Schmuckschmiede im Outback
Fast 30 Jahre ist es her, dass Frauke Bolten-Boshammer nach Australien auswanderte. Heute betreibt sie in den Kimberleys das vermutlich abgelegenste Juwelengeschäft der Welt.
Schon als sie noch in Deutschland lebte, träumte Frauke Bolten-Boshammer davon, beruflich etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Dass sie jedoch eines Tages ein exklusives und erfolgreiches Diamantengeschäft am anderen Ende der Welt betreiben würde, hätte sich die gebürtige Flensburgerin wohl nie träumen lassen. Denn eigentlich war sie Anfang der achtziger Jahre mit ihrem Mann nach Australien ausgewandert, um eine Farm zu betreiben.
Als neuen Lebenstraum hatte sich das Ehepaar ausgerechnet eine der am wenigsten besiedelten Gegenden des Kontinents -die Kimberleys im Nordwesten Australiens- ausgesucht. Genauer gesagt: den kleinen Ort Kununurra. "Als wir bei unserer Ankunft am Flughafen in Perth unsere One-Way-Tickets nach Kununurra zeigten, fragte man uns mit einem seltsamen Unterton in der Stimme, ob wir uns das auch gut überlegt hätten", erinnert sich die heute 59-Jährige. Einst als Versorgungsstation für die im kargen Umland weit verstreut liegenden Viehfarmen gegründet, war Kununurra damals nicht viel mehr als eine Oase "in the middle of nowhere". Die klimatischen Bedingungen -Temperaturen bis 45 Grad Celsius, monatelange Dürre und die schwül-tropische Regenzeit- machten den Einwohnern das Leben zusätzlich schwer. Dazu die isolierte Lage: Wer von Kununurra zum Beispiel in die nächste Stadt im Süden fahren will, muss sich einen ganzen Tag lang ins Auto setzen. Oder besser gleich ins Flugzeug steigen, das im Outback ohnehin mit einer Selbstverständlichkeit benutzt wird wie andernorts der Bus. Nach drei Jahren in Australien ereilte Frauke Bolten-Boshammer ein Schicksalsschlag, der ihrem Leben eine völlig neue Wendung gab: Ihr Mann starb bei einem Unfall. Allein mit vier Kindern in einem fremden Land, stand sie nun vor der Wahl, zu bleiben oder nach Deutschland zurückzukehren. Sie entschied sich für den schwierigeren Weg. "Ich lebe nach dem Motto 'Fange niemals an aufzuhören, und höre niemals auf anzufangen'. Aufgeben und in die Heimat zurückkehren wollte ich einfach nicht", erklärt die Deutsche mit Nachdruck.
Frauke Bolten-Boshammer begann schließlich, sich neben der Landwirtschaft mit Schmuckdesign und Diamanten zu beschäftigen. "Ich habe mich immer schon für schöne Dinge interessiert - ob Mode, Möbel oder Schmuck", erzählt sie. Ausschlaggebend für ihre Geschäftsidee, ein eigenes Schmuck- und Diamantengeschäft in Kununurra zu betreiben, war jedoch die räumliche Nähe zu Argyle Diamond, der mittlerweile größten Diamantenmine der Welt. Nur dort werden unter anderem die sehr seltenen rosa Diamanten gefördert, die bei Juwelieren und Schmuckliebhabern weltweit begehrt sind. Doch bis zur Gründung ihres eigenen Unternehmens war es noch ein langer Weg, der viel Pioniergeist und Durchhaltevermögen erforderte. Vor allem stieß die Deutsche bei ihrem Vorhaben zunächst auf große Skepsis in der von Männern dominierten, rauen Welt des australischen Outback. Hier schien kein Platz zu sein für eher weibliche Themen wie Ästhetik und Design. "Damals hätte man hier alles vermutet - nur kein Juwelengeschäft im europäischen Stil", sagt Frauke Bolten-Boshammer und lacht.
Die Auswanderin ließ sich nicht beirren und tat sich mit einer befreundeten Schmuckdesignerin aus Perth, der ebenfalls aus Deutschland stammenden Doris Brinkhaus, zusammen. Die ersten Schritte waren vergleichsweise bescheiden: "Ich habe mit fünf Ketten und ein paar Ringen angefangen, die ich zu Hause auf meiner Veranda oder in den Schaukästen von Geschäften ausgestellt habe." Schritt für Schritt vergrößerte sie ihren Aktionsradius, bis sie schließlich 1991 ihren ersten Laden in Kununurra unter dem Label Kimberleys Fine Diamonds (KFD) eröffnete - zunächst ein "Ein-Frau-Unternehmen": "Ich habe Schmuck entworfen, die Buchhaltung gemacht, mich gleichzeitig über Diamanten weitergebildet und abends den Laden geputzt." Die Resonanz war so gut, dass sie bereits nach kurzer Zeit Mitarbeiter einstellen musste - Verkaufspersonal, Goldschmiede und einen Diamantenexperten.
