Michaels Reisetagebuch: Singapur-Australien - Kein Bus, kein Taxi, Schalter nicht bestetzt

Kein Bus, kein Taxi, Schalter nicht bestetzt

Australiens Hauptstadt Canberra - ein Portrait

Fernab vom Schuss, mitten im hügeligen Niemandsland, in dem Kängurus, Koalas, Emus, Papageien und Ibisse in freier Wildbahn zu Hause sind: So idyllisch die Lage, so seltsam ist Canberra. Nicht einmal einen Reiseführer gibt es über die Hauptstadt Australiens.

Wer Bill Bryson's urkomische Auslassungen über Canberra in Frühstück mit Kängurus gelesen hat, erwartet nicht viel von der Hauptstadt Australiens. Nichts außer einer Menge endlos identischer Stadtviertel, ebenso viele gleich aussehende Kreisverkehre, in denen sich selbst die Einheimischen derart verirren, dass sie ihre Häuser nicht mehr finden, verschlafene Langeweile, unfassbare Weitläufigkeit, geschlossene Restaurants, einen hübsch gewundenen künstlichen See in der Mitte, einige Museen, die Parlamentszone und das Hotel Rex.


Wer per Flugzeug an- und abreist -und das ist zu empfehlen, weil die Eisenbahnstrecke von Sydney nach Melbourne ebenso meilenweit an der Hauptstadt vorbei führt wie die Hauptverbindungsstraße-, wird nicht enttäuscht. Der Info-Stand am Flughafen ist jedes Mal verwaist. Kein Mensch weit und breit, nur an einem Ständer ein paar Broschüren, in denen Ballonfahrten, Schiffsrundfahrten und der Telstra-Aussichtsturm angepriesen werden. In einem postkartengroßen Faltblatt steht auf sechs Seiten, was die "nationale Hauptstadt" so zu bieten hat.

Im Buchladen neben dem herrenlosen Info Desk blickt der Angestellte beim Verlangen nach einem Canberra-Reiseführer verwirrt drein. "Ein Reiseführer?" fragt er verständnislos. "Nein, so was haben wir nicht. Hier gibt's nicht viel zu sehen, fürchte ich."

Ein paar Schritte weiter. Die Lebhaftigkeit der Kapitale wird offenbar. Der Flughafen-Bus in die Stadtmitte verkehrt nicht an Wochenenden und Feiertagen, steht auf einem Schild. Zum Glück ist Montag, und irgendwann wird der Bus schon kommen. Schneller als mit dem Taxi wird es allemal gehen, denn dort am Stand hat sich eine Riesenschlange potenzieller Fahrgäste gebildet. Mehr als zwei Taxis rollen nie gleichzeitig an. Überhaupt die Taxis...

Ankunft in der City. Dort gibt es ein sehr nützliches Auskunftsbüro für Menschen, die ihre Hotels oder Motels per Nahverkehrsbus erreichen wollen. Der Name Action & Information klingt vielversprechend. Aber weit gefehlt. "Dieser Schalter ist für kurze Zeit unbesetzt", hat jemand auf einen Zettel gekritzelt. Der letzte Bus -übrigens um 18:20 Uhr- kommt nicht. Also zum nächsten Taxistand.

Nach zwölf Minuten naht ein Gefährt. "Hast du lange gewartet?" will der Fahrer wissen. "Zwölf Minuten..." - "Oh, das tut mir leid", sagt er, "aber Qantas hat uns heute einen bösen Streich gespielt. Ein Flug ist zu früh angekommen und ein anderer zu spät. Dadurch ist unser ganzer Tagesplan durcheinander geraten. Wir haben unglaublich viel zu tun..."

Ja, sie sind sehr, sehr busy in Canberra. Zwei Tage später, als im Parlament auch der letzte Politiker eingeschlafen ist, erweist es sich als unmöglich, mit einem Anruf um 7:30 Uhr ein Taxi für 8:30 Uhr zu bekommen. "Wir können frühestens um 9:00 Uhr einen Wagen schicken", lautet die Auskunft. Ein Mietwagen löst schließlich das Transportproblem.

Wer erst mal hinter dem Lenkrad sitzt, versteht, warum Bill Bryson in seinem Buch vor Canberras Kreisverkehren warnt. Manche auf der Karte eingezeichnete Roundabouts sind nämlich Asphaltbänder, die lediglich um eine kreisförmige Grünanlage herumführen und ohne Vorwarnung in einem vier- oder gar sechsspurigen Highway münden. Wer denkt, er könne die nächste Ausfahrt zum Wenden nutzen, irrt gewaltig. Die Straße unter der Unterführung führt unter Umständen direkt auf den Parkplatz des Nationalmuseums. Der Besuch dieses knallbunten, futuristisch anmutenden Museums ist großartig. Interaktive Zonen in dem im März 2001 eröffneten Gebäude gestalten die Geschichte des Landes, die Geschichte seiner Menschen, Lebensstil, Natur und Kultur kurzweilig und attraktiv.

