An Delfinen und Pinguinen vorbei auf dem Highway 1
Traumstrände und Regenwälder zwischen Melbourne und Sydney
Melbourne am Wochenende. Am Strand von St. Kilda wird geplanscht, gesegelt und gesurft. Skater und Biker flitzen die Promenade entlang. Per Tram geht es in zehn Minuten ins Herz der Stadt. Melbourne ist die britischste der australischen Metropolen und Hauptstadt des Staates Victoria. Prächtige viktorianische Architektur wechselt sich ab mit kühnen Wolkenkratzern. Viele Grünanlagen und ein reiches kulturelles Angebot haben Melbourne zu "World's Most Liveable City" gemacht. Doch die liebenswerte Stadt hat mehr als 3 Millionen Einwohner und entsprechend viel Verkehr. Die gelassene australische Fahrweise und eine gute Beschilderung lassen den Reisenden jedoch leicht auf den Highway 1 finden, der in Richtung Südosten als Autobahn M1 ausgebaut ist.
Über Cranbourne geht es auf den küstennahen Bass Highway. In San Remo führt eine filigrane Brücke nach Phillip Island. Die gesamte Insel ist Naturpark. Wanderrouten machen mit Flora und Fauna der Küste vertraut. Delfine spielen in den Wellen, Seelöwen dösen in der Sonne, und ganze Kolonien von Seevögeln nisten auf vorgelagerten Eilanden. Hauptattraktion von Phillip Island aber sind die Pinguine. Am Summerland Beach ist Frack angesagt, wenn die Fairy Penguins zur Parade antreten. Sobald die Nacht angebrochen ist, tauchen sie aus den Wellen auf und marschieren in Hundertschaften über den Strand zu ihren Nistplätzen in den Dünen. Holzstege für die Besucher und ein striktes Fotografierverbot sorgen dafür, dass die Wege der Tiere nicht gestört werden. Auch im Koala Conservation Centre wandelt man auf Stegen, sozusagen im ersten Stock zwischen den Eukalyptusbäumen. An das Kameraklicken haben sich die Tiere längst gewöhnt. Ranger passen allerdings auf, dass niemand einen Koala aus der Astgabel pflückt.
Weiter geht es auf dem Bass Highway durch sanft gewelltes Farmland. Wilsons Promontory, von den Einheimischen zu The Prom verkürzt, nennt sich die schon 1898 zum Nationalpark erklärte Halbinsel. Das 50.000 Hektar grosse Terrain mit Traumstränden und Teebaumwäldern ist der südlichste Punkt des australischen Festlandes. Tidal River ist das Zentrum des Parks. Hier konzentriert sich die gesamte Infrastruktur. Tankstelle, Cafeteria, Campingplatz, Cottages zum Mieten und das Informationsbüro. Zahllose Wanderrouten führen durch den Park. Vom behindertengerechten Spazierweg bis zu anspruchsvollen Mehrtagestouren sind die Möglichkeiten fast unbegrenzt. Nahe Tidal River erhebt sich der Mount Oberon. Zwischen gigantischen Baumfarnen führt der Weg zum Gipfel. Der Blick über die Küstenlinie ist überwältigend. Grellweisse und rosagelbe Sandstrände werden von felsigen Klippen eingerahmt. Auf dem Küsten-Trail geht es zur Little Oberon Bay. Glasklar ist das Wasser der feinsandigen Bucht, und ein Bad im eiskalten Pazifik ist der Lohn für das Wandern in der Gluthitze.
Ein Muss ist der mit roten Findlingen dekorierte Squeaky Beach. Kugelrund sind hier die Sandkörner aus reinem Quarz, beim Gehen quietscht der Strand daher unter den Füssen. Der Lilly Pilly Gully Walk führt unweit des Mount Bishop tief in den Regenwald. Blau-rot gemusterte Rosellas und grellbunte Papageien flattern durch die Baumkronen, Kängurus und Wallabys kreuzen den Pfad. Über Yanakie geht es zum South Gippsland Highway. Spätestens bei Longford sollte man einen Abstecher zur Küste einplanen. Ninety Mile Beach ist der längste Strand Australiens. Bei Sale trifft die Strasse wieder auf den Highway 1. In weitem Bogen umschlingt er den Lake Wellington, um bei Lakes Entrance wieder an den Ozean vorzustossen. Kurz bevor die Strasse in Kurven hinunter zur Küste schwingt, öffnet sich ein Panorama, das zu den schönsten Wasserlandschaften gehört. Ein schmaler Durchstich verbindet die Tasmanische See mit den dahinter liegenden Tümpeln und Sümpfen. - Lakes Entrance ist ein Paradies für Wasservögel, Fische und Amphibien. Goldgelb leuchten die Sandbänke zwischen türkis schimmernden Lagunen mit ihren Pelikanen.
