Zu viele Höcker im Outback
Australier machen Jagd auf wilde Kamele - Einst mühsam importiert; jetzt 800.000 Streuner
Wasser? Nirgendwo in Sicht. Nur staubtrockene rote Erde, karge Akazienbüsche, Spinifexgras, Geistereukalypten. In der Ferne streift eine Herde wilder Kamele durch die Wüstenhitze. Sie haben hier eine neue Heimat gefunden, fern von Afrika und Arabien - im unbekannten Outback Australiens. Die Erschließung dieses schier endlosen Hinterlandes im 19. Jahrhundert wäre ohne die zähen Lasttiere nicht möglich gewesen, doch inzwischen bedrohen die Kamele immer mehr die Zukunft des Roten Zentrums.
"Es sind zu viele geworden; sie zerstören unser Buschland", sagt Dennis Orr von der Frontier Camel Farm in Alice Springs. Der Sohn eines Aborigines sattelt sein Rennkamel "Partner". Mit ihm hat er zweimal den Camel Cup gewonnen, das bekannteste Kamelrennen down under. Orr lebt von den Kamelen, sieht in ihnen aber auch eine Gefahr - und zugleich eine Riesenchance für Tourismus, Ernährungsindustrie und die australischen Ureinwohner.
Nach Schätzungen leben im Outback mehr als 800.000 wilde Kamele. Vor Jahren wollte die Regierung eine Kopfprämie für Kamele zahlen, berichtet Orr. Nun setzt sich eine andere Idee durch: Kameljäger treiben die Herden zusammen und bringen sie zur Südküste. Dort werden die Tiere getötet, ihr Fleisch in Boxen verpackt und verschifft. Am Ende landen die Kamele als Exportgut auch in den Ländern, aus denen sie vor über 150 Jahren herkamen.
Adelaide, 12. Oktober 1840: Das vermutlich erste Kamel in der Geschichte Australiens wird von Bord eines Schiffes gehievt. Als einziges von neun Tieren hat es die Überfahrt von den Kanarischen Inseln überlebt. Auf dem Rücken des Dromedars zieht der Pionier und Forscher John Horrocks nach Norden. Sein Wüstenschiff bringt ihm kein Glück. Gerade als Horrocks sein Gewehr lädt, macht das Tier einen Ruck - eine Kugel löst sich und trifft den Reiter. Drei Wochen später stirbt er.
Zwischen 1860 und 1907 importierten weiße Siedler 12.000 Dromedare, vor allem aus Pakistan, Indien und Nordafrika. Auf ihren Rücken wurde geladen, was die Pioniere brauchten zum Bau von Straßen, Bahnlinien und Telegrafenleitungen, bis zu 600 Kilo je Tier. Auch der Handel mit Gold, Diamanten, Wolle und Weizen folgte den Fußspuren der Kamele - bis Züge und Lastwagen den Transport übernahmen. Die Meister des Entbehrens: Jetzt waren sie selbst entbehrlich. Man überließ sie ihrem Schicksal. In den Wüsten und Steppen des Hinterlandes verwilderten sie - und vermehrten sich.
Experten wie der Biologe Glenn Edwards schlagen Alarm: Alle acht Jahre verdoppele sich die Zahl der Dromedare, die im Outback keine natürlichen Feinde haben. Zeit zu handeln, warnt Edwards in der Zeitung Alice Springs News. Auf der Suche nach Wasser zerstörten die Tiere die spärliche Vegetation, rissen Zäune nieder und verschmutzten Trinkwasser.
Aus der Not wollen die Australier nun ein Geschäft machen, das Experten auf Hunderte Millionen Dollar im Jahr taxieren. Die Vereinigung der Viehzüchter im Northern Territory hat bereits Pläne zum Bau eines großen Schlachthofes im Landesinneren. Von dort aus soll Kamelfleisch im großen Stil vermarktet werden. Auch für die kalziumreiche Milch, die Lederhaut, die Wolle und für Kamelöl-Cremes aus Höckerfett erhofft Australien weltweite Nachfrage.
Wer wissen will, wie Kamel schmeckt, kann ins Overlanders Steakhouse in Alice Springs gehen. Der Küchenchef empfiehlt die 50-Kilo-Keule: "Fett und cholesterinarm, viele Proteine und sehr schmackhaft" - etwa in der Mitte zwischen Rind und Lamm.
Auch als Reittiere sind die Kamele beliebt. Rassetiere sind bis zu 50 Stundenkilometer schnell; die australischen gelten als besonders stark und gesund. Vor allem reiche arabische Scheichs leisten sich das Vergnügen. Für die Zucht und den Nachschub im Gestüt zahlen sie Millionensummen.
Eine der größten Kamelfarmen des Landes, die sich auch um die Zucht kümmert, ist die von Dennis Orr in Alice Springs. Sie hat eine ständige Ausstellung zur Geschichte der Kamele down under. Etwa 8.000 Besucher kommen jährlich - und lesen, was der Erforscher der Simpson-Wüste, Cecil Thomas Madigan, 1939 in sein Tagebuch schrieb: "Aber wenn die Temperatur auf 40 Grad steigt, wenn die Vorräte schwinden und nur trockene Sträucher zu finden sind, wenn schließlich die Möglichkeit, auf Wasser zu stoßen, nichts als wilde Hoffnung wird, dann kommen die Kamele in ihr wahres Element. Ohne zu klagen und zu jammern leben sie dann als starker Rückhalt voller Komfort vom Fett ihres Höckers und schaffen noch mehr als 200 Meilen."
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