In einem Zug
Kamele, Giftschlangen, Kängurus, Wasserbüffel, Krokodile: Wer mit der Eisenbahn durch Australien reist, trfft häufiger auf Tiere als auf Menschen
Einmal hält der Zug an, weil weiter vorne Kamele auf den Gleisen stehen, und die Passagiere dürfen aussteigen. Viele laufen ein paar Meter hinaus in die Wüste, eher zögernd, fast zaghaft, als trauten sie der Leere nicht ganz. Da stehen sie dann in der Sonne, schauen nach links und nach rechts und immer wieder zu den anderen, als müssten sie alle zehn Sekunden nachprüfen, dass sie nicht allein sind hier draußen. Sie machen Witze oder flapsige Bemerkungen über Giftschlangen und eisgekühltes Bier, heben Steine auf oder ziehen mit dem Schuh Linien in den roten Sand. Dann werden sie stiller, und nach ein paar Minuten redet niemand mehr. Jeder ist ein paar Schritte weg von den anderen, ganz unbewusst, es ist, als habe jeder drinnen in sich selbst etwas entdeckt, dem er jetzt nachforschen muss. Über dem Land liegt eine drückende Stille. Stille, die in endlosen Weiten manchmal entsteht, wenn es so heiß ist, dass jeder Vogel und jedes Insekt zu müde ist, um auch nur das kleinste Geräusch von sich zu geben. In einer solchen Stille hört man dann nur noch die Stimmen in einem selbst. Das Outback macht so etwas mit einem. Was eine schöne Erfahrung ist, wenn der klimatisierte Zug lediglich zwei Fußminuten entfernt ist. Sonst wohl eher nicht.
Der Zug ist der Ghan. Oder, in der Sprache seiner Betreibergesellschaft: The Legendary Ghan. Das Legendäre bezieht sich dabei keineswegs auf überbordenden Luxus oder prächtige Ausstattung, schließlich sind wir in Australien, da legt man auf Origami-Gefalte am Ende der Klopapierrolle oder Schokoherzen-Betthupferl auf dem Kopfkissen eher weniger wert, weswegen der Ghan zwar ein bequememer Zug, aber kein australischer Orient Express ist. Legendär ist der Ghan schließlich deshalb, weil es lange, lange Jahrzehnte nicht danach aussah, als könnten die Australier eine Eisenbahnstrecke quer über ihren Kontinent verlegen. Eine Trasse von Adelaide hinauf ins tropische Darwin nämlich musste durch Zentralaustralien geführt werden, und das war und das ist das älteste, trockenste, heißeste, staubigste und gottverlassenste Stück Erde auf Erden. Männer verfielen dem Wahn, Pferde verdursteten, ganze Expeditionen verschwanden im Nichts. Bis man 1860 dann 34 afghanische Kamelreiter mit 70 Tieren ins Land holte. Die schafften, woran alle anderen vor ihnen gescheitert waren: Sie versorgten die Bautrupps in der Wüste mit Lebensmitteln. Die Australier bedankten sich, indem sie den ersten Passagierzug nach eben diesen Afghanen benannten. Weil in der Hitze hier draußen jede überflüssige Silbe weggelassen wird, wurde aus dem Afghan dann irgendwann der Ghan. Und weil sich die Kamele offensichtlich ziemlich wohl fühlten, kauen mittlerweile hunderttausend von ihnen am Spinifex des Red Center. Wenn sie sich nicht gerade zum Verdauen auf die Gleise legen.
Ein Blick auf die Landkarte: Da sind wir also. Mittendrin. Das australische Outback umfasst -salopp gesagt- ganz Australien, wenn man den Ring aus Städten einmal übersieht, den sie entlang der Küste angelegt haben. Beinahe der komplette Rest des Landes ist eine alttestamentarische Leere jenseits von Gut und Böse und von einer Endlosigkeit, die den meisten Einheimischen Angst einflößt: zu heiß, zu groß, zu gewaltig. Wenn man einem Australier in Sydney oder Melbourne mitteilt, man wolle ins Outback, wird der einem sehr viele Gründe aufzählen, weshalb man besser in der Stadt bleiben solle. Und noch mehr Gründe, weshalb er selbst noch nie dort war und auch nie dort hinmöchte, am Sonntag ist ja auch immer Rugby. No, thank you very much. Darüber kann man dann mal nachdenken, während draußen geisterweiße Eukalyptusbäume in einer karmesinroten Unendlichkeit vorbeiziehen. Abgebrannte Spinifex-Gräser, schwarze Aschehaufen, aus denen neues Grün sprießt. Und Termitenhügel, tausende aus dem Steppengras ragende Miniaturwolkenkratzer. Hin und wieder hopst ein Känguru neben dem Zug. Sieht aus, als habe es Sprungfedern unter den Füßen.
