Michaels Reisetagebuch: Singapur-Australien - Darwin: Verschmuste Rucksäcke

Darwin

Verschmuste Rucksäcke

Backpacker sind äußerst anspruchsvoll: Sie legen ihren Schlafsack nur dort hin, wo sie garantiert für wenig Geld viel Sonne und Lässigkeit bekommen. So wie im australischen Darwin, Hauptstadt des Northern Territory.

Als Miriam, 23, aus Bremen mit ihrem Rucksack bis zur Mitchell Street gekommen ist, hat sie es geschafft. Die Anreise aus Lateinamerika, ihrer letzten Station, war anstrengend, der Blick aus dem Flugzeug auf die sterile Stadt ernüchternd. "Jetzt weiß ich, warum Australier Darwin ‚top end' nennen", lästert sie. Doch in der Mitchell Street ist die Backpacker-Welt in Ordnung. Dort gibt es scharenweise Leute, die mit zerzausten Strohhüten der tropischen Sonne trotzen, in kurzen Hosen und zerschlissenen Sandalen zwischen bekifften Aborigines ihre Lunten drehen und jeden Neuzugang mit leuchtenden Augen abrastern. Man ist einander fremd und kennt sich doch. Klar, dass Darwin im Lonely Planet-Reiseführer die höchste Auszeichnung erhält: "fucking lonely".

Als Maureen und Tony Wheeler aus England vor gut dreißig Jahren in Darwin eintrafen, war die lokale Infrastruktur dem globalen Globetrotter-Standard nicht angepasst. Es gab weder preisgünstige Hotels noch Telefonkarten oder Wäschereien. Nur schmuddelige Kneipen, Läden mit misstrauischen Verkäufern und Ureinwohner, die sich darüber wunderten, dass Weiße noch abgerissener aussehen könnten als sie selbst. Dennoch war Darwin für die Wheelers die entscheidende Wegmarke. Hier wurde die Idee geboren, die heute im Paperback-Format zur Ausrüstung der Backpacker-Internationale gehört: Der Lonely Planet-Reiseführer.

Mit ihrem ersten Buch ("Across Asia on the cheap") wollten die Wheelers ihren Freunden verklickern, wie man es schafft, mit wenig Geld durch Asien zu kommen. Inzwischen tun sie das mit mehr als 400 Titeln - ein Muss für Weltenbummler mit klammer Barschaft. Manche Kritiker behaupten, die Travelbook-Serie habe einen neuen Reisetypus hervorgebracht: den temporären Aussteiger, der immer wieder in "Backpackers Ghetto" landet. Dort gibt es neben aktuellen Tipps auch ein wenig Wärme. Alle kauderwelschen Englisch, klopfen einander auf die Schultern und küssen sich ab der zweiten Begegnung. Die Lonely Planet-Bewegung ist zur globalen Schmusetour junger Leute geworden, die mit ihren Zöpfchen eigentlich gern Hippies wären - aber das waren ja schon Mami und Papi.

Miriam setzt sich ins Straßencafe und hat schon erste Ansprache, bevor die Latte Macchiato kommt. Alles sauber hier, keine Gefahr einer Lebensmittelvergiftung. Gut und billig ist das warme Büfett bei Woolworths in der Knuckey Street. Didgeridoos und Bumerangs niemals in Shops bei weißen Händlern kaufen, viel zu teuer. Die zwei Thais und die Schwedin am Nachbartisch spicken Miriam mit Informationen, als stünde ein Prüfungstermin an. Das schafft ein Wir-Gefühl. In der Mitchell Street gibt es viele lächelnde Gesichter. Und jede Menge coole Unterkünfte für Backpacker mit Lust auf menschlichen und Internetanschluss. "Hier bleibe ich eine Weile", beschließt Miriam.

Aufregend ist die Frontstadt nicht gerade. Als einzige in Australien wurde sie im Zweiten Weltkrieg mehrfach von Japanern bombardiert. Den Rest erledigte Wirbelsturm "Tracy" am Weihnachtstag 1974. Der Windmesser am Flughafen brach bei 217 Stundenkilometern. Doch die Bevölkerung kehrte zurück, die Stadt wuchs im Schachbrettmuster und auf 75.000 Einwohner an. Durch Zuwanderer avancierte sie schließlich zum buntesten Multikulti-Verschiebebahnhof des fünften Kontinents.

Ideal für Rucksackreisende. Die wollen nicht Sehenswürdigkeiten abhaken, sondern Spaß haben. In der Fußgängerzone The Mall hocken sie mit Aborigines unter Bäumen, klimpern auf Gitarren, betasten ehrfürchtig die Didgeridoos der Ureinwohner. Miriams Gesicht wird von einer Aborigine-Frau bemalt. Backpacker und Aborigines verbindet, dass sie Wanderer zwischen den Welten sind. Wunderbar entspannt ist es im Einkaufsviertel. Kein Geschäftsbesitzer klagt, dass die Barfüßigen die Kunden vertreiben. Und alle haben Verständnis für die Alkoholausfälle, die um die Ecke im Bicentennial Park zum Ausnüchtern parken.

Donnerstag und Sonntag steht am frühen Abend der Mindil Beach Market auf dem Programm. Chinesen, Malaien, Filipinos, Vietnamesen, Indonesier und australische Kängurusteak-Brutzler grillen um die Wette. Eine Jazzband spielt, der Bassist im Anzug mit Badelatschen. Zwischendurch rutscht die Sonne blutrot ins Meer; Korken knallen am 200 Meter breiten Strand.

Haifisch- und Krokodilzähne sind im Angebot, Schulter- und Nackenmassagen, Tonwaren und Kunsthandwerk. Tattoos werden an Ort und Stelle verpasst. Miriam hat sich einen Styroporbecher zugelegt, der die Kälte ihrer Bierdose hält. "It's my shout!" kreischt sie, und die neuen Kumpels johlen, weil sie eine Runde ausgibt.

Später trifft man sich aufgebrezelt in Rorke's Drift in der Mitchell Street. In der rustikalen Kneipe mit dem schönen Hof geht's zur Sache. Miriam ist keine Sekunde allein und weiß, dass sie hier länger hängen bleiben wird.

Im tropischen Norden Australiens gibt es nur zwei Jahreszeiten: the Wet, die Regenzeit von November bis April (Sommer), und the Dry die Trockenperiode von Mai bis Oktober (Winter). Im Sommer gibt es fast täglich Wolkenbrüche. Im Winter ist die Sonne besonders intensiv.

Bitte lest auch die Darwin-Reportage: Deutsche Bratwurst und Emu-Schaschlik