Nicht allzu weit davon entfernt ist die National Capital Exhibition, die Ausstellung der Hauptstadt. Darin ist die Geschichte Canberras anschaulich mit Bildern und Modellen dargestellt. Angefangen bei den Ureinwohnern, den Aborigines des Ngunnawal-Stammes, die sich vor mehr als 20.000 Jahren dort ansiedelten, um die aus Queensland eingeflogenen Bogong-Motten im Sommerschlaf zu überraschen und zu proteinreicher Nahrung zu verarbeiten, über die Besiedlung durch Europäer 1823 bis hin zur Planung der heutigen Stadt auf dem Reißbrett, nachdem Canberra 1908 zur Hauptstadt der sieben Jahre zuvor zur Nation vereinigten australischen Kolonien gewählt worden war, weil sich Melbourne und Sydney nicht einigen konnten.

Bis dahin waren das Kalkstein-Plateau und die umliegenden Hügel durch Überweidung nahezu kahl. Zwischen 1913 und 1926 wurde die Landschaft regeneriert, der Gärtner Charles Weston und sein Team pflanzten rund zwei Millionen Bäume und Büsche. In diese grüne Weite bettete der amerikanische Architekt Walter Burley Griffin die Stadt um einen gewundenen See entlang dem Flussbett des Molonglo-Flusses.

Obwohl die Stadt mit drei Zentren ("The National Triangle") um das Parlamentsgebäude für nur 25.000 Menschen geplant war, ist sie auch heute mit 320.000 Einwohnern noch unglaublich weitläufig und gleichförmig. Dies verleitete Bill Bryson, der für die Erkundung der Welt zu Fuß berühmt ist, zu der Warnung, das Hotel "niemals ohne einen ordentlichen Stadtplan zu verlassen, einen Kompass, Proviant für mehrere Tage und ein Handy mit der Nummer eines Rettungsdienstes mitzuführen".

Auf der anderen Seite ist dies gerade das Grandiose an Canberra. Da die Stadt trotz ihrer exakten Planung wie zusammenhanglos in den Urwald hineingestreut anmutet, können Jogger stundenlang im Gras durch parkartige Vororte rennen. Hübsche Wohnhäuser liegen fast versteckt im Gebüsch. Überall flattern Papageien -Rosa- und Gelbhauben-Kakadus, schrillbunte Gebirgsloris, Rosellasittiche- und die schwarz-weißen Drosselstelzen (peewees) umher, kreischen von Stromleitungen und Bäumen. Auch wer es bevorzugt, sich hoch zu Ross fortzubewegen, kann dies ungestört tun. Die Ruhe ist einzigartig.

Aber die Architektur ist -von dem von 1927 bis 1988 genutzten Alten Parlamentsgebäude, dem modernen Nationalmuseum und einigen wenigen historischen Gemäuern im Zentrum abgesehen- schlicht grauenhaft. Auch die Restaurants der Hauptstadt, die sich um einen Platz im Zentrum reihen oder hinter Einkaufszentren versteckt sind, sehen nicht einladend aus, sind aber immerhin geöffnet.

Die Gebäude wirken wie eine Mischung aus Plattenbau und Parkhaus. Die riesigen Alleen verstärken den Eindruck des leblosen Beton-Charmes sozialistischer Prägung. Die extrem breite ANZAC Parade (ANZAC=Australisch-neuseeländischer Militärkorps), die zum besuchenswerten Kriegerdenkmal (Australian War Memorial) führt, erinnert an Alleen für militaristische Aufmärsche im Ostblock.

Wer diese Schneisen hinter sich lässt, ist im Nu wieder im Grünen. Bei der Fahrt ins Hinterland tauchen immer wieder verstreute Vororte im Unterholz auf, ehe dann wirklich nur noch die Wildnis regiert. Im Südwesten sind die Wunden der schweren Waldbrände vom Januar 2003 noch immer sichtbar, aber im Naturreservat Tidbinbilla tummeln sich längst wieder Kängurus, Wallabies, Emus, Koalas, Wombats, Papageien und Ibisse in freier Wildbahn. Im Nordosten reiht sich Weingut an Weingut. Einsam gelegene Badeseen, Mountainbike-Tracks, Wanderwege und kaum Verkehr auf den Straßen machen die anmutige Hügellandschaft zu einem idealen Erholungsgebiet. Aber nur, wer solche Aktivitäten plant und die Museen bis ins letzte Detail durchforsten will, braucht für einen Canberra-Besuch länger als zwei Tage. Falls er per Bus oder Taxi überhaupt bis ins Zentrum vorstößt...