Mittags zuckelt der Ghan in Alice Springs ein (Foto), dem Ziel der ersten Etappe. Fast alle Passagiere unterbrechen ihre transkontinentale Reise hier, schließlich liegt Australiens Sehenswürdigkeit Nummer eins wie ein vom Himmel gefallener Riesen-Brotlaib in der Nähe (beziehungsweise 450 Kilometer entfernt in der Wüste, aber das ist für Australier das Gleiche). Aber Achtung! An dieser Stelle jetzt bitte nicht wissend nicken und Ayers Rock murmeln - den gibt es offiziell nicht mehr. Der größte Monolith des Planeten heißt offiziell Uluru. Nennt man ihn so, zeigt man Respekt vor den australischen Ureinwohnern, die ihren heiligen Felsen verständlicherweise nicht nach einem südaustralischen Premierminister benannt haben wollen. Und noch mehr Respekt zeigt man, wenn man nicht hochkraxelt auf den Uluru, was aber trotzdem beinahe tausend Besucher täglich tun. Merkwürdigerweise lässt die Verwaltung der Uluru-Kata Tjuta National Park World Heritage Area sie dabei gewähren. Und warum Ayers Rock Resort, Übernachtungs- und Versorgungsstation für eine halbe Million Besucher jährlich, weiterhin Ayers Rock Resort heißen darf und nicht längst Uluru Resort genannt wird, soll einem auch erst mal einer erklären.
Ansonsten kann man zum Uluru eigentlich nichts weiter anmerken. Ist ja schon alles gesagt. Groß, geheimnisvoll, überwältigend - stimmt alles. Und nicht zu beschreiben. Das fällt einem selbst bei den benachbarten Kata Tjutas schwer (die früher Olgas hießen), die von weitem aussehen wie durcheinandergepurzelte Murmeln in XL. Hinter ihnen führt die Outback-Sonne gerade ein Spektakel auf, als ginge sie heute zum allerletzten Mal unter und müsste noch mal zeigen, was sie kann. IM CD-Player des Mietwagens läuft Peter Gabriels Long Walk Home - Soundtrack. Wenn man das Fenster öffnet und den Kopf hinaushält, glaubt man, man stecke ihn in einen Ofen.
Drei Tage später: Da sind wir wieder in unseren Kabinen. Und am Fenster, 1.420 Streckenkilometer Northern Territory anschauen. Das NT (wie es von den Einheimischen liebevoll genannt wird) ist 1.350.000 Quadratkilometer oder 16-mal so groß wie Österreich; trotzdem lebt hier nur gerade mal ein Prozent der australischen Bevölkerung. Natürlich sind auf der Zugkarte Siedlungen eingezeichnet, die meisten am Stuart Highway, aber darauf -und das ist jetzt eine Warnung an alle Auto fahrenden Australien-Novizen!- sollte man besser nicht hereinfallen. Die meisten Orte in diesem Teil der Welt bestehen nämlich nur aus einer Handvoll Häusern, die sich irgendwann einer Staubpiste in den Weg gelagert haben - und seitdem darauf warten, dass das übrige Australien nachkommt. Was bekanntlich noch nicht geschehen ist. Deswegen haben Orte wie Elliott oder Newcastle Waters meist auch nur zwischen 14 und 37 Einwohner, eine Kneipe, eine Tankstelle und beeindruckende Wegweiser am Kreuzungsausgang. Auf denen steht dann etwa "Sydney: 4.088 km" oder "Achtung: Keine Tankmöglichkeit auf den nächsten 1.116 km". Wenn der Ghan sein Tempo drosselt, kann man nicht nur diese Schilder erspähen, sondern mit etwas Glück auch andere Outback-Einwohner. Goanas, die wie kleine Saurier aussehen. Und Schlangen, so dick wie ein Unterarm. Da ist man dann doch froh, dass man in seinem sicheren Abteil sitzt.