Heute beschäftigt Kimberley Fine Diamonds zehn Mitarbeiter und ist zu einem der führenden Anbieter von rosa Diamanten in Australien geworden: Die Steine werden -ebenso wie "normale" weiße Diamanten- bereits geschliffen von der Argyle Diamond Mine geliefert und als einzelne Steine weiterverkauft. "Manche Kunden suchen sich bei uns zuerst einen oder mehrere Diamanten aus und lassen dann ihr individuelles Schmuckstück von unseren Goldschmieden entwerfen und anfertigen", so Frauke Bolten-Boshammer.
Inzwischen reisen zwar zunehmend auch ausländische Touristen nach Kanunurra. Doch aufgrund der abgeschiedenen Lage ist die Kundschaft immer noch überwiegend australisch. Eine bestimmte Käuferschicht gibt es dabei nicht: Sie reicht von jung bis alt, von modern bis konservativ. Und es kommen keineswegs nur Superreiche: Ein Stein oder Schmuckstück ist bereits ab einem Preis von 500 Australischen Dollar -also gut € 300- zu haben. Nach oben hin ist die Skala hingegen offen. "Das Teuerste, was wir bislang verkauft haben, war ein Platinring mit einem besonders hochwertigen rosa Diamanten, umrahmt von weißen Diamanten, im Wert von $ 600.000", erzählt Frauke Bolten-Boshammer. Der kostbarste Stein, der über den Ladentisch ging, war ein rosa Diamant von 0,75 Karat für $ 350.000, für den ein Kunde eigens aus Neuseeland anreiste. Bei all dieser Exklusivität und den zum Teil schwindelerregenden Summen ist Frauke Bolten-Boshammer, typisch norddeutsch, auf dem Teppich geblieben. Das merkt auch die Kundschaft: "Auch wenn jemand 'nur' einen Ring für $ 500 kauft, wird er oder sie bei uns intensiv betreut. Schließlich ist das für viele Leute viel Geld". Auch ansonsten geht es im Laden alles andere als steif zu. Die Atmosphäre ist locker und unkonventionell. Die Geschäftsfrau erinnert sich daran, wie etwa im ersten Jahr des Bestehens von Kimberley Fine Diamonds jemand mit seiner kaputten Uhr in den Laden gekommen war. "Obwohl das gar nicht unser Gebiet ist, hat sich der Goldschmied der Sache angenommen und die Uhr tatsächlich reparieren können. Dieser Mann wurde unser erster 'großer' Kunde und ist auch danach immer wiedergekommen", so Frauke Bolten-Boshammer.
Was auf den ersten Blick als Hindernis erschien, die isolierte Lage im Outback, sollte sich im Lauf der Zeit als das Erfolgsgeheimnis von Kimberley Fine Diamonds herausstellen. "In einer Großstadt hätte ich diesen Erfolg wahrscheinlich nicht gehabt. Hier war ich gezwungen zu improvisieren und hatte die Möglichkeit, mir alles selber anzueignen und mich zu entwickeln." Hinzu kommt der inspirierende Einfluss der Umgebung. So kreieren die Goldschmiede vorzugsweise Stücke, in denen sich die erdigen Farbtöne des australischen Outbacks und die charakteristische Landschaft der Kimberleys mit ihren zerklüfteten Felsformationen widerspiegeln. Zum Beispiel durch unregelmäßig geformte Goldnuggets oder champagnerfarbene, fast braun anmutende Diamanten.
Ein ganz besonderes Exemplar im Sortiment ist der sogenannte Bungle Bungle-Armreif. Die Bungle Bungles sind orange-schwarz gestreifte Felskuppeln, die ein Gebiet von rund 45.000 Hektar in der Nähe von Kununurra bedecken und wie riesige Bienenkörbe aussehen. Goldschmied Joe ließ sich von ihnen inspirieren und fertigte einen breiten Armreif aus 18 Karat Weiß-, Rot- und Gelbgold, der die beeindruckende Felslandschaft im Miniformat zeigt: "So etwas verkauft sich nicht unbedingt, aber es wird darüber gesprochen, und jeder fragt, wie er das bloß gemacht hat."