East Gippsland verblüfft mit landschaftlichen Kontrasten. Unweit der Strände liegen Gebirgslandschaften, etwa der durch Buch und Film berühmt gewordene Snowy River mit gleichnamigem Nationalpark. Die gesamte Küste bis zur Grenze zwischen den Staaten Victoria und New South Wales ist ein einziges Naturparadies. Cape Conran Coastal Park wird abgelöst vom Croajingolong National Park. Tagelang kann man hier auf einsamen Trails unterwegs sein. Besiedelt ist allein die tief eingeschnittene Bucht von Mallacoota mit Bilderbuchbuchten, Fischrestaurants und Unterkünften aller Art. Eine australische Sommerfrische ist jedoch nicht mit einem europäischen Ferienort zu verwechseln. Down under pflegt man einen Strand, der von mehr als einem Dutzend Badegästen besucht wird, als überlaufen zu bezeichnen. In einem solchen Fall ergeben sich zwei Möglichkeiten. Entweder man fährt weiter zur nächsten einsamen Bucht oder macht freundliche Bekanntschaft mit den Strandnachbarn. Kontaktfreudig geben sich auch die "Haustiere" des Quartiers in Gipsy Point unweit von Mallacoota. Fünf Dutzend Kängurus kauen zum Greifen nah in der Dämmerung den Rasen ab. Am Morgen schwirren Papageien in Scharen über den Pool und auf dem Bootssteg sonnt sich ein Goanna, eine knapp zwei Meter lange Riesenechse.
In New South Wales wird die Landschaft hügeliger. Eukalyptusbäume säumen den Highway 1. Immer wieder zweigen Routen in Richtung Ozean ab, die als Tourist Drive ausgewiesen sind und zu den schönsten Stränden führen. Sapphire Coast heisst die hiesige Küste und wird ihrem Namen gerecht. In strahlendem Blau brandet der Pazifik an den Kontinent. Auch in New South Wales reihen sich Nationalparks mit unberührter Natur entlang des Ozeans. Die grosse Überlandstrasse zieht sich dagegen durchs grüne Hinterland. Princess Highway nennt sie sich inzwischen. Noblesse oblige, die Fahrt ist ein Genuss. Die Landschaft erinnert an grüne Alpen. Kleine Dörfer mit nostalgischem Charme wie Tilba Tilba verführen zu Schlenkern nach links und rechts.
Auch in der Jervis Bay und im angrenzenden Booderee National Park reihen sich die Traumstrände. Hyams Beach hat den weissesten Sand zu bieten. Das Ökohotel mit Zelten im afrikanischen Lodge-Stil liegt tief im Wald. Beim Dinner leisten genäschige Opossums Gesellschaft und im Gumtree gegenüber halten die Sugar Glider ihre nächtlichen Flugübungen ab. Kiama lockt mit einem Bad in seinen Naturschwimmbädern und dem "Blasloch" (Blowhole), denn bis zu 60 Meter hoch schiesst hier der Ozean durch ein Felsloch. Kurz vor Sydney ergibt sich ein Traumblick über die südlich gelegene Illawarra Coast. "Schönes Land am Meer" bedeutet der aus der Aborigines-Sprache stammende Name der Küste.
Dann liegt Sydney voraus. Eigentlich müsste man mit dem Schiff ankommen, vorbeiziehen am legendären Opera House und eine Ehrenrunde durch den eleganten Darling Harbour drehen. Stattdessen rollt man über den Freeway nach Downtown. Zum Sonnenuntergang lässt sich die maritime Annäherung mit einer Hafenrundfahrt nachholen, kleine Hommage an den Pazifik und die schönste Küstenstadt.
Beste Reisezeit ist der australische Sommer (November bis März).
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