Gegen nervöse Gefühle dieser Art hat der Australier übrigens ein probates Mittel kultiviert: Er betont die Größe und Gefährlichkeit des Outbacks und seiner tierischen Bewohner so lange, bis die Realität angesichts dieser nackenhaarsträubenden Thekenvisionen zur vernachlässigbaren Kleinigkeit niedergeschrumpelt ist, der man furchtlos gegenüber treten kann. Besonders gut eignen sich dafür Schlangen ("Mitten über den Highway! War so fett und lang, dass ich es für eine falsch verlegte Pipeline gehalten habe, das Biest!"); dicht gefolgt vom Wasserbüffel ("Wenn ich nicht die Bremsen durchs Blech getreten hätte ..."). Und die Krokodile erst. Erzähle einer was von einer beinahe tödlichen Begegnung mit einem sechs Meter langen Salzwasserkrokodil - ein komplettes Roadhouse wird in Ehrfurcht erstarren, bevor wild tätowierte Arme zerdellte Bierdosen zu lautstarken "You bloody bloke, you!"-Prositrufen liften. Und wo man gerade bei solchen Größenordnungen ist, passt es ganz gut, dass das Roadhouse-Publikum anschließend draußen in Trucks steigt, die alles, was man aus Europa und den USA kennt, wie Matchbox-Autos erscheinen lassen.
Und dann ist der Ghan am nächsten Tag in Darwin. Das ist Australiens Frontier Town, so weit weg vom Rest des Landes, dass man Darwin möglicherweise schon vergessen hätte, wenn es nicht das Eingangstor zu einem der faszinierendsten Flecken Natur wäre. Für viele ist der Kakadu-Nationalpark das schönste Stück des Kontinents. Vielleicht, weil er so ist, wie wir uns Australien vorstellen, wenn wir nicht gerade an den Uluru denken. Vielleicht aber auch, weil einem auch hier schlagartig bewusst wird, wie klein ein Mensch in diesen Naturweiten ist. Kakadu ist gigantische 20.000 Quadratkilometer groß, und natürlich kann man hier Tage unterwegs sein und sieht trotzdem immer nur kleine Ausschnitte. Die Felsgalerien bei Ubirr, wo die ersten Einwohner des Landes die Tiere ihrer Heimat abgebildet haben (vielleicht, um dem Nachwuchs zu zeigen, was essbar ist und um was man besser einen Bogen macht). Die Jim Jim- und die Twin-Falls, die man über Rumpelpisten mit dem Geländewagen erreicht. Und die Yellow Waters-Lagune, auf deren Wasser morgens Millionen Vögel wach werden. Viele Leute haben übrigens ganz seltsame Dejavu-Gefühle im Kakadu-Nationalpark. Als seien sie schon mal hier gewesen. In ihren Träumen. Oder Erinnerungen. Die meisten spülen so was abends an der Bar des krokodilförmigen Gagudju Crocodile Holiday Inn in Jabiru mit Bier herunter. Ein paar nehmen diese Gedanken mit nach Hause.
Wie auch immer die weitere Australien-Reise aussehen mag: Von Kakadu muss man auf jeden Fall wieder zurück nach Darwin - die einzige andere Route ist eine schlimme Piste, die auf 750 Kilometern bis Nhulunbuy an der Nordostküste kriecht, von dort kommt man aber nirgendwohin. Wer will, kann sich jetzt ein Auto mieten und die 2.979 Kilometer quer durch den Kontinent zurück nach Adelaide angehen. Man kann aber auch einen Flieger nehmen. Oder den Ghan. Der fährt die gleiche Strecke nämlich auch zurück.
Zusätzliche Informationen:
The Ghan: Mit dem Zug The Ghan kann man sonntags und mittwochs von Adelaide nach Darwin fahren und dienstags und samstags in umgekehrter Richtung. Die Fahrt dauert 47 Stunden. Aussteige- und Ausflugsmöglichkeiten gibt es in Alice Springs und an der Katherine Gorge. Auch Autos kann der Zug mitnehmen.
