Michaels Reisetagebuch: Singapur-Australien - Australien fährt Asiens Wirtschaftswunder entgegen

Australien fährt Asiens Wirtschaftswunder entgegen

Ein Zug durch die Wüste soll Australiens Wirtschaft anheizen. Und ein kleines Nest im Norden wähnt sich schon als Boomtown.

Immer donnerstags ist die Welt in Darwin so, wie Gott sie einst erdacht hat. Dann herrschen hier, hoch oben im Norden Australiens, für ein paar Stunden Friede und Eintracht, mischen sich Völker und Hautfarben. Kim aus Japan verkauft seinen Kohl neben dem Australier Mick, der zum Vergnügen der Kinder seine Krokodilleder-Peitsche knallen läßt. Es gibt Pizza und Sushi, Döner und Sate-Spieße. Immer donnerstags, wenn die Sonne untergeht, strömen Tausende auf den Mindil Beach Sunset Market am Strand des Küstenstädtchens. Hippies und Geschäftsleute, asiatische und hellhäutige Gesichter, die eingeborenen Aborigines, Touristen und die Jünger der Land-Kommunen - alle verschmelzen zu einer Masse, die schiebt und guckt und kauft.

Asien und Australien - hier sind sie zusammengewachsen. Zwischen den Ständen mit Bumerangs und Perlenschmuck, Holzspielzeug und Fruchtsäften hat Jane Munday Stellwände aufgebaut. Davor steht sie und erklärt den Bürgern der Stadt die Zukunft: Die Architekturzeichnungen auf den Wänden künden von Darwins Evolution. Von einem Darwin, das Australiens Tor zu Asien wird. Ein Tor zu neuen Märkten , Wohlstand und Fortschritt.

Das Northern Territory, Australiens Nordland, war immer Grenzgebiet - näher an Asien gelegen als an den australischen Metropolen Sydney oder Melbourne im Südosten des Landes. In der Hauptstadt Darwin leben Menschen aus 130 Nationen, werden mehr als 60 Sprachen gesprochen.

"Schau dich doch nur um - bei uns duftet es wie in Asien, die Luft ist genauso sanft", sagt Clare Martin. Sie war Fernsehjournalistin. Heute ist sie Verwaltungschefin des Northern Territory, Spitzenfrau in einer Gegend, die der Rest Australiens als letzte Domäne männlichen Abenteurertums betrachtet. Martin will das Land, das viermal so groß ist wie Deutschland, aber nur so viele Einwohner wie Mainz hat, auf eine neue Entwicklungsstufe führen.

Nie waren die Bedingungen dafür so gut wie heute. Denn nun erhält Nordaustralien gleich eine doppelte Nabelschnur - und beide binden das Land an Asien. Aus Richtung Norden wird bald Gas nach Darwin strömen. Zugleich verknüpft seit Januar 2004 eine 3.000 Kilometer lange Eisenbahnstrecke Darwin mit den Metropolen im Speckgürtel Australiens.

Erdgas-Rohre und Gleise sollen aus Darwin die Pforte nach Asien machen, Drehscheibe und Umschlagplatz. Schon heute gehen mehr als die Hälfte aller Ausfuhren aus dem Northern Territory nach Fernost, das hier so nah ist. "Man muss kein Genie sein, um für Darwin eine Zukunft heraufziehen zu sehen, die von einer völlig neuen Ära wirtschaftlicher Chancen bestimmt ist", sagt Martin.

Für Australien besitzt die Entwicklung Darwins Symbolkraft: Denn der Kontinent hat nicht länger Europa oder Amerika als Partner im Visier, sondert wendet sich Asien zu. Die Gaspipeline war erst möglich, nachdem das frühere indonesische Osttimor zum selbständigen Timor Leste wurde. Das ist nun auf die Ausbeutung seiner Gas-Vorkommen dringend angewiesen, um überleben zu können. Darwin wird die Raffinerie erhalten, die den Rohstoff verarbeitet - ein 3-Milliarden-Euro-Projekt. "Das Geld ist gut investiert. Und bald werden auch unsere Energiepreise fallen", hofft Bruce Fadelli, Präsident von Darwins Handelskammer. Noch liegen sie fast doppelt so hoch wie im industriellen Kernland um Melbourne und Sydney.

