Kängurus - Flüchtlinge im eigenen Land
Der Farmer Len Richards in Gipsland westlich von Melbourne verdankt sein Leben Lulu, einem Känguru, das die Familie aufgezogen hat. Vor einigen Tagen verlieh die australische »Königliche Gesellschaft gegen Gewalt gegenüber Tieren« Lulu die Tapferkeitsmedaille »Purple Cross«. Lulu hatte den von einem umstürzenden Baum getroffenen Farmer klug auf die Seite gerollt, damit er nicht an seinem Erbrochenen erstickte, und die Familie durch ihr »Bellen« zum Unfallplatz geführt.
Derweil bahnt sich für Lulus Artgenossen eine Katastrophe an. Die Tierschützer rufen schon das nahe Aussterben einiger der nur in Australien vorkommenden Beuteltier-Arten aus. Schuld daran ist die seit sechs Jahren anhaltende Dürre auf dem Südkontinent - doch das nationale Symboltier wird häufig auch brutal abgeschlachtet: von Farmern, Sport- und Jagdschützen.
Die Regierung hat eine Abschussquote von sieben Millionen Kängurus jährlich gesetzt, nach Ansicht der Tierschutzverbände werden aber aus Profitsucht weitaus mehr Tiere zur Strecke gebracht. Die toten Kängurus landen hauptsächlich in den Betrieben der von der Regierung subventionierten Industrie, die das Fleisch, Häute und Felle für den Export und zu Tierfutter verarbeitet. Der australische Normalverbraucher steht nicht auf Känguru-Fleisch.
Die Dürre hat Scharen gestresster Kängurus aus dem trockenen Landesinneren auf der Suche nach Grün und Wasser an die Stadtränder getrieben. In den vergangenen Tagen wurden in der Bundeshauptstadt Canberra einige Menschen und Hunde von Kängurus angegriffen, die sich offenbar bedroht fühlten. Nun läuft in Australien eine Verteufelungskampagne gegen das Wappentier. Es wird in der Studie einer staatlichen Forschungsstelle als eine »größere Plage für die Farmer als Schmeißfliegen« eingestuft. Die Umweltschutzbehörde von Canberra rief am Freitag die Bürger auf, sich von Kängurus fern zu halten. An Autofahrer ging der Aufruf zur Vorsicht; jüngst waren viele Kängurus überfahren worden.
Die Antipathie geht bis zur Regierungsspitze, wie die Bemerkung des stellvertretenden Premierministers John Anderson zeigt: »Sie (die Kängurus) verschärfen sich noch die Dürre-Auswirkungen«, erklärte der konservative Politiker, selbst ein Landwirt. Die Kängurus fräßen Schafen und Rindern das Gras auf den Weiden weg.
Die Regierung hat das Wappentier unlängst zur »sich erneuernden wirtschaftlichen Ressource« erklärt. Das ermöglichte ihr die Einführung des Massenabschusses von Kängurus in Gebieten, in denen sie lästig werden. Als die Armee unlängst zehntausende Tiere im Gebiet ihres Truppenübungsplatzes Puckepunyal nördlich von Melbourne töten ließ, stiegen die Melbourner Tierfreunde auf die Barrikaden. Die Aktion wurde eingestellt.
Wissenschaftler vermuten, dass vor 200 Jahren, als die weiße Besiedlung Australiens anlief, 300 bis 400 Millionen Kängurus den Südkontinent durchzogen. Die Präsidentin des »Australian Wildlife Protection Councils«, Maryland Wilson, sagte, die Beuteltier-Bevölkerung sei seither um vermutlich 50 bis 75 Prozent geschrumpft. Andere Experten sagen, es gebe noch 60 Millionen Beuteltiere in Australiens Wildnis. Wilson fordert ein Moratorium des kommerziellen Abschusses und die Einrichtung von Korridoren, durch die die Tiere sicher in die freie Wildbahn gelangen können.
Ausländische Touristen, die sich beim Eintreffen auf einem australischen Flughafen vor allem eine Begegnung mit den Kängurus wünschen, reisen oft wieder ab, ohne diese in Reiseprospekten angepriesene touristische Attraktion je gesichtet zu haben. Warum die Kängurus vom Aussterben bedroht sind, erklärte Maryland Wilson: »Die Jäger erlegen in erster Linie die erwachsenen, großen und kräftigsten Kängurus mit den besten Genen, die das meiste Geld einbringen. Was dann übrig bleibt, sind Tiere, die keine gesunde und starke Nachkommenschaft sicherstellen.« Die Jagd erfolgt oft nachts mit Scheinwerferlicht, das die Tiere blendet. Und die Jungen werden aus den Beuteln ihrer Mütter gezogen, getötet oder einfach liegen gelassen, was ihren sicheren Tod bedeutet.
Maryland Wilson hält ein leidenschaftliches Plädoyer: »Wir dürfen nicht vergessen, dass es der weiße Mann war, der die Schafe und Rinder ins Land brachte und durch massives Abholzen die Kängurus ihrer Lebensräume beraubte. Sie sind jetzt Flüchtlinge im eigenen Land und werden unbarmherzig verfolgt. Die Kängurus brauchen die Hilfe aller Tierfreunde in der Welt.«
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