Adelaide: ... ist eine nette, lockere australische Großstadt mit vielen Restaurants, Geschäften und Cafes. Wer ein paar Tage mehr Zeit hat, kann mit der Fähre nach Kangaroo Island fahren, einem Tierparadies vor der Haustür der Stadt. Und ein Tagesausflug zu den berühmten Weingütern in Barossa Valley ist sowieso ein Muss.
Alice Springs/Uluru: Für den Abstecher ins Red Center auf jeden Fall den Mietwagen im Voraus reservieren. Und, noch wichtiger: Das Hotelzimmer im Ayers Rock Resort! Nichts ist ärgerlicher, als abends nach Alice Springs zurückfahren zu müssen, weil sämtliche Hotels ausgebucht sind. Von Alice Springs sind es über den Stuart- und den Lasseter Highway 443 asphaltierte Straßenkilometer zum Ayers Rock Resort. Egal, wann man kommt und wie lange man bleibt. der Uluru wird einem in den Bann ziehen. Das liegt daran, dass der Fels ständig die Farbe wechselt, je nach Tageszeit. Am schönsten leuchtet er bei Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Vielleicht kommt die Faszination aber auch ein wenig daher, dass ein Ort, der seit Jahrtausenden von Menschen verehrt wird, eine besondere Ausstrahlung besitzt. Zum Einstieg empfehlenswert ist ein Besuch des Cultural Center. Ein weiteres Muss ist der morgendliche Spaziergang mit einem Ranger des Nationalparks (Ranger Guided Walk). Für Besucher, die lieber auf eigene Faust losziehen, gibt es mehrere ausgeschilderte Routen am Fuße des Berges. Für die zehn Kilometer lange Umrundung sollte man etwa vier Stunden veranschlagen. Bei allen Aktivitäten im Freien absolut notwendig sind Sonnenschutz, Kopfbedeckung und genügend Wasser - pro Wanderstunde sollte man einen Liter trinken. Die hier lebenden Anangu haben The Climb, die berühmteste Touristenattraktion am Uluru nicht geschlossen. Sie dulden die Besteigung des Berges zwar, appellieren aber an die Besucher, aus Respekt vor ihrer Kultur auf eine Klettertour zu verzichten. Durch Hitze und Überanstrengung kommen jedes Jahr mehrere "Bergsteiger" ums Leben. Am Fuße des Uluru sind mehrere heilige Stätten besonders gekennzeichnet, die nicht fotografiert werden dürfen. Bei Zuwiderhandlung drohen hohe Geldstrafen.
Darwin: ... ist eines von Australiens Backpacker-Mekkas: Viele junge Leute, viele Kneipen, lange und laute Nächte. Die Stadt selbst weist nicht viel Sehenswertes auf; die Umgebung dafür umso mehr. Zahlreiche Agenturen bieten Ausflüge zur Katherine Gorge oder in den Litchfield-Nationalpark an. In Darwin gibt es Hotels in jeder Preisklasse.
Kakadu Nationalpark: Ein Highlight jeder Australienreise ist ein Abstecher in den Kakadu-Nationalpark, für den man mindestens zwei, besser drei Tage einplanen sollte. Jede Reiseagentur in Darwin hat Touren unterschiedlichen Zuschnitts im Programm. Wer mit dem Mietwagen auf eigene Faust fährt, sollte sich in der nassen Jahreszeit (The Wet, November bis April) vor Fahrtantritt unbedingt nach den Straßenverhältnissen erkundigen. Mit dem Auto ist man in knapp drei Stunden da - und in einer anderen Welt. Es gibt hier Ecken und Momente, da glaubt man sich an den Anbeginn aller Zeiten zurückversetzt. Ob man an geführten Walks mit den Parkrangern teilnimmt, zum Sonnenaufgang mit einer Motorboottour die Wetlands erkundet oder über Rumpelpisten zu den Wasserfällen des Parks fährt: Kakadu wird einen nicht unberührt lassen. Wer als sein eigener Herr im Kakadu-Nationalpark unterwegs ist, übernachtet am besten im Gagudju Crocodile Holiday Inn; das Gebäude hat die Form eines gewaltigen Krokodils.
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