Michaels Reisetagebuch: Singapur-Australien - Der Schnabel der Welt: Hamilton Island

Der Schnabel der Welt

Hamilton Island

"Willkommen im Paradies", sagt der Pilot in der Gewissheit, dass fast nur Touristen an Bord sind. Es gibt wenig andere Gründe, von Sydney nach Hamilton Island zu fliegen. Die kleine Insel wäre wohl kaum besiedelt, läge sie nicht mitten im Great Barrier Reef auf der Höhe von Queensland im Nordosten von Australien. So aber lebt sie sehr gut von Wassersport- und Strandurlaubern, und die Einheimischen wundern sich, wenn man zugeben muss, dass kaum jemand in Europa auch nur den Namen kennt. Nach dem, was man aus der Luft sieht, ist das allerdings ein Versäumnis. Das Meer hat hier jene azurblaue Farbe, die einem das Gefühl gibt, das Wasser sei warm. Die Insel selbst zeigt alle Schattierungen von Grün, die man in dem Ocker des nahen Festlandes vermisste.

Aber so freundlich die Flora auch aus der Nähe ist, in Erinnerung bleibt doch vor allem die Fauna in der Gestalt ihres wichtigsten Vertreters: des Gelbhaubenkakadus. Vor langer Zeit wurden die unterarmgroßen Vögel aus dem Süden Australiens eingeschleppt. Seitdem breiten sie sich aus wie Tauben in Venedig. Sie sind die wahren Herren der Insel, und allerorten wird ihnen gehuldigt.

Im Hotel zeigt das Gemälde über dem Bett drei Kakadus in würdevoller Haltung. Auf dem Tisch steht ein Schild, das dazu rät, Abstand von den Tieren zu halten: "Wenn Polly einen Kräcker wollte, würde er danach fragen." Was hat das zu suchen im neunzehnten Stock? Der Reisende zuckt die Schultern und macht sich daran, mit seinem Strandwägelchen, dem Hauptverkehrsmittel auf Hamilton Island, die Umgebung zu erkunden.

Im kleinen Zoo läuft gerade eine Vorführung mit Kakadus. Sie beweisen beim Hütchenspiel, dass ihre Auffassungsgabe viel rascher ist, als die eines Menschen. Und nicht nur das. "Die werden dich wahrscheinlich überleben", erzählt die Dresseurin gut gelaunt und dem keineswegs greisen Publikum. Für den Hütchenspieler gilt das vielleicht nicht, der ist bereits Mitte Siebzig. Aber Roger, mit seinen vierundzwanzig Jahren der Junior, hat da durchaus eine Chance. Er stammt aus deutschem Besitz und kann "Schmeckt gut" sagen. Er kann auch ganz ohne Training der Dresseurin die Sonnenbrille vom Kopf zupfen und ein Loch in das Glas hacken. Sie hat Ersatz dabei; so etwas passiert öfter: "Stehlen und Zerstören sind ihre Lieblingsbeschäftigungen."

Die wilden Kakadus, die den Zoo nur besuchen, um Futter zu schnorren, schauen den Kunststückchen ihrer Artgenossen mäßig interessiert zu. Sie waren es wohl auch, die den Strandwagen mitsamt dem dort liegengelassenen Rucksack für eine weniger eindrucksvolle Vorführung nutzten.

Als der Reisende zurück ins Hotel fährt, um den Mist abzuwaschen, erwartet ihn dort ein Anblick wie von einer Scherzpostkarte. Im Zimmer herrscht Chaos.

Vor dem Schild, das das Füttern der Vögel verbietet, sitzt ein Kakadu und verspeist einen Schokoladenriegel, den er in den Tiefen der Reisetasche entdeckt hat. Er pickt noch einmal herzhaft hinein und flieht dann durch das Loch, das er zuvor in das Moskitonetz genagt haben muss, mit der kontrollierten Eile des geübten Einbrechers, der weiß, dass Opfer, die ihn überraschen, immer noch überraschter sind als er.

Der Reisende wirft einen Blick über die Brüstung und entdeckt auf den Balkons ringsum Hunderte von Kakadus, die dort hocken und lauern wie bei Hitchcock die Krähen. "Sie kennen gut und böse", hat die Dresseurin gesagt; und offenkundig haben sie ihre Wahl getroffen. Zugegeben, für ein verlorenes Paradies ist Hamilton Island sehr gastfreundlich. Aber wenn die Schöpfungsgeschichte dort geschrieben worden wäre, fänden wir anstelle der Schlange zweifellos einen Kakadu.

Die Insel liegt vor der Küste Queenslands an der Spitze des Great Barrier Reefs, inmitten der 74 Whitsunday Islands. Sie verfügt über den einzigen kommerziellen Flughafen der Inselkette.