Spektakulärer als die Raffinerie ist der Schienenstrang. Um ihn wurde jahrzehntelang erbittert gerungen. Er ist das ehrgeizigste Infrastrukturprojekt, das Australien sich verschrieben hat. Und sein ältestes. Schon 1858 wies der Melbourner Kaufmann Robertson auf die Vorteile einer Zugverbindung von Süd nach Nord hin. Nur so sei der abgeschiedene Norden der terra australis zu entwickeln. Das tut not: Die Siedlerin Harriet Daly, die 1870 Port Darwin erreichte, klagte später: "Kann es denn wahr sein, dass der ganze Deutsch-Französische Krieg vorüber ist, bevor wir hier überhaupt davon gehört haben, dass ein Krieg droht?" Die Transportmittel der Missionare, Goldsucher und Abenteurer jener Jahre waren die eigenen Füße, Pferde und Kamele. 1872 wurde die erste Überlandleitung gelegt, die Australien via Darwin mit dem Rest der Welt verband. Als das Kabel nach Java Australiens Küste bei Darwin erreichte, hatte die Stadt ihre Rolle gefunden. Darwin war zum erstenmal Australiens Tor zur alten Welt.

Darauf berufen sich die Menschen hier noch heute. Um die Zugverbindung führten sie Prozesse, warben, bettelten. Und sandten -zu früh- eine Kiste Champagner an den Ministerpräsidenten nach Canberra, der die Verbindung für das Jahr 1988 zusagte. 1926 war die Zugstrecke zwischen Adelaide und Alice Springs in der Mitte des Landes vollendet worden. Wer von dort 1.420 Kilometer weiter nach Darwin wollte, musste früher noch Flugzeug oder Straße wählen. Nun aber wurde aus der "Never Never Line" doch noch eine Eisenbahn. Am 15. Januar 2004 ging der erste Frachtzug von Adelaide aus auf die 48stündige Reise. 800.000 Tonnen Früchte, Bodenschätze, Vieh und Rüstungsgüter sollen jährlich befördert werden. 480 Millionen australische Dollar für das Projekt stammen aus öffentlichen Kassen, den Rest der 1,3 Milliarden Dollar schweren Investition trägt ein privates Konsortium. Dies wird die Linie 50 Jahre betreiben, bevor sie an den Staat fällt. Täglich tritt ein Zug von 1,6 Kilometer Länge, doppelstöckig mit Containern beladen, die 3.000 Kilometer lange Reise an.

Ob sich das rechnet? "Niemand braucht diese Bahnstrecke. Sie wird einen Profit abwerfen, der ist kleiner als ein Fliegenschiß", sagt Chris Corrigan. Mit seiner Patrick Corp. ist er einer der führenden Logistikanbieter Australiens. Er betreibt Häfen im Süden des Landes, denen Darwin dank der Anbindung eines Tages Konkurrenz machen könnte. Kein Wunder, dass Corrigan Sprachrohr der Bahngegner ist. "Ihre Millionen sollte die Regierung lieber einsetzen, um die vorhandenen Bahnen wirtschaftlicher zu machen", schimpft er.

In Darwin findet Corrigan kein Gehör. "Es ist doch oft so: Niemand glaubt an den Erfolg, bis so ein Großprojekt wirklich vollendet ist. Und dann finden es alle nützlich", sagt Fadelli. Zumal es nicht beim Frachttransport bleiben soll. Am 1. Februar 2004 wird der Ghan Adelaide verlassen, und zwei Tage später den Norden erreichen. Seinen Spitznamen erhielt der historische Touristenzug dank der Afghanen, die einst mit ihren Kamelen den Fernverkehr im australischen Hinterland betrieben. Billig ist die Reise nicht: 1.740 Dollar kostet die Passage in der Old Kangaroo-Klasse. Erreichen die betuchten Reisenden dann Darwin, werden sie vergeblich nach einem Fünf-Sterne-Hotel suchen. Noch. Denn auf den Tafeln, die Jane Munday auf dem Markt zeigt, ist ein neuer Hafen skizziert. Ein Kongreßzentrum, Hotels und Restaurants werden aus dem Boden gestampft. Die Evolution ist nicht aufzuhalten. Australiens Tor nach Asien öffnet sich. Nicht länger nur am Donnerstagabend.