt, das sind Spuren des Lebens!

Vor 4,7 Milliarden Jahren war die Geburtsstunde unserer Sonne und damit auch der Erde: Die das Zentralgestirn umkreisende Materie ballte sich zu Planeten zusammen.

Berechnungen zufolge begann die biologische Evolution auf unserer Erde vor 3,8 Milliarden Jahren. Die Oberflächentemperatur war auf unter 100 Grad abgekühlt, die Meteoriteneinschläge verminderten sich drastisch. Die Voraussetzungen für Leben waren geschaffen.

Immer präziser wollen die Wissenschaftler herausfinden, wann genau das Wunder des Lebens begann. Mindestens vor 3,43 Milliarden Jahren, zu diesem Ergebnis kommt die australische Wissenschaftlerin Abigail Allwood. Sie bezieht sich dabei auf ihre Forschungen in Marble Bar, in der Region Pilbara, im Nordwesten Australiens.

Hier kann man auf den versteinerten Lebensspuren wandern: auf Gestein, das aussieht wie Schichtkuchen, marmoriert in roten Farbtönen (marble heißt Marmor, bar Streifen). Es handelt sich um Stromatolithen, entstanden im seichten Meer, gebildet durch marine Cyanobakterien (früher nannte man sie auch Blaugrünalgen). Stromatolithen sind die ältesten Fossilien. Sie stammen aus dem Präkambrium und sind durch Organismen aufgebaute Strukturen. Die Erzeuger-Bakterien betrieben Photosynthese. So entstand erstmals frei verfügbarer Sauerstoff in der Atmosphäre. Die Voraussetzungen für eine Weiterentwicklung des Lebens waren geschaffen.

Solche Stromatolithen findet man heute noch als lebende Kolonien in der westaustralischen Shark Bay, welche 1991 von der UNESCO zum Welterbe der Menschheit erklärt wurde.

Die Geologin Abigail Allwood von der Macquarie-Universität in Sydney beschäftigt sich seit drei Jahren mit Strelley Pool - so heißen die Hügelrippen bei Marble Bar, die vor über drei Milliarden Jahren als Unterwasserriff im Urozean wuchsen. Sie bedecken eine Fläche von zehn mal zwölf Kilometern. Allwood: "Es ist das älteste zusammenhängende Ökosystem der Welt. Es bietet uns das früheste Bild von Fossilien in ihrer ursprünglichen Umgebung."

Marble Bar als versteinerte Wiege des Lebens ist seit den 1970er Jahren bekannt. Allerdings gab (und gibt) es regelmäßig Zweifler, die in den fadenförmigen Strukturen im Gestein doch nur reine Chemie sehen wollen. Sie vergleichen die Marble Bar-Funde mit jenem Meteoriten, in welchem die NASA-Forscher 1996 glaubten, fossiles Leben gefunden zu haben, das sich dann doch nur als Mineral herausstellte.

Abigail Allwood meint nun, zweifelsfrei nachweisen zu können, dass Organismen in Strelley Pool am Werk waren. "Man findet unterschiedlichste Formen von Stromatolithen. Nur Mikroben -keine mechanischen Prozesse- können eine solche Vielfalt hervorbringen."

Mit diesen Erkenntnissen von Allan und ihrem Forscherteam hat Marble Bar eine neue Attraktion aufzuweisen. Bisher war es lediglich als der heißeste Ort Australiens bekannt. 49,1 Grad wurden hier 1905 gemessen, und die Annalen vermelden für 1923/24 einen Hitzerekord von 160 aufeinander folgenden Tagen mit jeweils Temperaturen von über 37,8 Grad.

Reisende, die einen Abstecher hierher machen, beschreiben Marble Bar durchwegs als Kaff, in dem nicht einmal der kleine Laden geöffnet wäre. Ein Kaff, in welchem wir den Ursprung unseres Lebens finden.

Den Lebensursprung hat in den 1950er Jahren bereits der Chemiestudent Stanley Miller an der Universität von Chicago in einem Aufsehen erregenden Experiment nachzustellen versucht. Mit bescheidener Apparatur von Glaskolben, Röhren, Elektroden, Bunsenbrenner und Kühlsystem fabrizierte er die Ursuppe des Lebens, in welcher ständig elektrische Entladungen stattfanden. Er ließ es köcheln und blitzen. Nach einem Tag begann sich der künstliche Urozean rosa zu färben und war nach einer Woche dunkelrot. Miller: "Wir hatten zwar organische Moleküle erwartet, aber der hohe Gehalt an Aminosäuren war doch eine Überraschung." Aminosäuren sind die Bausteine des Lebens. So könnte, vielleicht, im heutigen Marble Bar vor über 3,43 Milliarden Jahren das Leben entstanden sein.