Flugpost für Australiens Outback

Wie einsame Farmen zu ihren Briefen kommen

Der Nordwesten Australiens gehört zu den am spärlichsten besiedelten Gebieten des Kontinents. Zwischen einzelnen Weilern oder auch nur Farmen können Dutzende, manchmal gar Hunderte von Kilometern liegen. Alltäglichkeiten wie die Auslieferung der Post geraten so zu schwierigen logistischen Übungen.

Als die Sonne hinter dem Horizont hervorkriecht, hat Damian Kulczyk die Postsäcke schon fachgerecht verstaut. Nun lässt er den Motor an und rollt los. Dann gibt er Gas - und hebt ab. Denn der Postler ist eigentlich Pilot und steuert eine einmotorige Cessna der Chartergesellschaft »Polar Aviation«. Dieses Unternehmen, das hauptsächlich Taxiflüge für die grossen Bergbauunternehmen der Pilbara-Region im Nordwesten Australiens durchführt, trägt im Auftrag von »Australia Post« von der Kleinstadt Newman aus dreimal wöchentlich auf verschiedenen Routen die Post aus. Deren Empfänger wohnen weit verstreut im fast menschenleeren Umland Newmans, Dutzende von Kilometern von der Stadt und auch voneinander entfernt. Jede andere Methode der Auslieferung wäre deshalb ineffizient.



Flug mit Zaungästen
An diesem Tag ist der Postflug ausgebucht. Zusammen mit dem Tourismusbüro von Newman bietet »Polar Aviation« die drei freien Plätze im Flugzeug nämlich jeweils zum Mitfliegen an, vermindert damit die Kosten der Auslieferung und ermüglicht gleichzeitig interessierten Besuchern einen Einblick ins Leben im Outback. Aus der Luft ist namentlich die unerhörte Weite und Leere des Landes eindrücklich. Nur hier und da zerschneiden Naturstrassen die Steppe. Manche führen schnurgerade bis an den Horizont.

Allmählich entschwinden die Berge der »Ophthalmia Range« bei Newman in der Ferne. Das nun flache Land ist durchzogen von ausgetrockneten Wasserläufen. Doch die Breite der Flussbetten zeigt, auf was für Wassermengen nach starken Regenfällen die Gewässer plötzlich anschwellen können - schliesslich liegt Newman auf dem Wendekreis des Steinbocks und damit am Rand der Tropen. Nach dem Wüten eines Sturms ist das Flugzeug oft die einzige Verbindung zur Aussenwelt. Denn die Strassen, die zu den einzelnen Höfen führen, sind schnell einmal unterbrochen, und Brücken gibt es über die Wasserläufe nicht.

Erstes Ziel auf der Route ist »Tangadee Station« (»Station« ist der australisch-englische Ausdruck für »Bauernhof«). Damian fliegt über dem Bauernhaus eine Schleife und wippt zur Begrüssung mit den Flügeln, dann setzte er auf der Schotterpiste zur Landung an. Ein rotes Känguru, bei seinem Frühstück gestört, blickt verwundert und hüpft davon. Das Flugzeug rollt aus und kommt zum Stillstand. Damian holt den Postsack aus dem Rumpf und putzt dann einige Staubflecken von den Tragflächen. Am anderen Pistenende erscheint ein Geländewagen, und die Flugpost-Touristen staunen nicht schlecht, als ein etwa achtjähriger Knabe vom Fahrersitz steigt. Einige Worte werden gewechselt, das Kind händigt die abgehende Post aus, nimmt den neuen Postsack entgegen und fährt zurück zum Bauernhaus. Der Bub sei schon als Sechsjähriger gefahren, meint Damian.

Anderthalb Rinder pro Quadratkilometer
Die zweite »Station« heisst »Turee Creek«. Das Gut ist mit 2.800 Quadratkilometern Fläche etwa gleich gross wie der Schweizer Kanton Tessin (»Tangadee« ist dagegen »nur« halb so gross wie der Schweizer Kanton Zürich), und Bruce Maguire hält darauf knapp 4.000 Rinder. Wovon sich die Tiere hier in der Steppe ernähren sollen, ist dem Laien zwar schleierhaft, aber einige Outback-Farmer schwören auf den kargen Boden. Die Herden wandern von Wasserstelle zu Wasserstelle, und der Bauer muss ab und zu im Geländewagen oder auch mit dem Helikopter nach seinem Vieh schauen. Da in »Turee Creek« die Piste direkt neben dem »Homestead« liegt, ist der Pilot unterdessen zwischen Geräteschuppen und Solarstrom-Anlage zu einem Schwatz in die Stube entschwunden. Das Gespräch zieht sich eine Weile hin, weil offenbar die Kinder ihre Briefe noch nicht fertig geschrieben haben.

Was bringt jemanden dazu, hierher in die Einsamkeit zu ziehen? So einsam sei es doch gar nicht, wirft Damian ein, in zwei Stunden sei man ja mit dem Auto in der Stadt. Die Stadt: Das ist Newman mit seinen 5.000 Einwohnern und guten Einkaufsmöglichkeiten, da die Arbeiter der Eisenerzgrube, derentwegen Newman vor vierzig Jahren entstanden war, überdurchschnittlich gut verdienen. In der »näheren« Nachbarschaft, rund 300 Kilometer entfernt, ist ferner noch Tom Price, wie Newman eine Bergbaustadt und ähnlich gross. Sonst liegen im Umkreis von 400 Kilometern nur noch einige kleine Dörfer.

Dass das leben in der Isolation die Menschen prägen kann, zeigt sich beim dritten Stopp in Prairie Downs. Die Bäuerin kommt zwar im Geländewagen zur Piste hinaus und hat auch ein Kind dabei (nicht am Steuer), doch sie ist wortkarg und entsteigt dem Wagen nicht. Sie seit seltsam und traue den Leuten nicht mehr, meint Damian. Als er sich einmal nach ihrem Mann erkundigt habe, weil dieser einen Arm gebrochen habe, sei sie ihm über den Mund gefahren, er solle in der Stadt keine Unwahrheiten verbreiten. Mittlerweile taucht die riesige rote Abraumhalde des Eisenerz-Bergwerks von Newman wieder auf, und kurz darauf ist die Post-Tour beendet. Die Piste des Flughafens ist, welch ein Luxus, betoniert. Schliesslich landen hier zweimal täglich die Jets aus dem fernen Perth. Und nach dem Ausflug in die Weiten des Outbacks kommt einem Newman fast schon wie der Nabel der Welt vor.