Heute wird rund die Hälfte der Preziosen in der eigenen Manufaktur geschmiedet und der übrige Anteil aus Australien und Europa zugekauft. "In Deutschland ist zurzeit besonders Platinschmuck gefragt, der ja eher eine kühle Schönheit ausstrahlt. Unser Stil ist wärmer und individueller", erklärt Frauke Bolten-Boshammer den Unterschied zwischen dem hauseigenen Schmuck und internationalen Modellen. Juwelen aus dem Hause KFD wurden unlängst auch einem weltweiten Publikum bekannt: Das Unternehmen stattete die australische Finalteilnehmerin von Miss World 2006, Sabrina Houssami, mit einer eigens für diesen Zweck angefertigten Schmuckkollektion im Wert von $ 500.000 aus. Das Herzstück bildete ein Collier aus Weißgold mit zwei Karat rosa Diamanten, umrahmt von 18 Karat weißen Diamanten. Nicht zuletzt solchen Sponsoringaktivitäten -Frauke Bolten-Boshammer arbeitet viel mit lokalen Künstlern zusammen und fördert kulturelle Veranstaltungen- verdankt sie ihren Erfolg. In Australien hat ihr das unlängst eine Nominierung für einen renommierten Business-Award für Frauen und einen Innovation-Award eingebracht.
Ob sie irgendwann einmal wieder nach Deutschland zurückkehren wird? Frauke Bolten-Boshammer schüttelt den Kopf. "Deutschland bleibt zwar immer meine Heimat. Aber Australien ist jetzt mein Zuhause."
Rosa Diamanten: Jennifer Lopez trägt sie, und auch Selma Hayek und Victoria Beckham wurden damit auf Top-Events gesehen: Rosa Diamanten. Sie sind so selten, dass die meisten Menschen sie niemals in den Händen halten dürften. Beim weltgrößten Förderer pinkfarbener Diamanten -der Argyle Diamond-Mine in Westaustralien- beispielsweise kommt von 1 Million Karat Rohdiamanten nur 1 Karat (0,2 Gramm) für eine Weiterverarbeitung zum sogenannten Pink Tender in Frage. So ist es nicht verwunderlich, dass rosa Diamanten bis zu 50-mal so teuer sind wie die weiße Variante. Der größte pinkfarbene Diamant der Welt ist der Darya-I-Nur mit einem Gewicht zwischen 175 und 195 Karat. Genauer lässt sich das nicht feststellen, da der Edelstein seit rund 130 Jahren in ein Arrangement aus weiteren Edelsteinen eingearbeitet ist. Der Darya-I-Nur befindet sich heute im Iran. Elizabeth II. von England schmückt sich ebenfalls mit einem rosa Diamanten: Zu ihrer Hochzeit 1947 bekam sie einen 23-Karäter geschenkt, aus dem die Queen eine Brosche anfertigen ließ.
Die Kimberleys: Im Nordwesten Australiens erstreckt sich das auch heute erst teilweise erschlossene Kimberley-Plateau mit einigen der schönsten Wildnisgebieten Australiens. Mit rund 400.000 Quadratkilometern ist die Region 14-mal so groß wie Belgien. Allerdings leben dort nur rund 20.000 Menschen. Die Landschaft beeindruckt den Besucher vor allem wegen des Wechsels von tief in den rötlichen Fels eingeschnittenen Schluchten und weiter Savanne mit den typischen flaschenhalsförmigen Baobabbäumen. In dieser unwirtlichen Gegend ist aufgrund monsunartiger Regenfälle in der Wet Season eine extensive Viehwirtschaft möglich. Daneben gewinnt auch der Tourismus zunehmend an Bedeutung. Die mit rund 10.000 Einwohnern größte Stadt der Region und das "Tor zu den Kimberleys" ist Broome - zu Beginn des 20. Jahrhunderts das weltweit führende Zentrum der Perlenfischerei. Heute ist Broome ein nach wie vor beschauliches Städtchen, dessen Hauptattraktion der 25 Kilometer lange, traumhaft weiße Cable Beach ist. Von Broome aus lassen sich die landschaftlichen Sehenswürdigkeiten der Region bestens erkunden: Wer auf dem asphaltierten Great Northern Highway nach Norden Richtung Kununurra fährt, kommt zum Beispiel am Windjana Gorge Nationalpark, am Geikie Gorge Nationalpark und am Purnululu Nationalpark vorbei.
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